Kapitel 32
In ihrer winzigen Hütte sah Rebecca zum Deckenventilator auf, der ununterbrochen vor sich hin quietschte. Der Ventilator brachte die Luft um ihre Schultern herum in Bewegung und ließ eine Gänsehaut über ihre Arme laufen. Sie hatte es so satt, ihn anzustarren, dass sie ein Blatt Papier zusammenknüllte und es in die Ventilatorblätter warf. Das Knäuel wurde gegen die Wand geschleudert und fiel zu Boden.
»Vier Runs«, sagte Bec zu dem Ventilator.
Sie hatte eine Ewigkeit darauf gewartet, dass Charlies knisternde Stimme aus dem Funkgerät drang. Sie hatte im Garten zu arbeiten versucht, bis die Sonne ihr den Nacken verbrannt hatte. Dann war sie ins Haus gegangen, auf die Couch gesunken und hatte zu warten begonnen.
Jetzt stand sie auf und begann, die Kühlbox mit kaltem Wasser zu füllen. Endlich hörte sie seinen Funkspruch. Charlies roboterhaft klingende Stimme und das Knistern des Funks erfüllten die Küche.
»Bereit für die nächste Ladung, Bec?« Sie drückte den Knopf auf dem Mikrofon.
»Roger. Ich bin unterwegs.«
»Wer ist eigentlich dieser Roger?«, neckte Charlies Stimme sie.
Sie lächelte das Funkgerät an. »Ich fahre gleich los.«
Auf der Veranda zog sie die Stiefel an, setzte den Hut auf und trug die Kühlbox zum Laster. Als sie am Tor zum Haupthaus vorbeifuhr, sah sie Mrs Lewis winken und hielt an.
»Kacke«, sagte Bec, als Mrs Lewis in ihrem langen, blumengemusterten Sommerkleid und ihrer gelben Schürze angelaufen kam. Bec legte knirschend den Gang ein und setzte mit dem Laster rückwärts ans Tor. Dann sprang sie aus dem Führerhaus und ging Mrs Lewis entgegen, die ihre trockenen, sauberen Hände an der Schürze abwischte.
»Ich habe gerade im Funkgerät gehört, dass du dich auf den Weg machst, um Charlie zu helfen. Ich habe ihm ein paar Scones gebacken – sie brauchen nur noch zwei Minuten. Komm doch ins Haus.«
Scones, dachte Rebecca, in dieser Hitze? Sie trat ihre Stiefel von den Füßen und folgte Mrs Lewis in die Küche.
»Ich mache gerade einen Eintopf für heute Abend. Möchtest du, dass ich auch etwas für dich und Charlie vorbereite? «
»Nein, danke, das ist nicht nötig, Mrs Lewis.«
»Aber ja. Ich bestehe darauf. Er lässt dich während der Ernte so schwer arbeiten, dass du bestimmt kaum Zeit findest, ein richtiges Essen zuzubereiten.«
»Ich habe zu tun, aber das ist okay. Ich mag es so.«
»Habt ihr schon etwas von der Stelle in der Verwaltung der Getreidefirma gehört?«
»Nein, noch nicht.«
»Ich bin sicher, dass sie dich nehmen werden. Du wirkst so … selbstbewusst. Ich muss nächste Woche in die Stadt zum Einkaufen. Möchtest du vielleicht mitkommen? Du wirst neue Sachen fürs Büro brauchen.«
»Ja. Ja. Gute Idee.« Rebecca zupfte an ihren zerrissenen kurzen Jeans und strich ihr ölfleckiges Trägerhemd glatt, während Mrs Lewis sich bückte, um das Blech mit den Scones aus dem Ofen zu nehmen. Sie trug es an den Tisch, wo die Scones von dem Blech auf das Kühlgitter purzelten.
»Mhm. Die sehen gut aus«, sagte Rebecca. Genau in diesem Moment krächzte Charlies Stimme aus dem Funkgerät: »Rebecca, bist du auf Empfang?«
»Ja.«
»Bist du schon losgefahren?«
»Nein.«
»Gut. Könntest du noch etwas Öl mitnehmen, wenn du herkommst? Es ist in der gelben Tonne in dem großen Schuppen mit Pultdach … bei dem Honda.«
»Kein Problem. Bis gleich.«
»Ich freu mich schon drauf, Babe.« Als Charlies flirtende Stimme durch die Küche knisterte, richtete Mrs Lewis sich steif auf, ihre Miene verhärtete sich.
