Kapitel 4

Zwischen Paris und Straßburg, Frankreich,
August 1914

Philippes Eigenkonstruktion flog begleitet vom monotonen Motorengeräusch in Richtung Westen, der tief stehenden blutroten Sonne entgegen.

Demys anfangs vor Angst verkrampfte Muskulatur hatte sich mittlerweile entspannt, allerdings fror sie erbärmlich. Dennoch genoss sie die Aussicht und bewunderte das Farbenspiel des Himmels, der sich ihr prächtiger und unendlich weiter zeigte, als sie es von ihren Strandspaziergängen am Meer in Erinnerung hatte. Doch plötzlich wuchs ein dunkler Bergrücken vor ihnen in die Höhe. Innerhalb von Sekunden verschluckte der Höhenzug die Sonne und die sich nun rasant ausbreitende Dämmerung verwischte Konturen und Farben. Das Flugzeug vollführte eine sanfte Kurve, dann eine zweite in die Gegenrichtung, bevor es seine Schnauze dem Boden entgegensenkte. Holpernd und ruckend setzten die Räder auf einer Wiese auf und schließlich hielt es vor einer heruntergekommenen Scheune.

Der Motor erstarb. Das Fehlen seines penetranten Knatterns und des brausenden Windes in ihren Ohren empfand Demy als so eigenartig, dass sie reglos verharrte und auf die Stille horchte. Kaum zu glauben, dass sie in einem dieser neumodischen Flugzeuge wie die tollkühnen Männer – wie die Piloten von ihrem bewundernden Publikum genannt wurden – durch die Lüfte geschwebt war!

Philippe kletterte gewandt aus seinem Sitz und warf die Fliegermütze samt Brille zurück in die Maschine.

Nun regte sich auch Demy. Sie stemmte sich in die Höhe und stieg vorsichtig über den Flügel und zwischen den straff gespannten Befestigungsdrähten hindurch auf den Boden. Ihre Ledermütze und die Schutzbrille drückte sie Philippe in die Hand, der beides zu seinen legte.

»Sehen Sie mal in die Scheune«, sagte er zwar nicht unfreundlich, dennoch zerstörte sein Befehlston das Hochgefühl in ihrem Inneren. »Sie können sich darin ein halbwegs bequemes Nachtlager richten.«

Demy, die sich gerade umsehen wollte, wirbelte zu ihm herum. »Wie bitte? Weshalb soll ich in dieser baufälligen Scheune die Nacht verbringen?«

»Weil ich bei Dunkelheit keine Orientierungspunkte habe und nicht fliegen kann.« Philippe zuckte mit den Schultern und wendete sich dem Flugzeug zu.

»In der Nähe habe ich eine kleine Stadt gesehen. Ich werde hingehen und nach einer Zugverbindung fragen. Und sicher gibt es dort auch eine Pension«, erwiderte Demy und drehte sich entschlossen um. Auf keinen Fall würde sie gemeinsam mit Philippe die Nacht in einem Heuschober verbringen! Was bildete dieser Kerl sich ein!?

Schnelle Schritte und eine kräftige Hand, die sie am Unterarm packte und herumriss, ließen ihren Unmut noch anwachsen.

»Ihr Französisch ist zu schlecht, als dass Sie …«

»Mein Französisch … ?« Demy unterbrach sich selbst, entwand ihren Arm dem Griff des Mannes und stemmte die Hände in ihre schlanken Hüften. »Herr Meindorff, wo sind wir?«

»Im Grenzgebiet. Französische Seite.«

Entrüstete schnappte Demy nach Luft. Sie wandte sich ab, überlegte es sich dann jedoch anders und drehte sich noch mal zu ihrem Begleiter um. »Wussten Sie vor unserem Start, dass wir es nicht mehr bis über die Grenze in deutsches Gebiet schaffen?«

»Ich hatte gehofft, dass die Zeit ausreicht. Aber leider …« Er zog die Schultern in die Höhe, wirkte dabei aber kein bisschen bekümmert und beugte sich wieder über den Motor.

