Kapitel 11

Die Hunde auf der Ladepritsche reckten ihre Nasen in die vorbeiströmende Hitze und kniffen die Augen gegen den Wind zusammen. In der kleinen, heißen Fahrerkabine bedeckten alte Essenspapiere den Boden, und eine Trinkflasche mit Wasser wärmte sich zwischen Rebeccas Knien. Ab und zu sprenkelte sie etwas von dem Wasser auf ihr Gesicht und ihre Brust. Der durch das offene Fenster hereinblasende Wind sog die Feuchtigkeit aus ihrem Unterhemd und bewirkte dadurch, dass ihr etwas kühler wurde. Bec schaute auf ihren rechten Arm, der auf dem Türrahmen ruhte. Er war knallrot, während der andere Arm sein gewohntes Honigbraun behalten hatte. Sie tastete nach der Tube Sonnencreme auf dem Armaturenbrett und verschmierte einen weißen Klecks auf ihrem Arm. Den Rest massierte sie auf ihr rechtes Bein, das ebenfalls der Sonne ausgesetzt war. Sie rutschte in ihrem Sitz herum, weil ihr verschwitzter Rücken am Polster des Pick-ups klebte. Dann drehte sie das Radio auf und gab sich alle Mühe, die glühenden Temperaturen zu ignorieren.

Die Orte wurden allmählich größer, zivilisierter, gleichförmiger. McDonald’s, Kentucky Fried Chicken, blank polierte, immergleiche Kästen, die das immergleiche Fett verkauften. In einem Ort hielt Rebecca an einem riesigen Kaufhaus, schlenderte zwischen den Kleiderständern herum und hielt mutlos nach einem Kleid für die Hochzeit Ausschau. Sie bewegte sich unter den übrigen Kunden, als wäre sie gar nicht da. Ihre braun gebrannten Finger strichen über die unzähligen, jungfräulich sauberen Kleider, während die Verkäuferin sie argwöhnisch beobachtete, als wäre sie eine Ladendiebin.

Bec hatte ihre Hunde auf der Ladefläche des Pick-ups unten in der dunklen Tiefgarage gelassen, sie sorgte sich um sie. Es waren Klassehunde – am Ende würden sie noch gestohlen. Außerdem hasste sie Einkaufen. Sie wollte schon gehen, als ihr Blick in einen Spiegel fiel. Unter dem kalten Leuchtstoffröhrenlicht des Supermarktes betrachtete Rebecca ihr Spiegelbild. Ein braun gebranntes, windzerzaustes Mädchen in zerrissenen Denim-Shorts. Sie sah verändert aus. Sie wusste nicht, inwiefern, aber etwas an ihr hatte sich definitiv verändert.

Scheiß drauf, sagte sie zu sich. Sie würde im nächsten Ort etwas zum Anziehen finden. Sie fuhr mit dem Aufzug in die Tiefgarage unter dem Einkaufszentrum und strich mit den Fingern über die Ohren ihrer begeistert herumhüpfenden Hunde.


Bec zitterten nach der langen Schotterstraßenfahrt, aber auch vor Nervosität die Hände, als sie am Samstag vor der Hochzeit die Glocke des Dingo-Trapper-Hotels läutete. Aus der Bar hörte sie Darren Weatherby rufen: »Immer ruhig mit den jungen Pferden, ich komm’ ja schon.« Eine Zigarette im Mundwinkel, kam er um die Ecke, die Arme voll leerer Kartons. Als er Rebecca erblickte, ließ er sie in gespieltem Entsetzen fallen.

»Beccy Saunders, ich glaub’ es nicht!«

»Dirty!« Sie warf sich in seine Arme, und er drückte einen stoppeligen, nikotingeschwängerten Kuss auf ihre Wange.

»Du kommst zur Hochzeit, stimmt’s?«

»Ja, ich dachte, das gehört sich so.«

»Wie ist es so im Norden? Ein bisschen weiß ich von Tom und von deinen Karten. Er erzählt, du würdest Schweine schießen, mit Kröten golfen und mit wilden Stieren kämpfen.«

»Genau. War toll. Wär lieber daheim auf der Farm, aber so läuft das Karnickel nun mal, ay, Dirty?«

»Ahh! Hab’ schon gehört, dass du das ›Ay‹ aus dem Norden mitgebracht hast.«

Bec zuckte lächelnd mit den Achseln.

