Kapitel 47
Schon von draußen konnte Rebecca ihren Vater hinter dem Fensterrahmen in seiner Blockhütte stehen sehen. Er stand an der Spüle und wusch Geschirr. Noch während sie auf Inky vorbeiritt, rief sie seinen Namen.
»Ich gehe noch die Post holen.« Er schwenkte ein Küchentuch zum Zeichen, dass er sie gehört hatte, und sah sie gefolgt von Mossy davonreiten.
Die Post kam dienstags und freitags. Dienstags fuhr Harry mit dem Auto los, um sie zu holen. Freitags ritt Rebecca selbst zum Briefkasten, wenn sie Zeit dazu hatte. Manchmal prüfte sie unterwegs die Rinderherde oder ritt mit ihren Zaunspannern und einer Zange in der Satteltasche sowie einer Drahtrolle über ihrer Schulter die Zäune ab. Während des Ritts hatte sie Zeit zum Nachdenken. Sie mochte den Freitag. Die vergangenen zwei Jahre waren im Flug vergangen. Die Tage waren wie in einem hektischen Rausch vorbeigezogen. Der Freitag war ihr Ruhetag.
Heute war sie zufrieden, nur die Sonne auf ihrem Gesicht zu spüren. Sie verbannte alle anstehenden Entscheidungen, Geschäftspläne und Schulden aus ihrem Kopf und ließ sich von der Sonne wärmen. Ihr Blick ging über die Merinoschafe mit ihren Lämmern. Während die Mutterschafe grasten, streckten sich die Lämmer in der Sonne aus. Kleine leuchtend weiße Punkte auf einer grünen Decke. Auf der nächsten Weide hoben fette Anguskühe mit glänzendem Fell die Köpfe und schauten ihr beim Vorbeireiten zu, bevor sie sich behäbig kauend umwandten, um nach den neugierigen Kälbern zu sehen, die an den Flanken ihrer Mütter herumtollten.
Nachdem Rebecca das erste Tor auf der Straße geöffnet hatte, ließ sie die Stute den langen Anstieg zum Hügel hinauftrotten. Der rhythmische Hufschlag hallte durch die Bäume in die Schluchten.
Am Briefkasten beugte sich Rebecca über Ink Jets schweißbedeckte Schulter und hob die schwere, gewebte Posttasche an. Dann löste sie die große Schnalle und lockerte den Lederriemen. Die Stute verlagerte ihr Gewicht, winkelte einen Hinterhuf an und senkte den Kopf, um sich auszuruhen. Mossy lag hechelnd unter einer Schatten spendenden Akazie im hohen Gras.
Während des ersten Jahres hatte die Post nichts als Rechnungen gebracht. Rechnungen für Zuchttiere, Dünger, Saatgut, Heu, Maschinenteile, Strom, Telefon, Lebensmittel. Es schien kein Ende nehmen zu wollen. Manchmal hatte Rebecca die steifen Umschläge in der Faust zusammengepresst und zu weinen begonnen. Die Bankschulden lasteten auf ihren Schultern, als wollten sie Rebecca erdrücken. Doch jedes Mal hatte sie die Schultern wieder durchgestreckt, die Tränen weggewischt und war heimgeritten, um Sally anzurufen, damit sie gemeinsam einen Plan erarbeiteten, wie sie die ausstehenden Schulden abzahlen konnten.
An manchen Tagen war auch ein Brief von Charlie darunter gewesen. Meist waren sie auf dünnem, liniertem Papier geschrieben, und seine Einsamkeit war über das ganze Blatt hinweg zu spüren gewesen. Aus anderen Briefen sprach eine so echte Leidenschaft, dass Rebecca seine Hand auf ihrer Haut zu fühlen glaubte. Manchmal schrieb er ausschließlich über die Farm seines Vaters und weigerte sich, irgendwelche Gefühle mit seinen Worten auszudrücken. Immer noch lastete Verbitterung auf ihrer Fernbeziehung. Wenn Rebecca seine Briefe las, hoch auf dem Pferderücken sitzend, rannen ihr manchmal dicke Tränen aus den Augen. Bei anderen Gelegenheiten ritt sie direkt nach Hause und schaute den ganzen Weg über in den Busch oder auf die staubige Straße, während sie gleichzeitig zu vergessen versuchte, dass Charlie gefaltet, versiegelt und abgestempelt in ihrer Satteltasche wartete.
