Kapitel 43

In der stickigen Hitze des Führerhauses oben auf dem Getreidetransporter hatte Rebecca die Bilder immer und immer wieder Revue passieren lassen, wenn sie während der Ernte die schnurgerade Asphaltstraße entlanggefahren war. Sie hatte sich ausgemalt, Charlie dorthin mitzunehmen, nach Waters Meeting. Mit ihm zusammen nackt im kühlen Fluss zu schwimmen. Im getüpfelten Schatten auf dem feuchten, grünen Klee zu liegen. Ihn in ihrem großen, luftigen Zimmer bei offener Tür zu lieben, während die Vorhänge sanft im Wind wehten und die Eukalyptusbäume Schattenrisse auf ihre Haut malten. Doch als sie mit ihrem Subaru auf die Homestead von Waters Meeting gefahren war, hatten sich diese Bilder in Luft aufgelöst. Zum einen hatte sie den spektakulären Ausblick vor der Abfahrt ins Tal nicht mit ihm geteilt, weil Charlie ihr in seinem eigenen Pick-up folgte.

Diese Reise hatte einen erbitterten Streit in der winzigen Hütte auf der Farm der Lewis’ ausgelöst. Charlie hatte darauf bestanden, dass er ein eigenes Auto brauchte, falls er dringend auf die Farm zurück musste. Sein Vater hatte das genauso gesehen.

Rebecca hätte Charlie auf der Fahrt in ihren Heimatdistrikt gern an ihrer Seite gehabt, damit sie ihm alles über das Land und die Farmen, an denen sie vorbeikamen, erzählen konnte. Wie sie damals Micks alten Morris gleich hinter Dirty’s Pub in den Deich gefahren hatten. Oder wie Rebecca nach ihrem achtzehnten Geburtstag nachts auf Ink Jet nach Hause geritten war und dabei so betrunken gewesen war, dass sie, so weit sie sich entsinnen konnte, erst am Tor zur Farm aufgewacht war und dabei Akazienblüten in ihrer Tasche und klappernde leere Bierdosen in ihren Satteltaschen entdeckt hatte.

Heute war ihr die Fahrt von Charlies Ebene in ihr Tal noch länger vorgekommen als sonst. Die Entfernung zwischen den beiden Farmen drohte Rebeccas Herz abzuschnüren. Als sie beide unterwegs in eine Tankstelle gebogen waren, um nachzutanken und Essen einzukaufen, war die Stimmung angespannt gewesen. Ein paar Worte, ein kurzer Kuss, dann waren sie wieder auf der Straße. Jeder allein in seinem Wagen, wo ein Monolog ängstlicher Gedanken durch ihre Köpfe lief. Rebecca machte nicht einmal beim Dingo Trapper halt. Sie fuhr ohne abzubremsen vorbei. In ihrem Tagtraum war sie dort mit Charlie auf ein Bier und einen freundschaftlichen Rückenschlag von Dirty eingekehrt, bevor sie mit ihm nach Waters Meeting weitergefahren war.

Jetzt, wo sie angekommen war und auf der von Unkraut überwucherten Kiesauffahrt stand, wurde es Rebecca noch schwerer ums Herz. Die Farm hatte sich so verändert. Das war ihr gleich nach dem Haupttor aufgefallen. Schlaglöcher in den Pisten, dicht wuchernde Disteln und Farne auf den früher makellosen Weiden. Zäune, die am Boden lagen, als hätte man sie aufgegeben. Wozu waren sie auch nütze, wenn es kein Vieh gab, das ein- oder ausgeschlossen werden musste.

Das Haus war nicht mehr das charmante, von Grün umrankte Heim ihrer Kindheit, sondern sah schäbig und heruntergekommen aus wie eine gealterte Schönheit, die nichts mehr auf ihr Äußeres gab. Alles hatte kapituliert. Von den riesigen Pinien waren graue Äste abgebrochen und auf den einst soldatenhaft strammstehenden Gartenzaun gefallen. Die toten Äste ragten in den unmöglichsten Winkeln in die Luft wie gebrochene Knochen. Die Nebengebäude wirkten ungepflegt und vollgestellt. An den Seitenwänden hatten sich Bretter gelöst, und die Wellblechdächer klatschten und schlugen regelmäßig im Wind.

Als Rebecca den Pick-up neben dem Seitentor zum Garten abstellte, fielen ihr die Hunde wieder ein, die sie auf der Ladefläche angebunden hatte. Dags, Mossy, Bessie und Stubby sprangen aufgeregt und voller Vorfreude, endlich von der Kette gelassen zu werden, herum, und am meisten freute sich Toms Hund Bessie. Sie wussten, dass sie heimgekehrt waren. Bec hatte den Verdacht, dass sich Bessie unverzüglich auf die Suche nach Tom machen würde und dabei womöglich bis zur Hütte hinaufwandern würde.

»Sitz«, befahl Bec ihnen knurrend. Sie löste alle von der Kette außer Bessie. »Tut mir leid, meine Kleine.« Sie streichelte ihren Kopf. »Gleich.«

Charlie parkte neben ihrem Wagen, stieg aus seinem Pick-up, sah sich um und schaute dann zu dem Bergmassiv auf, das so unvermittelt aus der beweideten Ebene emporschoss.

»Puh!«, sagte er. »Echtes Ziegenland!«

Der Kommentar traf sie. Sie zog ihre staubigen Reisetaschen von der Ladefläche, ging auf das Haus zu und begann fluchend mit der Torkette zu hantieren.

»Komm wieder runter«, sagte Charlie und half ihr.

