Kapitel 48
Charlie schleuderte die Stiefel von den Füßen und trat durch die Fliegengittertür. Dann stand er in Socken, mit wirr abstehendem Haar, das kantige Kinn von Stoppeln überwuchert in der Küche. Sein braun gebranntes Gesicht brachte seine grünen Augen zum Leuchten. Sein Hemd war verknittert, die Jeans mit einer Schmiere aus Motorenöl und rotem Staub überzogen. Glen saß in einem steif gebügelten Arbeitshemd am Küchentisch und las eine Ausgabe des Machinery Deals. Seine Mutter steckte in einem hellblauen Morgenmantel und schob andächtig Rühreibrocken auf zwei Toastecken. Es war ein sonniger Samstagmorgen. Samstag war der Tag, an dem es sich Mrs Lewis gestattete, eine Stunde später aufzustehen und sich erst nach dem Frühstück anzukleiden. Sie schlappte in ihren rosa Frotteepantoffeln über das Linoleum.
»Möchtest du frühstücken, Schatz?«, fragte sie ohne aufzusehen. »Ich habe deinem Bruder gerade ein paar Eier gemacht.«
»Nein danke, Mum«, antwortete Charlie. »Ich bin auf dem Weg in die Stadt. Ich wollte nur kurz nachfragen, ob ihr was braucht.«
Mrs Lewis’ Mund gerann zu einem dünnen Strich. Sie wusste, dass ihr Sohn wieder auf dem Weg ins Pub war und dass er vor morgen nicht zurückkommen würde, um dann nach Rauch und Alkohol stinkend wieder aufzutauchen. Anschließend würde er sich in seiner Hütte einschließen und schlafen oder Sport schauen, statt mit ihnen in die Kirche zu gehen.
»Nein danke, Schatz, ich glaube, wir haben noch genug Milch. Außerdem mache ich am Montag ohnehin einen Großeinkauf.«
»Schön, dann bis später.«
»Du fährst doch hoffentlich nicht so in die Stadt, oder?« Mrs Lewis hatte Charlie den Rücken zugedreht, weil sie die Pfanne mit Wasser voll laufen ließ. Charlie sah an seinen Sachen herab und fragte sich, woher sie wusste, was er anhatte, obwohl sie nicht einmal zu ihm aufgesehen hatte.
»Ich bügle dir gleich ein Paar Hosen und ein Hemd.«
»Nein, Mum. Das passt schon«, antwortete er fast wütend. Sie drehte sich um und sah ihn verletzt an. Glen kippte Sauce auf seine Eier und begann seinen Toast zu kauen.
»Willst du nicht mitkommen, Glen?«, fragte Charlie, obwohl er die Antwort bereits kannte.
»Nein danke«, antwortete Glen, nachdem er heruntergeschluckt hatte. »Ich will mein Motorrad fit machen und es dann auf den Weiden hinten probefahren.«
»Super. Viel Spaß. Bis dann.« Charlie drehte sich um und wäre um ein Haar mit seinem Vater zusammengeprallt, der gerade von der wöchentlich zelebrierten, mit ausgiebiger Zeitungslektüre verbundenen halbstündigen Toilettensitzung vor dem warmen Samstagsfrühstück hereinkam.
»Bis später, Dad«, sagte Charlie und stürmte aus der Tür. Er griff sich seine Stiefel und hielt auf seinen Pick-up zu. Er musste hier weg.
Seit sein jüngerer Bruder Glen endgültig von der Schule auf die Farm zurückgekommen war, hatte sich vieles für Charlie verändert. Inzwischen ignorierte ihn seine Mutter mehr oder weniger und bemutterte stattdessen Glen. Wie kaum zu übersehen, war sie so froh, wieder einen ihrer Jungen im Haus zu haben, dass sie Charlies Verfall praktisch nicht wahrnahm.