»Weshalb sind wir dann nicht erst morgen gestartet?«

»Weil niemand voraussagen kann, wie die Lage entlang der Grenzen morgen früh aussieht.«

Demy fühlte sich hilflos und ausgeliefert und spürte, wie Zorn in ihr hochstieg. Sie wandte sich endgültig ab und stapfte auf den fensterlosen Schuppen zu. In der Tür blieb sie stehen und musterte das schummrige Innere. Bis auf ein paar aus dem Dach gebrochene Holzschindeln und einer Handvoll altem Stroh herrschte in der Scheune gähnende Leere. Der festgetretene Boden und die feuchten Holzbretter des baufälligen Gebäudes verbreiteten einen muffigen Geruch. Aber zumindest waren die Nächte warm, und sie würde nicht frieren, tröstete Demy sich, drehte sich um – und schrak zurück. Philippe stand direkt vor ihr.

»Am besten wird es sein, wenn Sie sich aus Weidenzweigen und einer dicken Lage Gras ein Lager bauen. Ich laufe derweil zur nächsten Ansiedlung und besorge Treibstoff für das Flugzeug«, erklärte Philippe und ließ sie gar nicht erst zu Wort kommen. »Verhalten Sie sich still und unauffällig.«

Demy stutzte, als sie das Blitzen in seinen blauen Augen sah. Traute er ihr nicht zu, dass sie sich still und unauffällig verhalten konnte?

»Falls jemand den Motor gehört hat und herüberkommt, verstecken Sie sich. Hier im Grenzgebiet reagieren die Leute noch sensibler auf Fremde als in Paris. Greift man Sie dennoch auf, sprechen Sie ausschließlich Niederländisch und Französisch. Lassen Sie sich zu keinem einzigen deutschen Wort verleiten. Ich kann Sie wiederfinden, wenn Sie auf einer Polizeistation sitzen, wo Ihre Angaben überprüft werden, nicht aber, wenn Sie in der Militärmaschinerie oder gar beim französischen Geheimdienst verschwunden sind.«

»Ich könnte es auch mit der Wahrheit versuchen. Nämlich mit der, dass ein zwielichtiger Deutsch-Franzose mich praktisch gezwungen hat, in ein klappriges Flugzeug zu steigen, um mich über die Grenze zu bringen.«

Philippe lachte leise auf. »Das, schwarzes Schäfchen, ist allein Ihre Entscheidung.« Damit ergriff er ihre rechte Hand, drehte sie mit der Handfläche nach oben und drückte ihr ein silbernes Armeetaschenmesser hinein.

Demy sah ihm verwirrt und wütend nach, wie er im Laufschritt in dem hinter der Scheune beginnenden Wald verschwand. »Schwarzes Schäfchen«, murmelte sie und erinnerte sich missgelaunt daran, dass er sie früher schon so tituliert hatte.

Nachdem der Wald Philippe verschluckt hatte, begutachtete Demy das stabile Klappmesser. Mit diesem in der Hand spazierte sie zu dem sanft murmelnden Bach, an dessen Ufer die Weiden leise im Wind raschelten und Glühwürmchen einen nächtlichen Tanz aufführten. Die Landschaft, in der sie sich aufhielt, wirkte wunderschön und friedlich auf Demy. Es war kaum vorstellbar, dass nur einige Kilometer entfernt Soldaten marschierten, um sich einem Feind entgegenzuwerfen, der wohl ebenfalls lieber die Füße in das kühle Nass dieses Gewässers gehalten hätte, als mit einer Waffe auf andere Menschen loszugehen. Oder täuschte sie sich? Wie oft hatte sie die aufgepeitschten Reden der männlichen Besucher im Hause Meindorff gehört, die sich nach einem Kräftemessen sehnten, um die Überlegenheit der deutschen Armee, des deutschen Intellekts, des Deutschen im Allgemeinen zu beweisen! Aber sie hatte auch andere Stimmen vernommen; besonnene, warnende Stimmen. Diese hielten einen Krieg für eine Katastrophe, da die Effektivität der Waffen seit der letzten kriegerischen Auseinandersetzung weit vorangeschritten war und für eine weitaus schrecklichere Ernte sorgen würde, als es auf den Schlachtfeldern früherer Jahre der Fall gewesen sei. Worte wie diese hatten meist den Zeitpunkt markiert, bei dem die Männer zu lautstarken Diskussionen übergegangen waren. Kriegstreiber und Friedensapostel hatten sie sich beschimpft, waren aber niemals zu einer Einigung gelangt.

