Kapitel 41
Der Tag war so still und die Luft so rein. Schlaff standen die Bäume unter dem leicht diesigen, kalten Blau. Die gewundene Straße schmiegte sich an den Berghang, Blätter zuckten kurz im Fahrtwind und winkten dann dem vorbeifahrenden Wagen nach. Frankie und Peter saßen in entspanntem Schweigen. Henbury stand auf seiner Decke auf dem Rücksitz, presste sich an die Tür und reckte die Schnauze zu dem schmalen Fensterspalt empor. Am Vormittag waren sie ohne anzuhalten am Dingo-Trapper-Hotel vorbeigefahren.
»Wir brauchen bestimmt kein Zimmer für heute Abend reservieren«, hatte Frankie lächelnd zu Peter gesagt. »Hier übernachtet praktisch nie jemand … bestimmt haben sie ein Zimmer frei, wenn wir später zurückfahren.«
Sie waren wieder verstummt und weitergefahren.
Frankie spürte ein vorfreudiges, aber auch ängstliches Kribbeln, als sie die Viehhöfe von Twelve Miles passierten … sie näherten sich Waters Meeting, aber damit auch dem Wiedersehen mit Harry und dem Ort, an dem Tom gestorben war. Frankie blickte angestrengt durch die Windschutzscheibe und wartete auf den Moment, in dem sich schlagartig der Ausblick öffnete und den Reisenden, die um die Haarnadelkurve auf dem langen Bergvorsprung bogen, oft der Atem stockte. Sie liebte diese Aussicht. Sie hatten diesen Weg seit Micks und Trudys Hochzeit nicht mehr zurückgelegt, und damals hatte das Tal nach der langen Trockenheit in grellem Gelb geleuchtet. Jetzt waren die Weiden grün, trotzdem konnte Frankie erkennen, welchen Schaden die Dürre angerichtet hatte. Wo Heu und Getreide an die Tiere verfüttert worden waren, hatten die Felder lang hingezogene Narben davongetragen. Die Tiere waren nirgendwo zu sehen. An den Viehunterständen am Hang und in den Ausläufern der Weiden wucherte das Unkraut. Die übrigen Wiesen waren kurzgefressen und niedergetrampelt. Doch trotz alledem wirkte das Tal von hier oben aus atemberaubend. Ein leuchtend grüner Streifen, eingerahmt von dem tieferen Grünbraun des umgebenden Buschlandes.
»Wow«, sagte Peter, dem sich dieser Anblick zum zweiten Mal in seinem Leben bot.
Frankie schaute auf den silbrigen, von grünen Eukalyptusbäumen bestandenen Fluss. Er schlängelte sich durch die Flussweiden mit ihrem schweren, schwarzen Boden. Ein Hain aus grünen Pinien, silbrigen Birken, Eichen und gut mit Wasser versorgten Eukalyptusbäumen schirmte den Blick auf das Haus ab, doch dahinter konnte Frankie den Maschinenschuppen sowie die alte Scheune und den Stall ausmachen. Die Straße wand sich in die Talsohle hinab, dann war die Aussicht genauso plötzlich wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht war.
Sie musste daran denken, wie sie erstmals auf dieser Straße gefahren war. Direkt nach dem College. Eine Tierärztin frisch von der Uni, der die Welt zu Füßen lag. Ehrgeizig, kokett und attraktiv, selbst im Overall. So war sie auf das Grundstück gefahren und hatte zwischen den Bäumen hindurch auf das zweistöckige Haupthaus geschaut.
»Wow«, hatte sie gesagt, als sie am Haus vorbeifuhr. Hoch hatte es über den Flusswiesen aufgeragt. Groß und erhaben hatte es ausgesehen. Die Rosen am Zaun blühten wie besessen, rund um die breiten Veranden parfümierten die Lavendelbüsche die Luft mit ihrem schweren Duft. Geranien blühten in Kästen auf dem Balkon im ersten Stock. Benommen angesichts dieses schönen Hauses und Gartens fuhr die junge Tierärztin zu den Pferchen weiter.
Es war früher Morgen, über die Berge strömte ein goldenes Licht, das die hölzernen Einfriedungen zum Leuchten brachte. Dann sah Frankie ihn. Ihren Traum von einem waschechten Viehzüchter. Harry, der unter seinem abgewetzten Hut einen nervös und aufgeregt tänzelnden Junghengst zu beruhigen versuchte. Er lächelte sie an, während das Pferd um ihn herumtrippelte. Es war ein boshaftes Lächeln, das zahllose kleine Fältchen in seine Augenwinkel zauberte. »Sie sind bestimmt die Tierärztin«, grinste er.
