Kapitel 45

Im Wagen sangen Rebecca und Sally übertrieben näselnd die Songs der Dixie Chicks mit und brachen dabei immer wieder in Lachen aus. Sally bog in die breite Einfahrt der Wohnanlage, und Rebecca steckte sich beim Anblick des überdimensionalen kitschigen Schildes mit der Aufschrift »Whispering Pines – Der friedliche Ort zu wohnen« unter Würgelauten den Finger in den Mund. Sie fuhren die brandneue Asphaltstraße entlang und bogen links in den Radiata Drive. Sally hielt den Wagen vor Nummer 12 an, und Rebecca pfiff leise durch die Zähne, als sie aus dem Seitenfenster auf das Haus sah.

»Also, das nenne ich ein ganz reizendes neues Heim«, erklärte Rebecca näselnd, während sie und Sally den makellosen Rasenteppich, den gemauerten Briefkastenständer und den lang gestreckten, niedrigen Backsteinbungalow in Augenschein nahmen. Die Morgensonne brachte den weißen Lack der Dachtraufen zum Leuchten.

»Mmm. Vorstadtparadies«, meinte Rebecca.

»Sei nicht so sarkastisch«, belehrte Sally sie. Sie drehte sich zu Harry um, der auf dem Rücksitz saß.

»Ich weiß nicht, von wem sie das hat. Du vielleicht?«

Harry lächelte Sally an und schüttelte den Kopf. »Keinen Schimmer.« Die ganze Fahrt vom Krankenhaus hierher hatte Harry, dessen einer Ärmel von den Krankenschwestern säuberlich umgenäht worden war, schweigend und in sich zusammengesunken auf dem Rücksitz gelehnt wie ein Kriegsheimkehrer.

Rebecca wusste, dass ihm bei dem Gedanken an ein Familientreffen unwohl war. Ihr auch. Am besten brachten sie die Sache so schnell wie möglich hinter sich, dachte sie und drückte die Beifahrertür auf.

Sie hob den Kopf und sah, wie die große Haustür aufschwang. Trudy erschien in einem blumengemusterten Sommerkleid. Über dem basketballrunden Schwangerschaftsbauch stand ihr Kleid nach vorn ab wie eine Ladenmarkise. Danny tappte auf seinen Stummelbeinchen an die Tür und betrachtete staunend Sallys Wagen, wobei er sich mit einer feisten kleinen Faust an Trudys Kleid festhielt. In der anderen Hand hielt er einen großen gelben Plastiklaster.

»Ahh! Ein Mini-Mick!«, sagte Rebecca. »Jesus. Und er war auf einer fetten Weide!« Ihr Blick kam auf dem dicken Kleinkinderbauch zu liegen, über dem sich die »Bananas in Pyjamas« zu lang gezogenen Spaghettis verzogen.

»Benimm dich, Bec«, raunte Sal.

Trudy gab ihnen ein Zeichen, in der Einfahrt zu parken, einem breiten grauen Betonstreifen, der von korrekt gestutzten Rasenflächen gesäumt war. Ehe Rebecca die hintere Tür des Wagens öffnen und Harry heraushelfen konnte, war Trudy bei ihnen und machte sich geschäftig ans Werk. Sie löste Harrys Sicherheitsgurt und zerrte ihn aus dem Auto, alles unter endlosem fröhlichem Geplapper.

»Wie geht es euch allen? Ich freue mich ja so, dass ihr da seid. Danny, sag Hallo zu Tante Becky und zu ihrer Freundin Sally.« Sie schubste Danny unauffällig nach vorn, und Bec beugte sich vor, um dem kleinen Jungen in die grünen Augen zu sehen.

»Na, Chef?«, sagte sie, als er sie mit großen Augen ansah.

»Kommt alle ins Haus«, kommandierte Trudy. »Danny, nimm bitte Opas Gehstock, Schätzchen, und halte ihn für ihn. Mick arbeitet noch, aber er müsste gleich fertig sein. Hattet ihr eine gute Fahrt?«

Nachdem sie alle auf die Terrasse getrieben hatte, bekam jeder eine Umarmung und einen Kuss.

»Huch!«, sagte sie, als sie Harry mit ihrem Bauch anstieß.

»Nicht mehr lang hin«, meinte Harry mit einem Nicken zu ihrem Bauch hin.

