Kapitel 4

Tom schob die Tür zum Pub auf, und Mick marschierte mitten ins Gedränge. Hinter dem Tresen warf ein fassbäuchiger Mann die Hände in die Luft.

»Woo-hoo! Die Saunders-Buben sind in der Stadt! Nehmt euch in acht, Mädels!«

Mehrere Köpfe drehten sich zum Eingang, und der stetige Gesprächsfluss im Gastraum flaute kurzfristig ab. In einer Ecke des Pubs beugten sich mehrere Mädchen vor und begannen hektisch hinter vorgehaltener Hand zu flüstern. Ihre Blicke flogen Mick zu. Er war deutlich größer als Tom. Er hielt die Schultern gerade und den Kopf hoch erhoben. Stoppeln säumten sein energisches Kinn, und seine blauen Augen strahlten hinter dunklen Wimpern hervor, als sein Blick durch das Pub wanderte und auf dem Tisch der jungen Frauen liegenblieb. Dann setzte er seinen Weg durch die Menge an die Bar fort.

Die Blicke der Mädchen folgten seinem kleinen Bruder. Auch er war ein Bild von einem Mann. Aber er strahlte weniger Selbstvertrauen aus. Seine großen braunen Augen hatten etwas Verträumtes. Trotzdem waren die beiden die bestaussehenden Männer in der Bar.

Während sich die Brüder durch die Menge arbeiteten, stießen ein paar der hiesigen Jungs auf sie an, mehrere von ihnen klopften Mick auf die Schulter oder streckten ihm die Hand hin. Tom folgte leise nach.

»Dirty Weatherby! Wie geht’s, wie steht’s?« Mick krempelte die Hemdsärmel auf und stemmte die kräftigen Arme auf die Theke. Während Mick das Portemonnaie hinten aus seiner Jeans zog, ließ sich Tom auf dem Barhocker nieder, auf dem er immer während ihrer Freitagabend-Trinkgelage saß.

»Das Übliche, danke, Dirty.« Mick zog einen Zwanziger aus der Tasche.

Während Dirty das Glas gegen das Dosierkreuz unter der Flasche mit Bundaberg-Rum drückte, rief er ihnen über die Schulter zu: »Schon was von eurer kleinen Schwester gehört? «

»Nee. Nichts. Sie könnte weiß Gott wo sein«, sagte Mick.

»Was hat euer Dad deswegen unternommen?«

»Er kann kaum was machen.« Mick hob die Schultern.

»Also, ihr könnt ihm ausrichten, sie ist wohlauf und gesund, aber das hat sie nicht ihm zu verdanken.« Dirty zog eine Postkarte heraus, die zwischen den braunen Fliesen hinter der Bar steckte. Er ließ sie zu ihnen herübersegeln. »Die ist letzte Woche gekommen.« Er ging kopfschüttelnd davon.

Tom griff nach der Karte. Sie zeigte einen großen Brahmanen-Bullen mit faltiger Haut. Er drehte sie um und sah die Briefmarke aus dem Norden. Mick las über Toms Schulter hinweg Rebeccas Bericht mit – von der Fahrt nach Norden, von den Hunden und der Aussicht auf einen neuen Job weit im Westen.

»Jesus! Die ist am Arsch der Welt gelandet!«, sagte Mick.

Sie hatte ein Postskriptum angefügt. Tom drehte die Karte seitlich und las mit zusammengekniffenen Augen. Seine vollen Lippen schlossen sich zu einem dünnen Strich. Ein Muskel zuckte in seinem Kinn, während er die winzigen Buchstaben entzifferte.

»Falls du Tom und Mick siehst, dann grüße sie lieb von mir und sag ihnen, ich schicke ihnen meine neue Anschrift, sobald ich mich eingerichtet habe.«

Tom kippte seinen Rum und klatschte einen Fünfer auf die feuchte Theke.

»Hiiii!« Er hörte eine aufgekratzte Mädchenstimme in seinem Rücken. Als er sich umdrehte, erblickte er Angela Carmichael, die in einem hautengen Top hinter ihnen stand und zu Mick aufschaute.

»Hey, Ang.« Mick ließ ein charmantes Lächeln aufstrahlen.

»Mick.« Sie küsste ihn auf die Wange, knapp oberhalb des Grübchens, das ihr besonders gut gefiel. Dann wandte sie sich an Tom. »Hi.«

»Hallo«, sagte Tom und nahm einen Schluck Cola mit Rum.

Sie trat kurz beiseite, um ihre Freundin vorzulassen.

»Mick. Ich möchte dir eine Freundin von mir vorstellen. Das ist Trudy Gilmore. Sie hat gerade als Lehrerin an unserer Schule angefangen.« Sie schubste Trudy nach vorn.

Er ergriff Trudys schmale, blasse Hand, hauchte einen Kuss darauf, sah ihr in die Augen und zwinkerte ihr zu. Sie schenkte ihm ein Lächeln, das Mick bei den Frauen zu deuten gelernt hatte. Er beobachtete, wie sie ihr lockenloses Haar hinter die leicht abstehenden Ohren strich.

»Hallo, Michael«, sagte sie.

Tom drehte sich wieder der Theke zu. Der Freitagabend hatte begonnen wie sonst auch, nur dass diesmal Rebecca nicht dabei war und ihm Gesellschaft leistete.