»Deinen alten Herrn hab’ ich in letzter Zeit kaum gesehen. Wenn er was zu erledigen hat, schickt er lieber Mick in die Stadt.«

Rebecca sah sich im Pub um. »Bei dir hat sich kaum was verändert.«

»Nee.« Dirty sah sich ebenfalls um. »Hab’ eben kein Glück.«

»Hättest du für ein, zwei Nächte ein freies Zimmer, Dirty? Ich weiß nicht so recht, wo ich übernachten soll.« Bec spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen.

»Ach, Liebes. Wir sind mit Hochzeitsgästen ausgebucht. Ein Haufen von denen ist aus der Stadt raufgekommen, bis jetzt hab ich nichts als Beschwerden von denen gehört. Ständig fragen sie, ob’s eine ›anderweitige‹ Unterkunft in der Nähe geben würde, etwas mit eigenem Bad. Die machen mich noch irre. Aber für deinen Schlafsack finden wir bestimmt einen Platz, und die Dusche kannst du auch benutzen. Ich schätze, deine Hunde hast du auch dabei, wo du doch die Hundekönigin bist und so.« Er schaute aus dem Fenster nach ihrem Pick-up. »Die kannst du hinten anbinden. «

»Danke, Dirty. Du bist eine Legende.«

»Du hast uns gefehlt, Mädchen. Deinem Bruder Tom übrigens auch. Der hängt hier praktisch jedes Wochenende ab und trinkt sich zu.«

»Hast du ihn dieses Wochenende gesehen?«

»Er ist draußen bei eurem alten Herrn und lässt sich als Trauzeuge rausputzen. Trudy ist mit den Brautjungfern bei Angela Carmichael und lässt sich die Haare aufdingsen. Von dort aus fahren sie direkt zur Kirche. Du solltest St. Matthews sehen … sämtliche Weiber der Stadt hocken in der Kirche, hängen alles mit Blumen voll und blasen die Vorder- und Hinterbacken auf. Trudy hat beschlossen, dass der Empfang auf Waters Meeting gegeben wird.«

Rebecca spürte kaltes Entsetzen, als Dirtys Kommentar über sie wegspülte.

»Sie haben den Garten hergerichtet und anscheinend ein Zelt und eine Jazzband aus der Stadt gemietet.«

Damit hatte Bec nicht gerechnet. Laut Einladung sollte die Feier im Gemeindesaal stattfinden. Heimzukehren und zu erleben, wie ein wildfremdes Mädchen in ihrem Elternhaus heiratete, in ihrem Farmhaus auf Waters Meeting … Sie spürte, wie der Hass auf ihren Vater in ihrem Herzen zu erglühen begann und ihr gleichzeitig schlecht wurde.

»… Heiliger Hammer. Eine Jazz-Band. Ich frage dich, was soll aus dieser Welt nur werden!« Dirty verstummte, als er Becs verzerrtes Gesicht bemerkte.

»Es ist doch schon nach elf, oder, Dirty?«

»Was? Oh.« Er sah auf die Uhr. »Gerade mal.«

»Ist deine Bar geöffnet? Ich brauche nämlich einen Scotch.«

»Für dich ist die Bar immer geöffnet, Bec. Ich geb’ dir einen Doppelten, oder?«

»Ja. Nur ein schneller Kurzer, dann binde ich meine Hunde an und werfe mich in Schale.«

Er reichte ihr den Drink, und ihr Blick senkte sich auf die Eiswürfel, die in der gelbbraunen Flüssigkeit dümpelten. Ein Klumpen schnürte ihr die Kehle zu. Dicke, warme Tränen tropften auf die flauschige grün-rote Decke auf der Bar und spritzten dann, als sie das klirrende Glas hob, auf die Eiswürfel.

»Hey, Bec«, sagte Dirty tröstend, »wenn du lieber einen Scotch mit Wasser gehabt hättest, hättest du das sagen sollen. « Er kam um die Theke herum, nahm ihr das Glas ab und legte den Arm um ihre Schultern. Sie lachte ein wenig und vergoss gleichzeitig eine Menge Tränen, und Dirty tat alles, um ihr die Verlegenheit zu nehmen.

»Man sagt immer, die Arbeit in einer Bar besteht zu fünfzig Prozent aus Drinksausschenken und zu fünfzig Prozent aus Ratgeben.« Dirty sprach zu dem Scheitel auf Rebeccas gesenktem Kopf. »Durch dich und Tom spült dein Dad einen Haufen Geld in meine Kasse. Eigentlich sollte ich dem alten Mistkerl ein Dankschreiben schicken.«

Damit schaltete er die Musikbox ein und wählte den traurigsten Dixie-Chicks-Song aus, den er darin finden konnte. »Wenn du schon in deinem Elend baden willst, dann solltest du es richtig machen und dich so tief wie nur möglich in dein Unglück versenken, Mädchen.«

Die Dixie Chicks erfüllten das leere Pub mit ihren schneidenden Trauerstimmen. Dirty reichte Bec den zweiten Scotch, und sie sah dankbar in sein faltiges und freundliches Gesicht auf.

