Kapitel 24
Der Atem stand in der kühlen Bergluft als weiße Dampfwolke vor Nüstern und Mund, wenn Tom und Hank allmorgendlich noch in der Kühle der Dämmerung, bevor sich die Sonne über den Berg schob, langsam von der Hütte wegritten. Vom Pfad aus ging Toms Blick über das ganze Tal und folgte dem Band von Eukalyptusbäumen, das den Fluss säumte. So schön hatte die Farm früher von hier oben ausgesehen. Jetzt, in der Trockenheit, wirkte sie öde und unbeseelt. Nicht einmal die strahlende Morgensonne vermochte Toms Herz zu wärmen. Der dunkle Wasserlauf, der einst der stolze und fruchtbringende Rebecca River gewesen war, war zu einem dünnen silbernen Faden zusammengeschnurrt, der sich zwischen grauen Felsbrocken dahinschlängelte.
Sein Vater sah ihn nie auf Hank begleitet von der nebenher trottenden Bessie auf den Hof reiten. Harry blieb inzwischen immer mindestens bis neun Uhr im Bett und schlurfte erst dann in seinen stinkenden Arbeitsklamotten an den Küchentisch. Frühestens um elf Uhr vormittags trat er aus dem Haus und schlich mit leerem Gesicht und kalten Augen über den Hof. Tom war klar, dass sein Vater unter Depressionen litt. Er konnte das verstehen. Er wusste nur zu gut, wie es ist, in diesen dunklen Abgrund zu rutschen. Bis nur noch dunkle Wände aufragen und kein Weg mehr nach oben führt.
Anfangs war die Depression seines Vaters der wichtigste Grund für Tom gewesen, auf Waters Meeting zu bleiben. Während der ersten Wochen hatte Tom Pläne geschmiedet, wie er die Farm verlassen würde. Er träumte davon, den Pick-up für die Farmarbeiten mit seinem Schlafsack und Bessie zu beladen. Darin nach Norden zu reisen, um Arbeit zu finden, oder in die Stadt zu fahren, um sich dort für ein Kunststudium einzuschreiben. Doch im Lauf der Zeit hatte Tom erkannt, dass ihn die Angst lähmte, eine tiefe Angst vor der Welt da draußen. Sie überschattete sogar die Angst um ihn selbst und die Angst um seinen Vater. Tag für Tag konnte er beobachten, wie sich die Depression gleich einer nachtschwarzen Wolke über seinen Vater senkte. Sie zerrte Harrys Mundwinkel und seine Schultern nach unten und löschte das Licht in seinen Augen. Als sein Vater täglich zu trinken und den Whisky kartonweise in Dirty’s Pub zu bestellen begann, hatte Tom das Gefühl, nicht mehr weg zu können. Seine Welt war jenseits aller Realität. Seine Welt war schwarz. Und so blieb Tom im selben tiefen Abgrund wie sein Vater.
Pflichtbewusst fütterte Tom die Hühner und sammelte die Eier ein. Die eine Hälfte legte er in einen Blecheimer an der Hintertür, die andere Hälfte wickelte er behutsam ein und steckte sie in seine Satteltasche. Er verfütterte die letzten strohigen Heuballen an die Pferde und Stiere und schleppte eimerweise schlammiges Brackwasser aus einer Vertiefung am Fluss in die Tröge. Tom hatte alle Tore zu den Auslaufweiden am Berg geöffnet, damit die trächtigen Kühe in den Taleinschnitten Futter suchen konnten. Dort wuchs noch genügend Gras, trotzdem brauchten sie dringend Regen, weil sonst die Bergquellen austrocknen würden. Die Merinoschafe waren alle verkauft, und die Getreidesilos waren leer. Als Tom einige der schwächeren Mutterschafe stolpern und in den Schlamm rund um die Wasserlöcher sinken sah, wurde ihm noch schwerer ums Herz. Es war kein Ende abzusehen. Tag für Tag Trockenheit.
