Kapitel 38

Petrograd, Russland,
April 1915

»Scher dich dahin zurück, woher du gekommen bist. Die Brut soll ruhig aussterben!«

Anki duckte sich unter den Beschimpfungen. Diese fanden auch kein Ende, als sie längst die schief in den Angeln hängende Tür geschlossen hatte und auf das moosbewachsene Pflaster der Gasse getreten war.

Alex warf ihr einen mitleidigen Blick zu, öffnete aber ohne ein Wort die Kutschentür. Die erschöpfte Anki hatte aufgehört zu zählen, an wie vielen Haustüren sie vergeblich geklopft hatte, beschimpft oder sogar mit einem Schuh, einem Topf oder irgendeinem anderen Gegenstand beworfen worden war. Kaum saß sie in der Kutsche, schloss Alex die Tür, schwang sich auf den Kutschbock und fuhr zu einer weiteren Adresse auf der Liste ehemaliger Angestellter der Chabenskis.

Müde rieb sich Anki die Augen. Es musste einfach eine Amme für die kleine Jenja aufzutreiben sein! Aber die Menschen dieser Stadt waren verbittert. Während ihre Söhne auf den Schlachtfeldern geopfert wurden, die Frauen nachts stundenlang in den dunklen kalten Gassen um Brot anstanden, nur um mit leeren Händen zu ihren vor Hunger weinenden Kindern zurückzukehren, verhärteten sich ihre Ansichten der Obrigkeit gegenüber, die sie in diese missliche Lage manövriert hatte. Und Anki konnte es ihnen nicht verdenken. Zu lange schon fühlten die Menschen dieser Stadt sich ausgenutzt und benachteiligt. Die Lage wurde durch den Krieg und einen übermäßig harten Einsatz der Polizei- und Militärkräfte noch verschärft. Chaos und Verfall nahmen überhand.

»Ich kann nicht aufgeben«, sagte Anki in ihre Handflächen, in die sie ihr Gesicht gebettet hatte, um für ein paar Minuten ihre Augen zu schließen.

Es dauerte nicht lange, bis ihr Kutscher das Gefährt erneut anhielt, ihr die Tür öffnete und den Tritt ausklappte. »Hier müsste Galina wohnen, eine ehemalige Küchenhilfe. Sie wurde beim Stehlen von Lebensmitteln erwischt und vom Küchenchef davongejagt.«

»Eine Diebin, na wunderbar!«, murmelte Anki entmutigt, stieg aber dennoch aus.

Alex ergriff sie am Arm und hielt sie ungewöhnlich energisch zurück. »Sie steckte damals ein paar Apfelschalen ein. Die wollte sie ihren Kindern mitbringen.«

Aus Ankis Kehle klang nur ein tiefes Seufzen. Apfelschalen, die für den Müll gedacht gewesen waren, bestimmten in den Küchen der Adelshäuser über Leben und Tod?

»Anki, sieh dich doch um. Diese Ungerechtigkeit im Land, die Diskrepanz zwischen Hunger und Verzweiflung auf der einen, Wohlstand und Verschwendung auf der anderen Seite kann nicht länger Bestand haben.« Alex’ Augen flackerten fast wild, und wieder einmal schlich sich bei dem Kindermädchen die beunruhigende Ahnung ein, dass Alex nicht nur ein einfacher Kutscher war. Ihr Verdacht, dass er zu einer im Untergrund agierenden Bewegung rund um den Mann mit dem Kampfnamen Lenin gehörte, vor der die Reichen und Mächtigen in Petrograd wohl zu Recht zitterten, bestätigte sich zunehmend. Neuerdings umgaben sich viele Adelige wie Ljudmilas Vater mit Leibwächtern, um vor radikalen Anhängern dieser Gruppierung geschützt zu sein.