»Wir warten, wir warten.« Trudy tätschelte ihr Kleid. Dann führte sie ihre Gäste in ein mit Parkett belegtes Foyer, das so groß war, dass ihre Schritte und Stimmen darin nachhallten.

»Rrrrr!«, sagte Danny und schob dabei seinen gelben Laster durch den leeren Flur. Sie folgten ihm in einen weitläufigen Koch- und Essbereich.

Trudy deutete auf das Sofa. »Setzt euch! Ich stelle schnell Wasser auf.«

Harry zog einen Küchenstuhl unter dem Tisch heraus, setzte sich und verzog dabei leicht das Gesicht.

»Das wäre super, danke«, antwortete Rebecca, den Blick auf die Uhr auf der Kommode gerichtet. Es war die Uhr aus der Küche in Waters Meeting. Hier drin klang ihr Ticken anders. Ein altes Möbel in einem neuen Heim.

»Wann kommen Mum und Peter?«

Trudy stand lächelnd hinter ihrer neuen Küchentheke. »Sie müssten jeden Moment da sein«, sagte sie. »Tee oder Kaffee?«

Noch bevor Rebecca antworten konnte, läutete die Türglocke.

»Da sind sie schon«, sagte Trudy. »Pünktlich auf die Minute. Ich mache ihnen auf.«

Während sie durch den Flur in Richtung Haustür ging, kam Mick durch eine andere Tür herein und trat lächelnd in den Raum.

»Mick! Wie geht’s denn so?«, fragte Bec fröhlich. Sie freute sich wirklich, ihn zu sehen. Er schlenderte zu ihr und drückte sie fest an seine Brust. Er hatte Gewicht zugelegt.

»Hey, Sal!«, winkte er ihrer Freundin zu.

»Wie läuft’s so, Mick?«

»Super!« Er tätschelte seinen Bauch. »Ich bin im siebten Himmel. Auch wenn ihr mich mit eurer Nachfolgeregelungskonferenz in letzter Zeit ganz schön auf Trab gehalten habt. Ich habe im Esszimmer das Whiteboard und alles andere für euch bereitgestellt. Ist das okay? Ich hab sogar ein paar Marker aus dem Büro mitgehen lassen, damit diese Geschäftsplan-Diagramme, die ihr uns aufmalen werdet, richtig geil aussehen.«

»Gut gemacht. Das ist super«, sagte Sal. »Aber wir sollten möglichst bald anfangen, weil wir heute Nachmittag einen Termin haben.«

»Jawoll, Madam.« Er salutierte vor ihr. Dann blickte er an Sally vorbei und sah seinen Vater verlegen auf seinem Stuhl sitzen.

»Dad«, sagte er und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Ich freue mich, dich wiederzusehen. Ein Glück, dass sie dich rausgelassen haben. Du siehst gut aus.«

Aufgekratztes Geplauder aus dem Flur kündigte die Ankunft von Frankie und Peter an. Danny brummte mit seinem Laster um ihre Beine herum, während sie in der Küche standen und sich reihum mit Küssen, Händeschütteln und verlegenen Umarmungen begrüßten. Frankie wirkte aufgelöst und nervös. Als sie Harry unsicher am Tisch lehnen sah, holte sie hörbar Luft. Ihre Wut auf ihn wurde zu einer Art Mitleid gelindert, als sie den über seinem Armstumpf umgeschlagenen Ärmel sah. Harry sah sie ausdruckslos an und begutachtete ihre städtische Kleidung und die korrekt frisierten Haare. Er nickte ihr zu und murmelte einen Gruß. Zum Glück entkrampfte Trudy die Situation, indem sie Kekse anbot, Tassen mit Tee oder Kaffee ausschenkte und immer das Richtige sagte. Allerdings nur, bis sie einen spitzen Schrei ausstieß.

»Ohhhh! Michael!« Alle sahen auf. Danny hielt zwei Marker in seinen kleinen pummeligen Fäustchen und verschönerte die Wand im Flur mit wilden roten Kritzeleien.

