Kapitel 33

Harry sah zu, wie die letzten Bierkartons in der Verbrennungsanlage verkohlten, und drehte sich dann zur Veranda um, wo er Trockenfutter in die Katzenschüssel schüttete und leise: »Musch, Musch« zu singen begann. Von der Katze war noch immer nichts zu sehen, aber das Futter war jeden Morgen verschwunden. Möglicherweise war das ein gutes Zeichen, dachte Harry.

Er schloss die Tür zur Waschküche, fegte die Veranda mit drei schnellen Besenstrichen und lehnte den Besenstiel danach gegen die von Spinnweben überzogene Wand.

Dann ging er zu den Ställen und sang dabei: »Auf, auf, auf!«

Hank hob den Kopf, das Maul immer noch voller Heu, und Ink Jet trottete vom Trog zu ihm her, den Kopf tief gesenkt, aber die Ohren aufmerksam gespitzt.

Harry ging auf die schwarze Stute zu und sagte leise: »Hey, mein Mädchen. Hey, Stinky.« Er fuhr mit der Hand über ihren Hals, und Staub stieg aus ihrem Fell auf. Behutsam hängte er die Zügel über ihren Hals, zog das Gebiss in ihr Maul und schlang das Zaumzeug über die glatten schwarzen Ohren, die dabei nervös zu zucken begannen. Es war fast ein Jahr her, seit sie das letzte Mal geritten worden war. Sie zuckte leicht zusammen, als Harry den verkrusteten, steifen Sattel auf ihren Rücken warf, doch sie duldete es still, dass er den Gurt anzog.

Schwer im Sattel sitzend, ritt er auf den Fluss zu und fühlte dabei den schnellen Schritt der Stute. Er spürte, wie seine Muskeln und sein Herz zu schmerzen begannen. Er war seit Jahren auf keinem Pferd mehr gesessen. Er hatte sich seit Jahren kein Gefühl mehr erlaubt – schon seit der Zeit, bevor Frankie weggegangen war … genauer gesagt, seit sein Vater gestorben war. Harry spürte die Geister seiner Angehörigen um sich herum. Sie hauchten ihm in seinem zugigen Korridor ins Genick und brachten im Maschinenschuppen Dinge zum Scheppern, sobald er ihnen den Rücken zudrehte. Manchmal, in der Stille der Morgendämmerung, hatte er das Gefühl, dass sie alle tot waren. Nicht nur Tom. Alle anderen auch. Mick, Frankie, Rebecca, alle zu Staub zerfallen.

Er hatte Monate gebraucht, um den Wahnsinn, der nach dem Tod seines Sohnes in ihn gefahren war, wieder aus seinem Kopf zu vertreiben. Aber als während des kalten Winters der Alkohol endlich aus seinen Adern verdampft war, hatte er begonnen, etwas aufrechter zu gehen. Sein Leben langsam und stetig wieder auf Kurs zu bringen. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass er Tom das schuldig war.

Er durchquerte den Fluss. Die Frühlingsschneeschmelze in den Bergen hatte ihn zu neuem Leben erweckt. Der Regen hatte dem Tal einen Hauch von leuchtendem Grün verpasst, aber bisher hatte es keine weiteren Regenschauer gegeben. Die Grassamen und Kleekeimlinge waren hoffnungsvoll gesprossen, aber inzwischen wurden alle Frühlingshoffnungen von bitteren Frostnächten und Winden abgetötet.

Harry ritt den Weg entlang, duckte sich unter frisch abgebrochenen oder abgesackten Ästen hindurch und versuchte dabei, sich in seinen Sohn hineinzuversetzen. Er suchte nach einem Hinweis darauf, dass Tom diesen Weg vor Monaten abgeritten war. Ein verblichenes Einwickelpapier möglicherweise, das ihm im Reiten aus der Hand gefallen war. Doch er sah nichts als einige verwehte Blätter in dem ausgetrockneten Unterholz des nach Regen hungernden Buschlandes. Am Berghang wuchsen die Bäume dicker und höher und waren dichter belaubt. Oben dünnte der Bewuchs wieder aus, und die Landschaft war von eisigen, windgebeugten Schnee-Eukalyptusbäumen geprägt.