Im selben Moment spürte Frankie ein erotisches Ziehen in ihrem Unterleib. Eine so starke Begierde, dass sich ihre Wangen hektisch röteten. Als sie Harrys Hand schüttelte, meinte sie, einen elektrischen Schlag zu bekommen.
Der Junghengst war ihre erste Kastration, seit sie ihren Abschluss gemacht hatte. Die Operation lief nicht wirklich glatt, aber das schien Harry nicht zu stören. Er verbrachte die Zeit hauptsächlich damit, neben ihr zu lehnen und ihren Duft einzuatmen, während sie mit gesenktem Kopf und zitternden Händen den Faden in die gebogene Nadel einführte.
Sie hörte auch keinen Groll in Harrys Stimme, als er wenige Tage darauf anrief und sie bat, noch einmal vorbeizukommen und eine Infektion des Wallachs zu behandeln. Während sie den Eiter wegwischte, die Wunde desinfizierte und das Pferd spritzte, spürte sie wieder Harrys Nähe, der mit kräftigen Händen das Seil um den Hals des Tieres hielt. Sie konnte ihn riechen. Diesen süßen, männlichen Duft. Damals hatten sie sich gleich dort im Stall geliebt, in einem Rausch der Begierde, inmitten des feuchten Strohs und umgeben von dem scharfen Geruch des Pferdedungs.
Frankie konnte immer noch die entsetzte Miene von Harrys Vater vor sich sehen, der plötzlich den düsteren, muffigen Stall betreten hatte. Im nächsten Moment hatte er ihnen den Rücken zugedreht und war wieder hinausgegangen, wobei er halblaut erklärt hatte, dass er mit Harry sprechen wolle. Von diesem Tag an stand für alle fest, dass Harry diese Frau, die Tierärztin, erst umwerben und danach heiraten würde. So wurde das gemacht, und Frankie widersetzte sich nicht. Harry war ihr grundsolider Farmer, und Waters Meeting ihre herrliche Landresidenz.
Das erste Ehejahr war ein Traum gewesen. Die flirrende Romantik, bei Tagesanbruch aufzustehen und die Pferde zu satteln, mit denen sie zu ihrer Hütte auf der Hochebene ritten. Die sonnigen Tage im Garten mit Harrys liebevoller, aber schlichter Mutter. Doch nach ungefähr einem Jahr hielt die graue Wirklichkeit Einzug. Frankie begann zu begreifen, dass sie einen hohen Preis für ihren herrschaftlichen Landsitz entrichten musste. Innerhalb des Hauses musste sie sich Harrys wortkargem Vater und seiner mausgrauen Mutter anpassen. Sie merkte, dass sie mehr wollte. Mehr von Harry. Mehr, um ihr Gehirn zu beschäftigen. Auch die Einsamkeit begann an ihr zu zehren. Sie verbrachte zu viele Tage zu Hause. Ewig gleiche Tage, die praktisch nur aus Farm- und Hausarbeit bestanden. Zu viele Tage, ohne ihren Geist zu fordern. Die allzu einseitigen Gespräche begannen sie immer mehr zu ermüden, und manchmal machte ihr Harrys Härte Angst. Obwohl er schmollte und eisern schwieg, begann sie in Teilzeit als Tierärztin zu arbeiten. Eine Teilzeitarbeit, an der sie sich verzweifelt festkrallte.
Irgendwann waren Harry und Frankie die Themen ausgegangen, über die sie sich abends unterhalten konnten. Frankie selbst hatte eines Tages beschlossen, dass Kinder die Lösung wären. Sie würden Harry wieder glücklich machen. Dadurch könnte er sich wieder öffnen, dadurch würde sich die Leere füllen, die sie in ihrer Seele spürte. Mit Kindern würde alles wieder ins Lot kommen.
Während Frankie mit Peter im Auto saß, merkte sie, wie die Gefühle sie zu überwältigen drohten, sobald sie an Tom, Rebecca und Mick dachte. Noch an diesem Morgen vor der Abfahrt hatte sie Harry anzurufen versucht. Schockiert, immer noch Toms Stimme auf dem Anrufbeantworter zu hören, hatte sie Harry verflucht und die Hand auf den Mund gepresst, um nicht laut aufzuheulen.
Nach dem Piepton hatte Frankie hörbar Luft geholt und eisig erklärt: »Um Gottes willen, Harry, ändere endlich deine Ansage.« Dann hatte sie kurz innegehalten und um Fassung gerungen. »Ich rufe nur kurz an, um dir zu sagen, dass Peter und ich gegen Mittag rauskommen. Ich muss mit eigenen Augen sehen …« Frankie hatte kurz gestockt und dann zittrig weitergesprochen, »… sehen, wo er … gestorben ist.« Dann hatte sie ohne ein weiteres Wort den Hörer aufgelegt.
