Kapitel 22

Auf der anderen Seite des Tales lauschte Harry dem Laster, der einen Gang herunterschaltete, um die steile Abfahrt am Berghang zu meistern. Er marschierte im Scherstall auf und ab, rieb sich immer wieder mit der Hand über den Nacken und sah nervös aus der Tür. Der Atem klemmte zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen fest, bis Harry ihn ausstieß wie eine fauchende Katze. Dann rollte ein glänzender roter Laster in sein Blickfeld, auf dessen Seite die makellose Aufschrift »Umzüge Moffet« prangte. Der Wagen fuhr am Scherstall vorbei und hoch zum Haupthaus. Trudy kam die Stufen heruntergesprungen und winkte den Laster weiter zum Seitentor des Gartens, damit er nicht über den Rost fuhr.

Harry sah zum Himmel auf und hielt ein weiteres Mal in einem hoffnungslosen Stoßgebet, die Schmerzen in seinem Magen zu lindern, die Luft an. Dann atmete er den Blick auf die Berge gerichtet aus. Dort, direkt unter dem Kamm, konnte er Tom ausmachen, der mit Hank den langen Bergpfad abritt. Er war zur Hirtenhütte unterwegs. Beim Anblick des winzigen Flecks, der sich langsam über das Antlitz des mächtigen Berges bewegte, stiegen Harry die Tränen in die Augen. Wieder sah er Toms niedergeschmetterte Miene während des Streits an diesem Morgen vor sich.

Vom ersten bis zum letzten Moment des tobenden, lautstarken Kampfes hatte Tom in der Küchenecke gesessen. Wie versteinert hatte der kräftige, kompakte Körper auf dem Stuhl verharrt, Tränen waren über Toms Wangen gerollt, während Trudy Harry hasserfüllt angegiftet hatte. Monatelang hatte sie im Schlafzimmer der Frischvermählten in leisen Sirenengesängen auf Mick eingeflüstert und sein Herz mit Eifersucht und Wut auf die Situation auf Waters Meeting geimpft. Erst hatte es in Mick zu brodeln begonnen, dann griff er seinen Vater offen an. An diesem Morgen in der Küche hatte Harry getobt. Die Adern an seinem Hals waren dick angeschwollen. Heißer Speichel lag auf seinen Lippen. Grausame Worte versengten die Luft. Mit Trudy im Rücken wirkte Mick größer und doppelt so schwer wie sein inzwischen vom Alter gebeugter Vater.

»Es ist vorbei, Dad. Wir gehen. Du hast dir ins eigene Nest gekackt. Wir lassen uns nicht länger von dir schikanieren. Wir arbeiten uns nicht länger für lau den Buckel krumm. Trudys Dad hält ein Haus für uns bereit. Warum soll ich mich noch länger mit deinem Bockmist rumärgern, wenn ich bei ihm sechzig Riesen pro Jahr verdienen kann? Das ist mehr, als ich hier bis an mein Lebensende zusammenkratzen würde.«

Trudy trat einen Schritt vor, bis sie halb hinter Mick stand. Kalt und sachlich erklärte sie: »Der Umzugswagen kommt um zehn. Wir nehmen nur das mit, was rechtmäßig uns gehört. Keine Fragen.«

»Nur über meine Leiche«, spie Harry.

»Verdammt noch mal, das wird über deine Leiche geschehen, du Idiot.« Mick packte Harry am Kragen und schubste ihn auf die Küchenbank.

Der Schock, von seinem eigenen Sohn herumgeschubst zu werden, bewirkte, dass sich Harry, den Mund sprachlos aufgerissen, mit weißen Knöcheln an der Bank festklammerte. Trudy nahm Mick sanft am Oberarm und führte ihn aus der Küche und durch den Flur zur Haustür. Der Knall, mit dem sie die schwere Tür zuschlugen, hallte wie ein Schuss durchs Haus.

In der Totenstille näherte sich Harry quer durch die Küche seinem Sohn Tom, der immer noch auf seinem Stuhl saß. Er beugte sich vor, bis sein Gesicht direkt vor Toms war, und brüllte: »Unternimm etwas, du nutzloser Bastard! Sag etwas!«, schrie er. »Statt nur rumzuhocken und zu heulen wie das Baby, das du bist!«

Harry schwenkte die offene Hand durch die Luft und schlug Tom mit voller Kraft ins Gesicht. Toms Unterkiefer flog zur Seite, ein scharfer Schmerz schoss durch seinen Schädel und das Rückenmark hinab. Der Kopf ruckte zur Seite. Das Gesicht verzerrte sich vor Trauer und Entsetzen.

Tom stand auf. Wie ein lebender Toter stakste er mit leeren Augen und fahlem Antlitz an seinem Vater vorbei. Er ging aus dem Haus in die Unterkunft, wo er wie in Trance seinen Schlafsack einrollte und einen Proviantbehälter mit Streichhölzern, Zucker und Tee füllte. Mit eisigen, flatternden Händen stopfte er mehrere Packungen Fertignudelgerichte und eine Rolle Toilettenpapier in die Satteltaschen. Dann verschwand er im Laufschritt zum Schuppen, um Sattel und Zaumzeug zu holen. Sobald Hank Tom kommen sah, trabte er auf seinen langen braunen Beinen zum Tor und wartete darauf, herausgelassen zu werden. Tom befestigte sein Gepäck am Sattel, stieg auf und ritt in Richtung Fluss los.