Es war nicht zu übersehen, dass Ink Jet und Hank am Morgen einen Zugang zum Garten entdeckt hatten. Sie hatten eine Spur von frischen Pferdeäpfeln auf den Wegen hinterlassen und einen Teil der Pflanzen in den Beeten auf dicke grüne Stängel reduziert.

Bec hielt am vorderen Tor nach den Pferden Ausschau. Ihre Augen suchten nach einem schwarzen Fleck und einem braunen Fleck, die dösend unter einem Baum am Fluss standen und mit dem Schweif nach einer vereinzelten Fliege schlugen. Doch die Wiesen am Fluss waren leer.

»Ich frage mich, wo Hank und Stinky stecken«, sagte sie eher zu sich selbst als zu Charlie. Charlie folgte ihrem Blick.

»Sie sind bestimmt irgendwo in der Nähe.«

Sie hatte sich ausgemalt, nach Hause zu kommen und sofort ihre Pferde zu rufen. In ihrer Fantasie waren beide wiehernd angetrabt. Jetzt waren sie nirgendwo zu sehen. Der nächste Teil ihres Traumes zerbrach.

Auf der Veranda surrten Fliegen durch den Schatten. In den Spinnweben, die überall die Schäfte der aufgeplatzten Lederstiefel überzogen, hatten sich weiche, flauschige Löwenzahnsamen und scharfkantige Grassamen verfangen. Aus der Waschküche kam der verwurmte rotbraune Kater angeschlichen und begrüßte sie mit einem hohen, freundlichen Miauen. Bec spürte die zerbrechlichen Rippen, als sich der Kater an ihr Bein schmiegte. Sie nahm ihn auf den Arm.

»Halloooo«, sagte sie leise und entdeckte erschrocken zahllose Flöhe und offene, eitrige Stellen an seinem Körper.

»Keine Sorge, Musch. Jetzt bin ich wieder da.« Sie setzte den schnurrenden Kater ab. »Gleich bekommst du was zu fressen.«

Während sie in der Stiefelkiste nach dem Schlüssel suchte, ließ Charlie die Hände in den Hosentaschen und den Mund geschlossen.

Drinnen war alles dunkel. Alle Vorhänge waren zugezogen. Bis auf das Summen einer dicken Schmeißfliege, die sie umkreiste, während sie darauf warteten, dass sich ihre Augen an das Halbdunkel des Flurs gewöhnten, war es im Haus totenstill.

Aus dem Wintergarten drang Licht in den Flur und legte ein helles Viereck auf den Teppich. Rebecca ging darauf zu und trat in die Küche. Dort roch es nach Putzmittel.

»Ich schätze, Dirtys Frau war nach Dads Unfall hier und hat sauber gemacht«, sagte Bec laut zu sich selbst.

Sie begann die Schränke zu öffnen und sah in den Kühlschrank.

»Komisch«, sagte sie. »Wer hier sauber gemacht hat, hat auch die Speisekammer und den Kühlschrank aufgefüllt.« Sie griff nach einem Päckchen mit Pistazienkeksen.

»Es sieht nicht so aus, als wäre es jemand aus dem Ort gewesen … vor allem nicht Dirtys Frau.« Sie griff nach einer geöffneten Packung Camembert.

»Ganz bestimmt nicht Dirtys Frau …«

»Was ist?«, fragte Charlie, der eben in die Küche kam.

»Ich sagte, nach dem Unfall war jemand hier.«

»Dieser Kasten ist ja riesig!«, bemerkte er, ohne auf ihre Antwort einzugehen, und sah verblüfft über die Größe des Hauses zur Decke auf.

»Und leer«, ergänzte Bec.

Sie stand in der Küche und wusste plötzlich nicht mehr, was sie jetzt tun sollte. Wo sie anfangen sollte. Am liebsten hätte sie nach Tom gerufen. Bestimmt wäre er irgendwo im Flur, im Arbeitszimmer oder oben in seinem Zimmer. Einen Moment musste sie krampfhaft die Tränen hinunterschlucken. Charlie legte von hinten die Arme um sie und küsste sie auf den Hals.

»Eine Tasse Tee?«, fragte sie ihn mit halb erstickter Stimme. Noch während sie sich aus seiner Umarmung befreite und nach dem Kessel griff, fragte sie sich, warum es ihr vorkam, als hätte sie einen Fremden im Haus.

»Ich hole die Milch und das restliche Zeug aus dem Auto«, sagte Charlie.

Während der elektrische Wasserkocher in der Küche summte, eilte Rebecca von Zimmer zu Zimmer, riss die Vorhänge zurück und ließ die Rollos in lärmender Hast nach oben schnappen.

Sie wollte Licht und Leben ins Haus zurückholen. Im Arbeitszimmer blinkte ärgerlich und drängend das rote Lämpchen auf dem Anrufbeantworter. Bec wusste, dass das Band mit Anrufen von der Bank, von Viehmaklern, die auf ihr Geld warteten, und Nachfragen nach Harrys Unfall randvoll sein musste. Sie beschloss, die Nachrichten später abzuhören.

Im muffigen Halbdunkel des Esszimmers kniete sich Bec auf ein altes Sofa und spähte aus dem Fenster. Hinter dem gedämpften Licht unter den Pinien konnte sie die Garage sehen. Sie wirkte unheilverheißend. Sie stellte sich vor, wie Tom darin hing, und schauderte.

»Hallooooo?« Charlie wanderte schon wieder durch den Korridor, schaute in jedes Zimmer und versuchte sich mit dem erdigen Geruch des alten Hauses anzufreunden. Versuchte sich darin wohlzufühlen, Bec zuliebe.