Demy empfand die Frage des politischen Weltgeschehens als zu komplex, die Strippen, an denen die Monarchen, die Regierungen und die Vertreter der Botschaften zogen, als zu verworren, um einen Überblick über die Geschehnisse zu erlangen. Für sie blieb nur eines wichtig: Ihr einziger Bruder war noch zu jung, um in den Krieg ziehen zu müssen. Zudem besaß er einen niederländischen Pass. Selbstverständlich hatten auch die Niederlande ihre Truppen mobilisiert, doch sie galten als neutral. Ob sie es bleiben durften, nachdem dieser Konflikt von Tag zu Tag mehr Staaten in seinen Schlund zog, wie ein nimmer satter und gefräßiger Riese? In Berlin sprach man davon, dass der Krieg höchstens ein paar Monate andauern würde, doch offenbar teilte Philippe diese Ansicht nicht.

Energisch zwang Demy sich aus ihren beängstigenden Überlegungen und ergriff eine Handvoll der biegsamen, bis auf den Boden hängenden Weidenzweige, um sie mit dem Messer abzuschneiden. Es dauerte lange, bis der Haufen Zweige auf der leicht ansteigenden Böschung so weit angewachsen war, dass sie das Messer zuklappte, einsteckte und mit dem Bündel im Arm den Weg zurück zur Scheune antrat.

Im Inneren des Gebäudes herrschte inzwischen vollkommene Dunkelheit, daher bog sie gleich hinter dem Tor nach links und warf die Äste auf den Boden. Prüfend setzte sie sich darauf und rümpfte unwillig die Nase. Vermutlich würde sie einen Großteil der Nacht damit zubringen, Zweige und später Gras zu schneiden, bevor sie ein halbwegs passables Nachtlager zustande gebracht hatte. Sie beschloss, nicht zimperlich zu sein. Ein zweites Mal ging sie zum Bachlauf, schnitt noch mal einen Armvoll Ruten und Blätter ab und breitete anschließend Claudes Decke über das provisorische Lager. Ihre Kostümjacke rollte sie als Kissen zusammen. Eigentlich hätte sie sich jetzt hinlegen können, doch Philippes Ausbleiben bereitete ihr Kummer. Lag die Ortschaft weiter entfernt, als es aus der Luft ausgesehen hatte? Oder war er auf Probleme gestoßen? Saß sie hier womöglich inmitten marschierender Armeen und einer misstrauischen Bevölkerung fest? Allein?

Geraume Zeit verharrte Demy unter dem glitzernden, friedlich anmutenden Sternenhimmel, beobachtete vereinzelte graue Wolkenschleier, die am Mond vorbeizogen, und lauschte auf das Zirpen der Grillen und das verhaltene Murmeln, das vom Bach zu ihr herüberdrang.

Ihre Unruhe steigerte sich, je mehr Zeit verstrich. War Philippe nicht schon mehrere Stunden fort? Hatte er keinen Treibstoff für das Flugzeug auftreiben können? Oder war er trotz seines perfekten, von Kind auf erlernten Französischs als Deutscher identifiziert und gefangen genommen worden? Zeigten sich die Menschen bereits wenige Tage nach der Kriegserklärung allem und jedem gegenüber feindselig, was Deutsch war? Demy rief sich die Lästereien und Hasstiraden in Erinnerung, die sie schon seit Jahren in ihrem Berliner Umfeld gegen die Franzosen zu hören bekommen hatte. In Frankreich mochte es nicht anders zugegangen sein, vor allem hier, in unmittelbarer Nähe der ewigen Zankäpfel Elsass und Lothringen.

Unruhig wanderten ihre Blicke über die grauen Flächen der Felder und die schwarz in den nächtlichen Himmel ragenden Bäume. Bei jedem Knacken im Gesträuch fuhr sie zusammen. Da sie ohnehin nichts tun konnte, entschied sie, sich auf ihr Lager zurückzuziehen. Sie flocht ihren Zopf neu, bettete ihren Kopf auf die Jacke ihres Tweedkostüms und starrte zu den schmalen Ritzen im Dach hinauf, durch die sanft das Licht des Mondes schimmerte. Der klagende Ruf einer Eule erklang, ihren zweiten hörte sie schon nicht mehr – ebenso wenig wie die sich leise nähernden Schritte, da sie, ganz entgegen ihrer Vermutung, doch eingeschlafen war.