Kapitel 30
Als sich die Trauergäste langsam vom Grab entfernten, stolperte Harry stumm in ihrem Kielwasser hinterher. Er stand im Schatten der Kirche, ganz am Rand der kleinen Trauergemeinde. Seine wässrigen Augen wanderten über die anderen Trauernden. Er hielt Ausschau nach Rebecca. Erst entdeckte er Frankie. Ihr braunes Haar wehte wild im Wind. Harry sah, wie Peter den Arm um sie legte und sie vom Grab weg zu den geparkten Autos führte.
In der Gruppe sah er Mick mit seinem Sohn Danny auf dem Arm den Hügel hinaufgehen. Im Gehen hob Mick das Kind an sein Gesicht und presste den Mund auf Dannys rosige Wange. Trudy hing mit ihren perfekten kleinen Händen an Micks Ellbogen und tupfte sich mit einem Taschentuch die Augen.
Hinter der kleinen Gemeinde entdeckte Harry schließlich auch Rebecca, die wie festgewachsen dastand und auf die ausgedörrte Wiese hinter der Kirche starrte. Er hielt den Atem an. Ein großer junger Mann mit dunklem Haar stand neben ihr und stützte sie mit einer Hand am Rücken. Als sie sich umdrehte und den anderen Gästen zuwandte, erkannte Harry, dass ihr erschüttertes Gesicht tränennass war. Und vor Schmerz verzerrt.
Sie war so schön, dachte er. Und Tom so ähnlich. In ihrer Hand hielt sie fest umklammert eine Leine aus Känguruleder. Das andere Ende der Leine hing an Bess’ Halsband. Die Hündin stand reglos neben ihr und lehnte sich nur manchmal an Rebeccas Bein, um in der Luft zu schnuppern und nach Tom zu suchen.
Während Harry so dastand und Rebecca beobachtete, begriff er plötzlich, was er getan hatte. Er hatte seinen Groll an seiner Familie ausgelassen. Er hatte das schwächste Glied darin zerstört. Den armen Tom. Den armen, stillen, fürsorglichen Tom. Harry merkte, wie sich sein Mund verzog, als ihn die Erkenntnis mit voller Kraft traf. Unter Tränen starrte er auf seine Tochter, die sich, fast aller Kräfte beraubt, müde auf den großen jungen Mann stützte.
Harry schluckte. Er würde keine Fehler mehr machen, nahm er sich vor. In diesem Moment beschloss er, in seinen verschrammten Stiefeln zwischen Löwenzahnblüten und windschiefen alten Grabsteinen stehend, dass er sich zusammenreißen und seine Farm retten würde. Nie wieder würde er seine Kinder bestrafen. Er machte auf dem Absatz kehrt und begann, in Richtung Stadt zu gehen.
Im kühlen Nachmittagslicht drehten die Trauergäste der Sandsteinkirche den Rücken zu und verstreuten sich im Wind. Schweigend stiegen sie in ihre Autos und Pick-ups, wo sie die Taschentücher wieder in die Tasche stopften; einige waren froh, dass sie noch am Leben waren, und spürten den Biss des kalten Windes, andere waren erschüttert, dass ihnen der Tod so nah war und dass er ein so junges Leben genommen hatte. In einer langsamen Prozession rollten die Menschen in ihren Autos und Pick-ups über die gewundene Schotterstraße dem Pub entgegen.
Sobald Charlie die Tür des Pubs aufzog und Rebecca hineinführte, begann Bessie an ihrer Leine zu zerren.
»Schon gut. Schon gut«, sagte Bec zu dem Hund und hängte die Leine ab. Bessie nieste und trottete zu dem Barhocker, auf dem Tom immer gesessen hatte. Die Hündin ließ sich entlang der hölzernen Fußleiste unter der Bar nieder und bettete den Kopf auf die Pfoten. Gelegentlich hob sie die Schnauze, um die dargebotenen Sandwichrinden oder Wurststücke aus den fettigen Hotdogs aufzuschnappen.
Rebecca und Frankie standen schweigend mit ihren angeschlagenen Teetassen inmitten der Gäste. Charlie und Peter wichen ihnen kaum von der Seite und unterhielten sich mit Freunden und Angehörigen. In einer Ecke versuchte Trudy den schreienden Danny zu beruhigen, indem sie ihn auf ihrer Hüfte hüpfen ließ.
Bis Dirtys Frau die leeren Sandwichplatten und Teetassen weggeräumt hatte, waren die gedämpften Stimmen der Trauergäste wieder so laut geworden wie sonst auch. Bier floss durch die Leitungen in die Gläser. Die Gäste begannen sich am Alkohol und ihrem Geplauder zu wärmen. Der Eishauch des Todes, vor allem eines Selbstmordes, war zu grausam, um ihn lange zu ertragen. Sie versuchten ihn abzuschütteln, indem sie ihre Gläser erhoben und auf Tom anstießen.