»Galina also«, murmelte Anki und machte sich wieder ihrer drängenden Aufgabe bewusst. Sie ging ein paar Schritte und bemerkte ganz in ihrer Nähe eine der typischen Menschenschlangen, die vor einer Bäckerei auf die Öffnung und die Ausgabe von Brot warteten. Erschüttert betrachtete sie die ausgezehrten Kinder zwischen den Frauen. Vermutlich teilten die Mütter ihre Nachkommen ein, um an verschiedenen Geschäften anzustehen, in der Hoffnung, dass zumindest ein Familienmitglied an dringend benötigte Lebensmittel herankam. Eines der jüngeren Mädchen, Anki schätzte sie auf sieben Jahre, lehnte schlafend an der Frau vor ihr. Zwei Jungen in etwa demselben Alter hielten sich dösend aneinander fest, während eine etwa Zwölfjährige vor Erschöpfung wie in Trance vor- und zurückschwankte.

Ob die Not in ganz Russland so erschreckend groß war? Wie sah es im Deutschen Reich aus, das zudem von einer Blockade betroffen war? Wie ging es wohl der Familie Busch in Tübingen oder ihren Geschwistern in Berlin?

Energisch verschob Anki diese Überlegungen auf später, sprach ein kurzes Gebet für diese Menschen und klopfte ein weiteres Mal in dieser Nacht an eine Tür. Eine verhärmt aussehende Frau mit einem winzigen Säugling im Arm öffnete.

»Galina? Bist du Galina?«, fragte Anki leise.

»Wer fragt das?«, lautete die mürrische und misstrauische Antwort.

»Alex brachte mich hierher. Du erinnerst dich doch an Alex?« Anki deutete auf den abseits wartenden Kutscher.

Die Frau nickte. Ihr Blick verdüsterte sich, als sie das Wappen an der Wagentür erkannte. »Was willst du?«

»Fürstin Chabenski hat ein kleines Mädchen zur Welt gebracht, starb aber kurz nach der Geburt. Ich bin auf der Suche nach einer Amme für das …«

»Das ist ja mal gerecht! Ich durfte den Essensabfall nicht mitnehmen und mein Kind starb. Jetzt wird ein adeliges Kind sterben! Wobei – irgendwie kriegen die es bestimmt durch!«

»Galina, ich verstehe deine Vorbehalte. Bedenke aber bitte, dass das kleine Mädchen nichts für das kann, was dir angetan wurde. Außerdem würde man dich mit Lebensmitteln bezahlen«, lockte Anki.

»Ach ja? Ich weiß, dass die in den Palästen sich die fetten Bäuche noch mit Delikatessen vollstopfen. Und ich soll mich mit den Abfällen begnügen?«

»Eine Amme wird immer gut versorgt.«

»Schau dir mal mein Würmchen an!« Galina streckte Anki das magere, kaum bekleidete Kind entgegen, das seltsam schlaff wirkte. »Ich krieg ja dieses schon nicht satt.«

»Wenn du im Haus der Chabenskis gutes Essen bekommst, wirst du auch dein eigenes Kind besser stillen können.«

»Ach, verschwinde. Ich will mit diesen Ausbeutern nichts mehr zu tun haben!« Die Frau schlug ihr die Tür vor der Nase zu. Für einen Moment war Anki versucht, mit dem Fuß gegen das morsche Holz zu treten. Sie wollte die Frau mit stichhaltigen Argumenten auf ihre eigene Dummheit hinweisen – so wie Demy es sicher getan hätte –, aber dazu ließ sie sich nicht hinreißen. Stattdessen drehte sie sich zu den wartenden Menschen vor dem Laden um. Vielleicht fand sie dort jemanden, der die Vorteile für sich und seine Familie erkannte und zu helfen bereit war.

Der Himmel über Petrograd verfärbte sich gelblich und kündigte einen neuen Tag an. Noch immer fiel die Temperatur nachts auf weniger als zehn Grad, weshalb die ersten Sonnenstrahlen ein Lächeln auf Ankis Gesicht zauberten. Doch es war eine weitere Nacht vergangen, in der die inzwischen zwei Tage alte Prinzessin mit der für sie nicht sonderlich bekömmlichen Kuh- und Schafsmilch ernährt wurde.