Sie konnte sich kaum bedanken, weil die Tränen schon wieder zu fließen begannen. Der Drink wärmte ihren leeren Magen wie Balsam.


Frankie sah ihre Tochter vor der weißen Holzkirche stehen. Sie wollte schon zu ihr hinlaufen, doch etwas hielt sie zurück. Sie beobachtete Rebecca durch die Menge hindurch und erkannte erschrocken, dass ihre Tochter ihr fremd geworden war.

Sie sah verändert aus. Älter. Sie hatte das Haar hochgesteckt und stand verlegen in ihrem ärmellosen blauen Kleid abseits. Frankie kam zu dem Schluss, dass Rebecca schön aussah. Erwachsen.

Nervös über seine Krawatte streichend, folgte Peter ihrem Blick. »Rebecca?«

Frankie nickte.

»Sie ist bezaubernd.«

Als Rebecca sich umdrehte und ihre Mutter bemerkte, kam sie angelaufen und schloss sie liebevoll in die Arme.

»Mum! Wie schön, dich zu sehen. Du siehst toll aus.«

»Du aber auch! Wie braun du bist!«

»Das kommt von der Arbeit im Freien.«

Sie lachten und umarmten sich erneut.

»Nervös?«, fragte Frankie.

»Und wie.«

»Hast du Dad schon gesehen?«

»Nein.«

Peter räusperte sich.

»Ach! Entschuldige«, sagte Frankie zu Peter. »Rebecca, ich möchte dir einen Freund von mir vorstellen. Peter. Peter, das ist meine Tochter. Rebecca.«

»Schön, dass wir uns endlich mal begegnen.« Bec schüttelte enthusiastisch seine Hand. »Schließlich tauchst du oft genug in Mums Briefen auf.«

»Ach ja, ach ja?« Peter lächelte Frankie liebevoll an.

Rebecca fand ihn sympathisch. Er strahlte aufrichtige Güte aus, und seine Augen wirkten freundlich. Genau in diesem Moment erschien der Pfarrer unter dem Rundbogen der Kirchentür und bat die Hochzeitsgäste in den Saal.

»Mum, der Mann im langen Kleid möchte, dass wir ein wenig mit Gott schwatzen.« Sie nickte zu dem Pfarrer hin.

»O Rebecca!« Frankie verdrehte die Augen und lächelte. »Wie ich sehe, hast du noch immer keinen Respekt vor der Kirche entwickelt.« Dann sagte sie zu Peter: »Meine Tochter hat Schwierigkeiten mit allem, was Konformität erfordert. Darunter fällt auch die Religion. Der Mann im langen Kleid ist Pater Peterson. Er hat alle meine Kinder getauft und mich und meinen … Harr … meinen Ex-Mann getraut.«

Bei der Erwähnung von Rebeccas Vater krampfte sich Rebeccas Magen zusammen. Ihr graute vor dem Gedanken, dass er hier, in dieser Kirche, saß. Die Wirkung des Whiskys am Vormittag war verflogen, inzwischen hatte sie Kopfschmerzen. Ihre Mutter nahm sie am Arm und führte sie in die kühle, dunkle Kirche. Rebecca fragte sich, ob Frankie sie damit unterstützen wollte oder ob es sich genau umgekehrt verhielt.

Menschen, die ihr größtenteils unbekannt waren, drängten sich in den alten Eichenbänken. Die drei begannen zu zaudern und verzogen sich in eine leere Bank weit hinten in der Kirche. Ein paar Einheimische drehten sich zu ihnen um und winkten sie nach vorn in die Reihen, die für die Verwandten reserviert waren, aber Rebecca und ihre Mutter schüttelten lächelnd den Kopf und lehnten ihr Angebot mit einem kurzen Winken ab.

Rebecca konnte ihren Vater ganz vorn in der Kirche sitzen sehen. Seine Haare waren lang und lagen in einer struppigen, grauen Matte auf seinem Kopf. Die Nadelstreifen seines Anzugs hingen schlaff über seinen herabgesackten Schultern. Er schien angestrengt seine Schuhe zu betrachten.

