Kapitel 47
Petrograd, Russland,
Dezember 1916
Der Droschkenkutscher öffnete ihr die Tür und bot Anki die Hand zum Aussteigen. Sie ergriff sie, trat vorsichtig auf das glatte Pflaster und bedankte sich herzlich, was den älteren Herrn verwundert die Augenbrauen heben ließ.
Anki fand nicht die Energie, um ihm zu erklären, dass sie ein einfaches Kindermädchen war, auch wenn sie die Hauptpforte eines Palastes benutzte. Sie sah dem Wagen nach, wie er leicht schlingernd davonfuhr. Behutsam, um nicht zu stürzen, drehte sie der vereisten Mojka den Rücken zu und betrachtete die in Gelb und Weiß gehaltene prächtige Fassade des Palais. Die gewaltigen runden Säulen, die das schmucke Vordach trugen, vermittelten den Eindruck, als stünden sie vor dem Haus Wache. Und Anki war dazu bestimmt, die vier Chabenski-Kinder zu beschützen. Sie würde sich dieser Aufgabe stellen, vermutlich ihr ganzes Leben lang und mit all ihrer Kraft. Aber in diesen Zeiten war es sogar schwer, von einem Tag zum nächsten zu planen.
Rasputins Leichnam war sehr schnell gefunden worden; die Täter bereits ausgemacht. Doch die Zarenfamilie machte ihren Einfluss geltend, und vermutlich würden die Verschwörer ungeschoren davonkommen. Die Lage war verwirrend, die Gerüchteküche brodelte und das Volk hungerte jeden Tag mehr, wodurch die Bereitschaft, auf die Stimmen der roten Revolutionäre zu hören, ständig anwuchs.
In all dem Chaos versuchte Anki, der ruhende Pol der Fürstenkinder zu sein und von Tag zu Tag zu entscheiden, wie dieser anzupacken war. Dabei fühlte sie sich zunehmend überfordert. Selbst an diesem Heiligabend – den die Russen ignorierten, da sie ihrem eigenen Kalender folgten – hatte allein die Fahrt von der deutschen Kirche bis an die Mojka ausgereicht, jeglichen Frieden wieder abzutöten, den sie im Gottesdienst verspürt hatte. Unverhohlene Drohungen in Richtung der Deutschen, als sie die Kirche verließen, die Präsenz der Polizei auf den Straßen und die Hungerleichen auf einem Handkarren waren dafür mehr als ausreichend gewesen. Anki fühlte sich einsam, sehnte sich nach einer Freundin oder einem tatkräftigen Helfer an ihrer Seite.
Trotz des dicken Schals und des langen Wintermantels frierend betrat sie die Stufen. Sie streckte ihre Hand nach einer Säule aus, um sie, wie so oft, zu berühren, als sie eine männliche Stimme ihren Namen rufen hörte. Verwundert drehte sie sich um, konnte aber niemanden sehen. Furcht stieg in ihr auf. Hatte ihr jemand aufgelauert? Sollte sie schnell eintreten und die Tür verrammeln?
Wieder vernahm sie ihren Namen und etwas Vertrautes in der Stimme ließ sie zögern. »Hallo? Wer ist denn da?«, wagte sie in die klirrend kalte Nacht zu rufen, erhielt aber keine Antwort.
Dann sah sie ihn. Ein schwankender Schatten, der sich an der Kanalmauer abstützen musste, um nicht zu stürzen, schemenhaft beleuchtet durch die Lampe in seinem Rücken. Der Mann war groß und seine Kleidung hing ihm unförmig am Körper. Sein Gesicht konnte sie nicht sehen, da es von einer Pelzmütze beschattet wurde. Unschlüssig betrachtete Anki die Gestalt, von der wohl kaum eine Gefahr für sie ausging. Dafür wirkte sie zu geschwächt.
Die Person blieb auf der niedrigen Mauer sitzen. Also schluckte Anki ihre Unsicherheit hinunter, verließ das sie schützende Vordach und trat auf die Straße. Ihre Schritte hallten einsam durch die Dunkelheit. Vor ihrem Gesicht tanzte ihr Atem in weißen Wolken. Als sie nur noch zwei Meter von dem Mann entfernt war und dieser den Kopf hob, erkannte sie ihn.
»Robert!«
»Meine liebe Anki.«
Ein Hitzeschauer durchrieselte ihren Körper. Einen Moment lang schienen winzige gleißende Funken vor ihren Augen zu explodieren, dann sah sie wieder klar. »Robert, du bist zurück!«
»Dank Fürst Chabenskis Brief, deinem Einsatz und Dr. Botkins Ausdauer.«
»Oh Gott, ich danke dir!«, stieß Anki hervor und wollte Robert um den Hals fallen.
Dieser hielt sie jedoch um Armeslänge von sich fern. »Bitte nicht, Anki. Ich stinke wie ein Schweinestall, habe Läuse und bin unsäglich erschöpft. Verschieben wir das auf später.«
»Ungern«, kicherte Anki, die sich plötzlich leicht und glücklich fühlte. Ihr Robert war zu ihr zurückgekehrt. Jetzt würde alles gut werden!
