Kapitel 2
Die Hunde auf der Ladefläche rumpelten schwankend gegeneinander, als der Pick-up die Kurve nahm. Eine Sekunde lang kamen die Hinterräder auf dem Schotter ins Rutschen, dann griffen sie wieder. Rebecca packte das Lenkrad so fest, dass ihre Knöchel weiß leuchteten.
»Bastard!« Sie schlug auf das staubige Armaturenbrett. Winzige Staubflocken flogen auf und schwebten im Sonnenschein. Vor Zorn hatte sie Kopfweh. Die anfänglichen Tränen, Ängste und panischen Befürchtungen waren inzwischen zu Wut geronnen. Wut auf ihren Vater. Auf die Scheidung. Auf seine verfluchte Arroganz. Sie wischte sich mit dem Ärmel ihres alten Arbeitshemdes über Nase und Gesicht. Begriff er denn nicht, dass sie seit jeher immer nur auf Waters Meeting leben wollte?
Ihr Großvater hatte erkannt, dass sie sich nicht nur lebhaft für die Farm interessierte, sondern auch eine kluge Farmerin war. Gewitzt. Wenn sie an seiner Seite saß, während er die Bücher führte, konnte er ihren Geschäftssinn erkennen. Auf der Weide bewies sie ein unglaubliches Verständnis für alles, was mit der Natur zusammenhing. Jede Woche las sie die Landwirtschaftszeitungen, außerdem verschlang sie alle landwirtschaftlichen Zeitschriften oder Viehzuchtmagazine. Ständig ergoss sich ein Strom an Fragen über alles Mögliche aus ihrem Mund.
Zu alledem war da noch ihre »Gabe«. Ihr Großvater hatte den Begriff geprägt. Sie besaß ein natürliches Gespür für alle Tiere. Das Talent, ruhig und voller Selbstbewusstsein eine Schaf- oder Rinderherde zu führen. Hunde brauchten sie nur anzusehen und reagierten sofort auf jedes ihrer Kommandos. Pferde beruhigten sich unter ihrem Körpergewicht und strengten sich für sie an, wenn sie ihnen befahl, alles zu geben. Sie ging sanft mit ihren Rindern und Schafen um und erfasste wie von selbst die Rangordnung und die natürlichen Bewegungen innerhalb einer Herde. Sobald Rebecca reiten konnte, gab es für sie nur noch die Arbeit mit den Tieren. Im Alter von zehn Jahren konnte sie glückselig von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang im Sattel sitzen. Sie liebte es, wenn ihr Großvater von jedem einzelnen Tier erzählte, sei es von den Vorzügen der pigmentierten Lider bei den Herefordrindern, den genetischen Merkmalen, die sich am ehesten vererbten, wie weißen Gesichtern, oder den Hörnern oder von sonst was.
Ihr Vater hingegen fand seine Erfüllung umgeben von Zahnrädern, Nieten, Kolben, Zylindern und Bolzen. Er mied die Arbeit mit den Tieren und erledigte freiwillig alles, was auf der Farm an Wartungsarbeiten anfiel. Er war ein »Maschinenmann«. Ein »Werkzeugmann«. Ein »Diesel-Dick«, wie die Männer im Pub es nannten. Doch es war nicht so, als hätte Harrys Vater seinen Sohn für diese Eigenschaften respektiert oder bewundert. Das wusste Rebecca nur zu gut. Und Mick war von Kindheit an ein Abziehbild seines Vaters gewesen. Als kleiner Junge hatte er endlos im Schuppen gewerkelt. Bec sah ihn noch mit dem Schraubenschlüssel in der kleinen Hand vor dem Rasenmäher stehen, dessen Innenleben über den ganzen Boden ausgebreitet war.
»Was wird Dad dazu sagen?«, hatte sie zu ihrem älteren Bruder gesagt und dabei gegen die Räder des Rasenmähers getreten.
»Halt die Klappe, Erbsenhirn«, hatte Mick geantwortet und ihr einen Streifen Öl auf die Wange geschmiert. Als sie noch Kinder waren, hatte Mick Bec manchmal so wütend gemacht, dass ihre Wangen rot aufleuchteten und sie ihn von hinten angesprungen hatte, um mit ihren kleinen Fäustchen auf ihn einzudreschen. Tom war Bec jedes Mal zu Hilfe gekommen und hatte versucht, sie zu beruhigen und von Mick wegzuziehen.
Aber eines teilten sie alle – ihre Liebe zum Fluss. Diese Liebe schien zeitweise die ganze Familie zu verbinden. Während der Hochwasserzeit. Während der Dürre. In den guten Zeiten. Während der langen Sommertage, in denen sie darin geschwommen hatten. Der Fluss hatte sie zusammengehalten. Ein langer, feuchter Strang, der sich durch ihre Seelen zog.
