Kapitel 37
Mit dick aus dem Hals hervortretenden Adern und hochrotem Gesicht brüllte Charlie Rebecca an. Zornig marschierte er in der winzigen Hütte vor ihr auf und ab und fuhr sich ungestüm mit den Fingern durch die kurz geschnittenen schwarzen Haare. Sein Zorn und seine Furcht hatten ihn ganz im Griff. Sein Blick machte ihr Angst.
Als er sie an beiden Armen packte und ihr Gesicht auf eine Reaktion hin musterte, konnte sie sich nicht länger beherrschen.
»Ich halte das nicht mehr aus!«, kreischte sie. Sie schüttelte seinen Griff ab, rannte aus der Hütte und knallte die Tür hinter sich zu.
Im Schuppen ließ sie das Quad aufheulen und fuhr damit von der Farm weg, an den endlosen, mit gelben, spröden Stoppeln überzogenen Feldern vorbei. Der Wind trieb die Tränen über ihre Wangen, bis sie sich juckend unter ihren Haaren verteilten.
»Wo soll man sich hier bloß verstecken?«, fragte sie sich laut. Die Worte, durch zusammengebissene Zähne gepresst, wurden augenblicklich von dem Wind davongetragen, der über die Weizenstoppeln um sie herum jagte. Sie sehnte sich nach der Abgeschiedenheit von Tausenden von Bäumen, die sie lebendig und atmend umschlossen. Sie sehnte sich nach der Schwere der Berge, nach Millionen Tonnen schwerem Gestein, das sich unter der Sonne und dem Frost ausdehnte, aufplatzte oder fest zusammenzog. Sie fuhr auf die einzige Erhebung zu, die überhaupt zu sehen war. Einen Bewässerungsdamm. Auf der roten Dammschulter wucherte Unkraut. Eigenartige, an dornigen Ranken wachsende Melonen überzogen den Erdboden. Sie schaltete den Motor des Quads aus, und schlagartig war nur noch der Wind in den steifen Stängeln des geköpften Weizens zu hören. Dann lief sie zur Dammkrone hinauf und setzte sich mit Blick zum Wasser. Tief und braun wirbelte es vorüber. Es spendete ihr keinen Trost. Stattdessen wirkte es unheilvoll. Von Menschenhand gelenkt und unheilvoll. Wasser, das viel zu schnell strömte und das den Flüssen gestohlen worden war. Wasser, dass den Boden noch schneller versalzen lassen würde. Sie sah den Kanal entlang, starrte dann auf ihre verschrammten Stiefelspitzen und wünschte sich, sie hätte einen Hund mitgenommen, in dessen Fell sie jetzt weinen könnte.
Der Auslöser für ihren Streit war Sallys Anruf gewesen. Nachdem Rebecca den Hörer aufgelegt hatte, hatte Charlie sie angesehen und abgewartet, dass sie ihm erzählte, was sie erfahren hatte. Sie hatte im Schneidersitz auf der Couch gesessen, und er hatte ihr eine Flasche Bier gebracht. Während sie trank, hatte sie ihm das Gespräch mit Sally geschildert.
»Sie arbeitet als Finanzberaterin in der Region, außerdem springt sie zurzeit als Kreditvermittlerin für Landcare ein, bis sie dort jemanden eingestellt haben. Dad hat angerufen, um sich nach einem Kredit für eine Uferbereinigung zu erkundigen, ohne zu ahnen, dass er mit ihr sprechen würde. Sally hat morgen Früh um zehn einen Termin bei ihm.«
Charlie hatte die Neuigkeiten nickend aufgenommen und sich bemüht, sie positiv zu sehen, doch gleichzeitig hatten die Alarmglocken in seinem Kopf zu schrillen begonnen. Als Rebecca dann aufgeregt über eine mögliche Rückkehr nach Waters Meeting zu spekulieren begann, wuchsen Charlies Ängste ins Unermessliche.
»Jetzt, wo er endlich jemanden um Hilfe bittet, besteht eine echte Chance, begreifst du das nicht? Er hat es kapiert. Er hat eingesehen, dass er es allein nicht schaffen kann. Falls Sally die Tür ein wenig öffnen kann, und sei es nur einen Spaltbreit, wird er vielleicht verstehen, dass er mich dort braucht.«
»Aber, Bec, meinst du wirklich, dein Vater hat es verdient, dass du ihm aus der Patsche hilfst? Was ist mit den Schmerzen, die er dir zugefügt hat … Wie ein Stück Dreck hat er dich behandelt. Was ist mit Tom? Hast du vergessen, was Tom passiert ist?«
Sobald Charlie Toms Namen ausgesprochen hatte, stand er wie eine Mauer zwischen ihnen.
»Wie kannst du es wagen! Du willst mich doch nur zur perfekten Farmerfrau umerziehen, genau wie deine verfluchte Mutter! Sieh mich an! Ich bin hier verloren, das weißt du genau! Und wie kannst du es wagen, Tom da hineinzuziehen? Wenn ich nicht zurückgehe, dann ist Tom tatsächlich umsonst gestorben! Begreifst du das nicht? Was soll ich hier, wo deine Mutter uns ständig im Genick sitzt und dein Vater über jeden deiner Schritte bestimmt? Du bist ein anderer Mensch, Charlie, sobald du hier bist. Das bist nicht du, das ist nicht der Charlie, den ich damals im Fluss geküsst habe. Hier verlierst du deine Kraft. Hier verlierst du dich selbst.«
»Ach was! Du musst ja wissen, wie man sich selbst verliert! Du hättest dich inzwischen ins Unglück gesoffen, Rebecca … genau wie dein Vater. Komm du mir nicht mit meinen Familienproblemen. Ich habe mich lange genug mit deinen herumgeschlagen.«
Plötzlich explodierten die jahrelang unterdrückten Gefühle in Charlie. Er wollte Rebecca um keinen Preis gehen lassen. Sie hörte die Panik in seiner Stimme. Sie hatte die Fäuste gegen die Schläfen gepresst und weinend sein Gebrüll ertragen.
Jetzt saß sie hier auf dem Bewässerungsdamm. Ein winziger Punkt inmitten eines endlosen Flickenteppichs aus gigantischen Rechtecken, die von schnurgeraden dahinströmenden Wasserstraßen geteilt wurden. Rebecca in dieser Landschaft ohne jeden Fluss.
Sie hörte den Pick-up, bevor sie ihn sah. Charlie fuhr langsam auf sie zu und stellte den Wagen neben ihrem Quad ab. Als er aus der Kabine stieg, stand sie auf. Er kam zu ihr auf den Damm, nahm sie wortlos in die Arme und drückte sie an seine Brust. Sie erwiderte den Druck und spürte das Leben in ihm, spürte seine so gute Seele. Sie liebte jede Faser, jeden Zentimeter, jeden Teil von ihm.
»Es tut mir leid«, sagte er.
Nach einer Weile nahm er sie an der Hand. »Komm mit«, sagte er. »Ich mache dir Fischstäbchen zum Abendessen.«