Vor Harry saßen Tom und Mick. Rebeccas Herz machte einen Satz, als sie die beiden sah. Obwohl die Jungs nervös an ihren Krawatten und Knöpfen herumnestelten, sahen beide richtig scharf aus. Rebecca hatte vergessen, wie groß und gut aussehend Mick war. Sein schwarzes Haar glänzte und war im Nacken frisch und akkurat geschnitten. Er war rasiert, und an seinen Händen war nicht der kleinste Ölfleck zu entdecken. Er sah umwerfend aus. Dann musterte Rebecca Tom. Sein eigensinniges, sandblondes Haar war kurz geschnitten und nach hinten gekämmt. Es stand ihm gut. Seine Haut hatte den gleichen honiggoldenen Teint wie Rebeccas. Er legte die Hand an seine Krawatte und zog sie zurecht. Was für wunderschöne Hände, dachte Rebecca. Sie fragte sich, ob er inzwischen eine Freundin gefunden hatte. Es hätte Rebecca erstaunt, wenn nicht eine von Trudys Freundinnen heute Abend auf ihn anspringen würde.

Genau in diesem Moment tauchte eine Frau mit rosa Hut, das Haar zu einem Lockenberg aufgetürmt, vor den Jungs auf und strich Toms Haar glatt. Rebecca starrte auf ihren ausladenden, in fuchsienrote Seide gezwängten Hintern und auf die Fußballerbeine, die in fetten Knöcheln und winzigen, in rosa High Heels mit Riemchen geklemmten Füßchen mündeten.

Frankie flüsterte Bec zu: »Ich glaube, das ist Trudys Mutter.«

»Keine guten Gene, so wie es aussieht«, murmelte Bec aus dem Mundwinkel und spürte im nächsten Augenblick, wie ihre Mutter ihr sanft auf den Schenkel schlug.

Die Frau an der Orgel rang ihrem Instrument ein paar gepresste Töne ab, die sich nach einer rolligen Katze anhörten. Dann hielt die Braut von ihrem kleinen, fetten, fast kahlen Vater begleitet Einzug.

»Ganz eindeutig keine guten Gene«, flüsterte Bec ihrer Mutter wieder zu.

»Pssst.«

»Wahrscheinlich versteckt sie sich deshalb unter diesem Moskitonetz.«

»Psssst!«

Bec starrte durch mehrere Lagen von weißem Tüll und versuchte Trudys Gesicht auszumachen. Sie sah mit ihrem elfengleichen Antlitz und den tränenglänzenden Augen hübsch aus. Rebecca spürte, wie sich Frankie an ihrem Arm festkrallte, und sah, als sie ihre Mutter anblickte, wie sich deren Gesicht unter dem Ansturm der Gefühle verzerrte. Rebeccas Schutzwall aus whiskygetränktem Sarkasmus fiel in sich zusammen. Sie fühlte sich verletzlich und allein.

Während die dröhnende Stimme von Pater Peterson die Kirche erfüllte, saßen Mutter und Tochter still weinend in ihrer Bank, umkrampften ihre Taschentücher und tupften sich immer wieder die Augen trocken. Wenn jemand in ihre Richtung sah, reagierten Rebecca und Frankie mit einem dünnen Lächeln. Seufzend sah Rebecca auf die Rücken ihrer aufrecht und still dastehenden Brüder. Sie hatte das Gefühl, die beiden Männer, die in ihren eleganten Anzügen vor dem Altar standen, gar nicht zu kennen.


Bunte Papierlampions hingen an den Veranden rund ums Haus. Bambusfackeln flackerten rund um die mit frischem Kies aufgeschüttete kreisförmige Auffahrt, und in den Eukalyptusbäumen blinkten Lichterketten. Die Fuchskusus huschten nervös in den Ästen herum und beobachteten von oben herab die Menschen, die in kleinen Grüppchen auf dem Rasen standen. In dem Partyzelt auf dem Rasen vor dem Haus stießen die Gäste lachend mit Weingläsern an oder lagerten beschwipst auf den weißen Plastikstühlen.

In einer Ecke hockte ein zusammengesunkener und betrunkener Harry an seinem Tisch und sah immer wieder missmutig zu Frankie und Peter herüber, die mit Rebecca an einem Tisch saßen.

An der langen, weißen Hochzeitstafel lungerte Mick im Kreise seiner Trauzeugen wie ein Römer bei einem Gelage. Trudy flatterte, ein unverrückbares Lächeln auf dem Gesicht, in ihrem perfekten Satingewand von Tisch zu Tisch.

»Wie schön, dass ihr gekommen seid«, schnurrte sie Frankie an.

»Also, ich würde doch kaum die Hochzeit meines eigenen Sohnes verpassen, oder?«, murmelte Frankie in ihr Weinglas.