Jetzt im Auto presste Frankie die Hand auf den Mund und kämpfte gegen die Tränen an. Sie schaute aus dem Fenster und ließ den Busch in einem graugrünen Schleier vorbeiziehen. Peter legte liebevoll die Hand auf ihren Schenkel und fragte: »Alles in Ordnung?«
»Sicher«, antwortete sie.
Als sie das Tor zur Farm erreichten, stieg sie aus, um es zu öffnen und den Torflügel über die staubige Piste zu schleifen. Im selben Moment hörte sie das Wummern eines Helikopters am Himmel. Die Baumwipfel begannen in der windstillen Luft zu schlagen.
Während Frankie das Tor wieder schloss, sah sie zum Himmel auf und meinte: »Merkwürdig.«
Vom Haupttor aus waren es noch zehn Kilometer Strecke auf einer gewundenen Straße. Als die Homestead endlich in Sichtweite kam, herrschte dort zu Frankies Entsetzen hektische Aktivität.
Der Hubschrauber stand mit laufendem Rotor und Motor auf dem Rasen vor dem Haus und wirbelte die ruhige Luft zu einer eigensinnigen Bö auf. Sanitäter in orangefarbenen Overalls und Ärzte in Weiß rannten zwischen einem Krankenwagen mit flackerndem Blaulicht und dem Hubschrauber hin und her. Etwas weiter entfernt rumpelten Feuerwehrwagen und mehrere Einsatzwagen des Forstamts an der Flussschlinge hin und her und versuchten ein Grasfeuer einzudämmen, das langsam in Richtung der mit Busch bewachsenen Hänge vordrang. Der Rauch in der Luft legte einen leichten Schleier über die Szenerie.
»Was ist da los, in Dreiteufelsnamen?«, fragte Peter.
Frankie schüttelte mit ängstlicher Miene den Kopf. Henbury begann beim Anblick der ungewohnten Overalls laut zu bellen.
»Still, Henners«, befahl Peter.
Noch während sie auf den Hof fuhren, hob der Hubschrauber vom Boden ab und drehte nach Süden in Richtung der Stadt, aus der er gekommen war. Die Sanitäter blickten auf und schauten zu, wie er an Höhe gewann, über die Berge flog und schließlich verschwand.
Frankie machte sich in der Küche von Waters Meeting zu schaffen und stellte dabei erschrocken fest, wie vertraut sie ihr nach so vielen Jahren noch war. Sie holte Tassen aus dem Schrank, öffnete Dosen und löffelte krümelige Teeblätter in die große Kanne. Dann schürte sie das Feuer. Kekse gab es keine. Sie war entsetzt über den Zustand der Vorratskammer – außer Nudeln und Dosen mit billigen Bohnen war nichts darin zu finden. Zumindest gab es Zucker.
Sie sah auf. Es war so befremdlich, Peter am Tisch von Waters Meeting sitzen zu sehen. Er wirkte so … städtisch und fehl am Platz hier. Um ihn herum unterhielten sich die freiwilligen Helfer über den Unfall und das Feuer, nicht ohne zwischendurch Frankie nervöse Blicke zuzuwerfen. Sie hatten sie seit Jahren nicht mehr in der Gegend gesehen. Die Krankenwagenfahrer saßen im Wintergarten und warteten darauf, dass der Kessel wieder kochte und sie ihren Kaffee bekamen.
Dann filterte Frankie aus dem allgemeinen Gerede die spröde Stimme von Harrys Nachbar Gary Tate, der gerade seine Geschichte erzählte. Peter saß Gary gegenüber am Tisch und beobachtete das verwitterte Gesicht des Erzählers.
»Letzte Woche hat er bei mir Heu bestellt, also bin ich her, um es abzuliefern. Als ich in den Hof gekommen bin, war niemand zu sehen, darum hab ich den Laster abgestellt und bin in den Garten, um am Haus anzuklopfen. Ich wusste ja nicht, wo ich das Heu lassen sollte, versteht ihr, und da war auch kein Traktor mit Ladegabel zu sehen, also konnte ich es auch nicht selbst abladen. Danke, Liebes.« Er nahm die Tasse mit dampfendem Tee aus Frankies Hand und gab ein paar Tropfen dünn angerührter Pulvermilch dazu. Anschließend löffelte er Zucker in die braune, heiße Flüssigkeit.