An manchen Tagen ertrug Tom den Anblick der verhungernden Tiere nicht mehr und versteckte sich lieber in der Dunkelheit des Maschinenschuppens, wo er sich mit Kleinarbeiten beschäftigte – das Öl bei einem der Fahrzeuge zu wechseln oder die Hydraulik der Ballenpresse zu reparieren. Gleichzeitig hasste er die Dunkelheit und den Geruch des Maschinenschuppens. Beides erinnerte ihn an Mick.
Jeden Dienstag und Freitag drehte Tom den Anlasser des uralten Pick-ups für die Farmarbeiten und fuhr die zehn Kilometer über die staubige Straße und die andere Seite des Tales zum Briefkasten hinauf, um die bestellten Lebensmittel und die Post abzuholen.
Die Lebensmittel ließ er an der Hintertür zum Haupthaus stehen, dann fütterte er die Katze, packte seine Satteltasche mit Obst oder Kartoffeln voll und füllte seine Literflasche mit Milch.
Manchmal schlachtete er dann noch ein dürres Schaf und hängte es für seinen Vater gehäutet und geviertelt in den Schuppen. Die meisten Koteletts nahm er mit, weil es in der Hütte keinen Ofen gab, in dem er eine Keule oder Schulter hätte braten können. Tom kochte auf einem Lagerfeuer, das den ganzen Tag leise schmauchend vor sich hin glomm, während er unten auf den Feldern arbeitete. Gelegentlich begegnete er wortlos seinem Vater auf der Farm. Einmal hätten sich ihre Schultern fast berührt, als Tom in den Schuppen kam und Harry ihn gerade verließ, aber selbst da hatten sie es nicht fertiggebracht, einander in die Augen zu sehen.
Manchmal, wenn der Mond voll, hoch und groß am Himmel stand, stiegen Hank und Tom durch das gespenstische Weiß der Bergeukalyptusbäume ins Tal ab. Dann schlich Tom ins Haus und auf Zehenspitzen durch den Flur ins Arbeitszimmer. Im Schlafzimmer einen Stock höher lag sein Vater im Vollrausch zwischen den schmierigen Laken.
Das kühle blaue Licht des Computers beleuchtete Toms Gesicht, während er wieder einmal die Bücher prüfte. Ein Jahr konnten sie noch durchhalten. Ein knappes Jahr. Er bezahlte die Rechnungen online und schrieb eine weitere E-Mail an den Bankmanager. Rebecca zu schreiben, brachte er nicht übers Herz. Sie lebte in einer völlig anderen Welt. Ihre Nachricht an ihn leuchtete im Posteingangsordner auf. Er klickte sie an.
Hi Tom,
mache mir solche Sorgen um dich. Versteckst du dich immer noch in deiner Hütte? Wie läuft’s auf der Farm? Was gibt es Neues von Micks neuem Job/Leben/Trudys Schwangerschaft? Wie geht’s dem alten Mist… Ich meine Dad? Schreib mir! Ich bin ganz krank vor Sorge! Hat Trudy den Computer mitgenommen, kannst du deshalb nicht schreiben? Bitte melde dich.
Alles Liebe
Schwesterherz
P.S.: Wir haben eine Bombenbeurteilung für unser Farm-Projekt kassiert! Du solltest Sal schreiben und ihr danken. Danke für deine Hilfe dabei. Ich kann es kaum erwarten, das Projekt umzusetzen und die Farm zusammen mit dir wieder auf Kurs zu bringen.
P.P.S.: Ich gehe jetzt mit einem voll netten Typen … Er heißt Charlie Lewis. Du würdest ihn lieben.
Tom schloss die Augen. Dann schaltete er den Computer aus, und der Raum wurde schlagartig dunkel.
Als er die Hütte erreichte, war es schon zwei Uhr morgens, der Mond war hinter den Eukalyptusbäumen untergegangen. Müde trat er sich die Stiefel von den Füßen und kroch, ohne sich auszuziehen, zwischen die eisigen Laken unter seinem Leinenschlafsack. Dann fasste er unter das schmuddlige Kissen und zog einen schlaffen, abgewetzten Teddybär heraus. Er drückte ihn an seine Brust und fiel in einen tiefschwarzen Schlaf.