In der Hoffnung, dass Trudy sie nicht gehört hatte, sprang Rebecca allzu schnell vom Tisch auf und stieß dabei ein Bierglas um.

»Oh! Huch! Dabei wollte ich dich nur umarmen, Schwägerin! « Während Frankie und Peter das verschüttete Bier aufwischten, umarmten sich Bec und Trudy ungelenk. Rebecca spürte Trudys knochiges Schulterblatt unter dem Brautkleid. Sobald Trudy zum nächsten Tisch abflatterte, griff sie nach ihrem Weinglas und kippte die schale Flüssigkeit hinunter.

Harry suchte den Blick seiner Tochter, doch Rebecca drehte ihm betont den Rücken zu. Sie schaute den Paaren zu, die sich zahm zu den Jazzstücken bewegten. Am Rand der Menge bemerkte sie Tom, dem das Hemd aus der Hose hing und dessen Haar schon wieder wild zerzaust war. Er saß verkehrt herum auf einem weißen Plastikstuhl und ritt ihn wie beim Rodeo. Tom gab seinem weißen Stuhl die Sporen und warf eine Hand hoch, als würde er auf einem wilden Stier sitzen. Plötzlich knickte ein Stuhlbein ein, und er landete der Länge nach auf den ungehobelten Dielen des Tanzbodens. Rebecca stand auf, um ihm zu helfen, aber Trudys Mutter kam schon mit wackelndem rosa Hut angeeilt.

»Das reicht jetzt wohl«, sagte sie mit einem stählernen Lächeln. Ihre Finger bohrten sich in Toms Arm.

»Wir wollen doch nicht, dass du Michaels und Trudys Ehrentag verdirbst.«

»Was soll daran eine Ehre sein?«, sagte Tom halblaut und sah stirnrunzelnd dem wackelnden Hinterteil von Trudys Mutter nach. Er taumelte an einen freien Tisch, schnappte sich ein Glas mit Rotwein, setzte an und leerte es in einem Zug.

»Machst du einen drauf, Tom?«

»Ahhh! Bec! Trinken wir auf eine im Himmel geschlossene Verbindung!« Er sah zu Mick hinüber, der eine taftumhüllte Brautjungfer auf dem Schoß hatte und lachte.

»Komm mit! Bringen wir ein bisschen Schwung in die Sache. « Rebecca griff nach Toms Hand, und gemeinsam tauchten sie unter die weißen Leintücher, mit denen die Hochzeitstafel gedeckt war.

Sie krabbelten bis zu dem Platz, auf dem Mick mit der beschwipsten, kichernden Brautjungfer saß. Boshaft lächelnd fuhr Rebecca mit einer Hand an Micks Schenkel auf und ab.

»Er ist so blau, dass er bestimmt glaubt, es ist die Kleine! Er hat keine Ahnung, dass wir hier sind«, flüsterte Bec. Tom deutete auf das Bein der Brautjungfer.

»Mach schon!« Bec nickte grinsend.

Tom schob seine Hand unter das Kleid der Brautjungfer; in dem Glauben, es sei Micks Hand, kreischte das in pfauenblauen Taft gehüllte, üppige Mädel auf und kippte nach hinten weg, nicht ohne Mick eine zu kleben.

Unter dem Tisch erstickten Bec und Tom fast vor Lachen, als sie Trudys Brautschuhe auf Mick und die Brautjungfer zumarschieren sahen. In nicht allzu leisem Flüsterton befahl Trudy Mick, sich zu benehmen, und Shelley, nüchtern zu werden.

Dann packte Trudy Mick an der Hand, schleifte ihn zum Tanzboden und zeigte ihm dort, wie entschlossen sie war, »ihren Hochzeitstag zu einem Erfolg« zu machen. Immer noch lachend, streckte Bec eine Hand unter dem Tischtuch hervor und stibitzte eine Flasche Wein vom Tisch. In ihrem Hochzeitstafel-Spielhaus hoben Bruder und Schwester ihre Gläser zu einem schwankenden, trunkenen Trinkspruch.

»Auf Dick und Trübi!«

»Auf Dick und Trübi!«, wiederholte Tom, dann stießen sie an.

»Du hast Rotweinlippen«, lallte Bec, als sie zusammengekauert einander im Schneidersitz gegenübersaßen.

»Du auch«, lallte Tom zurück und schwenkte einen unsicheren Finger in ihre Richtung, bis sie ihn wegschlug. Beide verstummten, während sie sich den Rotweinrand von den Lippen leckten.