»Ich glaube, ich habe das Mysterium der aufgefüllten Vorratsschränke gelüftet«, verkündete er grinsend. »Ich habe eben einen kurzen Blick in die Schuppen geworfen, in einem davon steht der Wagen von deiner Mum.«

»Mum?« Rebecca traute ihren Ohren nicht. »Was macht die denn hier?«

»Ich habe nach ihr gerufen, aber hier ist definitiv niemand«, sagte Charlie.

»Ah. Das erklärt, warum Inky und Hank nicht da sind. Bestimmt sind sie auf ihnen ausgeritten.«

Rebecca verstummte und versuchte die merkwürdigen Ereignisse zu verarbeiten. Das befremdliche Gefühl, wieder auf Waters Meeting zu sein. Dass ihre Mutter irgendwo hier war.

Charlie blieb in der Tür stehen und versuchte, ihre Laune zu erspüren. »Das Wasser kocht«, sagte er schließlich.

Rebecca kehrte dem Blick auf die Garage den Rücken zu und lief zu ihm. Sie holte tief Luft und sah ihn an. Wie er in seinen Jeans und seinem blauen Hemd im Türrahmen lehnte. Mit hochgekrempelten Ärmeln und leuchtend grünen Augen. Sie merkte, wie warme Lust in ihr aufstieg.

»Komm mit«, sagte sie und streckte ihm die Hand hin. »Den Tee trinken wir später. Ich zeige dir das Obergeschoss … und mein Zimmer.« Sie ließ die Brauen wackeln und grinste. »Bevor Mum und Peter zurückkommen …« Plötzlich wollte sie sich vor allem lebendig fühlen. Wollte Charlies glatte, warme Haut tröstend an ihrer spüren, wollte die Kälte aussperren, den Tod und den Verfall in diesem Haus und auf der ganzen Farm.

Sie nahm ihn an der Hand und führte ihn die knarrende Treppe hinauf. Er strich mit der freien Hand über das glatte Holz des Geländers und folgte ihr nach oben.

Sie stellte sich vor, wie sie ihn auf ihr Bett werfen und ihn so ungestüm lieben würde, dass er nie wieder in die Ebene zurückkehren wollte. Morgen würde sie dann mit ihm in die Berge reiten, damit er sich in der Wildheit ihrer Landschaft verlieren konnte. Ein ganzer Film lief in ihrem Kopf ab. Doch stattdessen schnürte ihr der fette Gestank des Todes die Kehle zu, sobald sie die Tür zu ihrem Zimmer aufstieß. Sie sah zu dem braunen Fleck an der Zimmerdecke hoch und dann auf die frischen, fetten, sich ringelnden Maden auf der Tagesdecke ihres Bettes.

»Verfluchte Fuchskusu«, sagte sie seufzend.


Der Rest des Tages war grau geworden, und an den Berghängen hatten sich Wolkenschleier verfangen. Mossy wanderte schnuppernd im Garten herum, als sie plötzlich zu bellen begann. Die anderen Hunde stellten die Ohren auf und bellten ebenfalls, die Köpfe wie Mossy der Furt am Fluss zugekehrt. Rebecca sah auf und war erleichtert, Frankie und Peter auf Ink Jet und Hank über die glänzenden Steine planschen zu sehen. Ein fußlahmer Henbury watschelte in einiger Entfernung hinterher. Ein Lächeln trat auf Rebeccas Gesicht.

»Charlie!«, rief sie nach hinten. »Sie sind wieder da … Sie kommen doch nicht in den Regen.«

Charlie trat auf der Seite des Hauses ins Freie und wischte sich die Hände, nachdem er soeben den toten Fuchskusu auf einen Holzhaufen befördert hatte. Während er die Hände unter dem Wasserhahn wusch, beobachtete er, wie die schwarze Stute und der braune Wallach in schnellem Schritt über die Weiden auf sie zuhielten. Frankie ritt auf Ink Jet voran, während Hank mit aufgestellten Ohren folgte. Bald würden sie die Sattel, Satteltaschen und Schlafsäcke abnehmen, und die Pferde würden abgezäumt, damit sie gemeinsam davontrotten konnten, um den Boden mit ihren Hufen aufzuklopfen und zu beschnuppern, bevor sie sich lustvoll schnaubend im Gras wälzten.

Rebecca musste schmunzeln, als sie Peter auf Hank sitzen sah. Er hing mit hängenden Schultern im Sattel und fühlte sich sichtlich unwohl auf dem immer schneller heimwärts trabenden Hank. Das Lächeln, mit dem er Rebecca und Charlie begrüßte, als er sie auf der Anhöhe stehen sah, glich eher einer Grimasse.

»Armer Peter!«, meinte Bec. »Ich glaube, wir sollten ihm lieber ein heißes Bad einlassen.«

Rebecca lief auf die beiden zu, während Charlie in einigem Abstand folgte. Die Hunde rannten voraus und wedelten beim Anblick von Hank und Ink Jet so aufgeregt mit dem Schwanz, dass der ganze Körper zu wackeln begann. Die Pferde warfen zur Begrüßung die Köpfe zurück und wieherten freudig. Bec öffnete das Tor und erwartete sie dort.

»Mum! Peter! Hi!« Sie trat zu Ink Jet, legte die Arme um den breiten Hals und drückte die Wange in das warme Fell der Stute. Dann fuhr sie mit der Hand Hanks langen, glatten Hals entlang.

»Hallo, ihr beiden«, sagte sie zärtlich zu den Pferden, und dann hob sie lächelnd das Gesicht zu ihrer Mutter. »Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich hier treffe.«


In der Küche wirkte das Haus dank des fauchenden Ofens und der klappernden Töpfe fast normal. Rebecca zog Trost aus dem Bild. Ihre Mutter, die den Esstisch deckte. Peter, der frisch gebadet in einem Rattansessel saß und seine verspannten Wadenmuskeln massierte. Und Charlie, der die Äpfel für den Obstsalat würfelte.