Auch jetzt sehnte sich Bec nach dem Fluss. Sie ging vom Gas und fuhr von der Schotterstraße ab auf das grasbewachsene Ufer. Mit einem Fußtritt stieß sie die quietschende Fahrertür ihres Pick-ups auf und stieg aus, um die Hunde loszumachen.
»Runter mit euch«, sagte sie, und alle drei Kelpies sprangen von der Ladefläche. Bec zwängte sich zwischen den rostbraunen Drähten des durchhängenden alten Zaunes hindurch. Auf dem steilen Uferhang rutschten ihre Blundstone-Lederstiefel über das trockene Eukalyptuslaub, bevor sie griffen. Die Hunde tollten voraus, schnüffelnd, markierend, niesend. Mossy blieb stehen und nahm mit hochgereckter Schnauze Witterung auf, während Dags und Stubby raschelnd durch das nahe Unterholz zogen. Rebecca ging geradewegs zum Fluss hinab. Ihrem Fluss. Dem Fluss, der ihren Namen trug und an Tagen wie diesen, fand sie, auch ihre Seele.
Der Rebecca River war für einen australischen Fluss in bemerkenswert guter Verfassung. Sein sauberes, frei fließendes Wasser strich über goldbraune Felsbrocken und an riesigen alten Eukalyptusbäumen vorbei. An den steileren Uferabschnitten tunkten junge, graublaue Akazien und staubgrüne Teebäume ihre Blätter ins kühle Wasser.
Die Homestead der Saunders stand mit Blick auf den Ursprung des Rebecca River, an dem sich zwei Oberläufe vereinten, die sich ihren Weg um eine massive, zerklüftete Bergkette gebahnt hatten. Von hier an öffnete sich der Rebecca River hin zu den üppigen Flussebenen von Waters Meeting. Vom Haupthaus aus konnte man zwischen dem offenen Buschland am Berghang die roten und weißen Rücken der Herefords aufleuchten sehen, und die schwarzerdigen Flusswiesen, auf denen fast das ganze Jahr über Grün spross, waren getupft mit Fleischlämmern und Merinos. Doch schon wenige Kilometer weiter schloss sich die Bergkette wieder. Die steilen Felsen zwangen das Flusswasser, düster durch steile Schluchten zu tosen. Oberhalb von Waters Meeting spendete der verlässliche Bergregen dem Fluss Leben und kontrollierte seine unzähligen Launen.
Eines, was ihr Vater beim Farmmanagement richtig machte, war der Wasserhaushalt. Er liebte den Fluss. Die Berge schieden ihr Land von anderen Farmen, weshalb das Unkraut am Flussufer leichter zu kontrollieren und auszumerzen war als weiter flussabwärts. Jedes Jahr wurden Bec, Tom und Mick mit Pestizidtornistern beladen und ausgeschickt, um Brombeeren aufzuspüren und zu vernichten.
Bec rief dabei regelmäßig in Richtung der Berge: »Who ya gonna call?« Worauf ihre Brüder, die Sprühdüse in der Hand, ihr zur Seite sprangen und im Chor antworteten: »Berry-Busters! « An den langen Sommertagen konnte Bec Harrys Motorsäge über die Hügel schallen hören, wenn er die Weiden ausschnitt, die einst die sandigen Ufer des Rebecca River erstickt hatten.
Jetzt hörte Rebecca durch die dicke Hitze des Busches hindurch den Fluss über die glatten Felsen sprudeln und schießen. Der Regen hatte den Fluss gerade erst aufgefüllt, sodass sie im Näherkommen das süße Wasser riechen konnte. Die Hunde rannten spritzend ins kühle Wasser und schwammen mit angelegten Ohren und zurückgezogenen Lefzen, als würden sie lächeln. Rebecca setzte sich auf einen Stein, legte den Kopf schief und lächelte wehmütig.
»Ihr kennt wirklich keine Sorgen …« Mossy schlug einmal mit dem nassen Schwanz, als er Becs Stimme hörte. Stubby, ein kleiner schwarzer Kelpie mit braunen Flecken über den Brauen und braunen Pfoten, der clownhafteste unter ihren Hunden, kam aus dem Wasser zu ihr gelaufen und schüttelte einen Sprühregen von silbrigen Tropfen aus dem kurzen Fell. Silberne Flussperlen landeten in Rebeccas Haar und befleckten ihr Hemd.
»Verzieh dich, Stubby!« Sie lächelte den Hund an und schickte ihn mit einer knappen Handbewegung fort. Der Hund sprang schwanzwedelnd ins Wasser.