»Scheiß doch drauf, Tom.«

»Genau. Scheiß doch drauf, Bec.« Dann tranken sie wieder.

»Scheiß auf Dad«, sagte Tom.

»Genau. Scheiß auf ihn.« Wieder verstummten beide und tranken.

»Scheiß drauf, Rebecca … ich bin in deine Freundin verknallt«, platzte es aus Tom heraus.

»In wen? Was für eine Freundin?«, fragte Bec mit hochgezogenen Brauen und setzte das Glas von den Lippen ab.

Tom schüttelte den Kopf. »Nee. Nee. In niemanden …«

»Komm schon, Bruder. Spuck’s aus.«

»Sal. Ich liebe Sal. Sally Carter-Farter, die ist echt Wahnsinn. Trudy hat sie nicht auf ihre Hochzeit eingeladen.«

»Sally? Sally Carter? Du liebst Sal? O Gott, Tom.« Rebecca schlug die Hand vor den Mund, so überrascht war sie. »Aber Tom, du weißt doch, wie sie ist … sie ist immer noch in ihrer ›Probefahrt‹-Phase, was Männer angeht. Sie ist, also, sie ist … echt nicht nett zu den Männern, Tom. Sosehr ich sie liebe, sie ist nichts für dich. Erst würde sie dich besinnungslos vögeln, und dann würde sie dir das Herz brechen.«

Tom fuhr sich mit der Hand durchs Haar und wandte das Gesicht ab, doch sie konnte den Schmerz in seiner Miene sehen.

»Vergiss einfach, dass ich was gesagt hab.«

»O Tom.« Bec schloss ihn in die Arme. Als sie ihn so hielt, spürte sie, wie ihr betrunkener Bruder unter ihrer Berührung zerbrach und in sich zusammensackte.

»Komm wieder nach Hause, Bec. Komm einfach wieder nach Hause. Ohne dich halte ich es hier nicht aus. Ohne dich und Mum. Ich halte es mit ihnen nicht mehr aus. Es geht einfach nicht mehr.«

Rebecca hielt ihn von sich weg.

»Dann geh! Komm mit mir nach Blue Plains.«

»Nein.«

»Warum denn nicht? Warum schreibst du dich nicht an der Uni ein? Für Kunst oder so? Du weißt, dass du begabt bist. Du könntest mit Mum zusammen in der Stadt wohnen …«

»Nein«, schluchzte Tom und schlug ihre Hände weg. Mit schmerzverknittertem Gesicht sagte er: »Ich werde hier nie weggehen. Das ist mir klar geworden. Wohin ich auch gehen würde, er wäre immer schon da … und was ich auch anfangen würde, er würde es kaputt machen.«

»Wer?«

»Du weißt schon, wer. Sag mir nicht, dass du seine Stimme nicht in deinem Kopf hörst. Jeden Tag. Voller Tadel. Ich halte es nicht mehr aus. Es geht einfach nicht mehr.« Er begann an seinen Haaren zu zerren.

Rebecca konnte nichts weiter tun, als ihren weinenden Bruder an seinen breiten Schultern zu fassen. Sie strich ihm über die Haare und sagte immer und immer wieder: »Psst. Psst. Psst.«


Rebecca zog die Decke über Toms Schultern und stellte den Eiskrem-Behälter an den Bettrand. Dann beugte sie sich über ihn und redete auf ihn ein wie auf einen halb tauben Greis.

»Der Eimer steht direkt neben dem Bett, wenn dir übel wird, Tom. Ich habe ihn dir hergestellt, Tom. Wenn dir übel wird. Tom, der Eimer.« Keine Reaktion.

Hinter dem Fenster konnte sie die Schatten der Gäste sehen, die sich innerhalb des Zeltes bewegten. Schatten, die zum »Chattanooga Choo Choo« tanzten.

Sie trat aus Toms Zimmer in den Gang. Blumensäulen reihten sich an der Wand. Es war Jahre her, seit sie das letzte Mal Blumen in diesem Haus gesehen hatte. Sie fuhr mit der Hand über die kühle Mauer. Dann bemerkte sie eine Gestalt hinter sich und schreckte zusammen.

Sie drehte sich um – es war Frankie. Es war so befremdlich, sie hier im Haus stehen zu sehen.

»Mum!«

»Sag es nicht deinem Vater. Ich habe ein bisschen herumgeschnüffelt. Das Haus ist eindeutig aufgeräumter als zu meiner Zeit«, sagte sie. »Aber es ist immer noch dunkel und kalt.« Sie schauderte sichtbar.