Mit schnellen Schritten, sodass ihr knöchellanger Mantel um ihre Beine flatterte, näherte sie sich der Menschenschlange. Unter den Wartenden entstand plötzlich Unruhe. Drei Männer tauchten jenseits der Anstehenden auf. Die Frauen stießen erschrockene, protestierende Rufe aus. Diejenige, an die sich das schlafende Mädchen lehnte, schüttelte dieses und schrie es an, es solle fliehen! Das Kind starrte sie nur verwirrt an.

Glas splitterte. Die tief stehenden Sonnenstrahlen verwandelten Tausende winzige durch die Luft wirbelnde Scherben zu einem Meer aus glitzernden Sternen. Die Faszination des Schauspiels dauerte nur Sekunden, dann brach das Chaos los.

***

Ein Mann sprang durch die zerschlagene Scheibe in das Innere des Ladens, in dem zwei Frauen mit weißen Schürzen dabei gewesen waren, Mehl und Zucker aus Säcken in kleine Beutel zu füllen. Auf dem Tresen lagen ordentlich aufgereiht zwölf Laibe Brot. Mehr nicht.

Die Frauen flohen kreischend in die angrenzende Wohnung und verrammelten hinter sich die Tür, während der Mann die Brote packte und aus dem Fenster reichte. Die übermüdeten Wartenden lösten sich aus ihrer Erstarrung und drängten hinzu. Jeder wollte etwas von der Beute abbekommen. Einer der Jungen stolperte und fiel mit den Knien und Händen in die am Boden liegenden Scherben. Sein Schmerzensschrei ging in den wütenden und fordernden Rufen des Mobs unter. Noch mehr Scheiben gingen zu Bruch, eine Frau schrie gellend auf, fand aber kein Gehör. Dafür begann eine Männerstimme zu skandieren: »Mehr Brot, mehr Brot! Gebt uns Brot!« Die Frauen stimmten mit ein, erst zaghaft, dann lauter und schließlich mit sich überschlagenden Stimmen. Fenster an den Häusern entlang der Straße wurden aufgerissen. Einige schlossen sich sofort wieder, andere blieben offen, und die aus dem Schlaf gerissenen Anwohner fielen in die Parole mit ein. Aus Haustüren und Hinterhöfen quollen Männer, Frauen und Kinder. Sie schoben sich durch die Menschenmenge, stürmten den Laden, rissen den Glücklichen ihre Beute aus den Händen, stießen und schlugen auf sie ein.

Anki stand fassungslos am Rande des Geschehens. Ihre Augen suchten den gestürzten Jungen, doch sie konnte außer Stiefeln, wippenden Röcken und zerschlissenen Hosenbeinen nur aufgewirbelten Straßenstaub und das vereinzelte Aufblitzen von Scherben ausmachen. Eine kräftige Hand ergriff sie und wirbelte sie herum. Erschrocken sah sie auf – und in das verzerrte Gesicht von Oskar Busch.

»Du?«, rief Anki entsetzt aus. Gehörte Oskar etwa zu den Unruhestiftern, die die verzweifelte Lage der Hungernden genutzt hatten, um einen Aufstand zu entfachen? Oskar schaut sie aus blutunterlaufenen Augen an. Sein Griff um ihr Handgelenk wurde noch kräftiger.

»Oskar, lass sie los!«, brüllte Alex gegen das Geschrei, Toben und Fluchen an und stieß den Bruder ihres Verlobten vor die Brust.

»Bist du bescheuert?«, entgegnete Oskar. »Was schleppst du sie hierher? Schaff sie weg!« Er ließ Anki los und tauchte innerhalb von Sekunden in der engen Gasse unter.