Frankie und Peter warteten beide neugierig vorgebeugt darauf, dass er weitersprach. Gary schien den Augenblick zu genießen. Als er wieder zu reden begann, verstummten die Freiwilligen von Feuerwehr und Hilfswerk der Reihe nach und lauschten ein weiteres Mal seiner Geschichte.
»Also, ich war gerade am Gartentor, als ich den Rauch sehe. Ach so, denke ich mir, er ist da drüben und rodet Altholz. Ich denke bei mir, zu Fuß ist mir das zu weit, aber mit dem Laster will ich nicht auf diesen Feldweg, also schaue ich im Schuppen nach und entdecke ein Motorrad. Ich denke, den alten Harry wird das bestimmt nicht stören. Ich schaue kurz nach, ob Benzin drin ist, und fahre dann los. Er hatte alle Tore offen gelassen, darum bin ich im Nu bei seinem Traktor. Aber dann … zuerst fand ich es komisch, dass sich das Feuer vom Traktor entfernt hat und sich hangaufwärts über die Weide ausgebreitet hat. Es hatte jedenfalls nicht unten am Fluss gebrannt, wo man es erwartet hätte. Die Flammen krochen langsam vorwärts über die grüne Wiese, so als würden sie von einem Busch zum anderen und von einem Grasbüschel zum nächsten weiterhüpfen. Und gequalmt hat es wie verrückt. Wobei das Feuer nicht schnell vorankam, weil kaum Wind war.«
Peter rutschte seufzend auf seinem Stuhl hin und her. Gary nahm das als Zeichen, sich auf seine Geschichte zu besinnen, und seine Stimme wurde schneller.
»Und da hab ich seine Stiefel hinter dem Traktor liegen sehen. Irgendwie hing er halb fest und lag er halb da, den einen Arm im Bohrer verheddert. Als ich hinkam, war er schon bewusstlos. Weißer als ein verfluchtes Bettlaken. Ich dachte, der ist tot. Aber als ich ihn geschüttelt hab, hab ich gemerkt, dass er noch lebt.«
Gary hielt inne und durchlebte noch einmal die grausige Entdeckung. Wieder spürte er den plötzlich aufbrandenden Ekel, und der Geruch nach Blut und Rauch schlug ihm in die Nase. Er schluckte. Hoffentlich musste er sich nicht schon wieder übergeben.
»Jedenfalls bin ich wie der Blitz auf dem Motorrad zurück zum Haus und hab den Notruf angerufen. Sie haben das ganze Kommando geschickt – Feuerwehr, Rettungshubschrauber und euch.« Er schwenkte seine Tasse zu den Krankenwagenfahrern hin. Dann drehte er sich um und sah Frankie in die Augen. Mit kreidebleichem Gesicht und unfähig, auch nur einen Schritt zu tun, krallte sie sich an der Rückenlehne eines Stuhles ein.
»Verfluchtes Glück hat er gehabt, haben die Jungs aus dem Hubschrauber gesagt. Die Maschine hat das Hemd so fest um seinen Arm und in seine Muskeln gewickelt, dass es die Wunde praktisch abgebunden hat. Andernfalls wäre er längst verblutet gewesen. Außerdem hatte er verdammtes Glück, dass er ein Feuerzeug dabeihatte, sonst hätte ich ihn bestimmt nicht gefunden.«
Die Menschen in der Küche saßen stumm da. Frankie zog den Stuhl vom Tisch weg und ließ sich schwer auf die ungepolsterte Sitzfläche fallen.
Genau in diesem Augenblick und inmitten der Stille ging die Tür auf. Ein junger Helfer streckte den Kopf in die Küche.
»Hey, Gaz, ich hab den Traktor zum Schuppen zurückgefahren. Meinst du, ich sollte den Bohrer erst abspritzen, bevor wir ihn abmachen?«
»Ja, Mann. Gute Idee.« Es gab Gary ein Gefühl der Bestätigung, dass ihn die jungen Männer als Chef der Aufräumarbeiten anzusehen schienen.
»Wenn du schon dabei bist, kannst du gleich den Stapleraufsatz montieren. Dann könnte ich das Heu abladen. Ach, warte mal, Junge.« Gary wandte sich an die Sanitäter. »Glaubt ihr, dass er durchkommt … ich meine …« Er rutschte auf seinem Stuhl herum. »Braucht er das Heu überhaupt noch?«
Frankie meldete sich scharf und fast zu laut zu Wort: »Ich schreibe dir einen Scheck aus.« Wieder wurde es still im Raum, nur das Zischen des Kessels war zu hören. Der junge Mann an der Tür verschwand nach draußen. Frankie sah Peter an.
Er war totenbleich, sie war überzeugt, dass er gleich in Ohnmacht fallen würde.
