Kapitel 26
Rebecca blickte mit zusammengekniffenen Augen aus Charlies altem Holden Pick-up auf die Bäume und das rote Dach in der Ferne. Haus und Nebengebäude waren von einer breiten Schneise aus grünen Weizenfeldern umgeben, die sich neben akkuraten Reihen von Baumwollpflanzen bis zum Horizont erstreckten. Kein Zaun trennte die verschiedenen Felder, nur kerzengerade Bahnen nackter, aufgeplatzter Erde oder der Buckel eines Dammes von einem Bewässerungskanal.
»Du hast erzählt, dass euer Haus auf einem Hügel steht!«, beschwerte sich Rebecca. »Nennst du das etwa einen Hügel?«
»Natürlich ist das ein Hügel … siehst du das nicht?« Charlie jagte den Pick-up ohne abzubremsen über den Rost und murmelte: »Nur weil bei euch höchstens ein paar Ziegen grasen können.«
Bec schlug ihm tadelnd auf den Oberschenkel. Er legte den Arm um ihre Schultern und küsste sie energisch auf den Scheitel. Er fand es aufregend, sie nach Hause mitzunehmen. Das hatte er lang genug hinausgezögert. Rebecca hatte ihn gedrängt, ihr die Farm seiner Familie noch während des Semesters zu zeigen, doch es war ihm gelungen, sie bis zum Ende des Universitätsjahres hinzuhalten.
Sobald er das Haus seiner Eltern in der Ferne stehen sah, spürte Charlie, wie sich seine Schultern verspannten. Schon jetzt wusste er, was seine Mutter von dem Mädchen halten würde, das neben ihm im Pick-up saß. Er warf einen Blick auf Bec. Sie war braun wie Schokolade. Die Bräune saß tief in ihren schlanken, kräftigen Armen und den Schultern. Sie trug ein weiches blaues Trikothemd im gleichen Farbton wie ihre Augen und ihre verblichenen Bluejeans, dazu einen klobigen Ledergürtel und ihre alten treuen Cowboystiefel. Der durchs Fenster wehende heiße Fahrtwind hatte ihre Haare zerzaust und aus dem Pferdeschwanz gezerrt. Sexy, dachte Charlie. Allerdings erwartete seine Mutter, wie er genau wusste, dass er ein Mädchen heiratete, das nicht nur für ihn sorgte, sondern auch für seine Wäsche, seine Mahlzeiten, seinen Garten und seine Kinder. Kein Mädchen wie Bec, das unabhängig war und »null Bock auf Rüschen« hatte, wie sie es ausgedrückt hatte, als sie sich an diesem Morgen anzog.
Rüschen, dachte Charlie. Rüschen. So oft hatte ihn seine Mutter sonntags in die Kirche geschleift und dort junge Mädchen in Blütenröcken und Rüschen angeschleppt. »Nette Mädchen«, wie Mrs Lewis sie nannte. Ausnahmslos Töchter irgendwelcher Bekannten aus der Kirche. Jedes Mal hatten sie in ihren langen Röcken und Strickwesten vor ihm gestanden und mit großen Augen und voller Hoffnung in Charlies gleichmäßiges Gesicht aufgesehen. Manchmal fragte sich Charlie, warum sich diese Mädchen nicht gleich die Worte »Heirate mich und mach mir Kinder« auf die Stirn tätowieren ließen. Einmal hätte er das um ein Haar zu seiner Mutter gesagt. Stattdessen ließ er diese Verkuppelungsversuche stoisch über sich ergehen und spielte sogar mit, um sich die Nörgeleien seiner Mutter zu ersparen.
»Mrs Conninghams Alice ist ein wirklich hübsches Mädchen, findest du nicht auch?«, sagte Mrs Lewis beispielsweise, während sie im Gemeindesaal aus einer angeschlagenen Tasse dünnen Tee mit Milch nippte.
»Sie ist in deinem Alter, Charlie. Du könntest sie doch irgendwann nach dem Sonntagsgottesdienst zum Mittagessen bei uns einladen.«
Charlie stöhnte zwar insgeheim auf, doch er erklärte seiner Mutter, dass er am Sonntag mit Reparaturarbeiten beschäftigt sei. »Das Ersatzteil kommt irgendwann diese Woche, und ich kann es nur am Sonntag einsetzen«, log er dann.
