Kapitel 13

PeterMaybury rieb mit dem Handrücken über sein juckendes Auge und zog dabei eine Mehlspur über seine Wange. Sein Hund Henbury rotierte auf seinem flauschigen Hintern über die Küchenfliesen, sah verzweifelt zu seinem Herrchen auf und flehte Peter mit Blicken an, ihm einen Happen zuzuwerfen. »Verschwinde, Henners, die Gnocchi sind für Frankie. Du hast dein Essen schon bekommen.« Der Hund leckte sich über die Lefzen und winselte. Frankie saß mit untergeschlagenen Füßen auf der Couch, ein Weinglas in der einen Hand, den Brief in der anderen, und hatte die goldgerahmte Brille an die Nasenspitze geschoben.

»Jetzt hör dir das an, Peter.« Sie fasste einen weiteren Abschnitt aus Toms Brief zusammen.

»Trudy hat einen Landschaftsgärtner und einen Architekten beauftragt, die Farm ›aufzumöbeln‹!«

Frankie schüttelte seufzend den Kopf.

»Anscheinend macht sich die Farm gut«, sagte Peter.

»Das wird nicht aus den Gewinnen der Farm bezahlt! Sondern von Trudys Vater. Er gibt ihr das Geld dafür.«

»Stimmt, ich habe irgendwo gelesen, dass der Stadtrat ihm genehmigt hat, einen Wohnkomplex in Port Side hochzuziehen. Offenbar läuft es gut für ihn.«

»Mmm, das habe ich in der Zeitung gesehen. Das nächste Hochhaus am Strand«, sagte Frankie bitter. »Eine Schande, die Abwässer werden die Meeresfauna in der Bucht auslöschen … aber zumindest kann er damit seine Tochter glücklich machen und ihre Renovierungen sponsern.«

Peter hörte die Anspannung in ihrer Stimme. »Noch etwas Wein?«, fragte er fröhlich.

Frankie schüttelte den Kopf und fuhr fort: »Es hat so vieles für sich, ein Einzelkind zu sein. Trudy ist absolut verwöhnt. Ich frage mich wirklich, warum ich mir die Mühe gemacht habe, drei Kinder zu bekommen, statt nach dem ersten Schluss zu machen. Dann hätte Harry nicht so viel Ärger mit seinen Plänen für die Farm gehabt!«

»Komm schon, Frankie. Sei nicht so zynisch«, mahnte Peter gütig. »Deine Kinder wären entsetzt, wenn sie dich hören könnten.«

»Aber es stimmt.«

Peter sah sie ausdruckslos an. Er wusste, dass sie schmerzhaft unsentimental sein konnte. Ihre pragmatische, klinische und wissenschaftliche Einstellung zum Leben war nicht die allerbeste Voraussetzung für das Dasein als Mutter. Er hatte den Verdacht, dass sie sich ständig mit Selbstvorwürfen quälte, weil sie ihre Kinder im Stich gelassen hatte und auch jetzt nicht für sie da war. Er lächelte Frankie melancholisch an. In den Monaten, die sie inzwischen zusammen waren, waren sie zu der Erkenntnis gelangt, dass sie einander brauchten. Frankie brauchte Peter, um ihre Härte zu mildern und zu lindern, und Peter, der Träumer, brauchte Frankie, um im Leben wieder auf die Spur zu kommen. Seit seine Ehe zerbrochen war, war er orientierungslos dahingetrieben. Inzwischen war er so glücklich wie nie zuvor.