»Ich habe dir doch gesagt, du sollst du Tür zu lassen!«

»Schon okay, Spatz. Das lässt sich abwaschen«, sagte Mick zu seiner Frau, hob gleichzeitig mit einer ausgreifenden Bewegung Danny in die Luft und klemmte sich das schreiende Kind unter den Arm. »Ich glaube, es wird Zeit, dass wir mit dem Meeting beginnen. Ich bringe nur schnell den Kurzen raus auf die Hauptstraße, damit er im Verkehr spielen kann.«

Sally holte tief Luft. Jetzt war sie an der Reihe. Sie griff nach ihrer Aktentasche.

»Zeig mir den Weg.«

In Trudys Esszimmer stand Sally vor der versammelten Familie, die sich rund um den blank polierten Holztisch versammelt hatte. In der Hand hielt sie den Vorschlag, den sie, Tom, Gabs und Rebecca erarbeitet hatten. Auf der weißen Kunststofftafel zeichnete sie in Umrissen die anvisierten Geschäftsfelder an, zu denen die Heuproduktion für den Export zählte, die Zucht von Fleischlämmern, der Direktverkauf von ausgewiesenem Hochland-Rindfleisch, Vertragsviehwirtschaft für den Fleischexport sowie eine Produzentenkooperative. Während ihres Vortrags listete sie sämtliche Kosten auf. Das Einkommen. Der Investitionsertrag. Sie erklärte den Plan in schlichten, aber präzisen Worten. Nachdem sie schon bei vielen Familienfarm-Konferenzen moderiert hatte, war sie eigentlich innerlich ruhig und gefasst. Trotzdem merkte sie, dass es ihr diesmal schwerer fiel, die Hände ruhig zu halten und mit tiefer, fester Stimme zu sprechen. Für Sally hing viel von diesem Treffen ab. Es ging nicht nur um ihre Kindheitserinnerungen an diese Farm, es ging auch um Tom, und es ging um Rebecca. Sogar die Sorge um Harrys Platz in alldem bedrückte sie ein wenig. Sie schluckte ihre Nervosität herunter und redete einfach weiter, mit dem Zeigefinger auf die Tischplatte klopfend, um anzuzeigen, wie stabil dieser Geschäftsplan war. Wie vernünftig alles war.

Obwohl Rebecca ihre Freundin durch und durch kannte, merkte sie Sally die Nervosität nicht an. Sie saß auf ihrem steifen Esszimmerstuhl und staunte darüber, wie wortgewandt Sally ihr Projekt dem schwierigsten Publikum überhaupt verkaufte. Rebecca sah reihum in die Gesichter ihrer Familienangehörigen, die in dem neobarocken, plastikhaft anmutenden Esszimmer saßen. An einem Ende des nachgebauten Antiktisches saß Harry. Neben ihm hatte Mick Platz genommen. Neben Mick saßen Frankie und Peter. Trudy schien ständig mit Kuchen, Keksen und Kannen mit frischem Kaffee und Tee zu kommen und zu gehen. Sie war mit ihrem Haus zufrieden und fühlte sich in der finanziellen Fürsorge ihrer Familie geborgen. So wie es aussah, war für sie die Farm ein Relikt aus der Vergangenheit. Sie blieb an der Peripherie und war froh, sich aus allem heraushalten zu können. Jetzt kehrte sie in den Raum zurück, setzte sich, schlug die Beine elegant übereinander und lauschte mit einem Ohr Danny, der im Flur spielte. Rebecca lächelte sie an, und sie lächelte gütig zurück.

Für Rebecca war es ein befremdliches Gefühl, mit allen im selben Raum zu sitzen. Alle hatten den Blick fest auf Sally gerichtet, fast als brächten sie nicht den Mut auf, einander anzusehen. Rebecca widerstand der Versuchung, eigene Anmerkungen einzuwerfen, als Sally ihre Pläne für einen Neubeginn auf der Farm vorstellte. Stattdessen kritzelte sie ununterbrochen auf ihrem Zettel herum und zeichnete dabei Blumen, Sterne, Pferdeköpfe, Blitze und Eukalyptusbäume. Sie war zu nervös, als dass sie sich den Ausgang dieses Treffens vorstellen wollte. Was war, wenn ihre Familie die Pläne ablehnte? Sie wünschte sich, Charlie würde neben ihr sitzen und Dags läge zu ihren Füßen. In diesem ungewohnten, blitzsauberen, mit Plüschteppichen belegten Haus fühlte sie sich fremd. Ihre Handflächen schwitzten, und ihr Mund war wie ausgetrocknet.

