Kapitel 38
Harry war selbst überrascht, dass er das zu dieser großen, gut gekleideten jungen Frau sagte.
»Wie geht es Rebecca so?« Die Worte purzelten unbeholfen aus seinem Mund, auch, weil er nicht die Kraft aufbrachte, Sally dabei in die Augen zu sehen. Sie saß auf der Sitzbank im Führerhaus des Pick-ups und sah angestrengt nach vorn, während sie auf dem Feldweg über die Weiden am Fluss holperten.
Sally lächelte freundlich und wandte den Blick von den traurigen Überresten der hoffnungslos überweideten Luzernen ab, die nach der Dürre ums Überleben kämpften. »Es geht ihr gut. Sehr gut. Charlie auch.«
Sie musste an den gestrigen Anruf denken. Ihr Herz hatte wie wild geschlagen, als sie Rebeccas Stimme gehört hatte. Sie konnte nicht abschätzen, wie ihre Freundin reagieren würde, nachdem Sally so plötzlich aus Rebeccas Leben verschwunden war. Aber gleich darauf hatte sie das Lächeln in Rebeccas Stimme gehört. Sie hatte sich von Herzen gefreut, von Sally zu hören. Nachdem Sally mit ihr darüber diskutiert hatte, ob sie Harry wohl umstimmen konnte, Rebecca wieder auf der Farm aufzunehmen, hatte sich das Gespräch vor allem um Tom gedreht.
»Ich weiß, dass ich mich nicht so um dich gekümmert habe, wie ich es hätte tun müssen«, sagte Sally leise. Sie hätte eigentlich erwartet, dass Rebecca sie mit einer ironischen Bemerkung aufrütteln würde, aber stattdessen hatte sie zur Antwort bekommen: »Ich kann das verstehen. Ich weiß, du hast dich irgendwie auch für Toms Tod verantwortlich gefühlt, Sal …«
Sally wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte, und schwieg deshalb.
»Aber du warst wirklich nicht daran schuld. Niemand war schuld. Tom brauchte jemanden, auf den er seine Träume richten konnte, und dieser Jemand warst zufällig du.«
»Wenn ich die Uhr zurückdrehen könnte …«
»Das ist doch Quatsch«, war ihr Rebecca ins Wort gefallen. »Du hättest nicht zu Tom gepasst, das wissen wir beide, also brauchst du solche Sachen gar nicht erst zu denken.«
Plötzlich riss Harrys Stimme Sally in die Gegenwart zurück.
»Hat sie einen Job?«, fragte Harry.
»Sie hat nicht wirklich gesucht. Sie leistet tolle Arbeit auf Charlies Farm … Seine Familie profitiert enorm von ihren Fähigkeiten«, log sie.
Sally wollte keinesfalls zu viel verraten. Sie würde ihn ein bisschen hinhalten. Um festzustellen, wo er stand, wenn es um die Zukunft seiner Tochter ging.
Trotz allem tat ihr Harry unwillkürlich leid. Sie war entsetzt gewesen, als sie zum Haus hinaufgefahren war. Immerhin war dies das Haus, von dem sie als Kind immer geträumt hatte. Obwohl sie viele Wochenenden auf der Hobbyfarm ihrer Familie verbracht hatte, hatten dem brandneuen Backsteinhaus im Farmhausstil, das ihr Vater errichtet hatte, Herz und Seele gefehlt. Waters Meeting hingegen mit seinem Farmhaus, seinen Ländereien und dem Himmel darüber steckte voller uralter Energie. Hier tummelten sich die Geister längst dahingeschiedener Menschen und Tiere. Im Holz, im Blech, in der Wildnis, überall war die Vergangenheit zu spüren. Als Kinder hatten Sally und Rebecca überall Schätze aus der Geschichte aufgestöbert – in Gestalt von winzigen Tonscherben im Boden, einem verrosteten Nagel im Margeritenbeet, dem alten Horn einer längst verstorbenen Kuh, der verrosteten Kette eines Hundes, den kein Lebender mehr gekannt hatte. Sie hatte Rebecca darum beneidet, in dieser unübersichtlichen Homestead aufwachsen zu dürfen, die sich zwischen die hohen Bäume und die Flussweiden der postkartenschönen Farm im Tal schmiegte. Die hier verbrachten Schulferien hatten Sally goldene Erinnerungen an endlose Sonnentage, Ponyausritte ohne Sattel, Geplansche im warmen Sommerfluss geschenkt. An Frankie, die mit winzigen verwaisten Ferkelchen, Kälbern oder Lämmern auftauchte. An herumspringende Welpen, festes Weißbrot und hausgemachte Himbeermarmelade. Alles war irgendwie chaotisch und gleichzeitig friedvoll gewesen. Als Kinder konnten sie so viel Freude an den vielen lebendigen Dingen um sie herum finden und den Zauber der vergangenen Leben spüren, die einst über dieses Land gewandelt waren.