Während die Hunde am Ufer spielten und sprangen, füllten sich Rebeccas Augen mit Tränen. Salzige Tropfen fielen in die frischen, flachen Pfützen, die an den Steinen leckten. Sie dachte an ihr Zuhause weiter flussaufwärts. Heute Morgen hatte sie Hass in den Augen ihres Vaters gesehen. Als sie an ihr Pferd Ink Jet dachte, begannen die Tränen zu fließen. Vielleicht hätte sie den Anhänger ankuppeln und sie mitnehmen sollen. Sie stieß mit der Stiefelspitze gegen die Flusskiesel. Ihre tränenverschmierten Wangen juckten so, dass sie ihr Gesicht mit beiden Händen massierte und danach die Strähnen zurückstrich, die aus ihrem Pferdeschwanz entkommen waren. Den Blick in das kühle, grüne Flusswasser gerichtet, schälte sie die papierdünne Borke von einem Stock.
Ihre Gedanken wanderten in die Zeit, als sie noch zu Hause gewohnt hatte. Bevor sie ins Internat geschickt worden war. Bevor ihre Mum weggegangen war.
Für Bec war Frankie eine Art Legende gewesen. Schon um halb sechs war sie aufgestanden und hatte in dem großen, alten Farmhaus herumgeklappert. Holz für den Ofen. Mittagessen für die Kinder und für Dad. Das Abendessen in der Gefriertruhe unter einer Klarsichtfolie mit der Aufschrift: »Abendessen – nur warm machen«. Um sieben Uhr dreißig hatte sie ihre drei Kinder zum Schulbus gefahren, dann war sie arbeiten gegangen. Hatte Kälber zur Welt gebracht, Schafen Blut abgenommen, um es auf Paratuberkulose zu testen, Katern die Eier abgeschnitten.
An manchen Abenden hatte ihre Mum bei Freunden in der Stadt übernachtet, damit sie am nächsten Morgen früh aufbrechen konnte, um die Kühe im Nachbartal auf Trächtigkeit zu prüfen. An anderen Tagen kam sie erst in der Dunkelheit heim, lange nachdem die Hennen auf ihre Stangen geklettert waren und sich die Hunde in die Wärme ihrer hohlen Baumstämme verkrochen hatten. Dann war Frankie in ihrem besprenkelten Kittel durch die Tür gestürmt, gefolgt von einem kalten Luftzug und einer leichten Kuhdungschwade. Die kastanienbraunen Haare standen in einem lockigen Heiligenschein um ihren Kopf, und ihre Wangen waren lieblich gerötet. Aber schon wenige Minuten nach ihrem beschwingten Auftritt hatten der stille Groll und die Ablehnung ihres Mannes das Rosa von ihren Wangen vertrieben, die Haare waren flach gekämmt, und sie stand am Spülbecken, um abzuwaschen. Inzwischen wusste Rebecca, dass der brodelnde Groll ihres Vaters auf eine Affäre zurückzuführen war, die es nie gegeben hatte.
Manchmal hörte Bec im hohen Hausflur das tiefe Brummen ihres Vaters, unterbrochen von dem leisen Flehen ihrer Mutter. Sie schnappte nur Bruchstücke auf, doch schon als Kind ahnte sie, was ihre Mutter empfinden musste. Er hatte sich eine Landfrau gewünscht und eine Tierärztin geheiratet. Er hatte die Farm groß aufziehen wollen, aber dann waren die Wollpreise gesunken, die Rindfleischpreise waren ins Bodenlose gefallen, und die Zäune und Gatter waren Jahr für Jahr tiefer im Dreck versunken. Sein stiller Groll, wenn Frankie arbeiten fuhr, verwandelte sich im Lauf der Zeit in brodelnden Zorn, den er an den Tieren ausließ, von denen er lebte. Harrys Adern wölbten sich wütend in seinem Hals, wenn eine Kuh im Fixierstand in die Knie ging; immer wieder drangsalierte er sie mit dem Elektroschocker, bis ihr tiefes Brüllen von den Hängen widerhallte. Schafe, die im Laufgatter stecken blieben, taumelten schließlich mit blutigen Nasen, wacklig und geprügelt durch das Sortiertor. Harrys dürre Hunde spürten die Knochen seiner Fäuste in ihren Flanken. Mit seinem Kontostand schmolz auch seine Liebe dahin. Nur in seinen Söhnen konnte er noch Hoffnung finden, während die Frauen in seiner Familie die ganze Schuld zu tragen hatten. Rebecca konnte es spüren. Sie spürte, wie sein Hass und seine Schuldzuweisungen wuchsen.
