Kapitel 3

Bec tastete nach den heißen, voll gesogenen Pommes frites in dem Pappbehälter zwischen ihren Beinen. Das hochtourige Heulen ihres Subarus wurde von der scheppernden Kassette übertönt, die in dem verstaubten Recorder steckte.

Tom und Bec hatten den Recorder mit rostigen Schrauben unten am Armaturenbrett befestigt, als Bec ihren Führerschein gemacht hatte, und beide hatten gelacht, als Tom einen zusammengeknickten Kronkorken als Sicherung eingesetzt hatte.

John Cougars blecherne Stimme krähte »Hurt so good« aus den wummernden Lautsprechern in den Türen. Der weiße, unterbrochene Mittelstrich lief unter den sirrenden Reifen durch, und Bec sang unter dem Kauen, wobei sie gelegentlich einen Blick in den Rückspiegel und auf ihre Hunde warf. Das Lied erinnerte sie an Sal, ihre Freundin aus dem Internat. Sally hatte sich vor Kurzem an einer Universität eingeschrieben, deren Campus ein paar Stunden östlich der Stadt lag, durch die Bec gerade gerast war.

Bestimmt lag sie gerade in einem winzigen Zimmer, verkatert oder betrunken, und hatte vielleicht die Schenkel um den Leib eines jungen Kerls gelegt, den sie auf der Abschlussparty nach der Orientierungswoche aufgelesen hatte. Oder aber sie saß gebeugt an einem Schreibtisch, die lange, schlanke Nase in ein Buch über Agrarökonomie versenkt und eine kleine Falte zwischen den elegant geschwungenen Brauen.

Bec lächelte, als sie sich ihre beste Freundin vorstellte. Als sie Sally das erste Mal gesehen hatte, hatte sie eine Schuluniform getragen, an einer Backsteinwand gelehnt und langsam einen Apfel gekaut. Sally, groß und schlank, hatte selbst in dem faden Grau der freudlosen Uniform gut ausgesehen. Bec hatte an dem verknitterten Hemd und dem schlecht sitzenden Blazer hinabgesehen, den sie selbst trug, und wollte an ihr vorbeigehen, weil sie glaubte, dass dieses Mädchen bestimmt zu blasiert war, um sich mit ihr zu befreunden.

»Willst du mal beißen?«, hatte Sally gefragt.

»Nicht, nachdem du draufgesabbert hast«, hatte Bec geantwortet, und beide mussten lachen. Es war der Beginn einer übermütigen Freundschaft – von zwei Mädchen, die nie wirklich in die schnatternde Schar von »jungen Damen« passten, die diese Schule besuchten. Anfangs hatte sie ihr spröder Humor verbunden, aber bald vertiefte sich ihre Freundschaft, bis sie einander fast jeden Gedanken und jede Sorge anvertrauten, die sich ergaben, wenn man als Teenager in einer bedrückenden, verlogenen Privatschulkultur überleben wollte.

Um während der Mittagspausen die Zeit totzuschlagen, imitierte Sally oft ihren Vater, einen Arzt. Selbst nach fünfundzwanzig Jahren in Australien war sein englischer Akademikerakzent unüberhörbar, und er bestand darauf, an jedem Wochentag zur gleichen Zeit den Nachmittagstee zu nehmen.

»Du hast ein ›Ausreichend‹ in Chemie, mein Mädel. Formidabel! «, imitierte Sally ihn wild gestikulierend und mit vorgerecktem Kinn. »Das ist eine gewaltige Steigerung gegenüber dem vergangenen Jahr, meine Rosenblüte.«

Dr. Carter verwendete ständig Bezeichnungen wie »Rosenblüte«, »Blume« oder »Kürbis«, wenn er sprach, doch am öftesten sagte er »meine Liebe«.

»Noch etwas Tee, meine Liebe?«, sagte er etwa zu Bec, wenn sie sich auf der Kante der mit Chintz bezogenen Chaiselongue im Wochenendhaus der Carters niederließ. Dann tauschten die beiden Mädchen heimlich ein kurzes Lächeln, während Dr. Carter Bec eine Blumenmuster-Teetasse mit Goldrand reichte und ihr dazu einen original englischen Haferkeks anbot.

Dr. Carter war so anders als Becs Vater, dass sie sich oft dabei ertappte, wie sie ihn anstarrte und jede seiner Bewegungen verfolgte, als sei er ein Außerirdischer. Mrs Carter war nicht minder faszinierend, wenn sie, die Hände in blumenbedruckte Gartenhandschuhe gepackt und mit einem Weidenkorb über dem Ellbogen, auf Zehenspitzen durch den Garten tippelte.