Im Gartenschuppen waren Mick und Trudy immer noch damit beschäftigt, die letzten Blumenzwiebeln einzupacken. Sie sahen von ihren Kartons auf und verfolgten, wie Tom die Brücke über den Fluss querte und dann auf den Hirtenpfad zuhielt, der ihn zum Kamm des Devil’s Crag führen würde.

Von seinem jetzigen Standort aus konnte Harry Tom und Hank kaum noch hinter den Eukalyptusbäumen ausmachen. Oben vor dem Haupthaus schleppten die in Overalls gekleideten Umzugshelfer die schwere Wohnzimmergarnitur über den Rasen. Es war die mit den Blüten, die Trudys Eltern ihr zur Hochzeit geschenkt hatten. Mick trat beiseite, die Messingkopfenden ihrer Betten in den Armen. Trudy folgte ihm mit den Blumenvorhängen aus dem Gästezimmer beladen, die sie jetzt säuberlich auf dem Rücksitz ihres Autos ablegte. Harry zog sich in den Schuppen zurück, denn er wollte auf keinen Fall mit ansehen, wie der Laster und Trudys roter Flitzer am Schuppentor vorbei und von der Farm fuhren. Er sackte auf einen Wollballen, ließ den Kopf in die Hände sinken und lauschte dem Grollen des Möbelwagens, der langsam aus dem Tal fuhr.

Erst viel später erhob er sich langsam, mit steifen Beinen und schmerzenden Knien, um zum Haus hinüberzugehen. Er schwankte leicht und musste sich an der Wand abstützen. Sein Weg führte ihn in das ausgekühlte Esszimmer, wo er sich bückte, um die antike Vitrine aufzuschließen. Aus dem muffigen Inneren nahm er eine Flasche Whisky und eine Flasche Port. Dann ging er weiter in die Küche, wo er sich am Kopfende des Tisches niederließ. Hinter seiner Schulter leuchtete ein Staubfleck auf dem Kaminsims, wo bislang die Uhr gestanden hatte, aber Harry konnte das Ticken immer noch in seinem Kopf hören.

Lange blieb er so sitzen. Einfach nur sitzen. Es war schon dunkel, als er den letzten Schluck Whisky in seine Teetasse kippte und unsicher nach der Portweinflasche griff. Er merkte nicht mehr, wie er vom Stuhl kippte, auf den Boden sackte und dabei seinen Kopf mit einem dumpfen Knall an der Tischkante aufschlug.

Dafür spürte er am frühen Morgen den Schmerz wie ein scharfes Messer hinter seinen Augen. Als die Welt um ihn herum wieder Konturen annahm, begriff er, dass die weiche, bleiche Haut an der Innenseite seiner Schenkel brannte, weil irgendwann in der Nacht Urin in den Stoff seiner Arbeitshose gesickert war. Er musste gleich wieder würgen, als er begriff, dass die eine Hälfte seines Gesichtes in einer Pfütze aus Erbrochenem lag. Die Katze, die schon seit Stunden miaute, weil sie hinausgelassen werden wollte, saß mit großen, angsterfüllten Augen auf der Kommode, angewidert von sich selbst, weil sie zwangsweise in die Ecke gemacht hatte.

Draußen vor dem Fenster saß eine Krähe auf dem Wipfel einer dunklen australischen Pinie. Sie krächzte laut. Auf dem Boden liegend, hörte Harry ihren einsamen, gespenstischen Ruf über das menschenleere Tal schallen.

Wo die Wasser sich finden australien2
titlepage.xhtml
titel.xhtml
cover.html
e9783641081164_cop01.html
e9783641081164_fm01.html
e9783641081164_ata01.html
e9783641081164_toc01.html
e9783641081164_p01.html
e9783641081164_c01.html
e9783641081164_c02.html
e9783641081164_c03.html
e9783641081164_c04.html
e9783641081164_p02.html
e9783641081164_c05.html
e9783641081164_c06.html
e9783641081164_c07.html
e9783641081164_c08.html
e9783641081164_c09.html
e9783641081164_c10.html
e9783641081164_c11.html
e9783641081164_p03.html
e9783641081164_c12.html
e9783641081164_c13.html
e9783641081164_c14.html
e9783641081164_c15.html
e9783641081164_c16.html
e9783641081164_c17.html
e9783641081164_c18.html
e9783641081164_c19.html
e9783641081164_c20.html
e9783641081164_c21.html
e9783641081164_c22.html
e9783641081164_c23.html
e9783641081164_c24.html
e9783641081164_c25.html
e9783641081164_p04.html
e9783641081164_c26.html
e9783641081164_c27.html
e9783641081164_c28.html
e9783641081164_c29.html
e9783641081164_c30.html
e9783641081164_c31.html
e9783641081164_c32.html
e9783641081164_c33.html
e9783641081164_c34.html
e9783641081164_c35.html
e9783641081164_c36.html
e9783641081164_c37.html
e9783641081164_c38.html
e9783641081164_c39.html
e9783641081164_c40.html
e9783641081164_c41.html
e9783641081164_c42.html
e9783641081164_c43.html
e9783641081164_c45.html
e9783641081164_p05.html
e9783641081164_c46.html
e9783641081164_c47.html
e9783641081164_c48.html
e9783641081164_c49.html
e9783641081164_c50.html
e9783641081164_c44.html
e9783641081164_ack01.html