Harry hielt Ausschau nach braunem Fell und lauschte nach knackenden Zweigen. Seit Tom die trächtigen Kühe in den Busch getrieben hatte, in der Hoffnung, dass sie dort die Dürre überlebten, konnten die Tiere auf ihrer Suche nach Futter tief in die Taleinschnitte gewandert sein. Es war sogar möglich, dass sie auf die hohe Bergweide gewechselt hatten, um dort nach frischen grünen Schösslingen zu suchen, die durch den schmelzenden Schnee brachen. Die Kühe waren die einzige Herde, die nach der Dürre noch auf seinem Grund lebte. Es würde schwer, sie zu finden, und noch schwerer, sie ohne Hund zusammentreiben. Harry seufzte. Nach Toms Beerdigung hatte Rebecca Bessie, die letzte Hündin auf seiner Farm, mitgenommen.

Und zwar zu Recht, dachte Harry. Zu Recht. Voller Scham rief er sich den Tag ins Gedächtnis, an dem er volltrunken im Zorn zu seinem Gewehr gegriffen und alle Hunde an ihren Ketten abgeschossen hatte. Dann schüttelte er die grässliche Erinnerung an die blutend im Staub liegende Mardy aus seinem Kopf. Er musste stark bleiben, er musste Wiedergutmachung leisten. Er versuchte, sich darauf zu konzentrieren, wo die Rinder sein konnten. Mit Sicherheit waren sie nicht auf dieser Seite der Bergkette, nicht nach einer so schweren Dürre. Das hatte ihm sein Vater erklärt. Plötzlich spukte die Stimme des alten Mannes durch seinen Kopf.

»In einem guten Jahr findest du sie, wenn überhaupt, auf dem Nordhang. Aber wenn es trocken war, musst du in die Täler in Richtung Heaven’s Leap. Dann sind sie dort.«

»Glaub mir einfach, Junge«, hatte sein Vater immer gesagt. Harry rief sich die Zeit als kleiner Junge ins Gedächtnis. Wie er krampfhaft versucht hatte, nicht zu weinen, als sein Vater ihn auf einen riesigen Ackergaul gesetzt hatte. Sein Vater hatte nur gelacht.

»Ich sehe schon, du bist kein großer Rinderhirte, Junge.« Sein Vater war gnadenlos gewesen. So gnadenlos. Noch heute spürte Harry bisweilen einen Kloß in der Kehle, wenn er daran dachte, dass sein Vater für seinen alten Hund und seine Pferde mehr Gefühl gezeigt hatte als für seinen Sohn. Als junger Mann hatte Harry mit einem ganzen Cocktail von Emotionen seinem Vater gegenüber gekämpft —Bewunderung, Liebe, Hass und Verzweiflung, alles in einem wirren Mischmasch vermengt. Gepeinigt von Schuldgefühlen, erkannte Harry, dass er dieses Muster bei seinen Kindern wiederholt hatte. Kein Wunder, dass Tom dabei unter die Räder geraten war. Wenn ihm sein Vater nur beigebracht hätte, wie man liebt. Harry spuckte aus und ritt weiter.

Er hatte vor, die Nacht in der Hütte zu verbringen und morgen in aller Frühe auf die Hochebene zu reiten. Womöglich würde er Wochen brauchen, um die Rinder zu finden. Er richtete sich im Sattel auf und merkte, wie seine Rückenmuskeln zu kribbeln begannen und seine Hüften unter Schmerzen knackten. Inzwischen wünschte er sich, er hätte eine Flasche Whisky eingesteckt. Doch er wusste, dass er trocken bleiben musste. Dass er sich nicht treiben lassen durfte.

Im Reiten sann er über seine Kinder nach. Normalerweise hatten sie die frei grasenden Tiere zusammengetrieben. Tom und Rebecca. Sie waren die Tierexperten gewesen, die wahren Erben seines Dad, dachte Harry. Seines Dad, dieses alten Bastards.

Einen halben Kilometer vor der Hütte begannen fette Regentropfen auf Harrys Hutkrempe zu schlagen und Ink Jets Fell zu durchtränken, bis sie winzige Rinnsale bildeten, die an den Beinen abwärts zu den Fesseln rannen. Durch den Regenschleier hindurch sah er die Hütte stehen. Aus dem Kamin stieg Rauch auf. Tom hatte Feuer gemacht.

Doch als er näher kam, erkannte er, dass es kein Rauch war. Nur ein Nebelschleier.


Sobald er Ink Jet den Sattel abgenommen hatte, drückte sie den Schweif gegen die Wand des Schuppens und ließ sich beregnen. Sie legte die Ohren an, während der Regen den trockenen Fleck nässte, auf dem der Sattel gelegen hatte.

Harry ließ den Sattel auf die Veranda fallen, nahm Hut und Mantel ab und hängte beides an einen Nagel. Die Tür war mit einer Kette und einer Drahtschlaufe verriegelt. Tom hatte sie fest eingehängt. Harrys nasse, gerötete Hände mühten sich zittrig mit dem Draht ab. Sein Atem ging in kurzen Stößen.