Sie erinnerte sich noch an den Tag, an dem er es ausgesprochen hatte. Damals hatte er mit hochgekrempelten Ärmeln am Ofen gestanden und eine Orange geschält. »Wir haben dich im Ladies’ College angemeldet.«
»Sehr witzig«, hatte sie geantwortet und im nächsten Moment gespürt, wie ihr Ohr nach dem Schlag seiner mächtigen Pranke zu glühen begann. Ein leichter Orangenduft blieb in ihren Haaren hängen.
Als sie dann ins Internat abfuhr, verabschiedeten sich ihre Brüder von ihr.
»Bis dann, Kurze«, hatte Mick, der ältere Bruder, sie geneckt. Dann hatte er seine riesige Faust geballt und ihr verspielt gegen die Schulter geschlagen. »Ich hoffe, du kommst als foine Lai-dy heim.«
Tom, der nur elf Monate älter als Rebecca war, ließ den Kopf hängen und hatte die Hände tief in den Taschen seiner ausgebeulten Jeans vergraben. Sie wuschelte ihm durchs sandfarbene Haar, bis er sie ansah. Seine Augen waren ernst und braun. Bec fand, dass sie aussahen wie Collie-Augen. Still und sanft. Er umarmte sie verlegen und sagte nur: »Bis dann, Schwester.«
Tom hatte sich gewünscht, dass Bec mit ihm auf die örtliche Highschool ginge. Er war schüchtern. Die Lehrer hatten ihn mit dem Etikett »künstlerisch begabt« bedacht, doch als die anderen Jungs Toms Andersartigkeit zu spüren begannen, hatte er schnell gelernt, seine Talente zu verbergen. In der Grundschule war Rebecca immer wieder für ihn in die Bresche gesprungen. Hatte ihn vor Micks Frotzeleien und den Schlägen der anderen Jungs beschützt.
»Mach dir keine Sorgen, Tommy«, hatte ihm die sommersprossige Rebecca versichert. »Ich hau ihnen in den Bauch. Die tun dir nichts.« Rebecca und Tom waren in der winzigen Landschule in dieselbe Klasse gegangen. Sie hatte neben ihm gesessen und die größeren Jungs mit finsteren Blicken eingeschüchtert.
Als Tom mit der Grundschule fertig war, hatte sein Vater verlangt, dass beide Jungs in der Nähe blieben, damit sie ihm auf der Farm helfen konnten, und so waren sie mit dem Bus in die örtliche Highschool gefahren.
Als Bec ins Internat geschickt wurde, trug sie im Herzen einen stillen Schmerz, weil sie von Tom getrennt wurde. In der Sandgrube, im Fluss oder abends auf dem dunklen Dachboden hatten sich die beiden ihre Träume anvertraut. Hatten sich flüsternd Geschichten über Waters Meeting erzählt. Träume von der Farm oder den Tieren, die sie eines Tages besitzen würden, wenn sie erst erwachsen waren. Dabei hatte immer Bec den Ton angegeben. Ohne sie versank Tom in Schweigen. Bec wusste, dass er nicht weniger leiden würde als sie, wenn sich das Schuljahr endlos hinzog.
Aus dem Auto heraus hatte Bec beobachtet, wie die Silhouetten ihrer winkend vor dem Haus stehenden Brüder mit zunehmender Entfernung immer kleiner wurden.
»Warum hast du dich nicht für mich eingesetzt, Mum? Warum hast du Dad nicht gesagt, dass ich nicht ins Internat soll? Warum?«
Ihre Mutter schüttelte schweigend den Kopf.
»Wir können uns das doch gar nicht leisten, Mum … Das weiß ich. Warum kannst du dich nicht für mich einsetzen, verflucht noch mal?«
»Das kann ich im Augenblick nicht, Rebecca. Ich kann es einfach nicht. Eines Tages wirst du das verstehen.« Ihre Mutter hatte stocksteif geradeaus gestarrt, so als könnte ein einziger Blick auf ihre Tochter ihre Seele zerspringen lassen.
Bec hätte am liebsten geschrien: »Warum hast du ihn überhaupt geheiratet? Warum?« Doch stattdessen hatte sie aus dem Autofenster geschaut und auf die rauschenden Eukalyptusbäume geblickt, während sie sich immer weiter von Waters Meeting entfernt hatten.
Jetzt kamen die drei Hunde angelaufen, um sich neben Bec auf den Grasflecken am Fluss niederzulassen. Flach ausgestreckt ließen sie sich von der Sonne den Pelz trocknen, Stubby sogar auf dem Rücken, die Pfoten in die Luft gereckt.
»Stubs, du alte Schlampe.« Bec kraulte den geschwollenen Schwangerschaftsbauch der Hündin.
