Kapitel 39
Im ersten Moment glaubte Peter, dass ihn Henburys Winseln im dunkelsten Abschnitt der Nacht geweckt hätte. Es war nicht ungewöhnlich, dass der inzwischen schon recht alte Hund darum bat, zu den unmöglichsten Nachtstunden nach draußen zu dürfen. Peter stützte sich auf einen Ellbogen und blickte auf den schwarzen Hügel, der zusammengerollt im Korb am Fußende des Bettes lag. Von dort stiegen nur leise Schnarchgeräusche auf. Erst da begriff Peter, dass Frankie ihn geweckt hatte. Zitternd und leise weinend lag sie mit dem Rücken zu ihm da.
»Hey«, sagte er sanft, drehte sich zu ihr um, nahm sie in die Arme und strich die nassen Haare aus ihrem Gesicht.
Sie versuchte von ihm wegzurutschen und ihm den Rücken zuzudrehen, um allein in ihrer isolierten Welt der Trauer zu bleiben. Doch Peter hielt sie fest.
»Tu das nicht, Frankie.« Sie entspannte sich ein wenig in seinen Armen. Er wusste, dass er sie jetzt nicht zum Reden drängen durfte. Anders, als er es in seinen Studienberatungsseminaren gelernt hatte, war Reden nicht immer die Lösung. Schon gar nicht in Frankies Fall.
Sie ertrug den Schmerz über den Tod ihres Sohnes in ihrer eigenen, stillen Hölle. Tagsüber setzte sie für ihre Kunden ein Autopiloten-Lächeln auf, und beim Abendessen in der Wohnung lächelte sie Peter an oder tätschelte liebevoll seine Hand oder sein Knie. Nie verloren sie auch nur ein Wort darüber, dass Tom tot war. Dass er sich selbst das Leben genommen hatte.
Sie litt an dieser Schuld, wie nur eine Mutter leiden konnte, und die Schuld begann allmählich ihre Mundwinkel herabzuziehen und ihr braunes Haar mit grauen Strähnen zu zeichnen.
Nachts war es am schlimmsten. Die Dunkelheit lastete schwer auf ihr. Jede Nacht lag sie wach und hörte Henbury und Peter in einer eigenwilligen Art von rhythmischem Konzert schnarchen.
Heute Nacht war die von Träumen über Tom und den Fluss durchsetzte Schlaflosigkeit mehr, als sie ertragen konnte. Sie drückte ihr Gesicht an Peters Brust und spürte den flauschigen Flanell seines Pyjamas an ihrer Wange. Sie atmete seinen Duft ein. Wieder meldete sich ihr schlechtes Gewissen, diesmal, weil sie Peter ausschloss. Sie hatte ihn im Stich gelassen. Seine neue Braut hatte sich in ihre Trauer zurückgezogen, bevor sie auch nur Zeit gehabt hatten, sich in ihrer Ehe zurechtzufinden. So wie sie sich zum Sprechen zwang, zwang sich Peter, zu schweigen.
»Es ist, als wäre er immer noch dort. Als wäre all das nie passiert. Jeden Morgen wache ich auf und denke mir, Mick und Trudy … in der Stadt mit ihrem Baby, Bec und Charlie … bauen Weizen und Baumwolle an, Tom … zu Hause auf der Farm. Aber da ist er nicht mehr. Er ist nicht mehr da. Und diese Träume. Sie sind so lebendig. So real. Er sieht mich an, und sein Gesicht ist kalkweiß. Immer braust und tost der Fluss so laut. O Gott, Peter! Ich hätte sie damals nicht verlassen dürfen. Nie. Ich hätte sie nicht allein bei diesem Mann lassen dürfen.«
Peter ließ ihre Worte auf sich wirken. Zum Teil verletzten sie ihn. Zum Teil ärgerten sie ihn, aber er schwieg standhaft und massierte stattdessen mit der Hand ihren Rücken. Dann sagte sie das, worauf er die ganze Zeit gewartet hatte.
»Ich muss hinfahren. Nach Waters Meeting. Ich muss mich mit eigenen Augen überzeugen, dass Tom nicht mehr da ist. Ich muss die Wege abgehen, die er zuletzt gegangen ist.«
Peter nickte verständnisvoll. Das entsprach dem, was sie im Studienberaterseminar über die Konfrontation mit den eigenen Dämonen erzählt hatten. Er wollte gerade sagen, dass er sich krank melden und gleich morgen Früh mit ihr losfahren würde, als sie hörten, wie sich Henbury in seinem Korb bewegte und laut gähnte.
Frankie drehte sich um. »Herrgott noch mal, Henbury.« Sie schwang die Beine aus dem Bett und tastete im Dunkeln nach ihrem Morgenmantel.
»Schon gut, Frankie. Ich gehe mit ihm raus.«
»Nein, kein Problem. Ich gehe schon.« Sie war erleichtert, einen Vorwand zu haben, unter dem sie aus der Wohnung und vor ihrer grauenhaften Schlaflosigkeit fliehen konnte.
Als Frankie in der Tür zu ihrer Apartmentanlage stand und darauf wartete, dass Henbury in den winzigen Garten hinaustappte, sah sie auf. Zum ersten Mal seit langer Zeit bedauerte sie, keine Sterne am Himmel zu sehen.