»Ihr könnt also sehen«, schloss Sally und zielte dabei mit einem Stift auf das Diagramm an der Tafel, »dass Tom und Rebecca ihre Hausaufgaben gründlich erledigt haben. Ich sage damit nicht, dass ihr mit alldem einverstanden sein müsst. Es handelt sich hierbei schließlich nur um einen Vorschlag, aber bei diesem Treffen hier und heute geht es nicht nur darum, Waters Meeting in der Familie zu halten, sondern auch darum, die Familie durch offene Kommunikation zusammenzuhalten. So, ich glaube, ich habe genug gesagt, jetzt seid ihr an der Reihe.«

Sie wischte die Tafel sauber. »Wie der Geschäftsplan aussieht, wisst ihr jetzt, jetzt müssen wir herausfinden, was sich jeder Einzelne von euch für die Farm wünscht.

Dazu möchte ich, dass jeder von euch mir eine Liste von Zielen nennt, die er oder sie für die Zukunft hat. Das können auch bloße Wunschträume sein. Es geht darum, was in den nächsten zehn Jahren in eurem Leben geschehen soll.«

Harry rutschte auf seinem Sitz herum und verzog brummelnd das Gesicht. Sally streckte ihm eine Faust voll bunter Marker hin.

»Such dir eine Farbe aus«, sagte sie.

»Schwarz«, antwortete Harry.

Sie reichte die Stifte rundum, Rebecca wählte Rot, Mick und Trudy nahmen Grün und Frankie mit Peter Blau.

»Der lila Marker ist für Tom«, sagte Sally. Der Name durchschnitt die bedrückte Atmosphäre im Raum. »Wir dürfen ihn nicht vergessen. Vor allem seinetwegen sind wir hier. Vor allem seinetwegen müssen wir alle Karten auf den Tisch legen und uns ein gemeinsames Ziel setzen. Vor allem seinetwegen müssen wir anfangen zu reden.«

»Harry«, fuhr Sally fort, »wir fangen nicht mit dir an. Ich weiß, dass dieser Prozess für dich am schwierigsten ist. Mick, wir geben deinem Vater Zeit zum Nachdenken, lass uns mit dir anfangen.«

»Nein, Sally«, sagte Harry beinahe zu laut. »Du hast uns erklärt, dass es bei dieser Zusammenkunft vor allem um Kommunikation geht, und es wird Zeit, dass ich etwas sage.« Seine Stimme zitterte leicht.

Sally lächelte ihn aufmunternd an und zog die Kappe von dem schwarzen Marker, um damit die Tafel zu beschriften.

»Ich möchte, dass wir euren Vorschlag in die Tat umsetzen. Ich wollte zu lange die Zügel in der Hand behalten, und wir wissen alle, wohin das geführt hat. Ich möchte, dass Rebecca die Farm übernimmt und ihre Pläne umsetzt … das heißt, wenn die Bank ihr Okay dazu gibt. So wie es aussieht, haben Mick und Trudy sich hier gut eingerichtet. Mick, dir scheint das Farmleben nicht zu fehlen.«

Mick schüttelte den Kopf. »Mir ging’s nie besser, Dad.«

»Seht ihr«, sagte Harry, »damit ist alles geklärt.« Er stemmte eine Hand auf den Tisch und spreizte die langen Finger auf der glatten Tischfläche. »Rebecca kann die Farm übernehmen. Meinen Segen hat sie.«

»Nicht so stürmisch, Harry«, fiel ihm Sally freundlich ins Wort. »So einfach ist die Sache nicht. Wir wollen von jedem von euch hören, was für Ziele er oder sie sich persönlich gesetzt hat. Jeder in diesem Raum muss sich äußern. Verstehst du, Harry, es ist schön und gut, wenn du beschließt, dass die Zukunft der Farm in Rebeccas Händen liegen soll, aber du hast uns noch nicht erklärt, wo du dich in den nächsten zehn Jahren siehst. Was sind deine Ziele? Und bei dieser Frage ist Rebecca außen vor.«

Harry rutschte wieder verlegen auf seinem Stuhl herum. Er hob die Hand an den Hinterkopf und kratzte sich nachdenklich. Im Zimmer wurde es still.

»Landcare«, brach es aus ihm heraus. »Ich wollte schon immer als freiwilliger Helfer für Landcare arbeiten.«

»Gut, das ist gut«, sagte Sally und notierte die Worte säuberlich unter Harrys Namen auf der Tafel.