»O Mann, was machen wir jetzt?«
Sie wusste, dass sie nach Süden in die Stadt fahren konnte, wo sie ins Internat gegangen war und wo ihre Mutter inzwischen lebte. Vierhundert Kilometer nach Süden, das war bis zum Abendessen zu schaffen. Vielleicht war ihre Mutter bis dahin schon aus der Tierklinik heimgekommen. Nach Parfüm und Desinfektionsmittel riechend, würde Frankie die Wohnungstür öffnen. Rebecca konnte das Begrüßungslächeln ihrer Mutter vor sich sehen und meinte gleichzeitig zu spüren, wie steif die Umarmung ausfallen würde. Rebecca wusste genau, dass Frankie denken würde: »Was hat sie jetzt wieder angestellt?«, und dass sie beim Umarmen die Augen verdrehen würde. Dann würde Frankie lang und breit darüber debattieren, was sie mit den Hunden anstellen sollten, weil, wie sie Rebecca schon früher erklärt hatte, die Zwinger in der Tierklinik für die Tiere der Kunden gebraucht wurden. Bec hätte das Gefühl, Frankies durchorganisiertes Stadtleben auf den Kopf zu stellen. Andererseits war sie schon früher unangemeldet vor Frankies Tür aufgetaucht, wenn sie es mit ihrem Vater nicht mehr ausgehalten hatte. Frankie hatte sie jedes Mal aufgenommen.
Am Ufer sitzend, blickte Rebecca in Mossys braune Augen und seufzte. Es wäre so einfach, nach Süden zu ihrer Mutter zu fahren.
»Scheiß drauf, Mossy, wir fahren nach Norden.«
Als Frankie Saunders ihre Einkäufe vor der Wohnungstür fallen ließ, dachte sie an Analdrüsen. Die Lebensmittel, die sie aus dem rund um die Uhr geöffneten Supermarkt mitgebracht hatte, sackten tiefer in die Einkaufstüten. Während Frankie in der Handtasche nach dem Schlüssel kramte, dachte sie an die Behandlung eines Border-Collie-Corgi-Mischlings vor zwei Wochen. Es hatte sich um einen der schlimmsten Fälle von verstopften Analdrüsen gehandelt, der ihr seit langer Zeit untergekommen war. Sie hatte es so eilig gehabt, den ekligen Job zu erledigen, dass sie den gut aussehenden Hundebesitzer erst registriert hatte, als er schon wieder gehen wollte.
Der Mann, Peter Maybury, hatte strahlend blaue Augen, die von kleinen Lachfältchen umringt waren. Er war ein bisschen pummelig, aber nett, auf eine große, weiche Weise.
»Wenn es möglich ist, sollten Sie ihn nächste Woche noch einmal bringen, Peter, dann drücken wir seine Drüsen wieder für Sie aus.« Als sie ihm in die Augen sah und ihm die Rechnung überreichte, berührten sich ihre Hände. Frankie spürte, wie ein Kribbeln durch ihren Körper lief, und erwiderte sein Lächeln.
Als Peter seinen Hund Henbury zum zweiten Mal brachte, hob er ihn behutsam von dem glatten Boden im Untersuchungsraum auf den Untersuchungstisch.
»Keine Angst, Henners, alles wird gut.« Er streichelte den Hund langsam und mit fester Hand, während Henbury auf seinen wackligen, lang behaarten Beinen auf dem Edelstahltisch stand. Frankie stellte die Standardfragen und begann dann vorsichtig, ein bisschen tiefer nachzubohren. Sie mochte diesen Mann.
»Er ist ein klein bisschen übergewichtig. Geht er oft spazieren? «
»Ich gehe jeden Abend mit ihm raus«, sagte Peter.
»Und es gibt niemanden, der ihn morgens ausführen könnte?«
»Nein! Nein. Geschieden.« Peter zuckte mit den Achseln.
»Ahhh«, sagte Frankie. »Dann müssen Sie seine Futterrationen kürzen.«
»Das wird nicht leicht. Ich koche für mein Leben gern, und er ist unwiderstehlich, wenn er mit diesen hungrigen Augen zu mir aufsieht. Sie kennen den Blick sicher.« Peter versuchte, sie möglichst hungrig anzusehen.
Frankie lächelte und streifte einen Handschuh über. »Schon gut, Junge. Das geht so schnell, das merkst du gar nicht.« Stirnrunzelnd führte sie den gekrümmten Zeigefinger ein. »Die linke Drüse ist okay, die rechte ist wieder ein bisschen zu voll … aber ich glaube, das Problem ist unter Kontrolle.«
Mit der nicht behandschuhten Hand gab Frankie dem Hund ein Stück getrocknete Leber und hob seine Schnauze an, damit er ihr in die Augen sah.