Nach Rebeccas Fortgang hatte Charlie den Protesten seiner Mutter zum Trotz darauf bestanden, in der Hütte zu wohnen. Das hatte ihm Zeit gegeben, mit seiner Trauer, seinem Zorn und seiner Verwirrung allein zu sein. Außerdem hatte er auf diese Weise die Freiheit bewahrt, zu kommen und zu gehen, wie es ihm gefiel. Die ganze Woche arbeitete er sich für seinen Vater auf, aber am Wochenende gab er sich die Kante im Pub oder im Golf Club oder auf einer Feier in der Gemeindehalle. Am nächsten Tag fuhr er gnadenlos betrunken nach Hause zurück, zog dabei Schlangenlinien über den schmalen Asphaltweg, legte Zaunpfosten um und kam auf dem Schotterstreifen ins Schleudern. Inzwischen spielte er jedes Wochenende den Partykönig, nicht nur ab und zu wie früher.
Die Sonntage verbrachte er im Halbkoma auf der Couch unter dem Deckenventilator in seiner Hütte.
An den meisten Wochenenden griff er irgendwann zum Stift und verfasste lange Briefe an Rebecca, doch im Lauf der Monate hatte Charlie das Gefühl bekommen, von einer Wolke niedergedrückt zu werden. Einer feuchten, dunklen Wolke, die jede Erinnerung an Rebecca erdrückte. Irgendwann schmerzten die Worte so sehr, dass er nicht mehr schreiben konnte. Ihren Namen zu schreiben, tat weh. An sie zu denken, tat weh. Die Zeit entfernte sie unerbittlich von ihm, und bald klammerte er sich nur noch an die wöchentlichen Alkoholgelage. Trunkene Nächte mit euphorischen Glanzlichtern, wenn er mit seinen Kumpeln sang oder auf dem Tisch tanzte. Manchmal besuchten ihn seine Kumpel mit noch mehr Bier, und dann erinnerte seine Hütte so an ein wildes Jackaroo-Quartier, dass sogar seine Mutter sich weigerte, gegen das Chaos anzukämpfen. Gelegentlich las ihm sein Vater die Leviten, wenn er am Montagmorgen in die stickige, stinkende Hütte trat, weil Charlie sich zu elend zum Arbeiten fühlte. Missbilligend musterte sein Vater die leeren Bierflaschen und seinen bleichen Sohn.
Seit Glen wieder daheim war, lastete weniger Druck auf Charlie, den Mustersohn zu spielen. Glen war das Goldtöpfchen seiner Eltern. Er trank nicht gern, er war besessen von Landmaschinen und Feldanbau, konnte sich darum nicht vorstellen, je von der Farm wegzugehen, und zu guter Letzt ging er noch mit einer Tochter von Mr und Mrs Lewis’ Freunden aus der Kirche. Die Beziehung war letztes Jahr nach der Kirchenfeier erblüht, auf der Glen und Kathlene gebeten worden waren, die Stühle aufzustapeln und die Tapeziertische wegzuräumen. Glen war mit ihr im Veteranenclub chinesisch essen gegangen, und seither hatte sich ihre Beziehung nahtlos in das Alltagsleben beider Familien eingefügt.
Seit Glen ihm einen Großteil der Arbeit abnahm, spürte Charlie, wie seine Leidenschaft für die Farm erlahmte, und seit Rebecca nicht mehr bei ihm war, versuchte er sich zu überzeugen, dass er trotz seines monotonen Alltags glücklich sei. Beim Traktorfahren, Trinken, Fußballspielen, Partyfeiern mit den Kumpels, in seiner unermesslichen Freiheit. Das ideale Leben, versuchte er sich einzureden.
Auf seiner Fahrt in Richtung Stadt jagte er die grauen Rosakakadus vom Asphalt zu den Ästen der durstig wirkenden Eukalyptusbäume hoch. Dort saßen sie mit ihren staubrosa Bauchfedern und krächzten dem Pick-up nach, der eben vorbeigerast war.