Peter sah zu Charlie auf. »Kannst du eigentlich reiten? Ich hoffe es für dich … wenn du mit diesen beiden Frauen zusammen sein willst, wirst du es lernen müssen. Und glaub mir, es ist nicht so leicht, wie es aussieht.«

Charlie lachte kurz auf. »Ich kann einigermaßen reiten.«

»Einigermaßen!«, schnaubte Rebecca. »Charlie hat nach der Schule ein Jahr lang auf einer Station im Norden gearbeitet. Dort haben sie ihn gleich zur Begrüßung auf ein Pferd gesetzt, und soweit ich gehört habe, war er ein Naturtalent. Er kam als Cowboy heim … obwohl er das gut versteckt. «

»Es ist schon eine Weile her, seit ich das letzte Mal auf einem Pferd gesessen habe. Wenn ich in letzter Zeit überhaupt geritten bin, dann höchstens in einem Einkaufswagen … die können aber genauso launisch und stur sein.«

Rebecca lächelte ihn an. »Wie sieht es morgen aus? Wir könnten über die Farm reiten und uns ein Bild machen, wie viele Tiere noch übrig sind. Habt ihr welche auf eurem Ausritt entdeckt, Mum?«

»Nein. Kein einziges Tier, abgesehen von den Kühen auf der Hochebene.«

Frankie war still an diesem Abend. Ihr saß noch die Nacht in den Knochen, die sie in der Hütte verbracht hatten, in eben jenem schmalen Feldbett, in dem auch Tom geschlafen hatte. Als wahrer Gentleman hatte Peter seine Schlafmatte auf dem unebenen Boden vor dem Bett ausgebreitet. Sie hatte seinem Atem gelauscht und sich vorzustellen versucht, es sei Tom, der dort schlafend neben ihr lag und so regelmäßig atmete. Ein und aus. Toms Atem. Sie hatte kein Auge zugetan und jedem Laut gelauscht, den die Hütte ihr einflüsterte. Das Quietschen des Blechdaches, das Klopfen der im Wind schaukelnden Tür, das dumpfe Murmeln des langsam glimmenden Ofens.

Nach Waters Meeting zurückzukehren, war schwerer gewesen, als Frankie sich je vorgestellt hätte. Jetzt, nachdem sie in der Hütte gewesen war, spürte sie den überwältigenden Drang, wieder zu fliehen. Das Haus, die Erinnerungen … all das lastete viel zu schwer auf ihr. Am liebsten wäre sie in ihr bequemes Leben mit Peter geflüchtet und hätte die Geister der Vergangenheit hinter sich gelassen. Schuldbewusst sah sie zu Rebecca auf.

»Peter und ich haben beschlossen, morgen Früh abzufahren. Das macht dir doch nichts aus, oder? Wir hatten vor, ein paar Tage am Meer zu verbringen, bevor wir wieder arbeiten müssen.«

»Nein! Macht nur. Charlie und ich kommen schon zurecht. Gönnt euch eine Pause.« Rebecca gab sich Mühe, unbeschwert zu klingen, doch ein Hauch von Ärger schlich sich in ihre Stimme und verlieh ihr eine unterschwellige Härte, eine Härte, die ihre Mutter spürte.

»Komm schon, Bec«, sagte Frankie. »Bis zum Abendessen ist es noch etwas hin. Ich helfe dir, dein Bett zu beziehen.« Widerstrebend stand Rebecca auf und folgte ihrer Mutter aus der Küche.

Im Schlafzimmer verfolgte Rebecca stumm, wie Frankie geschäftig das Bett machte und die Laken straff zog, wobei sie unausgesetzt schwatzte und die Anspannung in ihrer Stimme zu überspielen versuchte.

»So«, sagte sie und stemmte die Hände in die Hüften. »Alles bereit für dich und Charlie.« Sie sah ihre Tochter an. »Wie lange bleibt er?«

Rebecca sank müde aufs Fußende des Bettes und sagte tonlos: »Ich weiß es nicht.« Sie seufzte.

Ihre Mutter setzte sich neben sie.

»Rebecca. Hältst du es wirklich für eine gute Idee, hierher zurückzukommen? Ich meine, wäre es nicht besser für dich, mit Charlie auf seiner Farm zu wohnen … wenigstens ist es eine gut erhaltene, produktive Farm … und auch wenn es wie ein Klischee klingt, er ist ein netter Junge. Ein wirklich bezaubernder Mann, und ich kann sehen, dass er dich vergöttert.«

Rebecca merkte, wie ihre Wangen rot wurden. »Meinst du nicht, es ist ein bisschen spät, um in meinem Schlafzimmer Mutter-Tochter-Gespräche zu führen? Und wie kannst du das sagen? Wie kannst du mir raten, dass ich all das hier aufgeben soll, nur um es mir einfacher zu machen? Du hast das nie verstanden, oder? Nie. Du hast nie hierher gehört und hast es mir immer verübelt, dass ich es tue. Du bist immer nur weggelaufen. Du warst nie für uns da! Nie.«

»Das ist nicht wahr, das weißt du genau! Wie oft habe ich dir den Hintern gerettet, als du damals in der Stadt im Internat warst … wie oft habe ich dich vor deinem Vater beschützt? Versuch du nicht, mir ein schlechtes Gewissen zu machen, Rebecca Saunders. Du bist alt und tapfer genug, um das zu verstehen. Manchmal hält eine Ehe eben nicht – und damit basta. Dein Vater und ich waren schlicht nicht füreinander bestimmt. Um euretwillen habe ich so lange ausgeharrt wie überhaupt möglich. Ich bin so lang geblieben, wie ich es aushielt. Ich habe euch so viel gegeben, wie ich damals konnte. Es tut mir leid, Rebecca, wenn das für dich nicht genug war. Aber lade mir nicht noch mehr Schuld auf. Glaubst du, ich habe noch nicht genug Schuld zu tragen … vor allem jetzt nach … Tom.« Tränen stiegen Frankie in die Augen, und Rebecca beobachtete, wie ihre Mutter zu schluchzen begann.