Auf seinem ausgezehrten, schmutzigen und von Leid und Tod gezeichneten Gesicht zeigte sich das vertraute fröhliche Lächeln. Dabei fielen die letzten Sorgen um seinen Gemütszustand von ihr ab. Die vergangenen Monate mochten ihre Spuren an dem geliebten Mann hinterlassen haben, aber er war nicht verloren.
Minutenlang sahen sie sich einfach nur in die Augen und genossen den Anblick und die Anwesenheit des anderen.
»Was tun wir denn jetzt? Wir können ja schlecht den Rest der Nacht hier draußen stehen«, sagte Anki schließlich und betrachtete hingebungsvoll die Grübchen in seinen von Bartstoppeln überzogenen Wangen.
»Darüber habe ich nachgedacht, seit sie mich in Omsk in den Viehwaggon verfrachteten. Du wirst mich jetzt in diesen protzigen Palast schmuggeln und Alex holen. Er wird mir beim Bad, bei der Rasur und beim Haarschnitt helfen, diese Kleidung verbrennen und etwas anderes zum Anziehen für mich auftreiben. Sobald ich sauber und ungezieferfrei bin, umarme und küsse ich dich, bis du keine Luft mehr bekommst. Danach schlafe ich vermutlich zwei oder drei Tage durch, und bis dahin hast du in einer der deutschen Kirchen einen Pfarrer für unsere Trauung aufgetrieben. Und anschließend versinke ich für lange, lange Zeit in deiner Liebe. Vielleicht so lange, bis Dr. Botkin vor unserem Bett steht und fordert, dass ich endlich zu arbeiten beginne.«
Obwohl Anki errötete, was Robert entweder ignorierte oder in der Dunkelheit nicht sah, lachte sie leise auf. »Das hört sich nach einem wirklich gut durchdachten Plan an.«
Robert ließ ihre Oberarme los und setzte sich wieder auf die kalte Mauer. »Du willst mich demnach noch immer heiraten?«
»Ganz nach Plan.«
»Dann bring mich schnell hinein und hol diesen Kutscher, bevor ich einige Punkte des Plans durcheinanderwerfe.«
Anki ging Robert voraus über die Straße. Ihr war zum Singen zumute. Sie wollte lachen und tanzen und sprang aufgeregt und fröhlich wie ein kleines Kind die Stufen hinauf, strich an der Säule entlang und warf einen Blick zurück.
Es war wahr! Robert war zurückgekehrt! Er folgte dicht hinter ihr. Wenngleich seine Schritte schwer und mühsam wirkten, so suchten seine Augen doch die ihren, und in ihnen lag ein Glanz, der sein geschundenes Erscheinungsbild vergessen ließ. Sie waren wieder vereint. Das allein zählte.
***
Jakow lächelte zu Anki hinauf, als diese sich über die Brüstung beugte, ehe er die elektrischen Lichter entlang der geschwungenen Treppe ausknipste und somit das Foyer in Dunkelheit tauchte.
Nur die einsame Kerze in Ankis Hand beleuchtete die Galerie. Sie folgte Robert, der die schlafende Jenja trug, in das Zimmer der Prinzessin, und beobachtete lächelnd, wie liebevoll er das Kind in sein Bett legte und zudeckte.
Schweigend verließen sie den Raum. Anki zog die Tür hinter ihnen in Schloss und drehte sich zu ihrem Ehemann um. In seinem dunklen gestreiften Anzug und trotz der mittlerweile schief sitzenden Fliege sah er stattlich aus, wenngleich es erschreckend war, wie viel Gewicht er in den Monaten im Krieg und in der Gefangenschaft verloren hatte.
Robert trat dicht vor sie und nahm ihr den schweren Kerzenhalter aus der Hand. »Wohin?«, fragte er leise, dennoch vernahm sie den rauen Unterton in seiner Stimme. Ob er ebenso aufgeregt war wie sie?
»Nadezhda hat ein Gästezimmer für uns vorbereitet, das hat sie mir während unseres kleinen Festessens verraten.« Bei dem Gedanken daran, mit wie viel Begeisterung und Liebe Nadezhda, Marfa, Jakow und auch Katja und Jelena ihre Hochzeitsfeier geplant hatten, lächelte Anki glücklich vor sich hin.
Nina hatte sich bei all dem herausgehalten, doch als sie gesehen hatte, dass ihr Kindermädchen in einem eher schlichten, wenn auch guten Kleid zu heiraten gedachte, war sie eingeschritten. Erstaunt war Anki Nina in das Zimmer der verstorbenen Fürstin gefolgt. Auf dem abgedeckten Bett hatten zwei wunderschöne Abendroben gelegen; die eine aus hellblauem Seidenbatist, die andere aus grünem Taft mit weißem Organza und kunstvoll eingearbeiteter Spitze. Nina hatte sie für Anki herausgesucht, damit sie eine dieser Roben bei ihrer Trauung tragen konnte.