Frankie sah zu ihm auf und registrierte die Bewunderung in seinem Blick. Sie lächelte ihn an und begann sich ein wenig zu entspannen. »Entschuldige, Peter. Es ist bloß, weil Trudy alles nachgeworfen bekommt, während sich meine Jungs immer abmühen mussten und von Harry kaum genug zum Überleben bekamen. Dann kommt sie angeschneit, und der Luxus kehrt ein. Wieso kann sie sich solche Extravaganzen leisten? Mich ließ Harry nicht einmal die Küche streichen, selbst wenn ich es von meinem eigenen Geld bezahlen wollte! Jahrelang habe ich dafür gekämpft, den Wintergarten anbauen zu lassen, damit etwas Licht ins Haus kommt. Ich weiß, dass ich nicht die beste Hausfrau bin, aber oft denke ich, dass wir vielleicht noch verheiratet wären, wenn er mir nur öfter freie Hand im Haus gelassen hätte. Das Haus war so dunkel und deprimierend. Kein Wunder, dass Harrys Mutter so früh gestorben ist! Wahrscheinlich an Vitamin-D-Mangel. Wenn er mir bloß das Gefühl gegeben hätte, dass das Haus auch mir gehört.«

Peter sah sie zweifelnd an. Er wusste, dass sie für ihre Arbeit lebte, und das bedeutete, dass ihre Ehe von Anfang an zum Scheitern verurteilt war, Haus hin oder her.

Frankie ahnte, was Peter dachte.

»Tut mir leid, du hast recht. Ich glaube, ich bin einfach nur neidisch.«

»Verständlicherweise.« Sie verstummten. Peter arbeitete wieder in der Küche, und Frankie las weiter.

Wenige Sekunden später stöhnte sie auf.

»Was ist denn?«, fragte Peter, der eben in den winzigen Kühlschrank gespäht hatte und sich jetzt steif wieder aufrichtete.

»Tom hat seine Sachen in die Unterkunft für die Schafscherer gebracht, damit Trudy in Ruhe renovieren kann und er nicht das Gefühl bekommt, ihr im Weg zu sein.«

Peter rümpfte die Nase.

»Diese Unterkünfte sind ein Rattenloch!«, sagte Frankie. »Der arme Tom.«

»Vielleicht handelt es sich nur um ein kurzfristiges Arrangement, bis die Renovierung vorüber ist«, versuchte der mehlbedeckte Peter zu trösten.

»Ja. Ja, das nehme ich an, aber ich mache mir solche Sorgen um Tom. Aus dem eigenen Haus geworfen.«

»Er ist erwachsen, Frankie. Bestimmt war es seine Entscheidung. Er muss wissen, was er tut.«

»Es ist alles so, so … schwierig. Es will mir nicht in den Kopf, wie in aller Welt Trudy es ertragen kann, in demselben Haus zu leben wie ihr Schwiegervater. Mich trieb es damals als Frischverheiratete in den Wahnsinn, dass ich das Haus mit Harrys Dad teilen musste, und lass dir gesagt sein«, Frankie schwenkte ihr Glas in Peters Richtung, »Harrys Vater war … weicher als er. Umsichtiger.«

»Es ist ein großes Haus.«

»Peter«, sagte Frankie fest und fixierte ihn über den Rand ihres Glases hinweg, »darum geht es nicht.«

»Jetzt komm schon, Frankie, du hast dir vorgenommen, dich da nicht mehr so hineinzusteigern.«

»Ja. Ja, ich weiß, aber es geht … es geht mir um Tom. Bestimmt fühlt er sich schrecklich allein. Ich wünschte, ich könnte ihn öfter anrufen, aber er ist nie da, immer habe ich Trudy oder Harry am Apparat, und Harry spricht keinen Ton mit mir, während Trudy den Mund nicht mehr zubekommt. « Frankie seufzte und las weiter in Toms Brief, während Peter den mehligen Klumpen in der großen Emailschüssel durchknetete und zwischendurch kurze Schlucke aus seinem mehlfleckigen Weinglas nahm.

»Jetzt schreibt er, dass der Fluss Hochwasser führt und sie ein paar Rinder auf den Flussweiden verloren haben. Den Hunden geht’s gut, und die Pferde sind fett.«

Sie verstummte und ließ die Augen weiter über Toms Brief wandern.