»Entschuldige«, sagte sie leise und legte dabei eine Hand auf Frankies Arm. »Es ist nur so, dass vor allem du mir beigebracht hast, in die Welt zu ziehen und das zu suchen, was ich wirklich möchte. Du wolltest immer eine eigene Praxis, und jetzt sieh dich an – du könntest sogar expandieren und eine zweite eröffnen. Wenn du hier geblieben wärst, nur weil jemand gesagt hat, dass sich das so gehört, hättest du diesen Traum nie wahr machen können. Du bist gegangen und hast dir einen Herzenswunsch erfüllt. Und das hier ist das, wonach ich mich von Herzen sehne. Diese Farm hier. Also sag mir nicht, Mum, dass ich das alles aufgeben soll.«

Rebecca hatte immer ausschließlich ihrem Vater die Schuld daran gegeben, dass ihre Mutter sie verlassen hatte. Sie hatte Frankie so lange auf ein Podest gestellt, dass es beinahe eine Erleichterung war, die wahre Frankie zu erkennen. Dass sie ein Mensch mit menschlichen Fehlern und Ängsten war, genau wie ihr Vater. Sobald Rebecca an ihren Vater dachte, spürte sie ein Ziehen im Rücken und einen Schauer der Angst vor dem, was die Zukunft für Waters Meeting und für sie und Charlie bereithalten mochte. Ihr Gesicht knitterte ängstlich, und sie versuchte, ihre Gefühle herunterzuschlucken.

»O Mum. Es ist so schwer.«

Ihre Mutter strich ihr übers Haar, um ihre Tränen zu trocknen. »Ich weiß. Aber vergiss nie, dass ich dich liebe, meine Kleine. Ich werde dich bei allem, wofür du dich entscheidest, unterstützen … und ich bin stolz auf dich.« Frankie legte den Arm um Rebeccas Schultern und zog ihre Tochter an ihre Seite. So blieben sie ein paar Minuten sitzen.

»Danke, Mum«, sagte Rebecca schließlich, richtete sich auf und schnäuzte sich in ein Papiertaschentuch. Sie atmete tief durch. »Ich schätze, die Kartoffeln sind inzwischen gar.«


In der Dunkelheit ihres Zimmers liebten sich Rebecca und Charlie. Der Akt hatte etwas Trauriges. Etwas Zärtliches, das Rebecca so anrührte, dass sie still zu weinen begann, als sie Charlies weiche, warme Haut an ihrer spürte. Sie küsste ihn aufs Gesicht und auf die Lider und strich mit den Lippen seinen Hals entlang.

»Ich liebe dich«, erklärte sie seinem dunklen Schatten.

»Ich liebe dich auch«, erwiderte er.


Nackt im weichen Morgenlicht stehend, öffnete Charlie die Terrassentüren vor Rebeccas Zimmer, und eine kühle, die Vorhänge blähende Brise wehte herein. Rebecca wälzte sich auf den Bauch und betrachtete seinen nackten, schönen Körper. Die goldene Haut. Die Blätter an dem Eukalyptusbaum vor der Veranda flatterten im Wind und umrahmten seine Silhouette. Die Elstern sangen ihr zauderndes Lied. Er kam zu ihr und blieb vor ihr stehen. Dann nahm er ihre Hand.

»Guten Morgen, meine Schöne«, sagte er lächelnd und küsste sie zärtlich auf den Kopf. Sie konnte die Rohre im Haus klopfen hören und schloss daraus, dass Frankie oder Peter unter der Dusche stand. Sie hatte noch Zeit, Charlie ein paar Minuten in die Wärme des Bettes zurückzuzerren, bevor sie beide nach unten und frühstücken gehen würden. Sie packte ihn an beiden Händen und zog ihn zu sich herab. Dann läutete unten das Telefon.

»Ich wette, das ist Mum«, sagte Charlie. »Ich gehe runter.«

Sie verdrehte die Augen, doch er hatte sich bereits ihrem Griff entzogen. Hastig stieg er in seine Jeans, eilte aus dem Raum und rannte nach unten. In ein Laken gehüllt, setzte sie sich auf die oberste Treppenstufe und lauschte seiner durchs Treppenhaus dringenden Stimme. Sie schien sich sofort zu verändern, wenn er mit seiner Mutter sprach.

Als Rebecca und Charlie später am Morgen in die Küche traten, hatte Frankie schon eine Kanne Tee gemacht. Der Duft von warmem Toast lag in der Luft. Sie hatte das Feuer geschürt, sodass es im Raum angenehm warm war. Jetzt stand sie hinter Peter und massierte seine Schultern. Der Kater schlief eingerollt auf seinem Schoß.

»Morgen«, lächelte Frankie.

»Hi«, sagte Bec und nahm sich eine Scheibe Toast.