Als die Jahreszeiten zum zweiten Mal kamen und gingen, versickerten Charlies Briefe zu einem dünnen Rinnsal, das schließlich ganz austrocknete. Sie nahm an, dass er inzwischen jemand anderen gefunden hatte. Also hörte sie ebenfalls auf zu schreiben.
So viel war seit ihrer Trennung passiert. Die Arbeit war ein Kapitel für sich. Schwer und aufregend. Inzwischen wurde eine der Schluchten von einem dreihunderttausend Kubikmeter fassenden Stausee gefüllt, dessen weiches Wasser von grasbewachsenen Ufern gesäumt war und auf dem sich Wildenten niedergelassen hatten. Der Stausee erfüllte Rebecca mit einer beruhigenden Gewissheit, was die Zukunft anging. Das darin gespeicherte Wasser garantierte ihr Einkünfte aus dem Getreideverkauf und genug Trinkwasser für ihre Herden, selbst wenn eine neue Dürre hereinbrach und der Fluss wieder zu einem Rinnsal zusammenschmolz. Schon hatte sie für ihre Tiere einen Weiderotationsplan aufgestellt, für den sie die Zaungrenzen verschoben, neue Gatter eingebaut und überall Wassertröge aufgestellt hatte. Durch die verbesserten Weidemöglichkeiten und die wechselnde Beweidung konnten sie die Herden vergrößern, ohne das Land auszubluten. Bei alldem half ihr Harry von ganzem Herzen – dank der Wassertröge konnten sie die Tiere jetzt vom Fluss fernhalten, wodurch die empfindlichen Ufer geschont wurden, was in Harrys Augen ein enormer Vorteil war. Oft stand er breitbeinig am Rand des Dammes, eine Hand in die Hüfte gestemmt und den Stumpf abgespreizt, so als ruhe die amputierte Hand auf der anderen Hüfte, und schüttelte nachdenklich den Kopf.
»Das hätten wir schon vor Jahren machen sollen«, sagte er eher zu der Erinnerung an seinen Vater als zu Rebecca.
Der Damm war die erste Maßnahme in dem Bewässerungsprogramm für die Farm, und er würde die Einnahmen nächstes Jahr weiter steigen lassen. Schon jetzt waren die Sattelschlepper über die Farm gerumpelt und hatten die Einzelteile für die brandneue fahrbare Feldbewässerungsanlage gebracht. Harry, schon immer mit mehr Sinn für Maschinen als für sein Vieh ausgestattet, erwartete gespannt den Beginn des bewässerungsoptimierten Getreideanbaus. Das bedeutete nämlich, dass er über Land fahren und Ausschau nach Ausverkäufen halten würde, bei denen er alte Maschinen erstehen konnte, um sie anschließend aufzupolieren, zusammenzuschweißen, zu modifizieren und zu reparieren.
Inzwischen kam er ausgesprochen geschickt mit nur einem Arm zurecht. Trotzdem machte sich Rebecca oft Sorgen um ihn. Manchmal hörte sie ihn im Maschinenschuppen fluchen und toben. Dann folgte ein lautes Krachen, weil er wieder irgendwas, manchmal einen Schraubenzieher, manchmal einen Ganghebel, voller Ärger gegen die Blechwand geschleudert hatte. Es gab Tage voller düsterer Depressionen und in wortlosem Schweigen. Tage, an denen Harry von Toms Tod an seine Hütte und in Embryostellung an sein Bett gefesselt war.
