Kapitel 31
Im Motelzimmer reichte Charlie Rebecca eine Schale mit Weetabix, die sie ihm abnahm, ohne auch nur aufzusehen. Der Wolke auf der Wetterkarte im Fernsehen nach zu urteilen, versank die ganze Ostküste im Regen. Sie löste ihre verschränkten Beine, stand vom Bett auf und trug die Schüssel zum Fenster. Dort blieb sie stehen und sah zu, wie der Regen in schweren Schleiern vom Himmel fiel. Das Wasser plätscherte geräuschvoll durch das Regenrohr draußen, und die am Motel vorbeifahrenden Autos sprühten zischende Fontänen in die Luft.
Charlie trat neben sie.
»Iss auf. Es wird ein anstrengender Tag und eine anstrengende Nacht.«
»Tom hat uns Regen geschickt. Bestimmt tritt der Fluss zu Hause bald über die Ufer. Hoffentlich sitzen Inky und Hank nicht auf der Weide am Flussufer fest.«
Charlie sah sie ernst an, nahm ihr die Schüssel aus der Hand und stellte sie auf das Frühstückstablett zurück. Dann legte er die Arme um Rebecca und zog sie an seine Brust. Seine geflüsterten Worte strichen sanft über ihren Kopf.
»Komm schon, Bec. Heute bekommen wir unsere Abschlusszeugnisse. Sei nicht traurig. Tom wird bei dir sein. Heute sollten wir uns einfach nur amüsieren. Unsere Freunde treffen, etwas trinken. Ich sage nicht, dass du deine Trauer vergessen sollst. Ich sage nur, dass du sie beiseiteschieben sollst. Nur heute. Damit du vielleicht das Gefühl bekommst, dass du weitermachen möchtest.«
Sie löste sich von ihm. »Womit weitermachen?«, fragte sie wütend, dann rannte sie ins Bad und knallte die Tür hinter sich zu. Sie stellte sich unter die Dusche und ließ die heißen Wasserstrahlen auf ihre gerötete Haut prasseln. Sie hatte die Tage, Wochen und zuletzt Monate gezählt, die sie inzwischen seit Toms letztem Tag auf Erden zurückgelegt hatten. Sie hatte versucht, sich in seine Gedanken und Stimmungen zu versetzen. Sie sah vor sich, wie er allein in seiner Hütte saß, und sie weinte jedes Mal, wenn sie an Hank und Ink Jet dachte, die jetzt ohne Toms Liebe auf Waters Meeting überdauern mussten.
Unter der Dusche ließ Rebecca die vergangenen zwei Monate Revue passieren. Sie lagen wie im Nebel. Nur mit Mühe konnte sie sich daran erinnern, was ihre Tage ausgefüllt hatte. Eigentlich hatte sich nur die Trauer in ihr Gedächtnis eingebrannt … die Trauer mit ihrem unerträglichen Schmerz. Sie entsann sich, gemeinsam mit ihren Kommilitonen die letzten Prüfungen absolviert zu haben, obwohl Ross ihr angeboten hatte, sie später nachzuholen. Sie hatte an ihrem Pult gesessen und, einen Kloß in der Kehle und den Tränen nahe, ihre Antworten hingeschrieben. Sie konnte sich nicht entsinnen, in welchen Fächern sie Prüfungen geschrieben oder welche Antworten sie in die Hefte eingetragen hatte, bevor die Prüfungsaufsicht verkündete: »Die Zeit ist um!«
Nach der letzten Prüfung hatte sie ihre Bücher in Kartons gepackt und ihre Möbel an einen Studenten im zweiten Jahr verkauft. Sie hatte Gabs, Emma, Dick und Paddy zum Abschied umarmt und alle Hunde hinten auf dem Pick-up angebunden, wobei sie eine weitere Kette für Bessie befestigt hatte. Dann hatte sie Charlie geküsst.