»Sag deinem Dad, von heute an keine Gourmetspeisen mehr, okay?«
Nachdem er Henbury auf den Boden gehoben hatte, griff Peter nach Frankies Hand und sagte: »Vielen, vielen Dank, Dr. Saunders. Er sieht aus, als ginge es ihm deutlich besser.«
»Oh!« Lächelnd zog sie den dünnen Latexhandschuh ab, bevor Peter ihre Hand nehmen konnte.
»Nennen Sie mich Frankie«, plapperte sie lächelnd und errötete sogleich. Die weiche, warme Haut seiner Hand fühlte sich so tröstlich an. Sie war rissige, spröde und schwielige Farmerhände gewohnt.
Am Empfang strich sie den in Bleistift vorgenommenen Eintrag »Henbury Maybury – Analdrüsen« im Terminkalender aus.
»Das macht dann sechsunddreißig Dollar, vielen Dank.«
Gerade als sie die Kasse öffnete, kam Charlotte von der Straße hereingelaufen und zog dabei die Strümpfe unter ihrer Schwesternuniform hoch.
»Tut mir leid, dass es ein bisschen später geworden ist, Frankie, in der Bank war so eine Schlange. Du kannst jetzt Mittag machen. Ich erledige das.«
»Mittagessen!«, sagte Peter. »Das nenne ich eine Idee! Sollen wir, ich meine, wir könnten doch, ähm, zusammen essen gehen.«
»Warum nicht?«, sagte Frankie, und Charlotte schmunzelte.
Draußen in der Sonne, wo der Verkehr vorbeizischte und -brummte, setzten sich die beiden praktisch Fremden gemeinsam an den Tisch eines Straßencafés nicht weit von der Tierklinik entfernt. Henbury wurde an einen nahen Laternenmast gehängt und ließ sich auf dem Pflaster des Gehwegs nieder. Er legte die weißen Pfoten ordentlich nebeneinander, als würde er seine Nägel betrachten, und drehte von Zeit zu Zeit den Kopf, um seinen langhaarigen Hintern abzulecken.
Peter kam von sich aus auf das Thema Scheidung zu sprechen und schnitt ironische Grimassen des Grauens, als er von der »Sorgerechtsschlacht« um Henbury erzählte.
»Das war schlimmer als bei den Kindern!« Seine Augen lachten sie an, dann tat er das Thema mit einer Handbewegung ab. »Die waren damals schon alle aus dem Haus und brauchten mich, den ums Überleben kämpfenden Lehrer, nicht mehr.«
Plötzlich merkte Frankie, dass sie ihm erzählte, wie sie Harry, Waters Meeting und ihre Kinder verlassen hatte.
»Ich mache mir so oft Sorgen um Tom. Er war immer so empfindsam. Eigentlich ist er das mittlere Kind, aber gefühlsmäßig ist er für mich das Nesthäkchen der Familie. Um ihn habe ich die größte Angst, seit wir uns getrennt haben.«
Peter lächelte sie mitfühlend an, sagte aber nichts, sondern drängte sie mit seinem Blick, mehr zu erzählen. Sie fühlte sich bei diesem Mann so geborgen, dass sie einen Schluck Kaffee nahm und weitersprach.
»Michael kommt bestimmt zurecht, er ist genau wie sein Vater«, meinte sie trocken. »Aber Rebecca, ach, Rebecca, um sie mache ich mir jeden Tag Gedanken. Sie ist so wild. Im Internat lief sie ständig Amok. Sie hat das Hirn, alles zu werden, was sie sich nur in den Kopf setzt, aber sie wollte auf gar keinen Fall bei mir in der Stadt bleiben, nachdem sie letztes Jahr mit der Schule fertig war. Sie musste zurück auf die Farm. Zu ihrem Fluss. Sie ist eine absolut Tier- und Hundenärrin. « Frankie spielte mit den dünnen, länglichen Zuckertütchen, die in einem Glas vor ihr standen, und Peter lächelte verständnisvoll.
»Sie sind nicht leicht zu ertragen, nicht wahr?«, fragte Peter. »Diese Schuldgefühle.«
»Ja«, bestätigte Frankie.
Sie hatten jeweils ihre Privatnummer auf die weichen Papierservietten geschrieben, die sofort einrissen, wenn man mit dem Stift zu fest draufdrückte. Beide hatten gelacht, als sie sich zum Abschied die Hand gegeben hatten. Frankie hatte beobachtet, wie Peter und Henbury die Straße hinabspaziert waren. In Peters Gang lag eine Leichtigkeit, die sich zuvor nicht gezeigt hatte.
Als sie jetzt in ihre Wohnung trat, fiel Frankies Blick als Erstes auf das rot blinkende Lämpchen am Anrufbeantworter.