»Und der Fluss, ich wollte schon immer die Leute am Unterlauf dazu bringen, den Fluss zu bereinigen … und natürlich möchte ich weiterhin auf der Farm helfen, soweit ich kann.« Er reckte seinen Stumpf ein wenig vor.

Der schwarze Marker begann eine Ecke der Tafel mit Worten zu füllen und Harrys Zukunft mit einem Bild zu verbinden. Zum ersten Mal seit vielen Jahren konnte Rebecca ein Leuchten in seinen Augen sehen.

Als Harry fertig war, begann Sally Mick nach seinen Zielen zu befragen. Auch er brauchte Zeit zum Reden.

»Also. Ich würde gern weiter mit Immobilien handeln und in der Firma ein paar Stufen nach oben klettern. Mir vielleicht ein Ferienhaus an der Küste zulegen. Was die Farm angeht, hätte ich eines Tages gern einen finanziellen Anteil daran, aber erst, wenn sie wieder stabil läuft und Profit abwirft. Aber vor allem möchte ich den Neuanfang unterstützen, damit ich mit meinen Jungs dorthin fahren und mit ihnen angeln oder jagen gehen kann …«

»Moment mal!«, fiel ihm Trudy ins Wort.

O nein, dachte Rebecca, Trudy würde das ganze Treffen sabotieren.

Doch stattdessen fuhr Trudy lächelnd fort: »Du hast von deinen ›Jungs‹ gesprochen. Jung-sss«, wiederholte sie, wobei sie das S übertrieben betonte und ihren Bauch massierte. »Du weißt doch gar nicht, ob es ein Junge wird! Immerhin wird sie vielleicht eine Sie! Und vielleicht möchte sie genauso gern wie Danny mit dir zum Angeln und Jagen nach Waters Meeting fahren!«

»Guter Einwand, Trudy«, bekannte Sally lächelnd, und die übrige Familie lachte.

Mick hob in gespielter Resignation die Hände und redete weiter, während Sally seine Ziele in das grüne Viertel eintrug.

Rebecca spürte, wie eine Woge der Erleichterung sie durchlief, sie hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass Trudy gar nicht so übel war.

Während jedes Familienmitglied seine Ziele beschrieb, verwandelte sich die Tafel in ein farbenfrohes Wörterbild, das ein ganzes Panorama von Zukunftsträumen darstellte. Die Atmosphäre im Raum begann sich zu wandeln, alle empfanden so etwas wie Vorfreude darauf, was die nächsten Jahre bringen mochten.

Vor allem Rebecca saß gespannt auf der Stuhlkante und spürte, wie die Energie ihrer Familie sie trug. Es war ein neues Gefühl. Und ein gutes dazu.

Als die Zusammenkunft schließlich zum Ende zu kommen schien, hob Sally Toms lila Marker hoch.

»Lasst uns mal sehen, wo Tom bei alldem bleibt«, sagte Sally. Sie begann jene Worte einzukreisen, die in jedem Viertel auftauchten, und sie dann mit einer lila Linie zu verbinden. Jedes Familienmitglied wollte für sich selbst und seine Kinder Zugang auf Waters Meeting. Frankie und Peter, Mick und Trudy wollten alle, dass Waters Meeting in der Familie blieb, sodass sie die Farm weiterhin besuchen konnten. Nicht einer von ihnen hatte vorgeschlagen, den Grund aufzuteilen oder die Farm zu verkaufen. Rebecca wusste, das war der Fluss, der durch ihre Herzen strömte. Obwohl sie die Einzige war, die wahre Leidenschaft für die Landwirtschaft aufbrachte, waren alle durch diesen Faden miteinander verbunden. Den Rebecca River. Sie war der Schlüssel, der alles zusammenhielt.

»Seht ihr das Muster?«, fragte Sally. »Genau das hat Tom sich gewünscht. Er wollte, dass ihr alle nach Waters Meeting kommen und euch dort frei und glücklich fühlen könnt. Aber«, sagte Sally ernst, »hier geht es nicht nur um eitel Sonnenschein und Teetrinken auf der Veranda. Der Betrieb steckt bis zum Hals in Schulden, und wenn wir den Bankmanager nicht umstimmen können, muss die Farm verkauft werden.« Sallys Worte durchschnitten die Luft und dämpften die fröhliche, versöhnliche Atmosphäre.