Schrilles Pfeifen näherte sich dem Tumult und ließ auch die zwei anderen Männer und ein paar Frauen mit ihren Broten in den Armen die Flucht ergreifen. Alex ergriff Anki um die Hüfte und schleifte sie zur Kutsche.

»Alex, dieses Kind, das da eben stürzte …«, begehrte sie auf.

»Du kannst ihm nicht helfen. Wir müssen verschwinden!« Alex’ Stimme klang gepresst.

»Aber wir können die Verletzten nicht einfach zurücklassen!«

»Du willst dich nicht mit diesen Polizisten auseinandersetzen!«, zischte der Kutscher und hievte sie rücksichtslos in das Gefährt.

»Alex, lass mich raus!«, kreischte Anki verzweifelt und wollte an dem Mann vorbei hinunter auf das schmutzige Pflaster springen. »Ich kann nicht gehen, ohne nachgesehen zu haben …«

»Diese Polizisten werden keine Fragen stellen und sich keine Erklärungen anhören, sondern zuschlagen und zutreten. Sie werden dich mitschleppen, verhören und einsperren. Womöglich über Tage oder Wochen, bevor du überhaupt Gelegenheit bekommst zu erklären, was du hier während des Aufruhrs getan hast.«

»Sie sehen doch an der Kutsche, dass ich es nicht nötig habe, nach Lebensmitteln anzustehen …«

»Du bist eine Njemka, dazu eine Bedienstete. Wie sehr die Chabenskis dich schätzten, wissen die da draußen nicht. Und von den Chabenskis ist niemand mehr da, der dich raushauen könnte!« Beinahe derb drückte Alex sie auf den Sitz zurück, als sie erneut versuchen wollte, sich an ihm vorbeizudrücken. »Denk an die Kinder, Njanja! Bleib drin!« Alex knallte den Schlag zu.

Anki hörte und spürte, wie er sich auf den Kutschbock schwang. Er hatte ja recht. Fürst und Fürstin Chabenski waren beide tot. Sie hatten Anki die vier Mädchen anvertraut, und sie hatte der sterbenden Oksana das Versprechen gegeben, sich um die Kinder zu kümmern. Das konnte sie aber nicht, wenn sie in einem Gefängnis saß. In ihren Gedanken wirbelten die letzten Minuten wild durcheinander. Sie wollte helfen und durfte es doch nicht! Die schrecklichen Bilder brannten sich in ihre Erinnerung ein und mit ihnen der Anblick des aggressiven Oskar. Alex hatte sie gerettet, aber er kannte Roberts Bruder! Er kannte die Männer, die den Aufstand heraufbeschworen hatten, um dann rechtzeitig unterzutauchen. Dafür gerieten unschuldige Frauen in die Fänge der Polizei und verschwanden vielleicht für lange Zeit in einem Gefängnis, während ihre Kinder allein zurückblieben – und das nur, weil sie für Brot angestanden hatten.

Das nervöse Schnauben der Pferde mischte sich mit dem schrillen Geräusch der Trillerpfeifen und den Schreien derer, die vergeblich vor den Beamten zu fliehen versuchten.

Anki wurde mit einem kräftigen Ruck gegen die Rückwand geworfen, als die Kutsche anfuhr. Schnell setzte sie sich auf das Polster. Der Vorhang vor dem Seitenfenster flatterte auf, und so sah sie, wie die Polizisten auf die am Boden kauernden Menschen einknüppelten. Dabei machten sie keinen Unterschied zwischen Männern, Frauen und Kindern.

Ankis Blick fiel auf den gestürzten Jungen. Er lag blutüberströmt und reglos auf den kalten Pflastersteinen, sanft und doch zugleich grausam präzise vom Sonnenlicht angestrahlt. War er gestorben, weil er auf ein Stück Brot gehofft hatte?

