Kapitel 27

Herzlichen Glückwunsch, Mrs Maybury!« Tom erhob wackelnd das Glas und kleckerte dabei einen Schluck Champagner auf sein Hemd. Er nahm einen geräuschvollen Zug und küsste seine Mutter auf die Wange. Sein Kuss hinterließ einen feuchten Fleck auf dem leichten Make-up, das ihr Gesicht bedeckte. Dann wankte er zu dem Tapeziertisch, der im Schatten des großen Eukalyptusbaumes aufgestellt war, und kippte die Champagnerreste aus den dicken grünen Flaschen in sein Glas.

Bec beobachtete ihn aus der kleinen Gruppe von Hochzeitsgästen heraus. Ihr fiel auf, wie tief seine Schultern hingen und wie schlaff die Kleider an seinen dürren Gliedern schlackerten. Seine Haare waren ungeschnitten und standen in störrischen Büscheln vom Kopf ab. Dunkelbraune Stoppeln sprossen auf seinem kantigen Kinn. Seine Haut war eigentümlich blassbraun, und seine Augen waren von gelben Ringen unterlegt. Auf der Stirn durchfurchte eine tiefe senkrechte Falte die jugendliche Haut zwischen seinen Brauen.

Bec sah, wie Sally von der Bar her auf ihn zuschlenderte und ihm einen Kuss auf die Wange gab. Tom sah durch sie hindurch, als hätte er sie gar nicht bemerkt.

Sein Blick ließ Bec das Blut in den Adern gefrieren. Instinktiv stellte sie sich näher zu Charlie und schob die Hand in seine, ohne dass er die fröhliche Unterhaltung mit Peter unterbrochen hätte, der seinerseits nervös mit einem langen goldenen Band herumspielte.

Am anderen Ende des Bandes hockte Henbury, der damit beschäftigt war, den dünn behaarten Fleck zu lecken, an dem sich früher seine Eier befunden hatten. Der Hund hatte das während der gesamten kurzen Hochzeitszeremonie getan, Peters verstohlenen Tritten mit der Schuhspitze zum Trotz.

»Du hast erstklassige Arbeit als Trauzeuge geleistet, stimmt’s, Henners?« Charlie bückte sich und tätschelte den Hund, wobei er Rebeccas Hand kurz losließ.

Während Peter und Charlie weiterplauderten, wanderten Becs Augen über die Hochzeitsgäste und kamen, inmitten der Gäste, auf einer dünnen Trudy mit einem fetten Baby im Arm zu liegen.

Ihr piepsiger Monolog überlagerte das Gemurmel der übrigen Anwesenden, und ihre Gesprächspartner lauschten ihr lächelnd und nickend mit glasigem Blick.

»Natürlich hat Daddy Mike richtig lang frei gegeben, was total super ist, weil Danny so ein Plagegeist ist, stimmt’s, mein Dickerchen? Aber das neue Haus ist einfach perfekt, in einem, das weniger modern und geräumig wäre, würden wir es kaum aushalten, schon gar nicht, wenn Nummer zwei erst da ist, wobei, so schnell geht das nicht! Noch nicht! Ich glaube nicht, dass ich es jetzt schon mit zweien aufnehmen könnte. Natürlich kommt Mum oft vorbei und hilft mir. Sie ist einfach super. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich das alles geschafft hätte, wenn wir noch im Busch leben würden.«

Noch während Rebecca heimlich lauschte, spürte sie etwas an ihrem Haar zupfen. Sie drehte sich um und sah Mick mit kurz geschorenem Haar und im Anzug vor sich stehen.

»Wie geht’s der Studentin im Abschlussjahr? Fühlst du dich wichtig, wo du bald ein offizielles Papier in der Hand hältst?«

»Es läuft genial … nur blöd, dass ich meine Erkenntnisse noch nirgendwo in die Praxis umsetzen konnte.«

»Ach, soweit ich gehört habe, hat der junge Charlie den einen oder anderen Hektar vorzuweisen. Du könntest dich dort versuchen. Waters Meeting kannst du vergessen – da haben Dad und die Dürre ganze Arbeit geleistet. Dauert nicht mehr lang, bis alles zusammenbricht.«

»Hör auf so zu reden!«

»Ach, komm schon, Bec. Da wegzukommen, hat mir mächtig gutgetan … inzwischen habe ich tatsächlich Geld auf der Bank. Ich hätte gedacht, dir hätte das Studium auch gutgetan und dich erkennen lassen, dass diese Träume, die du und Tom gesponnen haben, genau das sind. Dad lässt nicht los, bis er tot von der Veranda purzelt. Der alte Sack.«

»Der alte versoffene Sack«, sagte Tom, der zu ihnen spaziert kam, das Glas so schräg haltend, dass der Sekt auf den Rasen tröpfelte.

»Wie läuft es da draußen?«, fragte Bec mitfühlend.

»Was interessiert dich das?« Tom sah sie finster an.