Rebecca hätte am liebsten geantwortet: »Kein Wunder, dass es unaufgeräumt war, du warst ja nie zu Hause!« Aber sie behielt ihre Gedanken für sich und sagte leise: »Mum. Es ist wegen Tom. Es geht ihm nicht gut.«

»Mach dir keine Sorgen. Der muss sich nur ausschlafen. Weißt du noch damals nach dem großen Flohmarkt, als du zwölf warst und er dreizehn und ihr beide die Kiste Sekt aufgetrieben hattet und – «

»Nein. Das meine ich nicht. Es geht ihm nicht gut, du weißt schon Rebecca tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Stirn.

»Bec, er war schon immer empfindlich. Das weißt du doch. Er wird schon darüber hinwegkommen. Diese Launen gehen vorüber.«

Rebecca packte ihre Mutter am Arm. »Mum, du musst mit ihm reden. Du musst etwas unternehmen.«

»Was denn unternehmen? Er ist mein Sohn. Ich kenne seine Launen. Sie gehen vorüber.« Die Reaktion ihrer Mutter machte Bec fassungslos. »Machst du das immer so?« Plötzlich wurde Rebecca wütend und spürte, wie die Gefühle sie überwältigten.

»Wie meinst du das?«

»Wegrennen. Wenn dir etwas zu anstrengend wird – so wie deine Familie.«

»Rebecca, das ist nicht der Zeitpunkt und nicht der Ort dafür.«

»Ach so, und wann ist für dich der richtige Zeitpunkt und Ort, dich der Tatsache zu stellen, dass dein Sohn von seinem Vater erdrückt wird?«

Frankies Gesicht schrumpfte in sich zusammen, und plötzlich standen Tränen in ihren Augen. »Ich kann das jetzt nicht, Rebecca. Es war schwer genug für mich, hierher zu kommen … Du weißt ja nicht, wie das ist.«

»Nein, das weiß ich nicht, und ich werde es hoffentlich nie wissen«, brüllte Rebecca sie an. »Warum läufst du nicht zu deinem neuen Lover, haust mit ihm ab und überlässt es wie üblich mir, alles auszubaden?« Sie drängte an ihrer Mutter vorbei, stampfte den Gang hinunter und trat instinktiv in ihr ehemaliges Zimmer. Sie knallte die Tür zu, lehnte sich mit dem Rücken gegen das schwere hölzerne Türblatt und schloss die Augen, um nicht loszuheulen. Als sie die Augen wieder öffnete, wurde der Raum von dem milden Licht der Papierlampions im Garten erfüllt. Magisch tanzte es auf den Goldbuchstaben ihrer Preisbänder und beschien die winzigen Gesichter in den Fotorahmen. Sie schaltete das Licht an und stand unvermittelt mitten in ihrer Vergangenheit. Ihrem Zimmer. Ihrem Heim.

Alles war genau so, wie sie es zurückgelassen hatte, nur dass ihr Bett mit Schachteln voller Hochzeitskarten und den gleichen goldenen Bändern, die in der Kirche die weißen Rosen gehalten hatten, beladen war. Trudy war in ihrem Zimmer gewesen. Rebecca biss die Zähne zusammen und trat an ihren Schrank.

Drinnen lagen ihr Lederfärbe- und ihr Bierbrauer-Set unter ihren Kleidern, Kleidern, die einer Fremden zu gehören schienen.

Sie stellte sich an den Schreibtisch und beugte sich zu den Fotos am Pinnbrett vor. Eine junge Rebecca mit Rattenschwänzchen lächelte sie an. Sie saß mit ihren Brüdern und ihren Cousins auf den Stufen vor dem Haus. Reg, ihr alter rotbrauner Hund, lehnte an ihrem Bein und sah zu ihr auf. Auf einem zweiten Bild war sie älter. Mit wild wehender Mähne auf Ink Jet, die über einen Baumstamm setzte. Bei der Heuernte am Steuer des Deutz-Traktors. Grimassen schneidend auf einem Aussichtsturm über einem Berggipfel. Genau wie Tom. Neben ihrer Mutter hinter strahlenden Kerzen bei einer Dinnerparty im großen Esszimmer. Gemeinsam mit ihren Brüdern kopfüber an einem Pick-up hängend, mit bleichem, verquollenem Gesicht nach einem B&S.

Rebecca verschränkte die Arme vor der Brust. Sie hatte eine Gänsehaut. Auf dem ganzen Brett gab es kein einziges Bild, das ihren Vater zeigte.

