Kapitel 19
Charlie Lewis saß zusammengesunken am Esstisch und schob mit der Gabel ein Kartoffelstück durch die Soße.
»Setz dich gerade hin, Charlie«, sagte seine Mutter und schaufelte die restlichen Kartoffeln auf seinen Teller.
»Ich mag nicht mehr, Mum.«
»Unfug.«
Er ließ die Gabel fallen und schob den Teller von sich weg. Vom Tischende sah sein Vater düster zu ihm her. »Ich gehe ins Bett.« Er stand vom Tisch auf.
»Aber Charlie! Der Nachtisch!« Er ließ seine Mutter mit dem Küchentuch und dem Servierteller mit Apfelkuchen in der Hand stehen.
Als er in sein Zimmer kam und sich umsah, hauchte er: »Verfluchter Scheißdreck.«
Sie war wieder in seinem Zimmer gewesen. Seine Pyjamas lagen ordentlich zusammengefaltet und aufgestapelt am Fußende des Bettes, und sie hatte schon wieder die Bettwäsche gewechselt. Die frischen Laken steckten fest unter der Matratze und dufteten intensiv nach dem Zitronenduft des Waschmittels. Wütend zerrte er sich das Arbeitshemd und die Jeans vom Leib und schleuderte beides auf den Boden. Seine Arme waren bis zu den Ellbogen eingestaubt, und seine Füße waren verschwitzt, trotzdem beschloss er, nicht zu duschen, nur um seine Mutter zu ärgern. Nach einer Reihe von allzu langen, allzu heißen, öden Tagen in der Traktorkabine war er ausgelaugt und wollte nur noch schlafen. Er schaltete die Nachttischlampe ein und kroch nackt unter die kühlen, viel zu sauberen Laken.
Gleich darauf wälzte er sich auf den Bauch und griff nach der Nachttischschublade. Er zog sie auf und nahm eine Hochglanzbroschüre heraus. Seine Finger strichen über den Goldprägedruck und fuhren das verschlungene A und R nach. Er blätterte die Seite vier des Jahresberichts auf und wälzte sich wieder auf den Rücken.
Die Arme zur Decke gestreckt, hielt er sich das Bild des Mädchens über sein Gesicht. Seine Augen tasteten sie ab, labten sich an ihrer Schönheit. Er las die Bildunterschrift: »Die AR-Angestellte Rebecca Saunders und der preisgekrönte Widder Blue Plains Alpha 655«. Er sah ihr in die blauen Augen. Die Sonne ergoss sich über die blonden Wellen ihres Haares und bestrahlte den Pfefferbaum, sodass er fast zu leuchten schien. Charlie malte sich aus, wie er ihre goldene Haut küsste. Sobald er den Finger auf ihr lächelndes Gesicht legte, merkte er, wie sich unter den frisch gewaschenen Blumenmusterlaken seiner Mutter eine Erektion zu regen begann. Er schloss die Augen und spürte, wie ihn Begierde durchfloss.
»Charlie, Schätzchen!«, hörte er seine Mutter vor seiner Tür trällern. Er ließ den Bericht geräuschvoll auf die Decke fallen. »Mann«, seufzte er und rief dann unwirsch: »Was denn?«
»Ich mache deinem Vater noch einen Tee vor dem Schlafengehen … möchtest du auch einen?«
»Nein«, antwortete er mürrisch und rief dann kläglich: »Trotzdem vielen Dank, Mum. Gute Nacht.«
»Nacht.« Er hörte sie über den Gang in die Küche schlurfen, wo sie ohne Ende auf seinen Vater einredete, der nebenan wie hypnotisiert auf den Fernseher starrte.
Er schlug wieder Seite vier auf, verabschiedete sich von Rebeccas Foto und legte dann die Broschüre in die Schublade zurück. Er spürte, wie er schon wieder kam … dieser Drang. Der Drang, in seinen Pick-up zu steigen und mit Vollgas der erdrückenden Missbilligung seiner Eltern zu entfliehen. Der Drang, sich wieder in »Basil, den legendären Partyhengst« zu verwandeln und sich von seinen Kumpels als König der Partys und wilden Stunts feiern zu lassen. Statt ein frustriertes Muttersöhnchen zu sein, das Angst hatte, die Laken schmutzig zu machen. Frustriert drückte Charlie den Kopf in die Kissen. Morgen würde er es seinem Vater sagen. Er würde ihm sagen, dass er nächstes Jahr nicht auf der Farm arbeiten würde.
»Ich habe eine Mission zu erfüllen«, gelobte sich Charlie Lewis, schloss die Augen und fantasierte von einem Mädchen mit blonden Haaren, sagenhaft blauen Augen und einem frechen Lächeln. Dann knipste er das Licht aus, wälzte sich auf die Seite und lachte heimlich über sich selbst, weil er beim Wichsen am liebsten ein Mädchen mit einem Schaf aus einem landwirtschaftlichen Jahresbericht vor Augen hatte.