»Wir dachten, wir fahren heute möglichst früh los«, sagte Peter, »also, eigentlich dachte deine Mutter, dass wir heute lieber möglichst früh losfahren sollten. Sie hat mich aus dem Bett gejagt und mich als faulen Sack beschimpft.« Er verzog das Gesicht unter ihrem plötzlich energischen Massagegriff. »Autsch!«

Rebecca lächelte über ihre Neckereien und wünschte sich gleichzeitig, die beiden würden länger bleiben, war aber zu stolz, sie darum zu bitten.

Nach dem Frühstück halfen Rebecca und Charlie, die Reisetaschen zum Auto zu tragen.

»Also, ich habe euch das ganze Essen im Kühlschrank gelassen«, sagte Frankie. »In ein paar Tagen sind wir wieder in der Stadt, ruft einfach an, falls ihr irgendwas braucht. Ich komme demnächst übers Wochenende her und helfe euch, den Garten und das Haus sauber zu machen, damit ihr euch in aller Ruhe darauf konzentrieren könnt, was ihr mit der Farm machen wollt.«

»Danke, Mum. Wir kommen schon zurecht«, sagte Rebecca und umarmte ihre Mutter, bevor sie Peter einen Kuss auf die Wange gab. Charlie gab Frankie gerade einen Abschiedskuss, als sie das Telefon im Haus läuten hörten.

»Ich gehe dran«, sagte Charlie und kehrte im Laufschritt ins Haus zurück.

»Das ist bestimmt seine Mum«, meinte Rebecca trocken.

Frankie lächelte. »Verfluchte Mums, wie?«

»Genau!«, sagte Rebecca und verdrehte in gespieltem Widerwillen die Augen. Es folgte eine letzte kurze Umarmung, dann waren Frankie und Peter abgefahren, und nur das Brummen ihres Automotors dröhnte noch durch den Busch.

Rebecca hob die Hand und winkte ihnen hinterher, als sie über eine Lichtung fuhren; die andere Hand kraulte Dags Ohr, der neben ihr saß.

»Ihr bleibt beim Haus«, befahl sie den Hunden. Sowie sie hineinging, ließen sie sich auf dem Rasen nieder, um in der Sonne zu dösen. Der rote Kater stolzierte langsam zu Mossy, strich an ihr entlang und legte sich neben ihr in die Morgensonne.

Im Arbeitszimmer blieb Rebecca dicht hinter Charlie stehen, den Blick auf seine breiten Schultern geheftet, während er telefonierte. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Sie wusste, was kommen würde, nachdem er den Hörer aufgelegt hatte.

»Das war noch mal Mum«, sagte er und drehte sich zu ihr um.

Rebecca biss die Zähne zusammen.

»Dad hat einen Großauftrag – er soll für die Cotton Co. die Saat ausbringen. Sie brauchen mich auf der Farm. Glen ist vom Internat zurück, aber er schafft das noch nicht allein. « Charlie beugte sich leicht vor und sah Rebecca tief in die Augen. »Aber keine Angst, sie brauchen mich nicht sofort. Ich kann auch morgen fahren.«

»Morgen! Super!«, kommentierte Rebecca sarkastisch und stapfte durch den Hausflur davon.

»Was denn? Was soll ich denn machen? Ich wusste doch nicht, dass er den Auftrag annimmt!« Charlie folgte ihr mit ausgebreiteten Armen.

Sie blieb in der Küchentür stehen, starrte ihn an und spürte gleichzeitig, wie ihr Blut vor Wut und Verletzung zu sieden begann. »Nichts. Nein, ganz toll. Ganze drei Tage hier sind super. Herrgott noch mal, Charlie, du warst nicht mehr von der Farm weg, seit du vom College zurück bist – nicht mal übers Wochenende, nie. Sie könnten dir wenigstens – «

»Ach komm schon, Bec, glaubst du tatsächlich, eine Woche mit dir hier wären Ferien für mich? Wir haben den Rest der Farm noch nicht mal gesehen, aber die Pferche und Schuppen sind völlig verrottet … und glaubst du wirklich, dass wir bei diesem Haus in einer Woche viel ausrichten können? Um diese Farm wieder auf die Beine zu bringen, braucht es ein ganzes Leben.«

»Ach ja? Etwas Unterstützung wäre trotzdem sehr nett.«

»Unterstützung? Seit wir miteinander gehen, habe ich dich immer nur unterstützt – dir in deinen Familiendramen den Rücken gestärkt, geduldig deine Launen ertragen, dir nach Toms Tod beigestanden.«

Auf diese Worte hin öffnete sich eine Kluft des Schweigens zwischen ihnen, die Gedanken begannen in Rebeccas Kopf zu schwirren. Plötzlich begann sie in einer Stimme, die ihr selbst völlig fremd war, zu zetern.

»Ach so! So ist das also! Ich war dir nur eine Last. Tom, die ganze Geschichte … der treue Freund war also nur geschauspielert, während du dich im Stillen immer über mich geärgert hast! Kannst du dir eigentlich vorstellen, wie schwer das alles für mich war? Und damit meine ich nicht nur das hier«, sie schwenkte wild den Arm, um das Haus und die Farm einzuschließen, »sondern auch, mich in deine Familie einzufügen! Nicht ein einziges Mal haben sie Anerkennung für die Arbeit gezeigt, die ich geleistet habe, ganz zu schweigen davon, dass sie mir etwas dafür gezahlt hätten. Sie haben mich nie wirklich teilhaben lassen. Ich bin nicht gut genug für ihren Erstgeborenen. Nicht mal annähernd. Sie können es kaum erwarten, dass ich endlich abhaue!«