Überraschenderweise glaubte ihm seine Mutter immer wieder. Sie hatte keine Ahnung von den Alltagsarbeiten auf dem Feld und den Landmaschinen auf ihrer Farm. Sie kannte nicht einmal die Namen der verschiedenen Weiden auf ihrem Grund und Boden. So war das eben bei ihnen. Das Haus war ihr Reich, in dem sie unangefochten herrschte wie eine Bienenkönigin. Die Farm hingegen war rein männliches Territorium, das sie nur zu betreten wagte, wenn sie darum gebeten wurde, was nicht oft geschah. Mr Lewis war das nur recht so. Seiner Meinung nach gehörten Frauen in die Küche und den Garten, nicht aufs Feld. Kinder hatten ebenfalls still und gehorsam zu sein. Sie hatten ihre Eltern zu respektieren und ihren Partnern treu zu sein. All das wurde nie ausgesprochen, aber im Alltag wurde es im Haus der Lewis’ exakt so gehandhabt.
Seine Eltern sahen sich als gute, kirchentreue Christen, die dem Wort der Bibel folgten – dass die Frau ihrem Mann untertan sein sollte und Kinder ihre Eltern zu ehren hatten. Schließlich war es schon immer so gewesen. Allerdings nur, bis Charlie darauf bestanden hatte, für zwei Jahre von der Farm weg und aufs College zu gehen. Sein Vater hatte ihn mit hochrotem Kopf angebrüllt, er würde »sich seinen Wünschen widersetzen«. Den gleichen Streit hatten sie schon ein paar Jahre zuvor ausgefochten, als Charlie nach dem Schulabschluss sein Bündel zusammengepackt hatte und nach Norden gezogen war, um ein Jahr lang auf einer Rinderfarm zu arbeiten. Am Tag des Abschieds hatte seine Mutter geheult und sein Vater getobt. Die gleiche Szene hatte sich wieder abgespielt, als Charlie zur Tablelands University aufgebrochen war.
Sie würden gleich wieder einen schweren Schock bekommen, dachte Charlie, wenn er mit Rebecca auftauchte. Wieder sah er lächelnd zu ihr hinüber. Sie hatte die Füße gegen das Armaturenbrett gestemmt, knabberte an ihren Nägeln und sang laut einen Green-Days-Song mit.
Bec war nervös. Sie hätte etwas Ordentlicheres anziehen sollen, dachte sie ruhelos. Sie hätte nicht versuchen sollen, Charlie das »harte Mädchen« vorzuspielen. Sie wusste, dass es ihn nervös machte, sie seinen Eltern vorzustellen, und verhielt sich zum Teil so, um ihn zu provozieren, zum Teil aber auch, weil ihr der weit reichende Einfluss der Lewis’ auf ihren Sohn immer sauerer aufstieß. Charlie, für seine Freunde der wilde Partyhengst, wurde in vieler Hinsicht unterdrückt, das hatte Rebecca begriffen. Bec hatte sich schon jetzt ein festes Bild von seinen Eltern gemacht. Sie glaubte, den Typus zu kennen – traditionelle, konservative Mutter mit dominierendem, alles kontrollierendem Dad, was durch die Abgeschiedenheit der Farm noch verschlimmert wurde. Trotzdem wollte Bec endlich sehen, wo Charlie seine Kindheit verbracht hatte. Als er den Alkohol und die wilden Kerle in seinem Distrikt entdeckt hatte, hatte das mit Sicherheit die Fundamente ihres felsenfesten Familiengefüges erschüttert, aber Charlie war bis zu diesem Tag nicht nur seiner Familie, sondern auch der Gemeindekirche fest verbunden.
Bec wusste, dass die Lewis’ strenge Kirchgänger waren, Menschen, die beim Picknick der Sonntagsschule einsprangen oder für den Kirchenflohmarkt Muffins backten. Der Gedanke an ihre Religiosität löste angesichts des bevorstehenden Besuches ein mulmiges Gefühl in Bec aus. All das war so weit von ihrer Welt entfernt. Sie ging kaum je in die Kirche, schon gar nicht mehr seit den täglichen Zwangsgottesdiensten, die sie im Internat über sich ergehen lassen musste. Sie musste daran denken, wie sie ihr ganzes Gesangsbuch durchgegangen war und dabei alle männlichen Pronomen dick und rot unterstrichen hatte. Ihn. Ihm. Er. Sein. Nach ihrem Schulabschluss hatte ihr die Vorstellung, in einer von Männern erbauten Kirche einen männlichen Gott anzubeten, nicht mehr zugesagt. Ihre Andacht galt dem Land, dem Fluss, den Bergen. Einer weiblichen Gottheit. Mutter Natur. Einer zyklischen Gottheit aus Erde, Luft und Wasser. Nicht einem Gott der von Menschen ersonnenen Regeln, einem Gott des Geldkreislaufs.