»Mann«, sagte Bec zu Sally, während sie Mrs Carter durch das Fenster beobachtete. »Sie erinnert mich an Mrs Bucket aus Mehr Schein als Sein.«

Sally verdrehte die Augen und kaute an ihren Nägeln.

»Komm schon, lass uns die Schlüssel zur Bar suchen, damit wir Mums Gin wegputzen können, bevor sie reinkommt«, sagte sie augenzwinkernd.

Bec verbrachte viele Wochenenden bei den Carters. Wenn Dr. Carter nicht in seiner Praxis war, fuhren sie auf ihren kleinen Wochenend-Bauernhof nahe der Stadt. Rebecca starrte jedes Mal ungläubig auf die blanken Zäune, die adretten, amerikanisch aussehenden Scheunen und die schlaglochfreie Einfahrt, die links und rechts von weißen Schmucklilien gesäumt war.

»Wahnsinn, Sal, schau mal, wie viele Zaunpfosten dein Dad da gesetzt hat … und Maschendrahtzaun! Der Zaun muss ein Vermögen gekostet haben! Was will er auf der Koppel halten? Elefanten?«

»Alpakas«, erwiderte Sally trocken. Bec spürte, dass ihrer Freundin der yuppiehafte Farmstil ihres Vaters peinlich war.

»Ich nehme an, als Nächstes kommen ein Olivenhain und ein Weinberg«, sagte Bec.

»Nein.« Sal verschränkte die Arme. »Trüffel.« Sie seufzte.

Es war kein Wunder, dass Sally an einer Universität mit einem Studiengang in Agrarökonomie gelandet war, wo sie zur landwirtschaftlichen Finanzberaterin ausgebildet wurde. Sie hatte für ihren Vater schon Zillionen von potenziellen Anbauprojekten überprüft und alle Kosten- und Einnahmeschätzungen für ihn durchgerechnet. Aber vor allem die zerklüfteten Berge und üppigen Flussebenen von Waters Meeting hatten Sally dazu verleitet, sich für eine Laufbahn im landwirtschaftlichen Bereich einzuschlagen. Sie war für ihr Leben gern während der langen Sommerferien auf die Saunders-Farm entflohen. Und Bec hatte Sally alles darüber beigebracht, welche Art von Anbau in der Region betrieben wurde. Sally wäre zu Tode betrübt, wenn sie erführe, dass Bec Waters Meeting endgültig verlassen hatte.

Bec stopfte die letzten Pommes frites in ihren Mund, wischte die Hände an den Jeans ab und schubste den Pappbehälter auf den Wagenboden. Sie spielte mit dem Gedanken, ihre Freundin anzurufen und zu besuchen, aber Rebecca war klar, dass die vernünftige Sally mit ihrer pragmatischen Lebenseinstellung sie überreden würde, umzukehren und heimzufahren. Sie beschloss, Sally erst später anzurufen und ihr den Streit mit ihrem Vater zu beichten. Bis zum Abend wäre sie mehrere hundert Kilometer von der Farm entfernt, und es gäbe kein Zurück mehr.

Während der ersten Nacht hatte sich Bec unruhig in ihrem Schlafsack herumgewälzt. Sie hatte ihn hinten auf dem am Straßenrand geparkten Pick-up ausgebreitet, die Heckklappe offen gelassen und eine Plane über den Schlafsack gezogen, falls es regnen sollte. Sie versuchte sich einzureden, dass die Gänsehaut an ihrem Körper von der Kälte und nicht von Angst zeugte. Ihre Hunde lagen zusammengerollt in kleinen Mulden, die sie unter dem Pick-up, wo Bec sie angebunden hatte, in den staubigen Grund gewühlt hatten. Bec wusste, dass sie Wache halten und für sie lauschen würden, sie kannte jedes einzelne Bellen und wusste genau, was welcher Hund ihr damit mitteilen wollte.

Während der nächsten drei Tage fuhr Rebecca immer weiter nach Norden und dann nach Westen und hielt nur ab und zu an einer Raststätte, um Essen und Benzin zu besorgen. Manchmal machte sie an einem öffentlichen Park mit büscheligem Rasen oder an einem kühlen, schattigen Flussufer Rast, um ihren Hunden Auslauf oder Gelegenheit zum Schwimmen zu geben. Dann bog sie eines Morgens, nachdem ihr Bankkonto auf fünfzig Mäuse geschrumpft war, auf einen Auktionshof voller Männer und Rinder.

