Kapitel 10

Rebecca, Dave und Annabelle waren gerade dabei, ihre Stirnlampen aufzusetzen und die Golfschläger auszuwählen, als die Fliegentür die späte Ankunft eines weiteren potenziellen Spielers ankündigte.

» Was in aller Welt habt ihr vor? Oder sollte ich lieber nicht fragen?«, hörten sie die Stimme von Alastair Gibson. Sein Erscheinen ließ die angehenden Agakröten-Golfer abrupt innehalten. Ihn in diesen Räumen stehen zu sehen, war ungewöhnlich. Nein. Mehr als ungewöhnlich. Weder Bec noch Dave hatten den Manager je in ihrer Unterkunft gesehen. Natürlich erschien er gelegentlich an den Stufen vor dem Eingang, aber er kam nie ins Haus. Er sah auf seine Stiefel und trat sie sich, kurzfristig verunsichert, von den Füßen.

»Bin heute Morgen übers Wochenende mit ein paar ausländischen Gästen hergeflogen. Bob ist mit ihnen ins Pub gefahren. Gnade ihnen Gott. Darum dachte ich, ich schau mal hier vorbei.«

Rebeccas Blick huschte über die chaotische Küche, in der sich schmutzige Teller, Tassen und Bierflaschen auf den barbusigen Mädchen aus Daves Schmuddelheften stapelten. Die Unordnung hatte sich in der ganzen Unterkunft ausgebreitet, als hätte eine Windbö das Chaos über den Boden bis ins Wohnzimmer geblasen. Es war zum Ritual geworden, dass Annabelle freitagabends zum Essen kam, den ganzen Samstagvormittag zu den Klängen von Rage mit Dave vögelte und den Nachmittag damit zubrachte, um den lethargisch fernschauenden Dave herum aufzuräumen.

Bec spürte hin und wieder leise Gewissensbisse, bot dann ihre Hilfe an und schrubbte daraufhin zaghaft an den Flecken im Klo herum, aber sie weigerte sich eisern, blaue Entchen in die Kloschüssel zu hängen oder pilzförmige Stinkedinger auf dem Wasserspeicher aufzustellen.

Als jetzt Alastair vor ihnen stand, wünschte sie sich, sie hätte etwas mehr hausfrauliche Qualitäten bewiesen.

»Wir wollen … äh … hm«, sagte Rebecca und lehnte ihren Golfschläger an den Sessel.

»Wir wollen … ähem«, ergänzte Dave, »golfen gehen. Nur dass wir keine Bälle benutzen. Sondern Agakröten.«

»Ach, ich verstehe!«, lachte Alastair. »Ich schätze, ihr tut damit der Umwelt einen Gefallen … Kaum zu glauben, dass diese Mistviecher so weit ins Landesinnere vorgedrungen sind. So viele wie in diesem Jahr habe ich noch nie auf Blue Plains gesehen. Bitte entschuldigt, wenn ihr euer Turnier meinetwegen um ein paar Minuten verschieben müsst. Ich wollte mit Rebecca sprechen.«

»Klar! Keine Sorge!«, antwortete Dave übertrieben enthusiastisch und drehte sich zu Annabelle und Rebecca um. Seine eingeschaltete Stirnlampe folgte jeder Kopfbewegung wie ein übereifriger Theaterbeleuchter.

Rebecca zerrte das Elastikband ihrer Stirnlampe vom Kopf und räusperte sich betont in Daves Richtung. »Möchten Sie vielleicht ein Bier, Mr Gibson?«, fragte sie.

»Bitte nennen Sie mich Alastair, und ja, bitte, ich hätte sehr gern ein Bier.«

»Ähm. Setzen Sie sich doch.« Dave räumte den Zeitungsstapel von der Couch und kickte ein paar Dosen und Plastikflaschen über den Fußboden in die Ecke.