Hatte Peter angerufen? Es war nach neun Uhr abends. Eine diabetische Katze, die um fünf gebracht worden war, hatte sie aufgehalten. Er hätte reichlich Zeit zum Anrufen gehabt. Frankie warf ihre Schlüssel auf die Bank und ging zur Tür zurück, um die Einkäufe hereinzuholen. Auf dem Weg zur Kochecke drückte sie den Wiedergabeknopf.
Gerade als sie sich bückte, um die Milch in den Minikühlschrank zu stellen, hörte sie Toms Stimme und hielt inne, um seiner Nachricht zu lauschen, bevor sie den Kühlschrank wieder schloss.
Sie sah zur Wanduhr auf. Seufzend trat sie ans Telefon, um ihren Sohn zurückzurufen und ihm zu berichten, dass Bec nicht bei ihr aufgetaucht war. Um sich selbst zu beruhigen, sprach sie laut in die schale Luft ihres kleinen Apartments: »Das hat Bec schon öfter gemacht.«
Rebecca war schon immer ein temperamentvolles Mädchen, aber nach der Trennung war sie nicht mehr zu bändigen gewesen. Mehr als einmal hatte Mrs Snell, die Internatsdirektorin, um sechs Uhr morgens angerufen, um sich in ihrem näselnden, super-britischen Tonfall zu beschweren.
»Saunders? Dr. Frankie Saunders? Ihre Tochter ist vergangene Nacht ernoit aus dem Internat entwichen. Inzwischen ist sie jedoch wieder bei uns. Wir können dieses Verhalten nicht dulden, wie Sie verstehen. Wir werden geeignete Disziplinarmaßnahmen ergreifen müssen. Schließlich besteht das Risiko einer Schwangerschaft oder Schlimmerem. Das würde den Ruf der Schule beflecken. Außerdem hat sie, nebenbei bemerkt, keinen guten Einfluss auf die anderen Mädchen. Natürlich berücksichtigen wir durchaus Rebeccas … ähem, familiäre Situation, dennoch muss etwas unternommen werden. Familiäre Trennungen wirken sich so verheerend auf die Kinder aus. Wären Sie so froindlich, hoite Morgen auf dem Weg in die Klinik kurz in der Schule vorbeizuschauen? Sagen wir um acht Uhr? Punkt acht Uhr? Froit mich. Wir sehen uns dann.«
Doch nach einer weiteren kleinen Schulepisode, bei der Bec drei elfjährige Jungs in ihren Schlafsaal geschmuggelt hatte, hatte Mrs Snell schließlich befunden: »Nehmen Sie das Mädchen mit heim.« Sie durfte weiterhin als Externe den Unterricht besuchen, doch Bec hielt es nicht aus, mit ihrer Mutter in der voll gepfropften Wohnung eingesperrt zu sein. Am meisten vermisste sie ihre Hunde.
Hin und wieder musste Frankie, wenn sie von der Arbeit heimkehrte, feststellen, dass der Carport leer und der Wagen weg war. Dann hatte Rebecca wieder einmal die Schule geschwänzt und war drei Stunden gefahren, nur um bei ihren Hunden zu sein, selbst wenn das hieß, dass sie sich an ihrem Reiseziel den Zorn ihres Vaters zuzog.
Tom deckte sie oft. Er war ein Jahr zuvor von der örtlichen Schule abgegangen. Tom hatte Rebeccas Hunde gefüttert und ausgebildet, während sie in der Schule war. Tom versteckte auch den Wagen unten an der Zufahrt und schmuggelte Essen aus dem Haus, weil Bec in ihrem Schlafsack in einem Heuschober schlief, damit ihr Vater sie nicht in die Stadt zurückschickte.
Tom wird sich schreckliche Sorgen um sie machen, dachte Frankie, während sie die Nummer von Waters Meeting wählte. Ihre Tochter war heute eindeutig nicht hier in der Wohnung gewesen.
Sie hörte Harrys Stimme am anderen Ende der Leitung. Er hatte offenkundig geschlafen, sein »Hallo?« klang barsch.
»Harry, ich bin’s. Ich bin auf der Suche nach Bec. Tom scheint zu glauben, dass sie mit ihren Hunden losgezogen ist. Was hast du diesmal angestellt?«
Harrys Schweigen am anderen Ende der Leitung erfüllte Frankie mit Angst und Schrecken. Immer wenn Bec so ein Ding abzog, peinigte sich Frankie unausweichlich mit Selbstvorwürfen. Dass sie eine schlechte Mutter war. Dass es ihre Schuld war. Dass ihr der Beruf wichtiger war als die Kinder. Dann schlug ihr Zorn regelmäßig um und richtete sich gegen Harry. Wenn er nur mehr mit ihr gesprochen hätte. Mehr moralische Unterstützung geboten hätte.