»Ich muss eine Weile weg, nur bis zur Abschlussfeier.« Sie ertrug es nicht, den Schmerz in Charlies Augen zu sehen, darum fuhr sie eilig los, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Sie war wieder einmal nach Norden gefahren. Zurück in ihre Unterkunft auf Blue Plains, zurück zu Bob und Marg. Um Trost in einer Art von Zuhause zu suchen. Doch dort oben hatte sich so vieles verändert. Sie hatte sich verändert. Die Trauer hatte sie altern lassen. Sie war weiser, tiefgründiger und ernster geworden, seit sie Toms Tod in sich trug. Ihre Hunde spürten das ebenfalls und pressten, als milden Trost, ihre feuchten Schnauzen in Rebeccas Handflächen. Nach einem Monat war ihr klar, dass sie Blue Plains wieder verlassen musste. Toms Tod war dort oben nicht weniger real. Es war zu früh, als dass sie versuchen wollte, wieder zu dem Leben zurückzukehren, das sie hinter sich gelassen hatte. Darum war Rebecca weitergefahren.
Jetzt drehte Rebecca in ihrem Motelzimmer die Dusche ab. Sie wusste, dass sie für Charlies Liebe und Güte dankbar sein sollte. Das winzige, kratzige Handtuch um den Leib geschlungen, trat sie aus dem Bad ins Schlafzimmer. Sie schenkte Charlie ein winziges Lächeln, und schon war er bei ihr, drückte sie in seine starken Arme, küsste das Wasser weg und liebte sie. Rebecca dürstete danach, sein Leben zu spüren, und erwiderte seinen Kuss voller Leidenschaft. Sie war froh, wieder mit ihm zusammen zu sein.
Die Absolventen unter ihren geliehenen Baretten und den schwarzen, flatternden Talaren stopften die Urkunden unter ihre Kleider und rannten aus dem Gebäude. Lachend liefen sie in den prasselnden Regen. Rebecca und Charlie waren unter ihnen. Wie schwarze Krähen flogen sie über die silbrig nasse Fahrbahn und die Straße entlang, bis sie in das stille, warme Pub platzten.
»Hey, Dave!«, rief Gabs, »können wir unsere Sachen in deinem Hinterzimmer ablegen?«
»Klar! Kein Problem!«, sagte der Barkeeper und sah dabei von seinem Kühlschrank auf.
Die Studenten zogen die muffig riechenden, regennassen Talare von ihren Schultern und stapelten sie in Gabs’ Armen. Einige balancierten aufgestapelte Barette auf ihren Köpfen und spazierten damit die knarrende Treppe auf und ab, als wären sie in einer Benimmschule. Helen sammelte alle Urkunden, Diplome und Abschlusszeugnisse ein und legte sie zum Schutz ordentlich aufgestapelt in das Hinterzimmer des alten Hotels.
An der Bar begannen die Studenten gemeinsam mit ihren stolzen Eltern zu trinken. Rebecca erhob ihre Cola-Rum und stieß mit Gabs’ Eltern an. Sie trank lächelnd, doch unter ihrem Lächeln lag ein bitteres Gefühl. Ein bitteres Gefühl ihrer Mutter gegenüber, die ihr erklärt hatte, sie sei zu beschäftigt, um zu kommen.
Um sechs Uhr war Rebecca schon auf der Tanzfläche, und der Schweiß lief ihr aus den Haaren über die Wangen. Sie und Gabs wirbelten sich gegenseitig inmitten der anderen Studenten im Kreis. Als Charlie sich zu ihnen gesellte, packte sie ihn und begann auf der Stelle zu hüpfen. Dann brüllte sie ihm ins Gesicht: »Gott sei Dank sind deine Eltern nicht gekommen, sonst müssten wir jetzt in irgendeinem billigen Restaurant sitzen und würden das hier verpassen. «
Er ließ sie stehen und kehrte auf seinen Hocker an der Bar zurück.
Der Regen war zu einem leichten Nieseln abgeflaut, das unter den Straßenlaternen durchzog. Rebecca saß am Straßenrand und ließ sich von den winzigen Tropfen durchnässen. Sie bibberte leicht. Um sich zu wärmen, legte sie den Kopf in den Nacken und ließ den Ingwerwein aus der Flasche in ihren Mund fließen.
In diesem Moment kam Charlie aus dem Pub und blieb hinter ihr stehen.
»Herrgott noch mal, Rebecca, hör doch auf!« Er versuchte ihr die dicke grüne Flasche zu entwinden, aber sie klammerte sich daran fest.
»Du hast genug gehabt. Komm schon, steh auf. Wir gehen ins Motel zurück.« Sie presste die Flasche an ihre Brust und schüttelte den Kopf.