Als er die Hütte betrat, konnte er im ersten Moment kaum etwas erkennen, so dunkel war es drinnen. Dann sah er, dass etwas an den tiefen Sparren in der Ecke hing. Eine dunkle Gestalt. Sein Herz setzte einen Schlag aus, und er presste sich an die Tür.

Es war nur ein alter Sack. Ein alter Jutesack mit etwas Salz für die Rinder. Er hing an einem Stahlhaken. Offenbar hatte Tom ihn hier aufgehängt.

Die Regenwolken draußen waren so dunkel, dass Harry eine Kerze anzündete und sie auf den schwarzen, kalten Kanonenofen stellte.

»Anständiger Junge«, sagte er, als sein Blick auf den ordentlich aufgestapelten Zunder aus Zeitungspapier und Holz fiel.

»Du warst so ein anständiger Junge.« Harry presste die Hand vor die Augen, als ihm wieder einmal aufging, was Tom alles unternommen hatte, um vor seinem Vater zu bestehen. Wie sehr er sich bemüht hatte, ein richtiger Farmersohn zu werden. Wie viel er aufgegeben hatte … seine künstlerische Gabe. Diese Gabe hatte er von Harrys Mutter geerbt. Die still gelitten hatte. Genau wie Tom. Wenn Harry ihm nur gesagt hätte, dass er ihn liebte. Wenn er das seinem Kind nur ein einziges Mal gesagt hätte.

Harry kauerte vor dem schon vorbereiteten Ofen und fühlte sich versucht, das Feuer nicht anzuzünden. Toms Hände hatten die Stöcke im Ofen aufgestellt. Doch dann überlief ihn ein Schaudern, und er strich das Zündholz an, das gehorsam aufflammte und zu brennen begann. Der Ofen erwachte, seufzte und begann erst zu murmeln und wenig später zu fauchen.

In der Zimmerecke lag ordentlich zusammengerollt Toms Schlafsack unter einer dünnen Staubschicht. Harry fuhr mit den Fingern über die Gurte, löste dann hastig die Schnallen und rollte den Sack aus. Dann zog er sich bis auf die Unterwäsche aus, schlug die Leinendecke zurück und kletterte hinein. Er zog die kalten, schmutzigen Laken und die graue, schmutzige Decke hoch über die Schultern. Als er das zusammengeknüllte Kissen aufschütteln wollte, spürte er etwas unter seiner Hand. Er zog einen abgewetzten, felllosen Teddybären heraus. In seinen Glasaugen spiegelte sich das flackernde Licht der Kerze, die jetzt auf der alten Teetruhe neben dem Bett stand. Erschrocken schob Harry den Bären in den Kissenbezug zurück.

Als er den Kopf auf das Kissen sinken ließ und Toms Geruch einatmete, stieg ein jammervolles, tief aus dem Bauch kommendes Heulen aus seinem Mund. Er schloss die Augen und sah den kleinen Jungen, der den Teddy im Staub hinter sich herschleifte, in den Schafpferchen auf sich zurennen. Harrys zittriges Weinen zwängte sich durch die Schindeln und das Blechdach und vermengte sich mit dem Bergwind, der die Bäume peitschte und durch die Nacht heulte.

Am Morgen bückte sich Harry im kalten, kaum tröstlichen Tageslicht, um seine Stiefel anzuziehen, und hielt sich dabei an dem Pfeiler fest, um nicht umzufallen. Seine Fingerspitzen bohrten sich in frisch eingeschnittene Kerben. Im Dämmerlicht der Hütte betrachtete er den Pfosten genauer und entdeckte die letzten Zeichen, die Tom in diesem Leben hinterlassen hatte. Die letzten Zeichen, abgesehen von den zornigen roten Buchstaben auf dem Autodach. Durch frisch aufsteigende Tränen hindurch starrte Harry auf die Initialen, bis er endlich erkannte, was er zu tun hatte.

Er trat in die Morgendämmerung hinaus und machte sich daran, das Pferd zu satteln, um damit die Rinder zusammenzutreiben, sodass er sie ins Tal zurückholen konnte, wo er sie gegen Würmer behandeln würde, bevor er sie zusammen mit einem Stier auf die Hochebene zurückschickte.

Die Hütte hinter ihm schien leise zu seufzen. Eigentlich wäre Harry der Nächste gewesen, der in dieser Abfolge von Rinderzüchtern sterben sollte. Nicht Tom. Das Leben war völlig aus den Fugen geraten.

Wo die Wasser sich finden australien2
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