Ohne auch nur den Fuß vom Gaspedal zu nehmen, schoss Charlie an dem 60-km/h-Schild vorbei. Er wusste, dass Arnie, der bierbäuchige Polizist, im Nachbarort die Kinder der Cricket-Jugendliga trainierte. Charlie wollte schon vor dem Pub anhalten, als ihm einfiel, dass der drinnen aufgestellte Geldautomat kaputt war. Verschwommen entsann er sich, letzte Woche ein Glas Bier darüber ausgekippt zu haben. Rog hatte mit zorniger Miene hinter der Bar gestanden, bis Charlie ihm die Bankkarte zugeworfen und betreten erklärt hatte: »Ich zahle dafür«; erst dann war ihm eingefallen, dass er die Maschine brauchte, um an das nötige Geld zu kommen. Die Tatsache hatte einen Lachanfall ausgelöst, der ihn einknicken ließ, sodass er sich wenig später auf dem Boden liegend wiedergefunden hatte, die Hände auf den Bauch gepresst. Er war sicher, ein winziges Zucken in Rogs Mundwinkel bemerkt zu haben, als ihn der Wirt vom Boden hochgezogen hatte. Charlie war immerhin sein bester Kunde und laut Rog »ein witziger Bastard«. Jetzt, eine Woche später, war der neue Geldautomat immer noch nicht eingetroffen.
Charlie fuhr am Pub vorbei und hielt stattdessen am Lebensmittelladen. Er sprang aus dem Auto und rumpelte durch die Fliegentür, dass die Glöckchenkette aufgeschreckt zu bimmeln begann. Janine saß wie immer hinter der Theke und las in einer Zeitschrift.
»Morgen, Basil«, flötete sie, richtete sich auf, zog den Bauch ein und drückte die Brust raus.
»Gehst du heute ins Pub?«, fragte sie, obwohl sie das genau wusste. Sie verdrehte die Augen. » Wir machen heute erst um sieben zu, ich komme also erst später.«
»Kacke«, sagte Charlie, insgeheim erleichtert, dass sie ihm heute nicht nachstellen würde.
»Ähh, ich hätte gern eine Portion Pommes, zwei Dim Sims, einen Kartoffelkuchen und … äh … das wäre alles.«
»Noch nicht gefrühstückt?« Sie trat an die Theke und schaufelte mit klappernder Zange die Pommes frites in einen Pappbecher. Während sie die Dim Sims und den Kartoffelkuchen in braune Papiertüten steckte, schob Charlie die Hände in die Hosentaschen und schlenderte an den Zeitungs- und Zeitschriftenständer. Die meisten Zeitschriften waren vergilbt, eselsohrig, eingestaubt und völlig veraltet. Die neu eingetroffenen Exemplare thronten vorn am Ständer neben den Zeitungen. Ein Hochglanzmagazin fiel ihm ins Auge.
Er begann darin zu blättern. Es enthielt Storys über getunte Pick-ups, übers Bullenfangen und über eine biologische Schweinefarm.
»Da hast du’s«, sagte Janine und stellte die fettigen Papiertüten oben auf die Theke.
»Kann ich noch einen Milchshake mitnehmen?«, fragte Charlie.
Ein Fahrzeug hielt vor der Tür, und Charlie sah auf dem Parkplatz einen Pick-up mit mehreren Hunden auf der Ladefläche stehen. Sein Herz setzte kurz aus. Es waren gut gebaute Kelpies mit glänzendem Fell. Ein rotbrauner mit breiter Schnauze und zwei schwarzbraune mit eleganteren Zügen. Nachdem in der Gegend vor allem Getreideanbau betrieben wurde, fuhren die wenigsten Menschen mehrere Hunde mit sich herum, und die meisten hiesigen Hütehunde waren Mischlinge – ein bisschen hiervon, ein bisschen davon und eher zäh, wenn es ans Laufen ging. So elegante Hunde wie diese sah man nur selten in der Stadt. Hunde wie die von Rebecca.