»Rebecca. Du brauchst nicht so viel zu trinken.«
»Ach was! Und das sagt ausgerechnet Mr Basil Lewis. Was ist eigentlich aus dem wilden Partyhengst geworden? War der nur gespielt? Um zu vertuschen, dass du im Grunde nur ein Muttersöhnchen bist?«
»Bec. Du bist betrunken. Du willst mich provozieren. Ich werde mich nicht mit dir streiten, nur weil du um Tom trauerst.«
Charlie spürte, wie sie bei Toms Namen zusammenzuckte. Er wurde nachsichtiger. »Du kannst ihn nicht zurückholen, indem du dich mit Alkohol betäubst, Bec. Und es wird genauso wenig deine Probleme zu Hause lösen. Lass es einfach sein. Lass es sein.«
»Was weißt du denn schon?«, schrie sie ihn an. »Du bist schließlich im Musterfamilienland aufgewachsen …«
Er riss ihr die Flasche aus der Hand, zog Rebecca an sich, und sie brach in Tränen aus. »Ich weiß rein gar nichts, Bec. Ich weiß nur, dass du im Augenblick ein sehr verlorener Mensch bist. Und dass ich dich liebe.«
Rebecca ließ sich an seine Brust ziehen und vergrub ihr Gesicht in seiner Wolljacke. Er war warm und trocken und roch nach dem Zigarettenqualm im Pub.
Als sie eine Weile später im Regen saßen, sagte er: »Komm mit mir nach Hause, Bec.«
Sie löste sich aus seinem Arm und sah ihn an.
»Komm mit mir nach Hause, Bec. Wir könnten die Hütte wieder aufbauen und dort einziehen … weit weg von Mum und Dad. Du findest dort bestimmt überall Arbeit. Wir können uns einen Tieranhänger besorgen und Ink Jet und Hank mitnehmen … und ich baue dir Zwinger für deine Hunde. Wir werden uns auch ein paar Schafe zulegen.«
Mitten im Nieselregen hörte sie sich sagen: »Ja.«
»Okay. Ja, Charlie. Ja.«
Sie drückte ihn mit aller Kraft und sagte in seinen warmen Hals hinein: »Ich liebe dich so sehr.« Dann stand sie unsicher auf und zerrte Charlie ins Pub zurück.
Immer noch betrunken und von Rum und Regen durchnässt, fand sich Rebecca an Gabs’ Seite wieder. Beide schauten zu, wie die Sonne hinter den Wolken aufging, die tief über den Dächern der Stadt hingen. Es hatte zu regnen aufgehört, und die Welt trug Grau in Grau. Charlie hatte es aufgegeben, sie aus dem Pub locken zu wollen. Kurz vor dem Morgengrauen war er in der stillen, nassen Dunkelheit zu ihrem Motel zurückgewandert.
Sie und Gabs saßen auf der Verkehrsinsel eines Kreisverkehrs, umgeben von Beeten mit hübschen Blumen und Büschen. Beide Mädchen hatten sich Gänseblümchen hinters Ohr gesteckt und prosteten mit ihren Biergläsern den Taxis und Lieferwagen zu, die im Kreisverkehr vorüberfuhren.
»Ich lieeebe ihn!«, erklärte Rebecca der trüben Sonne. »Ich lie-hie-hiebe ihn!«
»Ich weiß, dass du ihn liebst, du Hirni«, sagte Gabs in der Nase popelnd. »Aber du wirst es da draußen bei seiner Mum nicht aushalten. Außerdem gibt es dort keine Berge … und keine Schafe.«
Bevor Bec widersprechen konnte, erblickten die Mädchen einen Streifenwagen, der genau auf sie zuhielt.
»Scheiße!«, sagte Gabs. Sie duckten sich in den Wald von grünen Stängeln in ihrem Beet und versuchten das Kichern zu unterdrücken, während der Streifenwagen anhielt.
»Wir stechen raus wie die Eier eines Hundes«, keuchte Gabs.
»Psst!«, brachte Bec noch heraus, dann wälzten sich beide vor Lachen am Boden.
Die Polizisten versuchten ernst zu bleiben, als die Mädchen ihnen jeweils eine Blume darboten.
»Kommt. Wir bringen euch heim«, sagte der Jüngere.
»Heim«, sagte Rebecca und richtete sich schwankend auf. »Das wird nicht einfach.«