***

Die Kutsche hatte kaum angehalten, da erhob Anki sich und verließ das Gefährt, noch ehe Alex abgestiegen war. Mit in die Seiten gestemmten Händen erwartete sie den jungen Mann. Dieser zeigte den Anflug eines schlechten Gewissens, der sich jedoch sofort verflüchtigte und zornigem Stolz Platz machte. »Ja, ich kenne die Burschen, aber ich verachte ihre Vorgehensweise. Ich bin für einen Wandel der Politik, doch die Bevölkerung darf dabei nicht als Sündenbock herhalten, sondern muss daran beteiligt sein. Allerdings sehe auch ich, dass wir ohne rigorose Einschnitte nicht gegen machtbesessene Herrscher gewinnen können. Opfer sind leider nicht zu vermeiden.«

»Dieses Opfer war ein unschuldiges Kind«, entgegnete Anki leise. Tränen schossen ihr in die Augen, und sie schluchzte: »Erfahren seine Eltern jemals, was mit ihm geschehen ist, damit sie ihn wenigstens begraben und betrauern dürfen? Und was geschieht mit den Frauen, die auf der Straße zurückblieben? Sie haben womöglich Kinder! Sie werden vergeblich auf die Rückkehr ihrer Mütter warten und verhungern, wenn sich niemand um sie kümmert!«

»Ich sage dir doch, dass ich das Vorgehen dieser radikalisierten Gruppierungen nicht billige.«

»Aber du hast nichts dagegen unternommen!«, warf Anki dem Kutscher vor.

»Weil ich auch für dich verantwortlich bin und nicht mit einem Messer im Rücken in dieser Gasse enden wollte!«, gab Alex ebenso hitzig zurück. »Oskar und seine Freunde sind Schläger – und Schlimmeres!« Er trat auf sie zu, ergriff sie an den Schultern und sagte: »Es tut mir leid, Prinzessin. Ich wusste nichts von ihren Plänen, sonst hätte ich dich nie dorthin gefahren. Das musst du mir glauben. Ich würde dich niemals einer Gefahr aussetzen oder dich in diesen Kampf mit hineinziehen. Du bist ein gutes Mädchen – aber du bist auch eine Deutsche … oder Niederländerin … oder was auch immer!« Er grinste schief. »Das ist nicht dein Kampf, sondern unserer!«

Ankis Kehle entrang sich erneut ein Seufzer. Sie zitterte wie ein Schilfrohr im Wind und war froh, dass Alex sie festhielt. Beunruhigt blinzelte sie gegen die Sonnenstrahlen an. An diesem Tag hatte Alex ihren Verdacht bestätigt, dass er mehr war als nur ein einfacher Kutscher.

»Du hast seit Stunden weder geschlafen noch etwas zu dir genommen. Ich bringe dich jetzt zu den Chabenskis zurück.«

»Nein«, begehrte Anki auf und warf einen Blick auf den Palast der Zoraws, vor dessen Außenmauer und entlang der Auffahrt trotz der frühen Morgenstunde unzählige Landauer, Phaetons und Automobile abgestellt waren. »Ljudmila erzählte unlängst von einem schwangeren Dienstmädchen, das vom Graf entlassen werden sollte. Sie müsste inzwischen ihr Kind geboren haben.«

Anki ließ Alex stehen, nickte dem Pförtner zu, der ihr Einlass gewährte, und eilte die mit rotbraunen Steinplatten ausgelegte Auffahrt entlang zum Palais. Die Morgensonne spiegelte sich in den Fensterscheiben und brachte das frisch gestrichene Rot der Hausfassade und das Weiß entlang der Fenster, Giebel und der vier Ecktürmchen zum Leuchten.

Stimmengewirr und verhaltenes Lachen lockten Anki in den Garten, in dem sie so manche Stunde mit ihrer Freundin verbracht hatte. Sie hielt unter einem der von ihr so geliebten, noch nicht aufgeblühten Sommerflieder inne, als sie Bewegungen auf den Gartenwegen ausmachte.