»Herrgott noch mal, ist dir deine Tochter eigentlich egal?« Ihr Ausbruch traf auf tiefes Schweigen. Typisch, dachte sie.
»Du weißt, wie sie Auto fährt, wenn sie wütend ist. Sie könnte irgendwo tot im Graben liegen oder einen Unfall gebaut haben. Sie ist jung und attraktiv. Ein Kerl könnte ihr etwas angetan haben! Hast du nach ihr gesucht?«
»Es wird ihr schon gut gehen«, war alles, was Harry sagte.
»Es wird ihr schon gut gehen? O nein, das wird es nicht. Es geht ihr weiß Gott nicht ›gut‹! Sie könnte überall sein! Du hast sie aus dem Haus getrieben, Harry. Deshalb ist es auch deine Aufgabe, sie zu suchen und zu finden! Herr im Himmel, übernimm endlich etwas Verantwortung für deine Kinder!«
»Und das ausgerechnet von dir«, erwiderte Harry ruhig.
Zornestränen stiegen in Frankies Augen auf, und sie knallte den Hörer auf die Gabel. Sie spürte, wie Schuldgefühle und Zorn in ihr hochkochten. Doch als sie schließlich auf die Couch sackte, kam die Angst. Angst um ihre Tochter. Die ganze Nacht hindurch trug sie das Gefühl in ihrem Bauch mit sich herum. Ihre Tochter war zu allem fähig. Aber andererseits, versuchte sie sich zu sagen, während sie sich in den verhedderten Laken ihres Bettes wälzte, war ihre Tochter fähig, Punktum. Sie konnte für sich selbst sorgen. Dieser Gedanke ließ Frankie schließlich einschlafen und von ihrem kleinen Mädchen träumen, das lachend im Fluss planschte. Als das Wasser stieg und ihre Tochter tosend fortriss, erwachte Frankie mit klopfendem Herzen zu dem elektronischen Schrei ihres Weckers.
An jenem Morgen stolperte Frankie mit dunklen Ringen unter den Augen und straff zurückgekämmtem, notdürftig im Nacken zusammengehaltenem Haar in die Klinik. Sie überflog den Terminkalender, doch ihr Hirn weigerte sich, auch nur einen Eintrag zu speichern. In ihrem Kopf war nur Platz für Rebecca. Die Angst hatte sich in einen stillen Groll gegen ihre Tochter gewandelt. Wie oft hatte Rebecca ihren Terminplan über den Haufen geworfen? Wie oft hatte sie Frankies Konzentration gestört, wenn sie wichtige Operationen vornehmen musste? Frankie spürte die Anspannung in den Schultern. Es war wie ein Messer, das zwischen ihren Schulterblättern gedreht wurde.
Bis zum späten Vormittag, als Charlotte an die Tür zum Pausenraum klopfte, um ihr mitzuteilen, dass Peter Maybury am Telefon war, hatte Frankie kaum durchatmen können.
»Kann ich Sie morgen auf einen Kaffee einladen?«, fragte er zwitschernd.
»Ja. Gut.« Die Antwort kam lust- und tonlos. Sie zögerte und hätte Peter beinahe gefragt, ob sie die Polizei rufen sollte, doch dann legte sie schnell auf.
Sie beschloss, erst heimzufahren und den Anrufbeantworter abzuhören.
In ihrer Wohnung blinkte bereits das rote Lämpchen. Sie drückte die Abspieltaste und sank auf die Couch, als sie Rebeccas aufgekratzte Stimme hörte. »Hi, Mum, ich bin’s, Bec. Na schön, das hast du bestimmt schon gemerkt, schließlich bist du meine Mum. Jedenfalls rufe ich aus einer Telefonzelle an. Ich bin auf dem Weg nach Norden. Dags, Stubby und Moss lassen dich grüßen, stimmt’s, Jungs?«
Frankie musste lächeln, als sie über dem Knistern des Bandes Hundegebell hörte. Offenbar hatte Bec den Hunden per Handzeichen befohlen, »Laut zu geben«.
»Diesmal hatten Dad und ich einen echt heftigen Streit. Den vollen Magenschwinger. Schätze, ich komme nicht so schnell zurück. Der alte Bastard. Er will mich nicht auf der Farm haben.«
Frankie hörte die Stimme ihrer Tochter brechen.
»Jedenfalls ruf’ ich wieder an, Mum, sobald ich irgendwo gelandet bin. Liebe dich.« Dann war die Leitung tot.
Frankies Hände begannen zu zittern, und ihre Augen starrten ins Leere. Sie saß auf der Couch, presste die flatternden Hände an den Mund und begann zu weinen.
Es war alles so ein Chaos. So ein schreckliches Chaos.