»Diese Funkgespräche sind quasi öffentlich. Viele in der Gegend verwenden denselben Kanal.«
Rebecca senkte den Blick auf die Löcher in ihren Socken. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie Charlies Mutter nicht leiden konnte. Während der letzten Monate hatte sich Mrs Lewis vor Freundlichkeit überschlagen. Sie hatte Rebecca Raum zum Trauern gelassen und sich so intensiv um sie gekümmert, wie Rebecca es zugelassen hatte. Trotzdem war da ein Gefühl von Distanz … und von unausgesprochener Missbilligung. Mr Lewis strahlte das ebenfalls aus. Rebecca war aufgefallen, wie er sie jeden Morgen von Kopf bis Fuß musterte. Anfangs war sie jeden Morgen um Punkt sieben Uhr in ihren Arbeitskleidern im Maschinenschuppen erschienen. Hatte sich zur Arbeit gemeldet wie ein eifriger junger Soldat, der in die Schlacht ziehen will. Aber als Mr Lewis sich nach mehreren Wochen immer noch weigerte, ihr Arbeit zu geben, hatte Rebecca stillschweigend aufgegeben und war dazu übergegangen, stundenlang mit Charlie auf den Landmaschinen zu sitzen oder ihm im Schuppen Schraubenschlüssel oder Schraubenzieher zu reichen.
»Verflucht noch mal, Charlie«, hatte sie ihn eines Morgens angeschrien, »warum sagt er mir nicht ins Gesicht, dass er meint, ich gehöre in die Küche oder den Garten! Er ist noch schlimmer als mein Dad!«
Charlie gab sich redlich Mühe. Er trocknete Rebeccas Tränen um Tom, die im Dunkel der Nacht zu fließen begannen. Geduldig und ruhig stand er zwischen seiner rastlosen Mutter und Rebeccas stillem Trotz. Aber letztendlich beugte er sich jedes Mal dem Willen seines Vaters. Wenn Mr Lewis von Charlie verlangte, etwas zu erledigen, dann widersprach Charlie ihm nie, auch wenn Rebecca die Arbeit mit Leichtigkeit hätte erledigen können.
Charlie versprach ihr immer wieder, sich ein Wochenende freizunehmen, um Hank und Ink Jet von Waters Meeting zu holen, aber dieses freie Wochenende blieb eine Schimäre. Rebecca liebte Charlie, daran zweifelte sie nicht, aber ihr Groll wuchs unaufhörlich, und manchmal merkte sie beim Sex, dass sie ihn nicht voller Leidenschaft, sondern fast zornig liebte. Zorn auf alles, was ihr im Leben widerfahren war und was ihr nicht widerfahren wollte. Sie hatte das Gefühl, keine Kontrolle zu haben. Verloren zu sein. Manchmal meinte sie, ein fremdes Mädchen zu beobachten. Dieses andere Mädchen lebte in einer Hütte, warf Kissen an die Wand, wiegte sich vor und zurück und versuchte ihr früheres Leben mit Tom und ihren Hunden auf Waters Meeting in Erinnerung zu behalten. Versuchte sich auszumalen, wie ein Leben ohne Charlie wohl aussehen würde – ob sie es wohl ertragen würde, allein und heimatlos zu leben.
Als die Erntezeit nahte und der ganze Distrikt in hektische Aktivität verfiel, erkannten die Lewis’, dass sie Rebecca mehr zutrauen mussten. Immerhin hatte sie einen LKW-Führerschein. Anfangs ließ Mr Lewis sie den Laster nur auf seinem Grundstück fahren, aber als immer weniger Zeit blieb, das Getreide in die Silos zu schaffen, bevor der Regen über den weiten Himmel zog, fand sie sich irgendwann auf der Straße in die Stadt wieder. Ein Hauch von Freiheit in einem Truck.