Jetzt sah sie im Führerhaus zu Charlie hinüber. Vielleicht sollte sie ihn fragen, ob man von ihr erwartete, mit der Familie zum Gottesdienst zu gehen. Dafür hätte sie nicht einmal das Richtige anzuziehen.
Als sie sich dem Haus näherten, starrte Rebecca auf die rechtwinklig gestutzte Hecke, die das frisch gestrichene, weiße Holzhaus umgab.
»Puppenhaus«, schoss es Rebecca durch den Kopf. Akkurate Reihen von rosa Blumen säumten die Auffahrt. Vermutlich waren es Primeln, aber sicher war sich Rebecca nicht. Ein Rasensprenger versprühte einen Kreis von klaren Tröpfchen auf den gemähten Rasen. Aus dem Schatten der Veranda trat eine grazile Dame in die Sonne und wischte sich die Hände an einer blumenbedruckten Schürze ab, die über ihren flachen Busen hing.
Bec seufzte, richtete sich auf und wischte, während der Pick-up anhielt, die Hände an ihren Jeans ab.
»Sie beißt nicht«, sagte Charlie, als er ihr die Tür öffnete. Rebecca trat auf den roten Staub der Auffahrt und setzte ein Lächeln für die Lady mit dem Heiligenschein aus grauem Haar auf.
»Mein Junge!« Mrs Lewis streckte die Arme aus. Charlie küsste sie kurz auf die Wange. »Hallo, Mum.«
Er trat zurück und reckte stolz den Arm in die heiße, trockene Luft. »Das ist Rebecca.«
»Hallo, Mrs Lewis.« Rebecca trat einen Schritt vor, streckte die Hand aus und hoffte auf eine Antwort wie: »Nenn mich Joan.« Stattdessen nahm Mrs Lewis mit federleichtem Griff ihre Finger und sagte: »Rebecca. Gehen wir ins Haus. Hier draußen ist es grässlich heiß.«
In der kleinen, dunklen Küche setzte sich Rebecca an den Tisch und legte die Hände flach auf die kühle Resopaltischplatte. An manchen Stellen war das Muster nach jahrelangem Wischen verblasst. Charlie zog einen Chromstuhl hervor und setzte sich neben Bec. Noch während er sich niederließ, spürte sie seine große, kräftige Hand auf ihrem Oberschenkel.
Rebecca senkte den Kopf und verkniff sich ein Lächeln, als Mrs Lewis fragte: »Tee, meine Liebe?« Gleichzeitig stellte Mrs Lewis einen Teller mit Pfefferminzschokoschnitten und einen Korb voll dampfender Scones vor ihr ab.
»O ja. Ich hätte gern eine Tasse Tee, vielen Dank, Mrs Lewis«, sagte Rebecca. Unter dem Tisch glitt Charlies Hand langsam an ihrem Schenkel aufwärts. Rebecca sah ihn mit »Hör auf«-Miene an.
»Vielleicht möchten Sie sich frisch machen. Charlie zeigt Ihnen, wo das Bad ist.«
Im schmalen Flur schmückten goldgerahmte Studioaufnahmen der Familie die Wände.
»Ahh! Der kleine Bruder Glen, nehme ich an!« Bec deutete auf den lächelnden, dürren Jungen, der neben einem jünger aussehenden Charlie saß.
»Inzwischen ist er längst nicht mehr so klein … letztes Jahr ist er zwischen elf und zwölf mindestens dreißig Zentimeter gewachsen. Das müssen Dads Gene sein, denn an der Internatskost liegt es garantiert nicht.« Bec betrachtete den großen, schweren Mann auf den Fotos, der, wie ihn der Fotograf auch drapierte, immer fehl am Platz wirkte. Sie kannte das Gesicht schon von dem Tag, an dem sie Charlie auf der Landwirtschaftsschau gesehen hatte. Es war ein Gesicht, das kaum etwas verriet.