Ankis Einspruch hatte sie mit den Worten beiseitegewischt, dass ihre Mutter es sicher so gewollt hätte. Es war Ninas Beitrag zu Ankis Hochzeit und die sah darin durchaus ein Dankeschön für ihre Fürsorge und Aufmerksamkeit in den vergangenen Jahren, das die verunsicherte Fürstentochter ihr zuteilwerden ließ.
Anki hob den weichen himmelblauen Seidenstoff leicht an, der im Licht der Kerze schimmerte. Die Schleppe raschelte leise über das Parkett, als sie an Robert vorbeiging und vor ihm über die Galerie bis zu der Tür schritt, vor der in einer Vase ihr kleiner Brautstrauß aus Christdorn, Kiefernzweigen und weißen Primeln stand.
Sie griff nach der Türklinke, doch Robert legte seine Hand auf ihre und hinderte sie daran, die Tür zu öffnen. Er streckte den Arm mit der Kerze zur Seite, damit sie der Flamme nicht zu nahe kamen, umfasste ihre schmale Taille und zog sie sanft an sich. Fragend sah sie zu ihm auf. Fast erschreckend deutlich spürte sie die Wärme seines Körpers durch den weichen dünnen Stoff des Kleides.
»Ich danke dir, geliebte Anki, dass du auf mich gewartet hast, dass du mich nicht aufgegeben hast.«
Anki sah in das nur schwach beleuchtete Gesicht ihres frisch angetrauten Ehemanns. Täuschte sie sich oder schimmerten Tränen in seinen Augen? Sie wollte etwas erwidern, doch er brachte sie durch ein knappes »Still« und einen federleichten Kuss auf den Mund zum Schweigen.
»Ich würde ja den Finger auf deine wundervollen Lippen legen, aber ich habe keine Hand frei«, erklärte er und Anki freute sich, dass noch immer seine Grübchen die jetzt schmaleren Wangen schmückten, sobald er lächelte. »Der Gedanke, dass du mich liebst, hat mich in diesem elenden Lager am Leben erhalten. Mir war, als spürte ich jeden Tag deine Liebe und deine Gebete tief in meinem Inneren. Sie trieben mich an, nicht aufzugeben.«
Wieder hinderte die federleichte Berührung seiner Lippen auf ihren sie daran, etwas zu sagen. »Was auch in Zukunft kommen mag – ich liebe dich und werde dich immer lieben. Und dies mitsamt den vier kleinen Aristokratinnen an deiner Seite. Das verspreche ich dir. Viel mehr kann ich dir nicht versprechen, denn ich weiß nicht, was die nächsten Wochen oder Monate bringen werden.«
Diesmal küsste er sie länger und zog sie dichter an sich, als wolle er jegliche Erwiderung von vornherein im Keim ersticken. Anki ließ es geschehen. Sie wollte nicht über das nachdenken, was morgen war. Seine Nähe war zu aufregend, und das Wissen, dass sie sich an diesem Abend nicht mehr trennen mussten, machte sie glücklich – erweckte jedoch auch einen Funken Furcht in ihr.
Robert hob den Kopf, aber nur ein klein wenig, um die Distanz zwischen ihren Lippen nicht wieder so groß werden zu lassen. »Bist du bereit, mit mir in unsere gemeinsame Zukunft zu gehen?«
Anki nickte, worauf er sie erneut küsste, diesmal ungeduldig, wie es ihr schien. Als er sich aufrichtete, fuhr sie ihm mit der Hand in die Stirnhaare, die frech in sein Gesicht fielen, und strich sie ihm nach hinten.
»Ich liebe es, wenn du das tust«, flüsterte er, beugte sich vor und liebkoste mit seinen Lippen ihre Halsbeuge. Anki zitterte, ohne zu wissen, woher das kam. Sie legte ihre Hand in seinen Nacken und nun war sie es, die sich fester an ihn presste. Das Prickeln, das durch ihren Körper rieselte, seit er sie im Arm hielt, steigerte sich zu einem fast schmerzlichen Sehnen. Sie nahm es mit Erstaunen wahr, hatte sie bisher bei dem Gedanken an ihre Hochzeitsnacht doch eher eine gewisse Angst verspürt.
»Bist du auch bereit, mit mir in dieses Zimmer zu gehen?«
»Außer, du willst mir noch mehr erzählen …?«
»Vertrau mir.«
»Das tue ich!«
Robert blies die Kerze aus, stellte sie ab, zog Anki erneut an sich und öffnete mit dem Ellenbogen die Tür. Er küsste sie leidenschaftlich, als er sie über die Schwelle schob, und trat die Tür mit dem Fuß hinter ihnen ins Schloss.
Wir haben gelernt,
wie die Vögel zu fliegen
und wie die Fische zu schwimmen,
aber wir haben nicht gelernt
wie Brüder miteinander zu leben.
Martin Luther King