»Nicht nötig, ich bleibe nicht lang. Ich wollte Rebecca nur einen Vorschlag unterbreiten.«

»Gut, dann machen wir uns dünne.« Annabelle lächelte strahlend. »Komm schon, Dave. Wie wär’s mit einer Runde?« Sie sah Dave an und ergänzte ein bisschen zu schnell: »… Golf.«

Sie nahmen ihre Schläger, die Fliegentür seufzte auf und schlug hustend hinter ihnen zu, dann waren beide in der schwülen Nachtluft verschwunden.

Bec reichte Alastair eine Bierflasche. »Ich würde Ihnen auch ein Glas anbieten, aber …« Sie deutete auf die aufgereihten Gläser hinter der Spüle. »Wenn Sie möchten, wasche ich Ihnen eines ab.«

»Nein. Nein. Das Bier ist schon im Glas.« Alastair hob lächelnd die Glasflasche an und nahm am Küchentisch Platz.

Bec tat es ihm nach, setzte sich ihm gegenüber, nahm einen Schluck kaltes Bier und blickte an ihm vorbei auf das Durcheinander aus Tomatensoßenflaschen, halb leeren Brottüten, Sojasoßenfläschchen, Vegemite-Gläsern und Türmchen von Plastikbehältern für Pfeffer und Salz.

»Bob hat mir erzählt, dass Sie heute Nachmittag Ihre Kündigung eingereicht haben.«

»Ja. Das ist richtig«, sagte Bec. »Ich hoffe, Sie haben das nicht falsch aufgenommen. Es gefällt mir sehr gut hier. Ehrlich. Aber mein Bruder heiratet kurz nach Weihnachten, darum muss ich sowieso heimfahren. Außerdem habe ich mich an der Tablelands University für einen Kurs in Betriebswirtschaft und Farmmanagement eingeschrieben. Das Studium beginnt im März. Ich dachte, wenn ich noch vor Weihnachten kündige, gebe ich Ihnen damit genug Zeit.«

»Sicher. Sicher haben Sie das. Es ist nur so, dass Sie eine wirklich gute Angestellte sind. Sie gehören zu unseren Besten. Obwohl Sie noch so jung sind, bewegen Sie eine Menge und haben der Firma gezeigt, wie wertvoll Sie sind.«

Die Worte waren für Rebecca wie warme Küsse. Ihr Leben lang hatte sie vergeblich darauf gehofft, ein lobendes Wort von ihrem Vater zu hören. Nichts, was sie unternommen hatte, hatte ihm je genügt, sosehr sie sich auch angestrengt hatte.

»Als wir uns damals bei der Viehauktion kennenlernten, hatte ich Ihnen versprochen, dass Sie mehr mit den Widderställen und unseren Show-Aktivitäten zu tun haben würden. Ich weiß, inzwischen ist ein ganzes Jahr vergangen, ohne dass Sie von der Farm weggekommen wären. Es hat etwas gedauert, bis ich Bob so weit hatte, euch Youngsters eine Chance zu geben, aber ich glaube, inzwischen ist er weichgekocht und kann erkennen, was für eine Bereicherung Sie bei der Vorführung der Zuchttiere von Blue Plains wären.«

Bec zupfte an dem Label ihrer Bierflasche, bis es sich in einem feuchten, klebrigen Fetzen löste. Sie klebte es wieder fest und zog es wieder ab, während sie schweigend lauschte.

»Wir möchten, dass Sie sich für die Hochzeit Ihres Bruders so lange freinehmen, wie Sie möchten, aber wir möchten auch, dass Sie danach zurückkommen, und zwar nicht als Jillaroo, sondern als Managerin unserer Zuchttier-Vorführungen. Natürlich gibt es zu diesem Titel auch ein entsprechendes Gehalt … na schön, fast jedenfalls, es ist immerhin deutlich höher als das, was Sie jetzt verdienen. Falls Sie Ihr Studium um mindestens ein Jahr verschieben könnten, würde Ihnen das eine Gelegenheit geben, mehr zu lernen und mehr zu sparen. Es ist nicht zu übersehen, dass ein beträchtlicher Teil von Ihrem und Daves Gehalt in die hiesigen Pubs wandert.« Er lächelte nachsichtig.