Sie holte einen Rucksack aus ihrem Schrank und begann, die Fotos abzunehmen und einzupacken. Dazu stopfte sie etwas Wechselkleidung und ein paar ihrer liebsten Ratgeber für Hundeausbildung. Dann fuhr sie mit den Fingern über den flauschigen Filz der Ponyclub-Bänder und schloss noch einmal die Augen.

Als sie wieder aufsah, stand er in der Tür.

»Was tust du hier oben? Bist du gekommen, um mich zu beklauen?«

»Dad.«

O Gott. Was konnte sie zu ihm sagen? Sie sah ihm in die Augen. Was sollte sie zu ihm sagen? Vielleicht würde er sie ausgerechnet jetzt wieder aufnehmen. Sie blieb vor ihm stehen.

»Raus aus meinem Haus.«

Die Worte trafen sie wie eine Ohrfeige.

»Dad?«

»Glaub bloß nicht, dass du einfach wieder anspaziert kommen kannst, nachdem du so abgehauen bist. Glaub bloß nicht, dass du hier wieder einziehen kannst, nachdem du ein ganzes Jahr weg warst und Cowgirl gespielt hast. Nach allem, was du mir angetan hast.«

»Ich wollte nicht … ich wollte nur …«

»Du verschwindest auf der Stelle von hier.« Er schwenkte den Arm in Richtung Treppe und trat auf sie zu. Sie sah ihm an den Augen an, dass er betrunken war. Er beugte sich über sie und knurrte durch die weinfleckigen Zähne: »Ihr habt vielleicht Nerven, hier gleichzeitig aufzutauchen, du und deine Mutter.«

» Was ich – «

»Halt den Mund. Bei dir heißt es immer nur ›ich‹. ›Ich kann‹, ›ich will‹, ›ich bin‹. Du hast mich nie respektiert. Nie. Immer hast du alles in Frage gestellt, was ich gesagt habe. Tja, hier geht es nicht nach deinem Kopf. Mick und Trudy werden hier einziehen, und sie werden mit mir zusammen hier wohnen. Trudy ist ein anständiges Mädchen. Sie wird bei ihrem Mann bleiben. Sie wird im Haus bleiben. Sie wird weiter als Lehrerin arbeiten und Geld ins Haus bringen. Sie wird den Druck von uns nehmen. Nicht wie du. Nicht wie du und deine Mutter. Kein bisschen wie du. Und jetzt raus. Raus aus meinem Haus.« Er riss ihr den Beutel aus den Händen, warf ihn auf den Boden und schubste sie aus der Tür.

Rebecca, benebelt vom Alkohol, fehlten die Worte. Während sie sich durch den Gang von ihm entfernte, sah sie ihm in die Augen und erklärte bitter: »Ich liebe dich auch, Daddy.«

Wo die Wasser sich finden australien2
titlepage.xhtml
titel.xhtml
cover.html
e9783641081164_cop01.html
e9783641081164_fm01.html
e9783641081164_ata01.html
e9783641081164_toc01.html
e9783641081164_p01.html
e9783641081164_c01.html
e9783641081164_c02.html
e9783641081164_c03.html
e9783641081164_c04.html
e9783641081164_p02.html
e9783641081164_c05.html
e9783641081164_c06.html
e9783641081164_c07.html
e9783641081164_c08.html
e9783641081164_c09.html
e9783641081164_c10.html
e9783641081164_c11.html
e9783641081164_p03.html
e9783641081164_c12.html
e9783641081164_c13.html
e9783641081164_c14.html
e9783641081164_c15.html
e9783641081164_c16.html
e9783641081164_c17.html
e9783641081164_c18.html
e9783641081164_c19.html
e9783641081164_c20.html
e9783641081164_c21.html
e9783641081164_c22.html
e9783641081164_c23.html
e9783641081164_c24.html
e9783641081164_c25.html
e9783641081164_p04.html
e9783641081164_c26.html
e9783641081164_c27.html
e9783641081164_c28.html
e9783641081164_c29.html
e9783641081164_c30.html
e9783641081164_c31.html
e9783641081164_c32.html
e9783641081164_c33.html
e9783641081164_c34.html
e9783641081164_c35.html
e9783641081164_c36.html
e9783641081164_c37.html
e9783641081164_c38.html
e9783641081164_c39.html
e9783641081164_c40.html
e9783641081164_c41.html
e9783641081164_c42.html
e9783641081164_c43.html
e9783641081164_c45.html
e9783641081164_p05.html
e9783641081164_c46.html
e9783641081164_c47.html
e9783641081164_c48.html
e9783641081164_c49.html
e9783641081164_c50.html
e9783641081164_c44.html
e9783641081164_ack01.html