»Eine einzige Zusammenkunft kann nicht alles regeln«, fuhr Sally fort. »Wir müssen jetzt gleich einen Brief aufsetzen, in dem Harry seine Unterstützung für diesen Geschäftsplan und für die angestrebte Umschuldung erklärt. Wir haben noch eine Stunde bis zu unserem Termin auf der Bank, wir sollten also lieber die Rollschuhe anschnallen.«


Draußen vor dem Haus versammelte sich die Familie, um Rebecca und Sally, die den frisch ausgedruckten und gefalteten Brief in ihrer Aktentasche verstaut hatte, viel Glück auf der Bank zu wünschen und ihnen zum Abschied nachzuwinken. Rebecca schloss Trudy in die Arme und flüsterte: »Danke.«

»Ich danke dir auch, Becky. Ich glaube, dass wir uns jetzt alle viel besser fühlen, meinst du nicht auch? Als wäre die Luft gereinigt oder so.«

»Sicher. Jedenfalls kommen wir nach unserem Termin auf der Bank wieder vorbei, um Dad abzuholen. Wir sehen uns dann.«

»Und ihr wollt ganz bestimmt nicht über Nacht bleiben? Er kommt mir schrecklich müde vor.«

»Vielleicht ist das gar keine schlechte Idee. Und man kann nie wissen – wenn der Termin mit dem alten Knacker auf der Bank glattgeht, haben wir vielleicht etwas zu feiern«, sagte sie augenzwinkernd.

Rebecca drehte sich um und bekam mit, wie Harry sich unbeholfen mit seiner Linken von Peter verabschiedete, der Frankie in die Stadt zurückfahren wollte. Frankie lächelte Harry an und hauchte einen Kuss auf seine Wange, dann sah sie zu Rebecca herüber.

»Rebecca. Kann ich dich einen Moment sprechen?«, rief Frankie ihr zu.

»Sicher, Mum«, meinte Rebecca stirnrunzelnd, denn eigentlich war sie der Auffassung, dass für einen Tag genug gesprochen worden war. Ihre Mutter wirkte müde, wie sie so auf dem Betonweg stand, aber gleichzeitig auch glücklich nach dem Familientreffen. Sie spazierten gemeinsam ein paar Schritte die Auffahrt hinab.

»Ich möchte dir das hier geben.« Sie reichte ihrer Tochter ein Papier. Als Rebecca es auffaltete, stockte ihr der Atem. Es war ein Scheck über 350 000 Dollar.

»Mum! Woher hast du verflixt noch mal so viel Geld? Und warum gibst du es mir?«

»Psst! Steck es ein, bevor dein Vater es sieht. Das ist das Geld aus der Scheidungsvereinbarung. Ich hatte es angelegt … ich habe es nie angetastet. Das konnte ich nicht.«

»Aber Mum, deine Praxis … Du könntest damit doch – «

»Nimm es für die Farm, steck es wieder in die Farm. Ich bestehe darauf. Dieses Geld stammt ohnehin aus dem Grundbesitz deines Großvaters. Es soll Waters Meeting zugute kommen, keiner geschiedenen Saunders. Du weißt, dass meine Eltern nach der Scheidung finanziell für mich gesorgt haben. Ihr Geld hat es mir ermöglicht, die Praxis aufzubauen. Jetzt ist es an mir, dir zu helfen, dieses Geld soll dir gehören.«

Mit Tränen in den Augen schloss Rebecca ihre Mutter in die Arme.

»Danke. Tausend Dank, Mum. Du wirst es nicht bereuen, das verspreche ich dir. Um dieselbe Zeit in einem Jahr wirst du die Farm nicht wiedererkennen.« Genau in diesem Moment rammte Danny seinen Laster mit voller Kraft gegen Rebeccas Beine.

»Peng, peng, peng!«, schrie er und knallte dabei den Kipplaster gegen ihr Schienbein.

»Jesus!«, stöhnte Bec. »Danny! Du willst dir wohl einen rechten Haken von deiner Tante Becky einfangen?« Mick stand mit verschränkten Armen abseits und lachte, während Trudy die Hand auf den Mund schlug.