»Sie bitten mich also nur um ein weiteres Jahr?«

»Genau.«

Bec spürte einen Anflug von Melancholie. Nie im Leben hätte ihr Vater ihr die Leitung eines ganzen Zweiges der Farm anvertraut. Unwillkürlich wünschte sie sich, sie hätte einen Vater wie Alastair.

»Das war’s schon, Bec. Lassen Sie sich Zeit, und denken Sie darüber nach. Sagen Sie uns bis spätestens Weihnachten Bescheid, wie Sie sich entschieden haben. Ich habe die Zentrale gebeten, eine Jobbeschreibung mit einer detaillierten Aufgabenliste sowie allen Gehaltsdetails für Sie zu erstellen. Bis Dienstag müsste Bob die E-Mail bekommen haben, wenn Sie sich nächste Woche an ihn wenden, werden Sie alles Weitere erfahren.«

»Super. Danke. Ich werde darüber nachdenken, Alastair. Das ist sehr freundlich von Ihnen.«

Weit draußen vor dem Fenster war ein »Woo-hooo!« zu hören.

»Offenbar hat Dave einen Kröten-Birdy geschafft«, meinte Alastair, und Bec lächelte. »Über Weihnachten fahren Sie nicht nach Hause?«

»Nein.«

»Kommen Ihre Verwandten zu Besuch?«

»Ähh. Nein.« Bec lächelte verlegen und schüttelte unsicher den Kopf.

»Ich wollte nicht aufdringlich sein. Ich weiß, dass sich das Verhältnis zu Ihrem Vater während der vergangenen Monate nicht gebessert hat. Weihnachten ist ein guter Zeitpunkt für eine Versöhnung, aber wenn Sie beide noch nicht so weit sind, dann sind Sie herzlich eingeladen, in die Stadt zu kommen und Weihnachten mit meiner Familie zu feiern.«

Rebecca lächelte dankbar. Noch nie hatte sie mit einem Mann in Alastairs Alters so locker geplaudert. Sie mochte ihn.

»Danke, Mr Gibson. Das ist wirklich nett von Ihnen, aber ich will meine Hunde nicht alleinlassen, und außerdem wollen Marg und Bob ein Barbecue am Billabong veranstalten, ich werde also nicht alleine sein.«

»Na schön. Solange Sie mir eines versprechen.«

»Und zwar?«

»Dass Sie zu Hause anrufen. Reden Sie ein paar Takte mit Ihrem alten Herrn. Ich weiß, wenn Sie meine Tochter wären, wollte ich von Ihnen hören.«

Rebecca sah zur Decke hoch und kniff die Lippen zusammen. »Okay«, sagte sie wie ein ungezogenes Kind. Dann mussten beide lachen.

Er trank sein Bier aus, und sie dachte schon, er würde gehen, aber stattdessen griff er nach dem Golfschläger, der an seinem Stuhl lehnte.

»Und jetzt«, verkündete er, »gehen wir golfen.«

Rebecca blieb der Mund offen stehen.

»Okay!«, strahlte sie. »Aber Sie brauchen noch die hier.« Damit reichte sie Alastair eine lila getönte, verspiegelte Rundum-Sonnenbrille, die Dave vor Kurzem aus einem Ramschladen in der Stadt mitgebracht hatte.

»Wozu in aller Welt? Da draußen ist es stockfinster.«

»Zum einen sieht es scharf aus«, neckte ihn Bec, »und es erschwert das Krötentreffen. Aber vor allem kann das Gift dann nicht in Ihre Augen spritzen.«

Während Alastair seine Stiefel anzog, brummelte er: »Das hört sich nicht nur gefährlich, sondern auch lächerlich an.«

»Es ist charakterbildend«, verkündete Bec, und die Fliegentür knallte einen Punkt hinter ihren Satz.

Wo die Wasser sich finden australien2
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