Als Rebecca diesmal mit den frisch gebackenen Scones auf dem Beifahrersitz von Mrs Lewis wegfuhr, musste sie ein Gähnen unterdrücken. Die Erntetage waren lang, und Rebecca und Charlie waren durch die weiten Felder getrennt. Immer fuhren sie in entgegengesetzte Richtungen, Charlie im Mähdrescher, sie im Getreidelaster. Zwischendurch trafen sie sich am Feldrand, wenn der Korntank voll war, dann winkte er ihr zu, während sie die Förderschnecke ansetzte, das Getreide in ihren Laster lud und damit zum Silo fuhr. Für Pausen blieb keine Zeit. Es war Erntezeit, und die Sonne schien. Nachdem die letzte Regenfront durchgezogen war, hatte das Wetteramt vorausgesagt, dass es wochenlang nicht regnen würde. Es gab keinen Vorwand für eine Pause. Nach der Getreideernte ging es ans Heumachen. Anschließend musste der Boden für die neue Aussaat vorbereitet werden, und dann fing alles von vorn an. Die Jahre wälzten sich endlos vor ihr aus in dieser befremdlich konturlosen Ebene, in der sie ewig fremd bleiben würde.
Allerdings gab es auch Zeiten, in denen all das dadurch aufgewogen wurde, dass sie mit Charlie zusammen war. Bei Erntebeginn hatte Vorfreude in der Luft gelegen, und Rebecca hatte angefangen, ihr Leben zu genießen. Sie und Charlie hatten über Funk geturtelt.
»Roger-Dodger, Ranger One, hier spricht Smokey Bandit Jail Bait, höre dich laut und deutlich.« Flirtsprüche und Witze waren durch den Äther geflogen. Aber das hatte Mrs Lewis gerade eben unterbunden, dachte Rebecca.
Sie sah Dags an, der im Fußraum des Trucks hockte und sabbernd auf die Scones starrte. »Tja, das Leben ist eben kein Spaß«, erklärte sie ihm. »Das Buch der Bücher ist nicht gerade eine Witzesammlung, wenn du verstehst.«
Dags stemmte die Pfoten aufs Armaturenbrett und hielt durch die Windschutzscheibe Ausschau nach nicht existenten Schafen inmitten der gelben Weizenstoppeln. Bec strich mit der Hand über seinen glatten, festen Rücken.
»Tut mir leid, Dags. Wir besorgen dir bald ein paar Schafe.«
Sie winkte Mr Lewis zu, der ihr in der Baumwollerntemaschine auf der schmalen Asphaltstrecke entgegengeholpert kam. Er war auf dem Weg zu einer anderen Farm, um dort gegen Entgelt bei der Ernte zu helfen. Nachdem sie den Baumwollernter passiert hatte, lenkte sie den Truck wieder in die Straßenmitte.
»Alter Stinker«, sagte sie. Dags sah zu ihr auf und hörte kurz auf zu hecheln. »Du doch nicht!«, lachte Rebecca.
Sie dachte über Mr Lewis nach. Fast meinte sie ihren Vater in ihm wiederzuerkennen. Sie spürte, wie es in ihr zu kochen begann, wenn er so herablassend mit Charlie redete. Dass Mr Lewis sie praktisch ignorierte, war schlimm genug, aber dass er Charlie bei jeder Gelegenheit rücksichtslos das Wort abschnitt, machte Rebecca richtig wütend. Charlies Schultern schienen herabzusacken, sobald sein Vater den Raum betrat, und sofort senkte sich das Schweigen wie eine dunkle Wolke über ihn. Charlie hatte so viele geniale Ideen für die Farm, und er teilte sie alle mit Rebecca. Er platzte vor Leidenschaft für die Landwirtschaft, aber er hatte keine Möglichkeit, sie auszuleben.
»Bei dieser Art von Boden fährt man am besten mit Minimalanbau«, hatte er ihr eines Tages erklärt. »Mit möglichst schonender Landwirtschaft. Damit könnten wir die Erträge unglaublich steigern, und wir würden weniger Wasser zum Bewässern verbrauchen … es wäre rundum besser.«
Rebecca hatte seine Vorstellungen mit ihm diskutiert und ihn dann mit ungezügeltem Enthusiasmus dazu getrieben, seinen Vater darauf anzusprechen. Zum Teil rührte ihr Drang nach Veränderung aus ihrer Frustration, auf Waters Meeting nichts erreicht zu haben. Mit Becs Unterstützung und Ermutigung im Rücken, hatte Charlie seine Gedanken offenbart. Da hatten die Auseinandersetzungen zwischen Charlie und seinem Vater begonnen. Das Gebrüll im Maschinenschuppen. Das Aufheulen der Motoren von Motorrad und Pick-up, die sich mit quietschenden Reifen voneinander entfernten. Das grollende Schweigen am Esstisch. Mrs Lewis’ verstohlene, anklagende Blicke auf Rebecca. Mr Lewis’ missbilligende Seufzer bei dem Gedanken, dass sein Sohn an ein Mädchen »gekettet« war.