»Du hast ihm gesagt, dass er das tun soll, stimmt’s?«, fragte Bec ihren Bruder mit grollender Stimme und einem Funkeln in den Augen. Rebecca nahm Danny auf den Arm und kitzelte ihn am Bauch, während sie gleichzeitig mit den Lippen laute Furzgeräusche an seinem Hals produzierte, bis er fröhlich kreischend mit den Beinen um sich schlug.

Nachdem Bec die Tür zugezogen und sich angeschnallt hatte, sah sie Sally mit hochgezogenen Brauen an. »Mann. Kids«, sagte sie und rieb sich das Schienbein. »Danny scheint echt hart drauf zu sein! Ich würde einen Wurf Welpen jederzeit vorziehen!«

Sally zog die Sonnenbrille aus der Stirn auf ihre Nase. »Du bist also genauso drauf wie ich – meilenweit von jedem Kinderwunsch entfernt? Ich weiß nicht, wann werden wir je anfangen zu glucken, Bec?«

»Vor dem Glucken kommt das Kucken, Sal! Sehen wir der Sache ins Gesicht, wir stecken beide mal wieder in einer Dürrephase. El Niño.«

Sally hielt an einer roten Ampel und sah ihre Freundin an. »Weißt du, du bist ein echtes Ferkel, Bucket. Wie in aller Welt sollen wir einen Bankmanager dazu bringen, ausgerechnet dir ein paar Trillionen Dollar zu leihen?«

»Ich weiß schon, wie«, antwortete Bec. Sie begann ihr Hemd aufzuknöpfen und die Brust vorzurecken. Dann streckte sie die Zunge so weit wie möglich aus dem Mund und fuhr sich damit über die Lippen.

»Ihh! Hör auf.« Sally schlug auf ihre Arme und Hände ein.

Der fast kahle Fahrer in dem BMW auf der Nebenspur sah zu ihnen herüber und erstarrte. Dann fuhr er sich ebenfalls mit der Zunge über die Oberlippe.

»Ihh! Bäh! Uargh!«, rief Sally. »Schalt auf Grün! Schnell, schalt auf Grün!«

Rebecca sank in ihren Sitz zurück und bog sich vor Lachen, während Sally das Gaspedal durchtrat, um die Ampel und den Mann so schnell wie möglich hinter ihnen zu lassen.

»Du hast zu deiner alten Form zurückgefunden, Bec … das macht mir angst.«

»Das ist nur ein kurzfristiges Hoch. Ich weiß einfach, dass wir heute auf der Bank den Durchbruch schaffen. Genau wie du bei der Familienkonferenz den Durchbruch geschafft hast.« Plötzlich ernst, ergänzte sie: »Du warst fantastisch, Sal. Du hast unsere Familie wirklich zusammengebracht. Ich hätte das nicht für möglich gehalten. Wie soll ich dir nur danken?«

Sally wandte sich an sie, zog die Sonnenbrille an ihre elegante Nasenspitze und sah ihr in die Augen. »Ich tue das nicht für dich. Ich glaube, das hatte was mit Tom zu tun. Das war ich ihm schuldig.«

Bec lächelte ihre Freundin an, während sie sich weiter durch den Verkehr in Richtung Stadtzentrum schoben. »Es wird für uns alle gut ausgehen, Sal, das weiß ich einfach. Schau nur, was Mum mir gegeben hat.« Sie hielt den Scheck hoch, den Sal beim Fahren zu entziffern versuchte.

Als sie die Zahlen endlich entschlüsselt hatte, entfuhr es ihr: »Heilige Scheiße! Das injiziert allerdings Adrenalin in das Farm-Budget!« Grinsend schob sie eine Kassette in den Recorder und stellte die Musik laut.

Trotz der hämmernden Musik von »Killing Heidi« wollte die Trauer nicht aus Rebeccas Herz weichen. Charlie Lewis. Der Kuss am Fluss.


In der Parkgarage strich Rebecca ihr Haar glatt und zupfte den Rock nach unten. Dann streifte sie die Kostümjacke über.

»Wie sehe ich aus?«

»Nach ein paar Millionen Dollar«, befand Sally.

»Gut. Genau die wollen wir.«

Sie atmete tief durch. Sie war zwar ruhig, aber nervös, und ihr war ein bisschen mulmig. Sally hingegen sah geschleckt und glatt aus wie eine Katze. Die stylische Aktentasche in der Hand, marschierte sie auf den Lift zu. Sobald die Tür aufglitt, trat sie ein und drückte noch im selben Moment den Knopf wie ein Anwalt in einem amerikanischen Serienkrimi.