Aber im Großen und Ganzen rollten die Tage vorbei, und Rebecca arbeitete, während ihr Vater ihr half, so gut er konnte. Die Arbeit mit den Tieren mied er immer noch, doch er stand zu seinem Vorhaben, seinen jungen, lebhaften Welpen zu trainieren. Er hatte die Kleine Cloe getauft. Sie war aus einem Wurf von Stubby. Cloe war eine kleine rotbraune Hündin, die von einem Karawarra-Rüden im Distrikt gezeugt worden war. Sie tanzte Harry um die Füße und blickte eifrig zu ihm auf. Er nahm sie überall hin mit und hatte ihr aus einer alten, mit Decken gefüllten Teekiste einen gemütlichen Zwinger auf der Veranda seiner Hütte eingerichtet. Jeden Tag hatte Harry mit ihr Gehorsam geübt, so wie Rebecca es ihm gezeigt hatte, und er war verblüfft gewesen, wie sich das frühe Training auszahlte, als er sie zum ersten Mal eine Herde treiben ließ. Rebecca konnte kaum glauben, wie sehr sich ihr Vater verändert hatte. Harry hatte endlich eine Begleiterin und zugleich Verständnis für Hütehunde gefunden.
Auch an ihrer Mutter entdeckte sie Veränderungen. Wenn sie irgendetwas Positives an Toms Tod hätte nennen müssen, dann war es die Entwicklung, die Rebecca bei ihren Eltern wahrnahm. Inzwischen kam Frankie regelmäßig mit Peter aus der Stadt auf die Farm gefahren. Sie war Rebeccas Verbündete in allen Fragen der Viehzucht. Während des Lammens und Kalbens hatten Rebecca und ihre Mutter Tag und Nacht die Tiere umsorgt. Jedes einzelne Tier war kostbar. Rebecca hatte den Großteil des Geldes, das Frankie ihr gegeben hatte, in erstklassige Merinoschafe für die Wollproduktion und gemischtrassige Mutterschafe für die Zucht von Fleischlämmern investiert. Jedes trächtige Schaf, jede trächtige Kuh war eine Investition in die Zukunft. Sie mussten die Zahlen rasch steigern, damit auch die Einnahmen stiegen.
In der Stadt hatte Frankie endlich einen Partner gefunden, der in ihre Praxis eingestiegen war. Das bedeutete, dass sie mehr Zeit für ihre Tochter hatte. Oft kam sie angefahren, den Wagen mit Impfstoffen und Entwurmungsmitteln, Hunde-und Rinderfutter zum Einkaufspreis beladen. Sie brachte sogar Kanister voll Trockeneis an, in denen Röhrchen mit dem Samen der besten Stiere und Widder im weiten Umkreis lagerten. Sie half Rebecca bei ihrem Zuchtprogramm und beschäftigte sich von Neuem mit dem Embryotransfer und der künstlichen Befruchtung von Zuchttieren, einem Gebiet, das sie schon während ihrer Jahre als Landtierärztin fasziniert hatte. Frankie genoss es, wieder mit großen Tieren arbeiten zu können, und forschte leidenschaftlich nach den besten Zuchteigenschaften, wobei sie Rebecca täglich E-Mails über neu entdeckte Statistiken oder über Forschungsprogramme zu verbesserten Zuchtergebnissen zuschickte.
»Jede noch so kleine Hilfe zählt«, hatte sie zu Rebecca gesagt, als sie ihr neue Hundehalsbänder überreicht und den Wagen zu entladen begonnen hatte, bis Peter unter einem Haufen von Einkaufstaschen zum Vorschein gekommen war.
»Peter!«, lachte Rebecca. »Dich habe ich gar nicht gesehen. «
Auch Peter genoss die Ausflüge nach Waters Meeting. Er verbrachte die Zeit damit, am Flussufer die Angel auszuwerfen oder an den tiefer gelegenen Berghängen nach Fossilien zu suchen. Ab und zu kam Harry zum Haupthaus spaziert, wenn Frankie und Peter zu Besuch waren, und streckte den Kopf in die Küche, um Hallo zu sagen. Falls er noch Verbitterung empfand, versteckte er sie gut, wenn er mit Peter unbeschwert über die Flüsse und die Felstypen plauderte, die das Wasser Jahr für Jahr in neue Formen schnitzte. Frankie gegenüber zeigte er sich höflich, blieb aber auf Distanz. Wie Rebecca wusste, hatte er es immer noch nicht verwunden, dass Frankie ihn verlassen hatte, er fühlte sich zeitweise schrecklich einsam. Aber sie wusste auch, dass es einige ältere Damen im Distrikt gab, die bei den Versammlungen der Landcare-Organisation ihrem Vater ein ganz besonderes Lächeln schenkten.