Die Trucks standen mit dem Heck zu den Laderampen, während die Viehvermittler, die für die Farmer die Kaufverträge mit den Kunden aushandelten, in blauen Hemden mit Firmenaufnähern und in Leinenhosen im Laufschritt die Schafe durch die Zwischengänge trieben. Begleitet von Dags, ihrem besten Hütehund, wanderte Rebecca durch die Reihen von Schafpferchen hindurch, bis sie zu den Laderampen gelangte.

Ein Truckfahrer in dunkelblauen King-Gee-Hosen war gerade dabei, große alte Schafböcke hochzuheben, die sich in der Ladeluke verkeilt hatten und den Zugang verstopften. Halblaut über die Schafe fluchend, rief er erneut nach seinem Hund, der schwer keuchend im Schatten unter der Rampe stand. Ein weiterer Mann, der die Uniform eines Viehvermittlers trug, stand neben dem Truck und piekte mit einem kurzen schwarzen Schlauchstück in die Schafe. Die Knöpfe seines blauen Hemdes spannten und dehnten sich vor seinem dicken Bauch. Die Hose hing ihm tief auf der Hüfte und sah so aus, als würde sie jeden Moment ganz herunterrutschen, wäre da nicht der straff gespannte Ledergurt knapp unter seinem Ranzen gewesen. Sein rotes Gesicht glänzte verschwitzt, obwohl die Sonne die Luft noch kaum aufgewärmt hatte.

»Brauchen Sie Hilfe?«, rief Bec, wobei sie eine Hand oben auf einen Eisenpfosten stemmte und über den Zaun flankte. Der Vermittler sah sie stirnrunzelnd an, schob den Hut in den Nacken und kratzte sich am Kopf. Bec wusste genau, was er dachte. Jung. Weiblich. Sie ignorierte die zusammengekniffenen Augen und den schmalen Mund.

»Ihr Hund sieht ein bisschen mitgenommen aus«, sagte sie gut gelaunt. Sie nickte zu dem kleinen schwarzen Hund des Fahrers hin, der die Schafe hechelnd und mit kurzen Kläfflauten zu lenken versuchte, ohne dabei seinen Zufluchtsort im Schatten zu verlassen.

»Meiner ist frisch und schnappt nicht, solange es ihm nicht befohlen wird.« Bec beugte sich vor und kraulte Dags hinter dem Ohr. Der bierbäuchige Viehvermittler warf einen Blick auf den gut gebauten, schwarz-braunen Kelpie und brummte: »Wenn er doch zuschnappt und eines der Tiere blutig beißt, dann werden Sie das bezahlen, Sie haben also hoffentlich Geld dabei.«

»Na schön. Ehrlich gesagt, nein«, sagte Bec. »Ich bin total pleite, ohne Job und Wohnung … aber immerhin weiß ich, dass mein Hund nicht beißt.« Sie schenkte dem Mann ein strahlendes, halb sarkastisches Lächeln und sagte ruhig: »Dags. Hierher. Spring da rein.«

Der Hund sprang in den Treibgang, der mit Blechwänden verkleidet war, und landete geschickt auf den Schafen.

»Gib Laut«, rief Bec, und Dags ließ ein tiefes Bellen ertönen, bei dem seine Rute schnell und tief zwischen den Hinterläufen hin und her schlug. Mit einer Reihe von kurzen Pfiffen schickte Bec ihren Hund die Rampe hinauf in den unteren Laderaum des Lasters. Die Schafe kamen in einem dichten Schwall aus dem Truck und fluteten in einem steten Strom durch die Treibgänge.

Der Trucker und der Viehvermittler sahen einander an, und Bec war sicher, den Viehvermittler zwinkern zu sehen.

»Macht er gut«, sagte der Lasterfahrer mit einer Kopfbewegung zu Dags hin, der auf den Rücken der kürzlich geschorenen Widder zu surfen schien.

»Nicht schlecht«, bestätigte der Viehvermittler. An Bec gewandt fragte er: »Wo haben Sie den her?«

»Den habe ich selbst gezüchtet. Ich habe übrigens einen Wurf von Welpen in Aussicht, die er gezeugt hat.« Bec nickte zu Stubby hin, die mit gespitzten Ohren auf der Ladefläche des Pick-ups hockte.

»Würde gern wissen, wie sich die machen. Ich bin übrigens Rodney Phelps«, sagte der Viehvermittler und streckte die Hand aus.