Als sie in das nach Plastik riechende klimatisierte Büro geführt wurden, erhob sich der Bankmanager, deutete auf die Sessel und wusste dann nicht, ob er den beiden jungen Frauen die Hand geben oder ob er sie nur mit einem lockeren Kopfnicken begrüßen sollte.

Rebeccas kraftvoller Händedruck und die rauen Handflächen überraschten ihn. So ein hübsches kleines Ding, dachte er. Rebecca zog ihre Hand zurück; sie ahnte, was der Mann dachte, und hoffte, dass ihm die verkrusteten Schnittwunden und Blasen nicht aufgefallen waren, die ihre Handflächen und Finger überzogen.

Sally und Rebecca setzten sich gleichzeitig und mit identisch überkreuzten Beinen. Sallys Beine waren lang, blass und elegant. Rebeccas muskulös und honigbraun. Sie waren beide so jung, dachte der Manager. Am Telefon hatte Sally Carter viel älter geklungen. Die blauen Augen der Blonden verschlugen ihm den Atem. Die ungewöhnlichen braungrünen Sprenkel in den Augen der Großen betörten ihn.

»Es ist mir eine Freude, Sie persönlich kennenzulernen, meine Damen«, sagte er mit tiefer Samtstimme. Sein Blick senkte sich verstohlen unter die Halsausschnitte, und noch im Reden registrierte er die großen, perfekt abgerundeten Brüste der Blonden. Er räusperte sich und strich mit der Hand über sein grau gelacktes Haar. Ein Haar verfing sich in seinem goldenen Ehering, wurde ausgezupft und landete auf dem Kragen seines nachtblauen Anzugs. Beim Reden fuhr er unentwegt mit der anderen Hand über die rote Krawatte, unter der sich die Umrisse seines Bauches abzeichneten.

»Ich habe gestern mit der Post eine Kopie Ihres Geschäftsplanes und Kreditantrages erhalten.«

Er legte die korrekt eingehefteten Dokumente vor sich auf den Tisch, schob seinen Stuhl nach vorn und stützte die Ellbogen auf die Tischplatte.

»Ihr kühnes Vorhaben hat mich sehr beeindruckt. Es ist ein sehr ehrgeiziger Plan für zwei so junge Damen wie Sie. Ich habe Ihren Kreditantrag prüfen lassen, dennoch müssen wir zuvor einige Fragen klären. Vor allem was das Eigentum an dem Land betrifft und die Identität des Kreditnehmers.«

Bevor er weitersprechen konnte, zog Sally einen makellosen weißen Umschlag aus einem Fach ihrer schwarzen Aktentasche. Sie hielt ihn mit einem charmanten Lächeln in der Hand.

»Ich glaube, dieser Brief sollte alle Ihre Fragen bezüglich des Kreditantrages beantworten. Darin wird die volle Unterstützung des Grundbesitzers zugesichert.« Dann schob sie den Umschlag über die Tischplatte.

Im Raum blieb es still, während der Bankmanager den Umschlag öffnete, den säuberlich getippten Text studierte und zuletzt den Blick auf Harry Saunders’ hingekrakelte Unterschrift senkte.

»Also, Miss Saunders, mit der vollen Unterstützung Ihres Vaters sieht es für Ihren Kreditantrag natürlich deutlich besser aus. Machen wir uns an die Arbeit …«

Vor der Bank biss sich Rebecca in die Faust und gab sich alle Mühe, nicht laut zu schreien. Sally klammerte sich an Becs Arm fest und hüpfte aufgeregt auf und ab.

»Wir haben es geschafft!«, jubelte Bec. Die Mädchen fielen sich lachend in die Arme. Dann sprangen sie, einander an den Händen haltend, im Kreis, sahen sich gegenseitig in die tränenfeuchten Augen und jubelten … aber nur ein bisschen. Gleich darauf entfernten sie sich mit eiligen Schritten vom Bankgebäude und hofften gleichzeitig, dass die Angestellten nicht beobachtet hatten, wie die professionelle Coolness von ihnen abgefallen war.

Wo die Wasser sich finden australien2
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