»Nimm dich in Acht vor den Witwen«, rief ihm Rebecca ab und zu ironisch nach, wenn er zu einer der vielen Versammlungen in den Ort fuhr. Und jedes Mal schnitt er eine Grimasse des Entsetzens, ehe er grinsend davonfuhr.
Während der vergangenen zwei Jahre war der Regen glücklicherweise meist zum richtigen Zeitpunkt in den Bergen niedergegangen, und die Flussebene war wieder aufgeblüht. Der neue Frühling hatte auch Rebecca und Harry aufleben lassen.
Ab und zu sagte Rebecca zu Harry, während sie zusah, wie sich die Regenwolken lautlos über ihnen zusammenschoben: »Tom sorgt da oben für uns.« Sie liebte den Regen. Dann setzte sie sich auf die Veranda, wo Dags zu ihren Füßen lagerte, und schaute zu, wie er den dicht bewachsenen Garten bewässerte. Wie er auf die Blechdächer trommelte und auf der Zufahrt kleine Rinnsale bildete. Wie das Wasser in breiten Bächen lautlos dem Fluss zuströmte. Seit sie heimgekehrt war, war der Fluss schon zweimal über die Ufer getreten und hatte den Boden der Tiefebene mit süßem, lebensspendendem Wasser durchtränkt, aber er hatte auch Unrat gegen die Drahtzäune und Baumstämme geschwemmt. Nachdem das Wasser zurückgegangen war, hatte Harry stundenlang für Rebecca auf dem Traktor gesessen, um neue Futterwiesen aus Klee, Knaulgras und Roggen anzulegen und um auf den Feldern am Fluss Luzerne auszusäen. Sie half ihm, die Sämaschine zu füllen, während er auf dem Fahrersitz saß, mit dem Knie lenkte und mit seiner einen Hand schaltete. Die Saat war in dem warmen, nahrhaften Boden praktisch über Nacht aufgegangen, inzwischen warfen die Weiden fast wieder den vollen Ertrag ab. Die Luzerne wuchs wie verrückt und säumte den Fluss mit einem leuchtend grünen Band ein.
Endlich zahlten sich die Anstrengungen aus, dachte Rebecca, während sie, noch auf der Stute sitzend, einen Umschlag aufriss. Zwischen den Rechnungen tauchten seit Neuestem immer mehr Schecks auf – Zahlungen für ihre Produkte. Heute erhielt sie eine Anzahlung für einen Welpen sowie die Zahlung für hundertfünfzig Junglämmer, die sie Anfang des Monats verkauft hatten.
»Wow!«, sagte sie, als sie den Scheck sah. Der Agent hatte ihr versichert, dass die Lämmer von Waters Meeting auf der Auktion Spitzenpreise erzielen würden, und sie wusste auch, dass die Großhandelspreise kräftig gestiegen waren. Den dicken Scheck in Händen zu halten, jagte ihr einen wohligen Schauer über den Rücken.
Nachdem sie alle weiteren Umschläge aufgerissen hatte, in denen sich möglicherweise ein Scheck verbarg, schnürte Rebecca die Rechnungen zu einem Bündel und steckte es in ihre Satteltasche. Dann fasste sie wieder nach dem Postsack. Ganz unten lag noch etwas, das den Sack nach unten zog. Sie steckte die Hand hinein und zog eine Ausgabe von Landscape heraus, einem australischen Hochglanzmagazin.