Rebecca hätte schon hundertmal gepackt und die Farm verlassen, wäre Charlie nicht gewesen. Tief in ihrer Magengrube lag die grauenvolle Angst, dass etwas Schlimmes geschehen konnte, wenn sie ihn verließ, so wie sie Tom verlassen hatte. Ein herzensguter, einsamer Farmerboy. Isoliert. Ausgeschlossen.
Dags stieß mit der feuchten Schnauze an ihre Hand, und Bec musste über seine Einfühlsamkeit lächeln. Sie fegte die deprimierenden Gedanken beiseite, griff nach dem Funkmikrofon, drückte den Knopf und setzte ihre süßeste Stimme auf.
»Wo bist du gerade, Charlie?« Während sie darauf wartete, dass er antwortete, stellte sie sich vor, wie seine braune, feste Hand nach dem Mikrofon griff.
»Auf der Ostseite.«
Ostseite. Ostseite? Sie hatte in diesem brettebenen Land Schwierigkeiten, sich zu orientieren, doch schon nach kurzer Zeit hatte sie ihn entdeckt. Sie schaltete einen Gang nach unten und hielt mit dem Truck am Feldrand. Dann sprang sie aus dem Führerhaus, rief Dags zu sich und blieb, die Hände in die Hüften gestemmt, in der Hitze stehen, bis die riesige Maschine brüllend zum Stehen gekommen war. Dags reckte schnuppernd die Nase in die Luft, wedelte mit dem Schwanz, als er Charlie gewittert hatte, und legte sich gleich darauf in den Schatten des Trucks, um nach Fliegen zu schnappen.
Charlie sprang aus der Kabine und kam auf sie zu. Er trug Shorts, und sie konnte sehen, wie sich bei jedem Schritt seine Beinmuskeln anspannten.
»Hallo, Spunky«, sagte sie und reckte sich zu einem Kuss.
»Zeit für eine Pause«, sagte er, nahm den Deckel der Thermoskanne ab und trank in tiefen Zügen.
»Ich dachte, das Ding da hätte eine Klimaanlage.« Bec nickte zu dem Mähdrescher hin.
»Hat es auch. Komm, ich zeig dir, wie es da oben blasen kann.« Er nahm sie an der Hand, und sie folgte ihm mit einem leisen Schmunzeln.
»Ach, warte. Deine Mum schickt dir Scones.«
In der engen Kabine oben auf dem Mähdrescher hüpfte Charlie inmitten der Schaltknüppel, Knöpfe und Armaturen auf seinem elastischen Fahrersitz auf und ab.
»Super Federung«, sagte er.
»Lass mich mal probieren.«
Bec setzte sich rittlings auf seinen Schoß und verschränkte die Finger in seinem Nacken. Dann begann sie ihn auf den Hals zu küssen, bevor ihre Lippen an seine Brust weiterwanderten. Er schmeckte nach Weizenstaub und Öl. Sie knöpfte sein Hemd auf und ließ ihre zärtlichen Küsse abwärts zu seiner Gürtelschnalle wandern. An dieser Stelle hielt sie kurz inne, ihre blauen Augen sahen zu ihm auf und schickten ihm den Blick, den er inzwischen genau kannte.
»Wolltest du mir nicht zeigen, wie es hier blasen kann?«, sagte sie und zerrte energisch die Gürtelschnalle auf.
Charlies Stöhnen übertönte sogar das Zischen des pneumatisch gefederten, auf und ab wippenden Fahrersitzes. Er packte ihre Schultern fester und schauderte, als er kam.
Die Scones lagen unbeachtet in ihrem Geschirrtuch auf dem Boden des Führerhauses.