Charlie folgte ihrem Blick. »Offiziell spricht er immer noch nicht mit mir«, sagte er. »Er ist immer noch sauer, weil ich aufs College gegangen bin.«
»Das ist doch nur gut für die Farm«, wunderte sich Bec.
»Nicht, wenn es nach meinem alten Herrn geht. Du wirst schon sehen.« Charlie führte sie ins Bad. »Seife. Handtuch«, sagte er und nahm dabei beides von der strahlend weißen Ablage. Dann schlang er die Arme um sie.
Bec ließ sich gegen die kühlen Badfliesen sinken und hob ihm den Kopf entgegen. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich darauf, die Wärme und die Liebkosungen seines feuchten Mundes und seiner Zunge zu fühlen. Gleichzeitig drängte sie ihren Busen gegen seine Brust und spürte die harte Erektion unter den Jeans, die er an ihren Unterleib schmiegte.
Plötzlich blitzte in Rebeccas Kopf das Bild von Mrs Lewis in ihrer Schürze und von abkühlenden Scones auf, und sie schubste Charlie lachend weg. »Deine Mum wartet auf uns, Charlie! Mit den Scones!«
Er sah ihr in die Augen, biss verspielt in ihren Nacken und verschwand gehorsam, nicht ohne das Hemd aus der Hose zu ziehen, um die Wölbung in seiner Hose zu überdecken.
Bec verriegelte die Tür, drehte sich wieder dem Spiegel zu und atmete tief aus, als sie ihr Gesicht betrachtete.
»Ach Mist«, flüsterte sie, denn sie spürte immer noch das Blut in ihrem Inneren fließen. Sie schloss die Augen und spritzte kaltes Wasser in ihr Gesicht. Augenblicklich roch sie den Schwefel und musste an faule Eier denken.
»Ach Mist«, sagte sie wieder, diesmal vollkommen leidenschaftslos. »Stinkiges Brunnenwasser.«
Bis zur dritten Pfefferminzschnitte, dem vierten Scone und der zweiten Tasse Tee schaffte es Rebecca, Mrs Lewis’ bohrenden Fragen nach der Farm ihrer Familie auszuweichen. Nur einmal hatte sie ihren Dad erwähnt, das Wort »Scheidung« war noch kein einziges Mal gefallen. Es war ein Wort, das so gar nicht in diese aufgeräumte, durchorganisierte Wohnstatt zu passen schien.
Charlie saß grinsend auf der Küchenbank und beobachtete Bec so eindringlich, dass sie zuletzt seinem Blick ausweichen musste und sich stattdessen auf das Cover von Woman’s Day konzentrierte, wenn sie etwas sagte. Ein Blick auf ihn, dachte Bec, und sie würde vor Lachen platzen und Sconeskrumen über den Resopaltisch sprühen.
Während der ganzen Unterhaltung setzte sich Mrs Lewis kein einziges Mal zu ihnen an den Tisch. Stattdessen bewegte sie sich wie auf Autopilot durch die Küche und bereitete allem Anschein nach bereits das Abendessen vor.
»Können wir Ihnen wirklich nicht helfen?«, fragte Rebecca erneut.
»Nein. Nein, meine Liebe. Es geht schon, vielen Dank.«
Zu Rebeccas Erleichterung sprang Charlie von der Bank auf und erklärte: »Dann gehen wir jetzt Dad suchen … und ich zeige Rebecca dabei die Farm.«
»Vielleicht möchte sie die Farm gar nicht sehen, Charlie. Vielleicht möchte sie sich lieber etwas ausruhen. Es war eine lange Fahrt.«
»Nein! Nein. Ich würde gern raus. Und die Farm sehen«, ergänzte Rebecca und schoss dabei verdächtig schnell aus ihrem Stuhl, dass die Stuhlbeine übers Linoleum schabten.
Im Pick-up fuhren sie über das Gehöft, an riesigen, im Wind stöhnenden Scheunen mit Pultdach und turmhohen Silos vorbei. Sie sah sich zwischen den Gebäuden um.
