Kapitel 46

Die ersten Wochen auf Waters Meeting waren für Rebecca keine leichte Zeit, denn sie musste sich allein in dem großen Haus einrichten und gleichzeitig die Arbeiten auf der Farm in Angriff nehmen. Sallys und Frankies tägliche Anrufe halfen ihr durchzuhalten, doch wenn es später wurde, sehnte sie sich regelmäßig nach Charlie, außerdem ging ihr immer wieder Harry im Kopf herum. Abends sah sie oft aus dem Fenster und konnte durch die Bäume hindurch das Licht in seiner Hütte brennen sehen. Sie stellte sich vor, wie er die Nachrichten schaute oder gezuckerten Tee mit Milch trank.

Sie hatte sich entschieden, ihn die Abende allein verbringen zu lassen, dafür spazierte sie jeden Morgen mit Mossy oder Dags, Bessie oder Stubby über die Weide zu ihm hinunter. Allmorgendlich klopfte sie nervös an die Tür zu seiner Hütte und hielt dann den Atem an, bis sie ihn »Komm rein« rufen hörte. Sie hatte befürchtet, dass ihr Vater in seine alten Unarten zurückfallen und ganz allmählich ihre Träume vereiteln könnte. Doch stattdessen saß er meistens dösend in seinem Lehnstuhl in der Morgensonne und las ein Buch oder die Zeitung, wenn er nicht in seinem uralten Radiogerät den Landfunk hörte. Er schien nicht daran interessiert, sich aus der Hütte fortzubewegen. Rebecca hatte den Verdacht, dass er immer noch unter schweren Schmerzen litt, doch falls dem so war, dann beklagte er sich nie. Jeden Morgen deutete er auf den Kessel und sagte fröhlich: »Nimm dir auch eine Tasse.«

»Wann ist die Nachuntersuchung fällig?«, fragte sie eines Morgens und nickte dabei zu seinem Stumpf hin.

»Nächste Woche.«

»Ich fahre dich hin.«

»Brauchst du nicht. Ich kann mit dem Automatik fahren«, sagte Harry.

Sie hatte ihn von ihrem Zimmerfenster aus beobachtet. Er hatte sich zum Schuppen geschlichen und war in sein altes Auto gestiegen. Dann war er damit langsam die Einfahrt entlanggerollt, am Scherstall vorbei, bevor er in einem weiten Kreis auf der Weide gewendet hatte. Anschließend war er zum Schuppen zurückgefahren.

Anfangs hatte Rebecca gerätselt, was er da trieb. Dann war es ihr wie Schuppen von den Augen gefallen. Er übte Autofahren mit einem Arm. Plötzlich hatte die Erkenntnis, wie schwierig und beängstigend es für ihn sein musste, mit seiner Behinderung zurechtzukommen, dazu geführt, dass sie sich aufrichtig um ihren Vater sorgte.

Jetzt sah sie ihn an, wie er so in seinem Sessel auf einem sonnigen Fleck saß. Die grauen Haare kurz geschnitten, die Arbeitskleidung sauber und ordentlich.

»Nein, Dad, fahr nicht allein. Ich möchte sowieso in die Stadt, also könnte ich dich auch zu deinem Termin fahren. Und außerdem brauche ich dich dort. Am Dienstag werden ein paar Herden versteigert … und da möchte ich dich dabeihaben. Um zu hören, was du dazu meinst. Aber ich muss dich warnen, es sind Angus-Rinder. Nicht deine geliebten Rotbunten, dafür haben sie exzellente Gene. Alle leistungsgeprüft, alle garantiert frei von Paratuberkulose und ohne Wachstumshormone aufgezogen. Gute Kühe, um eine Herde zu gründen. Am besten kaufen wir sie jetzt, bevor die Preise wieder anziehen.«