Nun erschien ihr das Haus düster. Die Seelen verstummt. Das Tal menschenleer. Während Sally den Pfad zur Haustür hinaufgegangen war, hatte sie den Wind in den schattigen Pinien heulen gehört und leise gefröstelt. Sie musste an Tom denken. Hatte er sich an einem dieser glatten grauen Äste aufgeknüpft?
Sie wusste nicht genau, wo er es getan hatte. Oder wie. Ohne es zu wollen, hielt sie Ausschau nach einem Seilrest oder einer Scharte an einem waagerechten Ast. Wieder hatte sie kurz gefröstelt, dann hatte sie die Hand nach der alten Kuhglocke an der Hintertür ausgestreckt, die über einem spinnwebenüberzogenen Nest aus alten Stiefeln hing. Sobald die Glocke anschlug, gerieten die schwarzen Spinnen in Panik und zogen sich tiefer in ihre Netze zurück.
Harry öffnete ihr die Tür, doch Sally weigerte sich, auf eine Tasse Tee ins Haus zu kommen. Stattdessen erklärte sie viel zu fröhlich: »Kommen wir gleich zur Sache. Schauen wir uns doch erst einmal den Fluss an. Unterwegs können wir alles besprechen.«
Harry war erleichtert. Er hatte zwar die Küche aufgeräumt und gefegt, war aber trotzdem nicht besonders wild darauf, Tee zu kochen und die leicht stichige Milch hineinzuschütten. Vor allem fürchtete er sich davor, in angespanntem Schweigen dazusitzen, ohne dass wenigstens die Uhr getickt hätte.
Jetzt übertönte das Brummen des Motors ihr Schweigen, und das Rumpeln, Rasseln und Scheppern füllte die tiefen Lücken in ihrer Konversation.
Sally beschränkte sich auf schlichte und zielgerichtete Fragen. Sie war als Vertreterin von Landcare hier, nicht in ihrer Rolle als Finanzberaterin. Sie erkundigte sich nach Unkrautbekämpfungsprogrammen, Geländegrößen, früheren Versuchen, den Boden aufzubereiten. Sie notierte die Antworten mit wackligen Kürzeln in ihrem Notizbuch, während sie über den Feldweg schaukelten.
Erleichtert und durchaus beeindruckt von ihrem ernsten, professionellen Auftreten, begann sich Harry zu öffnen und sich nach ihrer Finanzberatung zu erkundigen.
»Haben Sie viele Anfragen nach einer Beratung?«, fragte er.
»Schon. Zurzeit kommen wir kaum mit der Arbeit nach … vor allem seit der Dürre. Die meisten Farmer erkennen, dass sie nicht ohne eine Beratung auskommen«, sagte sie. »Und weil der Service zum Teil von der Regierung und zum Teil von den Banken und der Industrie getragen wird, braucht der Farmer keinen Penny zu zahlen.« Sie konnte ihm ansehen, dass sie ihn allmählich überzeugte.
Unter einem knorrigen alten Eukalyptus hielt Harry den Wagen an. »Hier ist es am schlimmsten. Und im Wasser liegt ziemlich viel Treibgut.«
Sally ließ den Blick über das Gelände wandern. »Wenn Sie bereit sind, das hier einzuzäunen, könnten wir mindestens die Hälfte der Kosten für den Zaun durch ein Erosionskontrollprogramm hereinholen. Bei entsprechendem Wetter könnte ein Teil der Brombeeren weiter oben im Tal verbrannt und niedergesprüht werden.«
»Hört sich gut an«, sagte Harry.
Nachdem er ihr am Tor zum Abschied zugewinkt und dem Wagen nachgeschaut hatte, bis er den steilen Anstieg aus dem Tal hinaufgebraust war, fühlte sich Harry plötzlich ungeheuer allein. Die Katze war nirgendwo zu sehen. Er hätte sich gern ausführlicher nach Rebecca erkundigt, aber etwas hatte ihn davon abgehalten.
Darauf bedacht, nicht zur Garage zu schauen, ging er zum Maschinenschuppen. Der Traktor sprang sofort an und überraschte ihn mit seinem ruhigen, gesund klingenden Tuckern. Er fuhr den Traktor zur Außenwand des Schuppens und setzte ihn rückwärts an die Dreipunktkupplung des Zaunpfostenbohrers.
Seit über einem Jahr hatte er den Bohrer nicht mehr vom Fleck bewegt, lange, gelbe Grashalme wanden sich um sein Metallgestell. Harry setzte die Sicherungsstifte und koppelte das Stromkabel des Traktors an. Dann justierte er die Gänge und zog an einem Hebel, um sich davon zu überzeugen, dass der Bohrer noch funktionierte. Der große Spiralbohrer drehte sich locker. Harry fuhr den Traktor wieder in den Schuppen und schaltete den Motor aus. Anschließend warf er ein paar Zaunpfosten, eine Rolle Maschendrahtzaun, eine Rolle Draht und die Kiste mit dem Zaunzubehör auf die Ladefläche seines Pick-ups. Gleich morgen Früh würde er anfangen. Dann würde er die Erosion aufhalten, die allmählich sein Land zerfraß.