»Das ist nicht wahr!«

»Quatsch, Charlie! Sie möchten, dass du dir eine Frau suchst, die gerne gärtnert, dich bekocht und als Lehrerin oder Krankenschwester ein nettes kleines, unabhängiges Einkommen mitbringt. Oder die sich freiwillig engagiert, indem sie beim Tennistag Sandwiches belegt! Also, ich werde mich nicht zurücklehnen und tatenlos zuschauen, wie du die ganze Arbeit machst. Das kann ich nicht. Ich will gleichberechtigt neben dir arbeiten. Du bist nur der Sklave deines Vaters. Und obendrein ein Muttersöhnchen. Ich bin in genau derselben Situation gelandet wie damals, als ich noch hier gelebt habe!«

»Ach, wie nett. Echt nett.« Er biss so fest die Zähne zusammen, dass unter seiner Haut ein Muskel zuckte. Die Wut pumpte Blut in seine Wangen. »Was erwartest du denn von mir? Dass ich alles stehen und liegen lasse, was ich zu Hause habe, und herziehe, um dir zu helfen, dieses Ding hier schuldenfrei zu bekommen?«

»Dass du alles zurücklässt, was du zu Hause hast? Wach endlich auf! Charlie, du hast nichts zu Hause. Dein Dad kontrolliert die Farm, und deine Mum kontrolliert dich!«

»Fang bloß nicht an, mir was über Familien erzählen zu wollen – meine hält wenigstens zusammen. Mit einer Familie wie deiner im Rücken bist du wirklich nicht in der Position, mir Ratschläge zu erteilen! Warum sollte ich in dieses Chaos hier einzusteigen?« Er drehte ihr den Rücken zu und marschierte in die Küche. Rebecca folgte ihm und sah ihn an der Spüle stehen, wo er aus dem Fenster auf die Pinien sah.

»Charlie! Wir müssen das geregelt bekommen! Wir müssen das endlich durchsprechen!«

»Geregelt bekommen! Durchsprechen? Wie können wir das geregelt bekommen? Wir haben das schon oft genug durchgesprochen. Geändert hat sich nie etwas.« Er drehte sich zu ihr um und griff sie an beiden Armen. In seinen Augen standen Tränen. Sie erschrak.

»Ich wollte dich schon so lange fragen, ob du mich heiraten möchtest … ich liebe dich, Bec …«

Die Worte schwemmten über sie hinweg und erfüllten sie im ersten Moment mit Freude. Doch dann sprach Charlie leise weiter.

»Ich weiß, dass du es bei uns kaum aushältst und dass du das Gefühl hast, nicht in meine Familie zu passen …« Seine Stimme wurde beschwörend, er sprach schneller und flehentlich. »Ich weiß, du magst die Ebene mit den weiten Feldern nicht, aber wir können es trotzdem schaffen. Wir werden uns Vieh zulegen. Du kannst Schafe halten. Wir werden deine Pferde mitnehmen. Wir brauchen nicht in der Hütte direkt neben Mum und Dad zu wohnen. Wir können uns weiter weg ein neues Haus bauen.«

Rebecca versuchte sich diese neue Welt, diese neue Zukunft an Charlies Seite vorzustellen.

»Nein«, sagte sie zu abrupt. Sie wich unwillkürlich zurück. »Nein. Ich bin eben erst zurückgekommen. Ich werde nicht wieder weggehen. Nie wieder.«

»Aber hier hast du nichts zu erwarten! Was willst du ganz allein hier ausrichten?«

»Was meinst du mit ganz allein? Du glaubst wohl nicht, dass eine Frau so etwas zustande bringen könnte? Du hörst dich allmählich genauso sexistisch an wie unsere Väter.«

»Stell dich nicht dumm, Bec.«

»Dumm! Du bist genau wie all die anderen Mistkerle! Du glaubst, ich hätte kein Recht, mein eigenes Land zu bestellen, im Gegensatz zu dir, weil du nämlich ein Mann bist! Du hast ein Recht auf deinen Anteil an brettebenem, chemie- und salzverseuchtem Dreck, während ich kein Recht auf meinen Anteil an verlottertem, heruntergewirtschaftetem Bergland habe. Du brauchst dich wirklich nicht aufzuspielen und mir zu erklären, dass ich hier nichts verloren hätte. Ich habe eine Chance, um diese Farm zu kämpfen … und ich habe ein Anrecht darauf!«

»Fein.« Charlie machte auf dem Absatz kehrt und spazierte aus der Küche.

Er lief die Treppe hinauf und begann seine Sachen in die Reisetasche zu werfen.

»Charlie!« Ihre Stimme bebte hysterisch, als sie ins Zimmer trat und sah, was er tat. Er schüttelte ihre Hände ab, die sich in sein Hemd gekrallt hatten.

»Lass mich in Ruhe!« Wütend zog er den Reißverschluss der Tasche zu und marschierte mit schweren Schritten die Treppe hinunter, durch den Flur und aus der Tür. Die Hunde sprangen auf, als die Tür zuknallte, und blickten aufmerksam abwechselnd auf Bec und Charlie. Sie wussten, dass etwas passiert war, und hielten sich automatisch in Rebeccas Nähe.

»Wo willst du hin?« Sie lief ihm hinterher.

Er brüllte, während er den Weg hinunterging: »Du hast dich entschieden, Bec! Du hast dich für diese Farm und deinen Vater und gegen mich entschieden! Na schön. Ich überlasse dich deinem Schicksal! Viel Spaß.«

Er öffnete die Tür des Pick-ups und stieg ein. »Charlie«, sagte Bec mit panisch ansteigender Stimme. »Charlie! Fahr noch nicht!«

Er sah sie an, und Tränen flossen aus seinen grünen Augen. »Fahr noch nicht? Du hast sowieso nicht vor, mit mir heimzufahren. Du hast nie geglaubt, dass es dir genügen würde, mit mir zusammenzuleben. Du bist so verflucht egoistisch. Genau wie dein Vater!«

Er versuchte mit jedem Muskel im Leib, die Tränen zurückzuhalten. Die Zähne fest zusammenbeißend, ließ er den Motor an.