Harrys Reaktion überraschte sie. »Hört sich gut an. Ich würde gern mitkommen.«

»Toll.« Sie lächelte ihn an. »Ach ja, und Dad, du könntest mir noch einen Gefallen tun, wenn du Zeit hast …« Sie schob die Hand in die Hosentasche und zog ein Blatt heraus. »Hier sind die Telefonnummern von einigen Baufirmen in der Gegend. Könntest du ein paar Angebote für mich einholen? Ich möchte so bald wie möglich mit dem Dammbau beginnen. Ich würde ja selbst anrufen, es ist nur so, dass ich beschlossen habe, noch heute Abend zur Hütte hinaufzureiten. Die Kühe da oben brauchen frisches Salz, außerdem will ich ein paar Zäune abreiten.«

Harry hob die Hand. »Wirklich kein Problem, Bec. Ich helfe dir gern. Du kennst mich, im Feilschen bin ich ganz groß. Ich werde dir den verdammt besten Dammbau-Deal aushandeln, den es je gab. Und«, sagte er mit fester, aber freundlicher Stimme, »hör endlich auf, auf Samtpfoten um mich rumzuschleichen. Dein alter Herr ist altersmilde geworden, siehst du das nicht? Ich werde nicht zweimal denselben Fehler begehen. Du wirst auf dieser Farm Großes leisten. Du brauchst mir nicht jede Kleinigkeit zu erklären, denn ich verlasse mich auf dein Urteilsvermögen. Ich werde dir helfen, wo und wie ich kann.«

Er zwinkerte ihr zu. Rebecca spürte, wie sie ein warmes Kribbeln überlief. Sie lächelte ihn an. Er fuhr fort: »Schau bei mir vorbei, wenn du morgen von der Hütte zurückkommst. Ich mache dir einen Braten.«

»Das wäre super, Dad!«

»Und beim Essen will ich was Geschäftliches mit dir besprechen. «

»Etwas Geschäftliches?«

»Genau. Ich will dir einen Welpen abkaufen.«

»Einen Welpen?«

»Wenn ich dir mit nur einem Arm von Nutzen sein soll, dann sollte ich lieber lernen, mit einem von deinen komischen Hunden zu arbeiten. Schließlich kann ich keinen Pick-up mit Gangschaltung mehr fahren und auch nicht auf dem Motorrad um die Herde herumbrausen. Ich muss still und leise arbeiten. Mit Pferd und Hund. So wie es sich gehört. Könntest du mir dabei helfen?«

»Natürlich, Dad«, sagte Rebecca liebevoll. »Am besten fängst du an, indem du ein tolles Handbuch über die Kelpie-Ausbildung liest, das ich drüben habe, ein Buch von Tony Parsons.«

»Du gibst mir jetzt schon Hausaufgaben?«

»Bist du nun offen für neue Ideen oder nicht, Dad?«

Er lächelte sie an. »Natürlich. Von jetzt an gehe ich mein Leben anders an.«

»Wer sagt denn, dass man einem alten Hund keine neuen Tricks beibringen kann?« Rebecca drehte sich um und trat aus der Tür in die Sonne. Umtanzt von ihren Hunden, eilte sie im Laufschritt in Richtung Stall, wo Inky schon angebunden bereitstand.


Aus purem Übermut ließ Rebecca Ink Jet freien Lauf. Vor Anstrengung schnaubend, trabte die Stute die steilen Felspfade bergan, mit fliegender Mähne und auf den Steinen klopfenden Hufen oder auf den Fels klickenden Eisen. Bec saß vorgebeugt im Sattel und trieb die Stute weiter an. Die Satteltaschen waren mit Zaunspannern, Kneifzange und Proviant für ihr Abendessen in der Hütte schwer beladen. Ein Jutesack mit Salz für die Rinder war vor dem Sattel festgeschnürt, sodass er auf Inkys starkem Hals ruhte.

Obwohl sie so schwer beladen war, genoss die kräftige, stämmige Stute den Auslauf in der Bergluft. Bec sah, wie Inky die Ohren aufstellte, als sie auf einem Plateau ankamen. Ein kalter Wind hob Becs Haare von ihren Schultern und ließ ihre Wangen rot leuchten. Mit einem kurzen Kommandopfiff schickte sie die Hunde voraus, den Weg zu erkunden.