»Wo sind eure Hunde?«
»Dad duldet keine Hunde. Früher hielten wir ein paar Schafe, aber die hat er verkauft und die Zäune niedergerissen. Der Scherstall ist jetzt mit Blech ausgelegt und wird als Getreidelager genutzt.«
»Keine Pferde?«
Charlie schüttelte den Kopf.
Nach ihren nächsten beiden Fragen: »Wo sind die Bäume?« und »Gibt es hier einen Fluss, in dem man schwimmen kann?«, war die Begeisterung auf Charlies Gesicht verflogen, und es war still in der Fahrerkabine geworden. Sie wusste, dass sie ihn verletzt hatte, und gab sich darum alle Mühe, ihn wieder aufzumuntern.
»Der Himmel ist hier draußen so schön und groß.« Sie beugte sich gebückt vor und blickte durch die Windschutzscheibe in das weite Blau auf. Er sah sie an und lächelte dünn.
Vor ihnen rumpelte ein riesiger Deutz-Traktor mit breiter Stangensprühanlage zwischen den Baumwollpflanzen auf und ab.
»Ich schätze, das ist dein Dad.«
»Da schätzt du richtig«, war Charlies knappe Antwort.
Nachdem der Traktor endlich tuckernd zum Stehen gekommen war, öffnete Mr Lewis die Kabinentür und kletterte langsam heraus. Er zog die Hose unter dem runden Bauch hoch und blieb einfach stehen, die Arme vor der breiten Brust verschränkt. Dann sah er Charlie an und nickte.
»Sohn.«
»Hi, Dad«, sagte Charlie.
Als Nächstes tastete Mr Lewis’ Blick Rebecca ab. Sein Gesicht zeigte keine Regung. Er blieb wortlos stehen. Und wartete.
»Ähm. Dad«, durchbrach Charlies Stimme das Schweigen. »Das ist meine … Freundin … Rebecca.«
Rebecca trat lächelnd einen Schritt vor und streckte die Hand aus.
»Hallo«, sagte sie fröhlich.
Mr Lewis schüttelte ihre Hand, aber Rebecca war sicher, einen leichten Widerwillen auf seinem roten, runden Gesicht zu erkennen.
Beim Essen wechselte Mr Lewis kaum ein Wort mit Rebecca und brachte die Zeit hauptsächlich damit zu, auf alle Politiker zu schimpfen, die in den Nachrichten auftauchten. Mit Charlie redete er noch weniger. Rebecca saß beklommen da und ließ die Erbsen über ihren Teller kullern.
»Noch ein Glas Wasser?«, fragte Mrs Lewis lächelnd.
»Danke. Gern.«
Rebecca war erleichtert, als das Essen überstanden war und sie den Raum verlassen konnte, um die Teller in die Küche zu tragen.
Als Rebecca und Charlie gemeinsam an der Spüle standen und abwuschen, flüsterte er ihr zu: »Alles okay?«
Bec lächelte freundlich und küsste die Luft zwischen ihnen, als wollte sie sagen: »Ich liebe dich, selbst wenn deine Eltern total den Zeiger haben.«
Als Mrs Lewis Rebecca ins Gästezimmer führte und ihr erklärte, dass sie sich eines der beiden schmalen Betten aussuchen könne, fiel Becs freundliches Lächeln endgültig in sich zusammen. Sie und Charlie wohnten praktisch seit einem Jahr zusammen. Das musste Mrs Lewis doch wissen. Warum also getrennte Zimmer?
Verdrossen zerrte Bec ihren einzigen Pyjama, den sie nie anzog, aus ihrer Reisetasche und schlüpfte wie ein muffiges Kind hinein. Im Bett kratzten die Laken an Becs Haut. Zu viel Waschmittel, dachte sie und ohrfeigte sich dann im Geist, weil sie so überempfindlich war. Als sie das Licht ausschaltete und versuchte, in dem fremden, dunklen Zimmer die Augen zu schließen und einzuschlafen, musste sie feststellen, dass sie sich nach Charlie und seinem nackten, warmen Körper sehnte. Sie wusste, dass sein Zimmer am anderen Ende des Ganges lag, noch hinter der Küche und auf der anderen Seite des Hauses. Aber würde sie sich im Dunkeln zurechtfinden, ohne dass Mr und Mrs Lewis sie hörten? Sie schlug die Decke zurück, schwang die Beine aus dem Bett und stand auf. Probieren würde sie es auf alle Fälle …