Nachdem sie die letzten Rettungshelfer verabschiedet hatten, standen Frankie und Peter mit dem Rücken zu dem riesigen, leeren Haus und blickten über die Wiesen am Fluss. Henbury schnupperte zu ihren Füßen herum, roch an Grasbüscheln und hob sein Bein an den Zaunpfosten. Die Sonne ging gerade unter und färbte die Berggipfel orange. Es wäre ein traumhafter Anblick gewesen, hätte Frankie nicht aus dem Augenwinkel die Garage wahrgenommen. Sie konnte sie spüren. Plötzlich wurden ihr die Knie weich. Sie hielt sich an Peters Arm fest, um nicht umzukippen.
»Sollen wir ins Pub zurückfahren und uns ein Zimmer nehmen?«, fragte Peter.
Frankie sah ihm in die Augen. »Ähm … ich bin nicht sicher.«
Wieder schauten sie eine Weile auf die Wiesen am Fluss, dann sprach sie weiter.
»Würde es dir etwas ausmachen, Peter, wenn wir hier übernachten … nur heute?«
Peter lächelte angespannt. Natürlich machte es ihm etwas aus. Er wollte nicht in diesem riesigen alten Kasten mitten im Nichts übernachten – noch dazu im Haus ihres Exmannes.
»Natürlich macht mir das nichts aus«, sagte er. »Wir können so lange bleiben, wie du möchtest.«
Dankbar legte Frankie die Hand auf seinen Arm. »Danke. Bestimmt gibt es irgendwo Tiere, die gefüttert werden müssen, nachdem Harry … nicht hier ist.« Sie schaute wieder über das Tal. Dort unten konnte sie Hank und Ink Jet Seite an Seite grasen sehen.
»Peter?«, fragte sie vorsichtig.
»Mmm?«
»Kannst du reiten?«
Peter sah sie argwöhnisch an.
»Warum?«
»Es ist wegen … morgen … Ich würde zu gern mit dir zusammen auf die Hochebene reiten. Eine Nacht in der Hütte verbringen … wo Tom gelebt hat.«
Peter schluckte und zog eine »Ich weiß nicht«-Grimasse.
»Bitte«, drängte sie. »Ich muss das einfach tun.«
»Ich nehme an, ich könnte es wenigstens versuchen.«
Frankie lachte leise und hauchte einen Kuss auf seine Wange.
»Ich liebe dich, Peter Maybury.«
Sie führte ihn ins Haus, während Henbury ihnen folgte. Es war Zeit, den Herd anzumachen.
Tief in der Nacht ließ Frankie Peter allein in dem durchgelegenen Bett des Gästezimmers liegen und schlich auf Zehenspitzen durchs Haus. Selbst im Dunkeln fand sie sich noch zurecht. Automatisch ergriff ihre Hand die Türknäufe. Knäufe, die ihr die Türen zu den Zimmern ihrer Jungen öffneten. Sie strich mit den Fingerspitzen über die glänzenden Fußballtrophäen in Micks Zimmer. In Toms Zimmer streichelte sie das Kissen auf Toms Bett, bevor sie den Schrank öffnete und einen alten Arbeitspullover an ihre Brust drückte. Lautlos fielen ihre Tränen auf die grobe Wolle. Ihre Finger fuhren über die abgewetzten Ellbogen. Ich muss das irgendwann für ihn flicken, dachte sie.
Wie ein geisterhafter Schatten ging Frankie im ganzen Haus die Wege der Vergangenheit ab. Als sie in Harrys Zimmer trat, traf sie der Geruch wie ein Schlag ins Gesicht. Sein Geruch. Sie machte einen Schritt auf das Bett zu, das sie einst geteilt hatten, und betrachtete die ungemachten, verhedderten Laken und Decken. Es sah aus, als würde er immer noch darin schlafen. Sie streckte eine Hand aus und spürte die Kälte der Überdecke. Dann drehte sie sich um und schloss die Tür zu seinem Zimmer und zu ihrer Vergangenheit.
Draußen sah sie, Toms Pullover immer noch an ihre Brust drückend, zu den zahllosen Sternen auf, die den Nachthimmel überzogen. In der kalten Luft überlief sie eine Gänsehaut. Sie spazierte barfuß über den kühlen Beton des Fußwegs und dann quer durch das taunasse Gras in die tiefschwarze Garage. Inmitten von Staub, totem Laub und weiß verkrustetem Schwalbenmist ging sie in die Hocke und begann zu weinen. Sie schluchzte in die Wolle von Toms Pullover. Frankie hockte weinend da und sah im Geist ihren Sohn über ihrem Kopf baumeln.