Sie duckte sich unter den verzerrten weißen Ästen der Berg-Eukalyptusbäume durch und folgte dann der Biegung im Weg, die sie auf eine offene, baumlose Weide führte. Der Frühling machte sich schon bemerkbar, das gelbbraune Gras zwischen den Schneeflecken erholte sich, und kräftige, leuchtend grüne Stängel begannen zu schießen.

Unter einem Saum von Bäumen am Rand der Hochebene lehnte sich Bec plötzlich im Sattel zurück. Die dahintrabende Stute stockte und blieb am Rand einer Klippe stehen. Inkys Ohren zuckten nach vorn. Rebecca, ihre vier Hunde und die Stute blickten über das weite Land voller Niederungen und Bergkämme. Buschland, so weit das Auge reichte. Heaven’s Leap hieß dieser Fleck, ein Name, der auf die Goldgräber zurückging. Sie hatte immer davon geträumt, Charlie zu diesem »Himmelssprung« zu bringen. Sie hatte sich ausgemalt, wie sie ihn auf die Schluchten aufmerksam machen würde, wie sie ihm die Quelle der zwei Bergflüsse zeigte. Zwei Flüsse, die sich in einer Felsenklamm vereinten und gemeinsam der satten Flussebene zubrausten. Als ein einziger Fluss, der Rebecca River.

Hier oben war der Wind so eisig, dass ihre Lippen brannten. Sie trank sich an dem Ausblick satt und rief sich dabei die letzten paar Wochen in Erinnerung. Die Veränderungen in ihrem Vater. Die Begeisterung darüber, dass der Kredit für die Erneuerung der Farm gewährt worden war. Das Gefühl löste immer noch ein Kribbeln aus. Sie spürte eine innere Stärke, die, wie sie wusste, aus der Unterstützung und dem Trost ihrer Familie rührte. Dass sich alles so gut entwickelte, brachte sie zum Lächeln. Doch hier oben, am Rand des Himmels, rührte sich auch wieder die Trauer. Zwei Männer in ihrem Leben. Einer tot. Der andere fort.

Wieder ließ sie den Blick über die wunderschöne weite Wildnis wandern. Zu zerklüftet, um je gezähmt zu werden. So massiv, so wild, so uralt. Sie spürte den Überschwang des Lebens und begriff, dass sie, Tom und Charlie allesamt ein Teil davon waren. Sie alle waren ein Teil jener unermesslichen, atmenden Wildnis, die ihr hier zu Füßen lag. Dann wendete sie die Stute der Hütte zu und ritt vor den kalten Windstößen davon, die über und durch Millionen Eukalyptusbäume gefegt waren.

Rebecca war überrascht, wie zusammengesunken und alt die Hütte inzwischen wirkte. Die tiefen Bergwolken hatten alles in Feuchtigkeit gepackt, bis das Holz zu verrotten und das Blech zu rosten begonnen hatte. Sie musste mit Sally hierher kommen, dachte sie. Vielleicht wusste Sally ja, ob die Denkmalschützer vom Heritage Funding einen Beitrag zur Erhaltung leisten würden. Es war unübersehbar, dass Tom an der Hütte gearbeitet hatte, während er hier oben gelebt hatte. Rebecca fuhr mit den Fingerspitzen über die glänzenden Nägel, die neben den rostigen alten in den Verandaboden geschlagen worden waren.

Sie schob den Türriegel zurück und trat in die stille Luft im Inneren der Hütte. Der Wind pfiff zwar durch die Nagellöcher des Blechdaches und die Schlitze zwischen den handgesägten Bodenplanken, aber obwohl die Hütte zugig war, fühlte sich Rebecca hier drin geborgen. Behütet.

Während sie mit den Fingern Toms Initialen und jene ihres Großvaters und Urgroßvaters nachfuhr, sprach sie jeden einzelnen Namen laut aus. Dann zog sie ein Taschenmesser aus dem Lederbeutel an ihrem Gürtel und klappte die Klinge aus. Sie begann ihre Initialen tief in den dicken Stamm zu schnitzen. Dabei wurde ihr bewusst, dass es verlorene Energie war, Charlie nachzutrauern. Sie gehörte hierher. An diesen Fleck, wo sich zwei Flüsse trafen.

Wo die Wasser sich finden australien2
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