»Drei Monate noch, Tom. Drei Monate, dann bin ich fertig. Dann ist der Kurs zu Ende, ich habe mein Diplom und kann weg. Dann komme ich heim, und wir können unsere Pläne umsetzen!«

»Vergiss es. Warst du in letzter Zeit mal dort?« Er wedelte wild mit den Armen. »Nein! Keiner von euch Arschlöchern war mal dort. Waters Scheiß Meeting, leck mich doch! Seit über einem Jahr fließt dort kein Wasser mehr zusammen – beide Flüsse sind ausgetrocknet! Wir haben kein Vieh mehr, von Hank und deiner einsamen alten Stute abgesehen, Dad hat alle Hunde erschossen. Er hat die armen Viecher nicht mal begraben. Sie einfach an der Kette verrotten lassen. Also vergiss diese Collegescheiße von wegen ›Ich werde die Farm retten‹.«

Die Verbitterung in Toms Stimme ließ das fröhliche Geplauder der Hochzeitsgäste verebben. Die Gäste verstummten und drehten sich mit großen Augen zu ihnen um. Charlie drehte sich um, stellte sich hinter Bec und legte eine Hand auf ihren Arm. Frankie, die gerade die Hochzeitstorte servierte, sah nervös von ihrer Kuchenplatte auf. Mitten in dem angespannten Schweigen kniff Trudy energisch die Lippen zusammen. Sie reichte das Baby an ihre Mutter weiter und marschierte auf Tom zu. Scheinbar sanft legte sie die schlanke, manikürte Hand auf seinen Arm, doch ihre Fingerspitzen bohrten sich in Toms Muskeln.

Ohne die Zähne auseinanderzunehmen, sagte sie säuselnd: »Beruhige dich, Tom. Du bist betrunken. Verdirb deiner Mutter nicht den Hochzeitstag, komm mit, dann bekommst du ein Stück Torte.«

»Schieb dir deine Torte sonst wohin, du egoistische Hexe!« Er schüttelte ihren Griff ab und taumelte rückwärts.

Mick hechtete sich auf ihn und packte ihn am Hemdkragen. »Pass auf, was du sagst.«

Tom holte aus, verfehlte seinen Bruder und fiel auf den Rasen. Auf allen vieren kniend, sah er zu ihnen auf. »Keiner von euch will der Wahrheit ins Gesicht sehen! Verpisst euch doch alle!«

Frankie trat vor, die Wangen hektisch gerötet. »Tom! Hör auf damit!«

»Was interessiert dich das? Wann hätte dich das je interessiert? Mum?«, setzte er sarkastisch nach.

Frankie erstarrte. Entsetzt starrte sie in das verzerrte, zornige Gesicht ihres Sohnes. Er sah ihr in die Augen, dann verzog sich seine Miene unter Qualen. Die Tränen begannen zu fließen, und ein ersticktes Schluchzen stieg tief aus seiner Brust.

»Du Rabenaas von einer Mutter!« Tom riss Rebecca das Sektglas aus der Hand und kippte es seiner Mutter ins Gesicht. Dann rannte er los zu seinem auf der Straße geparkten Pick-up. Alle beobachteten still und versteinert, wie er in Richtung Freeway fuhr, der aus der Stadt führte.

»Charlie, wir müssen ihm nachfahren!«, rief Bec.

»Ich glaube, ich hab schon zu viel getrunken, um noch zu fahren«, widersprach er leise und schwenkte dabei vielsagend das Glas.

»Wenn du nicht fahren willst, fahre ich eben.« Sie drehte sich um und wollte gehen, doch Mick versperrte ihr den Weg.

»Bec. Er kommt schon zurecht. Er ist schon so oft betrunken gefahren. Ihm passiert schon nichts. Du bringst dich nur in Schwierigkeiten, wenn du ihm nachfährst. Wir haben alle zu viel getrunken.«

Rebecca wandte sich an ihre Mutter. »Mum?«

Frankie stand wie angewurzelt da, während Peter eine Hand auf ihre Schulter legte.

»Mum. Tu doch um Gottes willen etwas! Steh ihm wenigstens ein einziges Mal in deinem verfluchten Leben bei!« Ihre panische Stimme legte sich über die verstummte Hochzeitsgesellschaft. »Warum siehst du es nicht ein, Mum? Er braucht deine Hilfe. Ich kann ihn nicht länger bemuttern. Das ist deine Aufgabe!«

Jemand hatte Frankie eine Papierserviette gereicht, mit der sie wie betäubt den Sekt abtupfte, der in dunklen Flecken ihre Seidenjacke tränkte. Frankies Lippe begann zu beben. Sie drehte sich um und vergrub das Gesicht an Peters Brust. Er legte schützend die Arme um sie.

»Du solltest nicht deiner Mutter die Schuld geben, Rebecca«, sagte Peter leise. Dann führte er Frankie weg.

Rebecca stand immer noch in eisiger Angst mitten im Stadtpark, als Trudy auf sie zukam. »Ein Stück Torte?«, fragte sie und streckte ihr den Teller entgegen.

Wo die Wasser sich finden australien2
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