»Das hier ist Darren Barnett, einer unserer Fahrer.«

»Rebecca Saunders.« Sie gab beiden die Hand.

»Und von woher hat’s dich zu uns verschlagen?«, fragte Darren, während er die schwere Ladetür des Trucks zuschob.

»Ach, ich bin aus dem Süden.« Sie schwenkte unbestimmt die Hand. »Ich suche Arbeit, falls einer von euch jemanden kennt, der jemanden braucht.«

»Bist du von einer Farm?«, fragte Rodney.

»Genau.«

»Nicht viele Stations hier nehmen Jillaroos, aber ich kann trotzdem für dich rumfragen, Kleine.« Rodney griff nach einem blauen Notizbuch in seiner Hemdtasche, drehte ihr dann den Rücken zu und begann wegzugehen.

»Kann ich noch irgendwo helfen?«, fragte Rebecca schnell. »Bevor der Verkauf beginnt?« Sie versuchte sich nicht anhören zu lassen, wie wichtig ihr das war. Sie war davon ausgegangen, dass Dags mit seinem Geschick die Männer von ihren Fähigkeiten als Viehtreiberin überzeugen würde, doch die beiden zeigten sich wenig beeindruckt. Darren und Rodney sahen einander an, dann zuckte der Trucker mit den Achseln.

Rodneys Blick lag auf Dags. Schmallippig murmelte er: »Der Verkauf beginnt um neun. Du kannst die Schafe hier in den hinteren Pferch bringen, den mit dem Baum drin.«

Bec nickte ihm dankbar zu, pfiff Dags, der zwei Handbreit vom Zaun zurückwich, und ging dann gemeinsam mit ihm los, die Schafe in den Pferch zu treiben.

»Die müssen aber noch gezählt werden!«, rief Rodney ihr nach. »Du kannst doch Schafe zählen, oder?«

Bec drehte sich um, nickte lächelnd und begann in Richtung der Schafe zu laufen. Sie wusste, dass sie dank Dags eine Chance hatte. Eine Chance, einen Job und einen Neuanfang zu finden.

Während die Sonne höher stieg und ihr allmählich der Schweiß auf die Stirn trat, trudelten immer mehr Käufer, Verkäufer und »Reifentreter« ein. Manche lehnten an den Zäunen und plauderten. Andere hängten mit lautem Klirren die Ketten der Gatter aus und wanderten in die Pferche, wo sie mit fetten Farmerfingern die Rücken der Schafe betasteten. Alte Männer mit schlaffer Haut und geröteten, tränenden Augen beugten sich über die Wollschafe und wühlten sich mit geschicktem Griff durch das Vlies. Sie prüften mit scharfem Blick, wie weiß die Unterwolle war, und spielten sich und anderen vor, dass sie unter der Deckwolle erkennen konnten, wie kräftig die Haare gelockt waren. Die Viehvermittler in ihren blauen Hemden schlenderten hierhin und dahin, sprachen eifrig in ihre Handys oder notierten die Nummern der Pferche.

Bald stand Rodney auf dem Laufsteg, der oberhalb der Pferche verlief, umgeben von seinen Schreiberlingen, die ihre Clipboards in der Hand hielten. Er rief laut: »Verkauf! Verkauf! «, woraufhin die Männer aus den Pferchen herbeiströmten und sich unten am Gatter versammelten, wo sie einen See von Hüten bildeten. Die Schafe direkt vor Rodney schreckten auf und flohen, die Schnauzen gegen die Rücken anderer Tiere gedrückt, vor seiner Stimme in die am weitesten entfernte Ecke. Sanfte gelbe und von weißen Lidern geschützte Augen beobachteten, wie sich die Käufer versammelten.

Die Schafe im ersten Pferch hatten Wolle mit geschlossenen Spitzen. Die Oberfläche ihrer Vliese öffnete sich in winzigen Ritzen wie Schlamm rund um eine austrocknende Pfütze. Einige Schafe sprangen im Gedränge hoch, andere schnupperten an dem Beton unter ihren Hufen. Rodney brüllte die Verkaufsbedingungen in einem atemlosen Schwall von Worten hinaus, den jeder dieser Männer hier schon hundertmal gehört hatte. Bald war die Auktion in Schwung gekommen, und Rodney schlug immer wieder mit seinem Stock und einem lauten »Verkauft!« an das Metallgitter der einzelnen Pferche.