In der Dunkelheit stand Tom, pinkelte in einen Busch und blickte auf die Lichter des Dingo-Trapper-Hotels. Es war ein halb verfallenes, altes Pub, das in einer vom Rebecca River gelegten Schleife stand. Mick bezeichnete es gern als Muschifalle – im Lauf der Jahre hatte er dort die meisten hiesigen Mädchen abgeschleppt. Und wenn gerade kein Mädchen aus der Gegend zur Hand war, hatte er sich an die Rucksacktouristinnen gehalten, die gelegentlich während der alkoholseligen, bierdümpelnden Nächte hereinschneiten. Kantige Schwedinnen oder Engländerinnen mit weißer Haut, die allesamt eine dicke Portion Aussie-Macho probieren wollten. Eine Rolle, die Mick auf den Leib geschneidert war.

Tom sah Mick mit der Dürren tanzen. Beide waren von dem Fenster umrahmt, aus dem ein hell leuchtendes Rechteck auf den dunklen Rasen vor dem Pub strahlte. Tom sah, wie sich die Dünne mit fliegenden Haaren und einem strahlenden Lächeln in Micks Armen drehte. Diese Lehrerin, dieses Mädchen, dachte Tom, erschien ihm anders als die anderen. Sie hatte andere Absichten. Tom zog seufzend den Reißverschluss zu und spazierte ins Pub zurück.

Ein Garth-Brooks-Song dröhnte aus der blinkenden Jukebox, und der Boden bebte. Mick und Trudy tanzten eng und Becken an Becken. Ab und an beugte sich Mick vor und küsste sie auf den Hals.

Tom ließ sich wieder auf seinem Barhocker nieder und stapelte sein Wechselgeld zu einer kleinen Säule.

»Sie ist zu dürr für ihn, die da«, sagte Dirty und nickte zu Trudy hin. »Das Land, das euer alter Herr besitzt, ist rau … wenn dein Bruder eine Frau sucht, die es mit so einem Land aufnimmt, dann braucht er ein gutes, kräftiges Weib, das Zäune und Zähne ziehen kann. Keinen dürren Zaunpfahl wie die da.«

Er knallte eine weitere Cola-Rum vor Tom hin und suchte die passenden Münzen heraus.

»Was ist mit dir, Tommyboy? Wo ist deine Frau?«

Tom drehte sich um und beobachtete, wie sein Bruder Trudy über den pockennarbigen Pooltisch beugte. Sie stieß spitze Schreie aus, während die anderen Mädchen eifersüchtig zuschauten.

»Ach, die ist ganz nah, Dirty. Ganz nah.«

Aber Dirty war schon weg und bediente am anderen Ende der Theke den nächsten Kunden.

Tom senkte den Blick in den dunklen Spiegel seiner Cola. Er war in Sally Carter verknallt. Rebeccas Freundin. Als würde er Dirty das auf die Nase binden.

Als Teenager hatte er in Becs Zimmer nach einem Brief oder einem ausgeliehenen Pulli gesucht. Irgendwas. Irgendwas von Sal. Nachdem sie die Wochenenden in Waters Meeting verbracht hatte, hatte Tom die Laken des Gästebetts nach ihren glänzenden, geraden Haaren durchsucht. Er hatte seine Wange auf das Kissen gelegt, auf dem sie geschlafen hatte, und die Erektion in seiner Jeans gespürt. »Perversling«, hatte er sich selbst gescholten.

Auf Zehenspitzen war Tom durch die Gänge des alten Hauses geschlichen. Hatte sich hinter Türen versteckt. Gelauscht. Und versucht zu hören, ob Sally ihn erwähnte. Ein paar Mal hörte er seinen Namen aus ihrem Mund, aber jedes Mal war er an ein weiteres Wort geknüpft wie »der schüchterne Tom«. »Der kleine Tom.« »Der stille Tom.« Ein einziges Mal hatte sie »der süße kleine Tom« gesagt, und sein Herz hatte einen Schlag ausgesetzt, aber als sie ihn beim Abendessen mit der Familie komplett ignoriert und mit Mick geflirtet hatte, war es ihm wieder in die Hose gesunken.

Er kippte den restlichen Rum. Der total neurotische Tom, dachte er und knallte das leere Glas auf die Theke. Er hasste sich dafür, dass er immer noch von dem kurzen Kuss träumte, den sie im staubigen Halbdunkel des Schuppens auf seine siebzehnjährigen Lippen gedrückt hatte.

Er hasste sich dafür, dass er einfach nicht loszukommen schien.

»Diesmal Rum auf Eis, danke, Dirty«, sagte Tom.

»Jetzt wird’s ernst, wie?« Dirty nahm das Glas von der Theke.

Aus der Menge kamen Mick und Trudy Arm in Arm angestolpert. Als Trudys Toms leeres Gesicht sah, löste sie sich von Mick. Sie rückte den blassrosa Kragen ihres Hemdes gerade und zog es glatt. Dann strich sie über ihr korrekt geschnittenes Haar und nestelte an der silbernen Gliederkette um ihren Hals.

»Amüsierst du dich?«, schrie sie über den Lärm hinweg.

»Und wie.«

»Tommo, mein Freund.« Mick schlug seinem Bruder auf die Schulter und beugte sich an sein Ohr. »Ich hab’s geschafft. Sie hat mich gefragt, ob ich heute bei ihr übernachten will. Schätze, du kannst mich morgen Früh abholen kommen.«

Mick zwinkerte und war gleich darauf verschwunden.

Wo die Wasser sich finden australien2
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