»Ha! Typisch!«

»Was?« Peter strich mit den Handflächen auf dem Teig hin und her.

»Er schreibt, dass sein Vater trotzdem nichts von Toms Vorschlag hält, eine zentrale Beregnungsanlage anzuschaffen und oben in den Hügeln einen Damm zu setzen. Verflucht typisch«, fuhr Frankie fort. »Er hat einen Brief von Rebecca bekommen. Sie hat den Novizenpreis bei einem Hunde-Trial gewonnen und bei der Wollausstellung ein blaues Siegerband für einen Widder aus Blue Plains ergattert.« Sie sah Peter an und erläuterte: »Das ist in diesen Kreisen eine große Sache.«

Peter schielte unter den Deckel eines dampfenden Topfes. »Offenbar macht sie sich gut in ihrem neuen Job.«

»Ja. Ich glaube, abgesehen davon, dass er ihr Spaß macht, hilft er ihr, etwas gesetzter zu werden und mehr Verantwortung zu übernehmen. Sie muss diese Geschichte mit ihrer Selbstdisziplin in den Griff bekommen, wenn sie auf die Uni geht.«

»Sie wird das schon machen«, tröstete Peter sie. »Mach dir nicht so viele Sorgen um sie. Sie wird zurechtkommen.«

»Das hoffe ich«, sagte Frankie zu Peter. »Das hoffe ich«, wiederholte sie leise für sich, dann verstummten beide, sodass nur noch das Klappern des Topfdeckels zu hören war, untermalt von Neil Diamonds Schmachten, das leise aus der Stereoanlage triefte.

»Ach Henbury, du Ferkel!«, erklärte Peter unvermittelt. »Er hat schon wieder gepupst.«

Frankie war es nicht gewohnt, dass ein Mann »pupsen« sagte, wenn gefurzt wurde, aber sie legte lächelnd Toms Brief beiseite und nippte an ihrem Wein. Seit Peter jeden Abend vorbeikam, um die Wohnung mit seiner Güte und seinen konfusen Kochkünsten zu erwärmen, war es hier längst nicht mehr so kalt wie früher. Sie hatte sich daran gewöhnt, dass er sie aus der Küche warf und den Herd in Beschlag nahm, um kulinarische Köstlichkeiten zu zaubern. Sie war es nicht gewöhnt, dass jemand zärtlich ihre Füße massierte oder ihr das Haar aus den Augen strich. Sie sog seine Einfühlsamkeit, seine Freundlichkeit auf wie ein Schwamm. Anfangs hatte sie sich dabei rau und hart gefühlt. Sie war zu dem Schluss gekommen, dass sie zu viele Jahre als Tierärztin im Overall durch Schafskot gestapft war. Zu viele Jahre, in denen sie alles Sanfte in sich unterdrückt hatte, damit sie sich in Harrys Schatten und dem der Berge um Waters Meeting behaupten konnte. Die angenehme Stadtlandschaft hatte es ihr erlaubt, weicher zu werden und zu vergessen, wie schwer ihr Leben gewesen war. Bevor sie Peter kennengelernt hatte, hatte sie in manchen Nächten gemeint, Harrys grobschlächtige Männlichkeit zu vermissen, aber seit sie in Peters weicher Wärme zerschmolzen war, wusste sie, dass es falsch war, sich nach der Vergangenheit zu verzehren. Sie hatte das Gefühl, dass die alten Wunden allmählich verheilten, dass sie nach all den vergeudeten Jahren langsam wieder sie selbst wurde. Sie spürte, wie ihre Liebe zu Peter zu fließen begann. Dennoch träumte sie nachts immer noch vom Fluss. Vom Fluss und von ihrer Tochter. Nicht einmal Peters Umarmung konnte die Gewissensqualen und die Ängste lindern, von denen sie gepeinigt wurde, weil sie ihre Kinder zurückgelassen hatte.

Wo die Wasser sich finden australien2
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