Bec hatte sich unter die Männer mit Hut gemischt und spürte ihre Blicke auf sich ruhen. Augen, die ihr Gesicht und die Brüste unter ihrem roten T-Shirt abtasteten. Sie zog den Hut tiefer ins Gesicht und versuchte abzuschätzen, welchen Preis jeder Pferch erbringen würde.

Als sie zu Rodneys fassförmiger, krakeelender Gestalt vor dem blauen Himmel aufsah, zupfte ein Schmunzeln an ihren Mundwinkeln. Er hatte die Angewohnheit, den Inhalt seiner Unterhose zu sortieren, bevor er von einem Pferch zum nächsten wanderte und mit dem nächsten Gebot begann. Und zwar ausnahmslos jedes Mal. Ein kurzer Griff an den Jeansstoff. Bec rätselte, ob das den Bietern aufgefallen war. Zu stören schien es niemanden. Offenbar war er so lange im Auktionsgeschäft, dass es die Bieter gar nicht mehr wahrnahmen oder niemand mehr Witze darüber riss. Rodney war gut in seinem Job, er wurde von einer nervösen Energie angetrieben. Seine Finger begannen unwillkürlich zu zucken, wenn er die Gebote ausrief.

»Was höre ich für diese wunderschöne Herde von Schafen? Ganz frisch geschoren und gut in Form. Ich beginne mit zwanzig, zwanzig, höre ich zwanzig? Fünfzehn, fünfzehn.«

Der Beobachter neben ihm, dessen Blick unausgesetzt über die Bieter wanderte, rief: »Ja!«, und deutete mit dem Clipboard auf einen Bieter am Zaun. Das Nicken eines Mannes mit Strohhut erhöhte das Gebot, bis Rodney bei vierzig Dollar mit seinem Stock auf den Zaun schlug.

»Verkauft! V. C. und G. Goodman, Sandhurst«, sagte er zu seinem Schreiber. Die Menge wanderte weiter zum nächsten Pferch, und Bec wanderte mit.

Nachdem die erste Reihe von Pferchen verkauft war, begannen die Laster wieder an die Gatter zu fahren, um die Schafe abzutransportieren. Bec hörte die Motoren anspringen und pfiff nach Dags, der dösend unter einem schattigen Baum lag und nach den Fliegen schnappte. Er sprang sofort auf, und gemeinsam gingen sie zur Fahrstraße hinüber, um weiter nach Arbeit zu suchen.

Doch jeden Fahrer, den sie fragte, ob er von einem freien Job wisse, schüttelte den Kopf, bis ihr Mut und ihre Hoffnungen schwanden.

Irgendwann registrierte Bec, die auf den Verladerampen arbeitete, dass die Auktion immer noch lief, doch die Stimme des Auktionators gewechselt hatte. Rodney machte Pause, und ein jüngerer Auktionator war an seine Stelle getreten. Hier oben auf der Laderampe konnte sie über die Menge hinwegschauen. Rodney unterhielt sich gerade mit einem klein gewachsenen Mann, und beide sahen zu ihr herüber. Sie pfiff eilig nach Dags, der sich geschickt über die Schafrücken zu ihr vorarbeitete. Der selbstbewusste Hund stieß ab und zu ein strategisch geschicktes Bellen aus und hatte die Schafe in kürzester Zeit dazu gebracht, nacheinander auf den klapprigen zweistöckigen Sattelschlepper zu trotten.

Bec rollte die schwere Ladetür des Schleppers zu und hängte die Haltebolzen ein. Als sie sich umdrehte, sah sie den kleinen Mann auf sich zukommen.

»Guten Hund haben Sie da …«, rief er ihr zu.

Bec sah unter ihrer Hutkrempe hervor den kleinen, silberhaarigen Mann am Gatter lehnen. Genau wie bei Rodney hielt ein Gürtel unter dem Bierbauch eine tief herabhängende Hose.

»Selbst gezüchtet und ausgebildet. Wir suchen Arbeit, falls Sie jemanden wissen.«

»Wir?« Der Mann sah sich nach einem jungen Mann um.

Bec musste über sich selbst lachen und lächelte den Mann ein. »›Wir‹ wie ich allein. Ich und meine drei Hunde.«

»Ach so. Na ja, normalerweise stellen wir keine Frauen ein. Wir haben keine getrennten Unterkünfte.«

»Getrennte Unterkünfte? Ach, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin einiges gewöhnt, ich bin mit zwei Brüdern groß geworden, wenn Sie also glauben, das würde meine Arbeit beeinträchtigen …«

Der Mann hob die Hand, um ihr das Wort abzuschneiden.