Draußen vor dem Pub saß Harry auf einem grob behauenen Baumstamm und lauschte den lauter werdenden Stimmen.
Als Dirtys Frau ihm die leere Teetasse abnehmen wollte, klammerte er sich mit beiden Händen daran fest. Sie verschränkte die Arme unter der Brust, kniff die Lippen zusammen und sah auf ihn herab. »Trinkst du heute gar nichts, Harry?«
Sie schnaubte kurz durch die Nase. »Ich bringe dir noch eine Tasse Tee.«
Seine Blicke folgten ihr dankbar.
Drinnen in der Bar ließ Rebecca sich von Rum und Cola wärmen. Sie saß auf Toms Stammplatz und spürte, wie seine Trauer sie durchlief.
Sie konnte ihn in ihrer Seele spüren und erkannte unvermittelt, dass er ein Teil von ihr war und dass er das immer bleiben würde. Als Dirty das nächste volle Glas vor ihr abstellte, lächelte sie ihn dankbar an und blickte zum anderen Ende der Bar, wo Charlie und Mick nebeneinander lehnten, die Ellbogen auf die Bar gestützt, und sich unterhielten. Plötzlich legte sich eine Hand auf ihre Schulter. Es war Peter.
»Wir gehen nach oben in unser Zimmer. Deine Mutter muss sich hinlegen.«
»Danke«, sagte sie zu ihm. Sie rutschte von ihrem Hocker und umarmte ihre Mutter. Als sie Frankies Arme auf ihrem Rücken spürte, wurde ihr wieder die Kehle eng, und die Tränen begannen zu fließen.
»War es unsere Schuld?«, fragte Bec in Frankies weiches, süß duftendes Haar.
»Ich weiß es nicht.« Frankie begann wieder zu weinen. Schluchzend ließ sie sich von Peter aus dem Raum führen, zwischen den Trauergästen hindurch, die rücksichtsvoll den Weg frei machten und mitleidig verfolgten, wie die Mutter des toten Jungen den Raum verließ.
Bec drängte sich durch die anderen Gäste und trat auf die Veranda. Draußen in der kühlen Luft stellte sie erschrocken fest, dass es schon dämmerte und die Sonne nur noch die Gipfel der Berge über dem Fluss bestrahlte. Der Wind war abgeflaut, die Welt war still geworden. Kakadus hingen laut zeternd an den Stromleitungen. Sie schlang den Arm um den glatten, abgewetzten Verandapfosten und ließ den Kopf gegen das Holz sinken.
»Hallo, Bec.« Sowie sie die Stimme hörte, wusste sie, dass es er war.
Sie drehte sich um und sah ihren Vater reglos im dunklen Schatten der Veranda kauern. Er saß gebeugt, sein Haar war nur noch ein grauer Schopf. Die Haut schien lose an ihm herabzuhängen. Eingefallene Wangen, tiefe Tränensäcke unter den Augen. Die Augen selbst waren rot geweint wie bei einem alten Hund. Die Kleider wirkten viel zu groß für seinen Körper. Rebecca erkannte ihren Vater kaum wieder. Unter den Trauernden am Grab hatte sie ihn nicht gesehen. Eigentlich sah er aus wie ein Penner, der seine Tage auf einer Bank vor dem Pub verdämmerte. Er gab sich alle Mühe, ihr in die Augen zu sehen.
Müde stand er auf, kam auf sie zu und schlang die Arme um sie. So standen sie schweigend da. Rebecca war vor Hass wie versteinert. Eisig harrte sie in seinen Armen aus. Dann begann Harry zu beben. Sein Körper schrumpfte zusammen. Er trat zurück und wischte sich mit Daumen und Zeigefinder über die roten Augen.
»Ich gebe mir ganz allein die Schuld«, sagte er und schlurfte davon in die blaue Dämmerung bis zum fernen Ende der Reihe von geparkten Autos.
»Und zwar zu Recht«, murmelte Rebecca ungerührt, während sie beobachtete, wie die Scheinwerfer seines Autos über die Eukalyptusbäume strichen. Ihre Augen folgten den Lichtern, bis sie hinter der Kurve verschwanden.
Als Charlie Rebecca entdeckte, saß sie im Dunkeln an der Flussbiegung in der Nähe des Pubs. Sie hatte ihre Knie umschlungen, wiegte sich hin und her und weinte laut.
Mit seinem Hemdsärmel wischte er die Tränen und den Speichel von ihrem Gesicht und hielt sie in den Armen.
»Psst. Pssst. Pssst«, sagte er.