»Ahhh! Mossy!«, sagte sie. »Endlich ist es gekommen.« Der Hund öffnete die Augen, hielt kurz im Hecheln inne und sah Rebecca mit schief gelegtem Kopf an.
Rebecca schlug aufgeregt die Zeitschrift auf und brach in Lachen aus, als sie die Fotos von sich selbst sah. Sie presste die Hand vor den Mund.
»O Gott! Was für ein Landei!«
Über eine ganze Doppelseite war ein Foto von ihr auf Ink Jet abgedruckt, während im Hintergrund fett gefressene schwarze Rinder in der Luzerne weideten. Auf der nächsten Seite saß Rebecca auf einem Foto im Lauftext im Kreis ihrer Hunde auf einem kleinen quaderförmigen Luzerneballen – ihre erste Ernte an Heu in Exportqualität, bestimmt für japanische Rennställe. Dags leckte ihr gerade das Gesicht, und Rebecca rümpfte angeekelt die Nase, weil sie beobachtet hatte, wie er kurz zuvor an einem halb verwesten Schafschädel herumgenagt hatte.
Als sie die erste Zeile las und ihr Alter, siebenundzwanzig Jahre, ausgeschrieben sah, lehnte sie sich im Sattel zurück. Siebenundzwanzig! Nicht zu glauben. Gedruckt sah das unendlich alt aus. Sie fragte sich, wo die Jahre geblieben waren.
Sie begann den Artikel zu lesen und bekam schon bei den ersten Worten eine Gänsehaut. Die Überschrift lautete: Auftrieb auf der Farm.
Rebeca seufzte. Sie konnte stolz darauf sein, was sie und ihre Familie, Sally eingeschlossen, in einem so kurzen Zeitraum geleistet hatten. Sie las von der Produzenten-Kooperative, die sie und Sally in ihrer Region initiiert hatten. Anfangs war es ein Zusammenschluss von mehreren Rindfleischproduzenten gewesen. Inzwischen hatten sie zusätzlich eine Maschinen-Genossenschaft gegründet und belieferten gemeinsam Rennställe in ganz Asien mit erstklassiger Luzerne. Rebeccas Geschäftsplan war Wirklichkeit geworden und half nicht nur, den Schuldenberg auf Waters Meeting abzutragen, sondern nutzte auch anderen landwirtschaftlichen Betrieben in der Region. Sie konnte kaum glauben, wie professionell sie sich in dem Artikel anhörte.
»In nur zwei Jahren haben wir nicht nur den Verkauf unseres Rindsleders gesichert, sondern auch Vorverträge für die Abnahme unseres Rindfleischs geschlossen. Wir besuchen regelmäßig die Fleisch verarbeitenden Betriebe, um festzustellen, was unsere Kunden in Japan gerade nachfragen – zurzeit vor allem Schwarzrinder, weshalb wir vorwiegend Angusrinder kaufen und züchten, die wir hier in der Flussebene aufziehen.«
Nachdem in dieser Gegend traditionell Herefordrinder gezüchtet wurden, behielt Rebecca einige Herden aus Familienbesitz zurück, die nun auf den Hochflächen rund um Waters Meeting weiden.
»Es besteht eine starke Nachfrage nach organischem Rindfleisch, darum verkaufen wir die rotbunten Rinder an spezialisierte Metzger im Inland, die ihrerseits die Stadtrestaurants mit ausgewiesenem Hochland-Rindfleisch beliefern. Wir hatten sogar schon eine Busladung von Wirten auf unserer Farm, die mit eigenen Augen sehen wollten, wie ökologisch wir wirtschaften und wie viel Wert wir darauf legen, unsere Rinder gut und sachgerecht zu behandeln.