Ein großer Mann stieg aus dem Pick-up, kam in den Laden und wartete ab, bis Janine die lärmende Maschine abgestellt hatte, die Charlies Milchshake anrührte. Er reichte ein paar Scheine über die Theke und fragte nach Tabak und Papier. Dann nickte er Charlie im Umdrehen zu und verschwand wieder aus dem Laden.
Das Magazin gedankenverloren in Händen, schaute Charlie zu, wie der Mann wieder auf die Straße zurückfuhr und die Hunde schwanzwedelnd die Schnauzen in den Wind drehten. Er fragte sich, ob die Hunde irgendwie mit Becs Hunden verwandt waren.
Mit einem resignierten Seufzer sah Charlie wieder in die Zeitschrift. Dort auf der Doppelseite sah er Rebecca. Lächelnd, auf ihrem Pferd, mit ihrem goldenen Haar, das unter dem Hut hervorquoll. Charlie klappte der Kiefer nach unten, ihn überlief eine Gänsehaut.
»Ist das alles?«, fragte Janine mit kokett zur Seite gelegtem Kopf.
Ihre Stimme riss Charlie aus seinen Tagträumen.
»Ich nehme noch das hier, eine Zeitung und zweihundert Dollar bar dazu.« Ungeduldig trommelte er mit den Fingern auf die Theke, während sie die Karte durchzog.
»Seit du den Automaten im Pub lahmgelegt hast, habe ich kaum noch Bargeld. Ich kann dir nicht mehr als fünfzig geben.«
»Auch gut«, sagte Charlie. Nachdem sie ihm die Karte und das Geld gereicht hatte, klemmte er sich Zeitschrift und Zeitung unter den Arm und eilte, die Tüten und den Milchshake jonglierend, aus dem Laden, weil er es kaum erwarten konnte, den Artikel über Rebecca zu lesen.
Er hielt den Pick-up unter einem Pfefferbaum an, stieg aus und ließ sein Essen und die Zeitschrift auf den abblätternden Lack des Picknicktisches fallen. Neben dem Parkplatz zog der Bewässerungskanal an einem rostigen Schild vorbei, auf dem »Schwimmen verboten« stand. Er setzte sich hin, schlug die Zeitschrift auf und tauchte in ihren Anblick ein. Las jedes Wort, las den Artikel wieder und wieder. Starrte auf ihre Augen, ihr Lächeln, ihre Hände. Fuhr mit der Fingerspitze ihren Körper nach. Starrte traurig auf das Foto von Dags. Sogar ihre Hunde vermisste er.
Er kniff die Augen zusammen, weil er sich schämte, Tränen aufsteigen zu spüren. Schließlich klappte er die Zeitschrift zu. Als er endlich dazu kam, seine Pommes zu essen, waren sie kalt. Er kaute langsam und las dabei die örtliche Zeitung, obwohl er mühsam der Versuchung widerstehen musste, die Zeitschrift wieder aufzuschlagen und sie anzusehen. Als er zu den Stellenangeboten kam, überflog er kurz die Jobanzeigen. Dann stach ihm eine ins Auge. Er las sie noch einmal. Wieder bekam er eine Gänsehaut. Er sprang auf und rannte zu seinem Pick-up.
Mrs Lewis traute ihren Augen kaum, als Charlie gerade mal zwei Stunden nach seiner Abfahrt wieder auf der Farm auftauchte. Anders als sonst verschwand er nicht sofort in seiner Hütte. Stattdessen rumpelte er mit weit aufgerissenen Augen in die Küche.
»Mum«, sagte er, »ich muss an den Computer.«
»Warum um Himmels willen?« Mrs Lewis wischte stirnrunzelnd die Hände an einem Geschirrtuch ab und folgte ihm durch den Flur ins Arbeitszimmer.