Rebecca packte den Griff, um die Fahrertür aufzureißen, doch er zog sie ruppig wieder zu. Mit rotem Gesicht und tränenüberströmt schrie sie ihn an: »Nein, Charlie, fahr nicht! Verlass mich nicht!« Er sah sie ein letztes Mal an und gab Gas. Sie sank schluchzend in den Dreck.

Jahre des Zorns machten sich Luft. Sie schluchzte, bis sie zusammengerollt im Dreck liegen blieb. Die Hunde kamen herbei, um ihr tränenüberströmtes Gesicht abzulecken. Nur Mossy blieb ein wenig abseits sitzen und begleitete Becs Schreie mit ihrem traurigen Geheul.


Als sie die Augen aufschlug, sah sie die Farm seitwärts gekippt. Eine sanfte Brise fuhr raschelnd durch das Blech und die Bretterverschalungen der Schuppen. Am Rand des Blickfelds erhoben sich die dunklen Pinien und die Garage. Rebecca stand auf, lief zum Maschinenschuppen und rollte die schweren hölzernen Torflügel beiseite, sodass Licht in den unaufgeräumten, ölfleckigen Innenraum fiel. Den Unterkiefer verbissen vorgeschoben, eilte sie wie eine Irre durch den Schuppen und schleuderte alle möglichen Gerätschaften und Werkzeuge auf die Ladefläche des farmeigenen Pick-ups. Einen Benzinkanister, Ohrschützer, Handschuhe und Ketten warf sie darauf, dann wuchtete sie die schwere Kettensäge auf die Ladefläche. Die Tränen brannten ihr auf den Wangen. Die Hunde spürten ihre Wut, verzogen sich leise und blieben mit ängstlichem Gesicht an der Hintertür sitzen.

Rebecca fuhr den Pick-up an die Garage heran, beugte sich über die Kettensäge und zog an der Reißleine. Die Säge wollte nicht anspringen. Wütend versuchte sie es erneut und riss unter Knurren immer und immer wieder am Startseil. Endlich erwachte die Kettensäge spuckend zum Leben.

Unbeschnitten wirkte der knorrige Stamm der Pinie fast nicht wie Holz. Er war von einem gespenstischen Grau wie totes Fleisch, Rebecca wurde von dem Anblick übel. Als die Metallkette der Säge zu fassen begann, registrierte sie überrascht, wie hart das Holz war. Dann wich die äußere Borke dem weicheren Innenholz, und Sägespäne begannen aus der glatten Einschnittkerbe zu sprühen. Die Äste des Baumes begannen zu zittern, als sie auf der einen Seite zwei kurze Einschnitte setzte und den Stamm dann von der anderen Seite durchzusägen begann. Sie hoffte, dass sie die Einschnitte richtig gesetzt hatte.

Nach einer Weile spürte sie, wie der Baum nachgab, und trat zurück. Als er fiel, lief das Echo des Aufpralls durch ihren Körper. Die Baumkrone stürzte genau auf die Garage und ließ sie in hundert Stücke zersplittern, während das Wellblechdach wie Alufolie knitterte und zerriss. Einen Augenblick blieb Rebecca schnaufend stehen und wartete ab, bis sich die Äste nicht mehr bewegten, als würde sie den Tod eines riesigen Ungeheuers abwarten. Dann setzte sie die Säge am nächsten Baum an.

Als sich endlich die schwarze Nacht über das Tal senkte, hatte Rebecca alle großen Pinien gefällt und sie an einer Kette mit ihrem kräftigsten Traktor auf zwei große Haufen gezogen. Tote Zweige, Pinienzapfen und Nadeln lagen überall im Hof und im Garten verstreut. Die Farm sah aus wie ein Schlachtfeld. Auf dem sie das tote Holz über den Dreck geschleift und für ein ungeheures Feuer aufgeschichtet hatte. Sie wusste, dass Pinien hervorragend brannten. Mühsam wuchtete sie den Dieselkanister von der Ladefläche des Pick-ups und holte eine Schachtel Zündhölzer aus dem Handschuhfach.

Die Pinien stießen zischend ihren Saft aus, sie quietschten und tränten. Die trockenen Bretter der Garagenwand knisterten und färbten sich schwarz inmitten der hoch leckenden orangefarbenen Flammen. Außerhalb des heißen Ringes herrschte die kalte Winternacht. Rebecca zog ihr Hemd fester zu und schlang die Arme um ihren Leib. Es war tiefschwarze Nacht. Noch lange nachdem die rote Glut des heißen Wellblechs erloschen war, stand sie da und schaute zu, wie die Garage verglomm.

Im Haus legte sie sich auf Toms Bett schlafen und hielt dabei den in Toms Mannschaftstrikot gewickelten Fußball im Arm. Sie rollte sich fest zusammen. Jeder Muskel in ihrem Leib schmerzte, und ihre blutenden Hände krallten sich zusammen wie Hühnerklauen. Trotz der Handschuhe waren sie aufgeschürft, wund und mit Kratzern und Blasen übersät.

Als sie schließlich wieder erwachte, erstrahlte das Haus im goldenen Licht der Morgensonne. Aus jedem einzelnen Fenster konnte sie die Berge sehen. Sie lief nacheinander in jedes Zimmer und sah das Licht ins Haus fallen. Einen Moment lang fühlte sie sich besser. Dann dachte sie an Charlie und begann von Neuem zu weinen.

Wo die Wasser sich finden australien2
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