Auf jeder Farm treffen wir uns regelmäßig mit allen Mitglieder unserer Produzenten-Kooperative, um uns gegenseitig zu unterstützen. Bei den Entscheidungen darüber, in welche Richtung wir uns entwickeln, werden wir vom Viehzuchtbeauftragten des Landwirtschaftsministeriums, Nick Hammond, und der Finanzberaterin Sally Carter beraten.«
Rebecca lächelte, als sie Nicks Namen gedruckt las. Sie rief sich das erste Kooperativen-Treffen in Dirty’s Pub in Erinnerung. Sie und Sally hatten Einladungen an alle Farmer verschickt, die Tom auf seiner Liste aufgeführt hatte. Im Pub hatten die Farmer auf den Stühlen gesessen und argwöhnisch die Arme vor den Bäuchen verschränkt. Sie, Sally und Nick hatten in ein Meer ausdrucksloser Mienen geblickt, während sie ihre Präsentation abhielten. Damals hatten sie Nick erst einen Monat gekannt. Sally war ihm eines Vormittags in der Zentrale des Landwirtschaftsministeriums begegnet und hatte ihn nach Dienstschluss umgehend in das nächste Pub geschleift. Um acht Uhr hatte sie ihn in ihrem Bett. Er war ein großer, fester, gut aussehender Mann. Nicht fett, aber fleischig, so wie es sich für einen Fleischvieh-Berater gehörte. Er war kein Typ für schicke Anzüge, sondern spazierte stattdessen in Jeans und Stiefeln herum. Sally kam immer noch ins Sabbern, wenn sie ihn sah – sein dunkles Haar, die rosigen Wangen und massigen Schultern.
Auch auf dem Treffen hatte Rebecca, die zwischen den beiden stand und die bohrenden Fragen der grimmig dreinblickenden Farmer nach ihrem Konzept für eine Rindfleisch-Kooperative beantwortete, die sexuelle Spannung zwischen Sally und Nick gespürt. Schon damals hatte sie in der schwülen Luft im Hinterzimmer des Pubs geahnt, dass die beiden länger ein Paar bleiben würden. Ein unkonventionelles Paar, dachte sie, aber trotzdem ein langfristiges und glückliches Paar.
Jetzt warf Rebecca einen Blick auf die Uhr, steckte dann die abzuschickenden Briefe in den Postsack, schloss den Ledergurt und schob ihn in den Briefkasten zurück, damit er heute Abend abgeholt wurde. Sally und Nick wollten über das Wochenende nach Waters Meeting kommen. Sie mussten bald eintreffen, überlegte sie. Sie steckte die Zeitschrift in die Satteltasche und schloss die Schnalle.
Mossy kratzte sich so heftig hinter ihrem Ohr, dass ihr Halsband klimperte, und erhob sich zum Gehen. Inky hob den Kopf und schlug mit dem Schweif nach einer Fliege.
»Also los, Mädchen.« Rebecca setzte sich im Sattel zurecht, und sie ritten in Richtung Haupthaus los.
Sally, Nick und Rebecca standen rund um den Küchentisch und stießen mit ihrer Cola-Rum an.
»Auf die neue Bewässerungsanlage!«, sagte Nick.
»… und den gefüllten Stausee«, ergänzte Sally.
Alle tranken. Während sie kurz schweigend dastanden, blickte Rebecca aus dem Fenster auf den Stapel von silbernen Rohren, die draußen auf der Wiese lagen und zusammengesteckt die neue Bewässerungsanlage ergeben würden.
»Wie soll ich diesen ganzen Mist zusammenpopeln, verflucht noch eins?«
»Wir helfen dir«, erbot sich Nick und schwenkte dabei die Installationsanleitung in der Hand.
»Außerdem haben wir auf der Durchfahrt Dirty erzählt, dass du eine neue Fünfzig-Masten-Bewässerungsanlage hast. Die Erste dieser Art im Distrikt. Er hat heute Abend ein paar Leute im Pub … die werden es kaum erwarten können, rauszukommen und sich das Ding anzusehen. Alle werden dir helfen. Die Anlage steht in Nullkommanix, bald kannst du ohne Ende säen und ernten«, prophezeite Nick und fasste nach einem Tortillachip.
Rebecca stand am Tischende und begann, Tomaten in Scheiben zu schneiden.