»Ich habe keinen Zweifel, dass Sie zurechtkommen. Rodney hat mich schon bequatscht. Kein Wunder, dass er der beste Viehvermittler weit und breit ist, er kann mir alles aufschwatzen. Wir haben eine Anzeige für einen Jackaroo geschaltet, aber keinen passenden Bewerber gefunden, darum stehen die Unterkünfte einstweilen leer. Sie könnten zwei Monate zur Probe arbeiten. Aber wenn es auch nur den kleinsten Ärger mit einem meiner Männer gibt, verschwinden Sie von der Station.«

»Und welche Station wäre das?«, versuchte Bec das Gespräch wieder auf das eigentliche Thema zurückzulenken.

»Ich bin Alastair Gibson. Manager der Blue Plains Station. Um die dreißig Kilometer von hier. Allerdings bin ich nur zeitweise dort. Ich leite die Station von der Stadt aus, aber der Verwalter, Bob, und seine Frau Marg sind anständige Leute. Sie werden sich um Sie kümmern und Ihnen alles zeigen, was Sie wissen müssen.«

»Danke, Mr Gibson. Ich bin Bec. Rebecca Saunders.« Sie reichte eine staubige Hand über das Gatter.

»Freut mich, Sie kennenzulernen, Rebecca. Kommen Sie nachher zu mir an die Bar, dann erzähle ich Ihnen, was wir so treiben.«

»Abgemacht«, sagte sie und sah ihm nach, während er breitbeinig zu der vor den Viehvermittlern versammelten Menge spazierte.

»Wieso tragen Männer ihre Hosen immer so, dass ihnen der Boden in den Kniekehlen hängt?«, fragte sie halblaut Dags, der keuchend neben ihr saß, das große Maul zu einem breiten Kelpie-Lächeln gedehnt.

Gegen Ende der Auktion, als die Sonne hinter den Pfefferbäumen versunken war und die Kakadus auf den Stromleitungen krakeelten, hatte Bec ein kaltes Bier in der Hand und einen Job als Jillaroo auf der Blue Plains Station. Die Station war Teil einer Kette von Landgütern, die der Australian Rural Company gehörte, von den Arbeitern immer nur AR genannt. Blue Plains umfasste 65 000 Hektar von größtenteils hügeligem Land, auf dem traditionell Merinoschafe gehalten wurden. In jüngster Zeit hatte das Unternehmen diversifiziert und etwas extensive Getreidewirtschaft sowie eine Herde von achthundert Zuchtrindern eingeführt. Alastair erzählte ihr, nachdem das Wetter während der letzten Jahre mitgespielt habe, seien die Herden vergrößert worden, sodass mittlerweile 30 000 Schafe auf den Weiden und den knisternden Weizenstoppeln weideten. Er lehnte sich an die Plane des Pick-ups, der einem Viehvermittler gehörte, und nahm einen Schluck Bier.

»Sie könnten genau die Richtige sein, um die Schafböcke für die Shows vorzubereiten. Seit sie die Shows verkleinert haben, haben wir auch unsere Show-Mannschaft verkleinert. Trotzdem war es der Firma immer wichtig, auf den entscheidenden Ausstellungen aufzutreten. Wir werden jemanden brauchen, wenn die Saison beginnt.«

Bec hatte zwar wenig Bezug zu den steifen Schaf-Vorführungen und den in Tweed gewandeten Gestalten, die dort aufkreuzten, doch sie nickte eifrig. Sie musste an den unfruchtbaren Schafbock denken, den ihr Vater gekauft hatte, und an den haarigen, selbstverliebten Kerl, der ihn gezüchtet hatte.

»Sicher.« Sie lächelte. »Super, Mr Gibson. Das wäre toll!« Bec wusste, dass auf den Schaf- und Wollvorführungen oft auch Hütehunde-Trials stattfanden. Das bedeutete möglicherweise, dass sie ihre Hunde auf einem Wettkampf antreten lassen konnte, wenn sie gerade nicht mit den Schafen zu arbeiten hatte.

Sie hob ihre Bierflasche in Rodneys und Alastairs Richtung. »Danke für die Chance, und danke für den Job.«

»Sieht aus, als wärst du mir einen von deinen zukünftigen Welpen schuldig.« Rodney zwinkerte.

»Sieht so aus«, sagte Bec und stieß mit ihm an. Dann tranken alle. Eiskalte Flüssigkeit rann durch ihre Kehle. Noch nie hatte Rebecca ein Bier so gut geschmeckt.

Wo die Wasser sich finden australien2
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