»Danke, Leute. So viel also zu eurem freien Wochenende. Immer wenn ihr über Nacht kommt, lasse ich euch arbeiten.«
»Das tut uns Schreibtischtätern nur gut«, sagte Sally und tätschelte Nicks Hintern.
»Ach, Kacke«, meinte Rebecca unvermittelt.
»Was denn?«, fragte Sally.
»Hab vergessen, die Hunde zu füttern.«
Nick setzte sein Glas ab und stand auf. »Ich gehe.«
»Danke.« Bec lächelte ihm nach, bis er die Küche verlassen hatte. Dann rief sie ihm nach: »Gib Dags auf jeden Fall zuerst zu fressen … von wegen Chef des Rudels und so.«
»Ja, ja. Ich kenne mich aus«, sagte er und streckte den Kopf noch mal zur Tür herein.
»Und lass sie erst sitzen und kurz warten, bevor sie anfangen zu fressen.«
»Jawohl, Frau Hundepsychologin.«
Nachdem er die Tür hinter sich ins Schloss gezogen hatte, sagte Rebecca: »Ein guter Kerl, dein Kerl. Ich bin froh, dass ihr euch gefunden habt, Sal.«
Sal zermahlte ein paar Tortillachips zwischen den Zähnen. »Ich liebe ihn über alles.« Rebecca spürte einen leisen Stich. Sally und Nick liebten sich sichtlich. Wenn sie miteinander turtelten und sich in Rebeccas Gegenwart so innig küssten, konnte sie nicht anders, als Charlie nachzutrauern. Sie fragte sich, ob sie je wieder eine so intensive Leidenschaft empfinden würde oder einen Liebhaber finden, der sich in ihrer Gegenwart so wohl fühlte.
Sally ahnte Becs Gedanken, stellte sich neben sie und legte den Arm um ihre Schultern.
»Was ist mit dir? Immer noch nichts Neues an der Männerfront? «
Rebecca schüttelte den Kopf. »Haufenweise schmierige Angebote unten in Dirty’s Pub, und dann war da noch dieser vierzigjährige Junggesellenfarmer, der sich in Altmännerklamotten aus dem Versandkatalog kleidet.«
»Ugh«, kommentierte Sally naserümpfend.
»Außerdem hat er Schuppen wie ein ganzes Schneegestöber – er versucht sich auf jedem Farmertreffen an mich ranzumachen, aber abgesehen davon, nada. Ich habe das Interesse verloren.«
»Bec! Wenn du nicht aufpasst, wächst dir das Jungfernhäutchen wieder zu! Ganz im Ernst. Du brauchst mal eine Pause. Auf dem Papier und auf den Weiden sieht es gut aus. Jetzt ist der perfekte Zeitpunkt für einen Urlaub.«
Sally piekte ihre Freundin in die Rippen. »Sieh dich nur an. Du bist total abgemagert! Du arbeitest zu viel. Was ist mit der Asienreise? Warum kommst du nicht mit mir und Nick – wäre doch nett, deine Kunden aus den Rennställen mal persönlich kennenzulernen.«
»Vergiss es, Sal! Wir haben die Bewässerungsanlage zu montieren, dann kommt die neue Aussaat und dann – «
»Die Ernte und das Scheren und das Lämmermarkieren und das Drenchen und das Zusammentreiben der Herden auf der Hochebene … weiß ich doch. O Gott. Was habe ich da nur angestellt? Du wirst dich in eine Buschfrau verwandeln und vertrocknet, einsam und kinderlos sterben. Um Gottes willen, Bec, such dir wenigstens jemanden zum Bumsen!«
»Habe ich da eben Bumsen gehört?« Nick kam herein und brachte einen Schwall kalter Luft in die warme Küche.
Sally schlang die Arme um seinen Hals und küsste ihn liebevoll. »Ich habe nur gesagt, dass Bec hier jemanden zum Bumsen braucht.«
»Ich glaube eher, sie bräuchte einen Manager für den Feldanbau, damit sie überhaupt Zeit zum Bumsen hat«, meinte Nick ironisch.
Sally kaute auf einem Chip und überlegte ein paar Sekunden. »Weißt du«, erklärte sie langsam, »das ist gar keine schlechte Idee, Nick!«
»Genau. Als könnten wir uns das leisten«, schnaubte Bec. »Außerdem kann Dad mir helfen.«
»Vergiss es, Bec. Du weißt genau, dass dein alter Herr das nicht mehr schafft. Er ist glücklich damit, als Vorsitzender bei den Landcare- und Riverwatch-Gruppen zu arbeiten. Er war noch nie so unverdrossen. Lass den armen Mann in Frieden. Du arbeitest ihn noch zu Tode.«
»Pff!«, meinte Bec abfällig.
Nick fasste nach der Rumflasche und füllte ihre Gläser auf. »Wir wissen alle, dass deine Stärke im Viehmanagement liegt, Bec, aber wenn die Beregnungsanlage erst installiert ist, werdet ihr das meiste Geld auf dieser Farm mit spezialisiertem Feldanbau verdienen. Du brauchst jemanden, der sich damit auskennt.«
»Spart euch die Fleischvieh-Beauftragten-Rhetorik – ihr verfluchten Verwaltungshengste!« Sie leerte ihr volles Glas mit mehreren Schlucken und knallte es auf den Tisch.
»Du klingst allmählich wie ein alter, kauziger Eigenbrötler, Rebecca Saunders. Du weißt genau, dass Nick nicht unrecht hat.« Sally stemmte die Hände in die Hüften.
»Mach das nicht«, erklärte Rebecca argwöhnisch.
»Was denn?«
»Das da. Diese Sache.«
»Was für eine Sache?«
»Die du gerade machst – die Hände in die Hüften stemmen. Ich kenne dich, Sally … und ich kenne diesen Gesichtsausdruck. Du wirst nicht lockerlassen, oder? Du wirst mir zusetzen, bis ich einen Manager einstelle, und dann stopfst du mich in ein Flugzeug nach Asien.«
»Ich werde bestimmt nicht lockerlassen, da hast du verflucht recht – wir sollten unbedingt einen Aktionsplan für diese Geschichte aufstellen. Einen Manager für den Feldanbau und die Bewässerung – das ist perfekt. Natürlich muss ich dann das Budget neu arrangieren.«
»Du und dein bescheuertes Budget, Carter! Pass nur auf, dass ich nicht dich neu arrangiere. Ich dachte, wir hätten diese Bewässerungsanlage mit dem scheißteuren Computer, der sie steuern soll, nur angeschafft, weil sie sich praktisch selbst managt.«
»Siehst du, ich habe dir doch gesagt, dass sie keine Ahnung vom Feldanbau hat«, meinte Nick fröhlich zu Sally.
Rebecca steckte ihren Kopf ein paar Sekunden lang in den Kühlschrank, während Nick und Sally ihre Komödie fortsetzten. Schließlich richtete sie sich mit einem Bündel Stangensellerie in der Hand auf.
»Haltet jetzt endlich den Mund! Sonst …«
»Wow! Ganz ruhig, Bec!« Nick trat einen Schritt zurück und hob die Hände. »Mach dich nicht unglücklich.«
Rebecca schwenkte den Sellerie in ihre Richtung, und Sally verzog sich mit Nick in eine Küchenecke, wo sie sich ängstlich aneinanderklammerten.
»Haltet ihr jetzt endlich den Mund?«
»Nicht nervös werden«, beschwichtigte Nick. »Leg den Sellerie hin … bevor jemand verletzt wird.«
»Oder Schlimmeres«, ergänzte Sally in gespieltem Entsetzen.
»Und? Werdet ihr endlich den Mund halten?«
Sally und Nick nickten tiefernst und blickten dabei wie gebannt auf den Sellerie, mit dem Bec jetzt bedrohlich vor ihren Kehlen herumfuchtelte.
»Gut. Und jetzt schenkt mir noch einen Rum ein.«
»Das übernehme ich!« Nick tauchte unter ihrem Arm durch, riss ihr den Sellerie aus der Hand und schleuderte ihn aus dem Fenster.