Mehrere Herren in hellen Flanellhosen und sportiven gestreiften Blazern und mit den modischen Strohcanotiers auf den Köpfen schlenderten an den noch verwaisten, mannshohen Vogelvolieren entlang und unterhielten sich angeregt. Ihre legere Kleidung verriet Anki, dass sie nicht die Nacht durchgefeiert hatten, sondern sich zu dieser ungewöhnlich frühen Stunde zu einem vergnüglichen Anlass eingefunden hatten.

Auf der ebenerdigen Veranda eilten Bedienstete emsig umher, legten Polster und Kissen auf Stühle und Bänke und breiteten fliederfarbene Tischdecken aus, während an anderer Stelle bereits Kaffeegedecke aus weißem Porzellan und Teller mit Süßgebäck, Brot, Kuchen, Butter, Marmelade, Käse, Wurst und kaltem Braten aufgetischt wurden. Zuckerdosen, Sahnekännchen, eisgefüllte Sektkühler, Saftkannen und Wasserkaraffen folgten. Zwei Damen mit wagenradgroßen Hüten, auf denen ausladende Schleifen und Blüten prangten, spazierten auf die Tische zu. In ihren Händen trugen sie filigrane Spitzenschirmchen und ihre weißen, an der Hüfte schmal geschnürten Kleider waren ebenfalls reich mit Spitze geschmückt. Die langen Ärmel umspielten bauschig ihre Handgelenke und leuchteten mit dem weißen und violetten Flieder um die Wette, der soeben in bauchigen Vasen auf die Tische verteilt wurde.

Anki erkannte in der einen Dame Ljudmilas Mutter. Obwohl sie in eine Unterhaltung vertieft war, überwachte sie mit Argusaugen die Aufbauarbeiten für das Frühstück im Freien. Sie ergriff eines der süßen Häppchen und biss ein winziges Stück davon ab. Trotz der Entfernung konnte Anki sehen, wie sie das Gesicht verzog. Den Rest des Gebäcks warf sie auf die Wiese, wo sich kurz darauf einige Spatzen und eine Amsel um die Leckerei stritten, während die Gräfin nach dem Bäcker rufen ließ.

Anki drohte es beim Anblick der Überfülle und der leichtfertigen Verschwendung den Magen umzudrehen. Nur durch ein paar Kanäle von diesem Haus getrennt lag ein kleiner Junge auf der Straße, von hungernden Frauen und Kindern zu Tode getrampelt.

»Anki? Was tust du denn hier?«

Sie wirbelte erschrocken herum und war froh, Ljudmila allein anzutreffen. Ungern wäre sie versteckt zwischen den Büschen als heimliche Beobachterin entlarvt worden.

»Du … du bist früh auf«, stammelte Anki.

»Ich schlafe nicht gut.«

»Und eure Gäste auch nicht?«

Ljudmila lachte trocken und Anki stellte bekümmert fest, dass ihr Lachen noch immer nicht in ihren Augen ankam. Tatsächlich sah ihre Freundin fast wieder so blass und leblos aus wie damals, als Robert und sie sie aus Rasputins Schlafzimmer geholt hatten.

»Baron Osminken weist uns heute in die Kunst des Boule-Spiels ein. Er meinte, es sei eine angenehme Abwechslung zu all den Kriegsnachrichten, politischen Umtrieben und der nach den Festen im Frühjahr allmählich einkehrenden Langeweile. Meine Mutter kam dabei auf den Gedanken, es sei doch einmal etwas anderes, den Tag nicht mit einer Geselligkeit zu beenden, sondern ihn früh damit zu beginnen. Allerdings finde ich es für ein Frühstück im Freien noch sehr kühl!«

»Baron Osminken treibt die Langeweile um? Ich wüsste ihm das eine oder andere zu tun. Und diese Verschwendung …« Anki, über sich selbst erschrocken, hielt inne. Sie wollte sich keinen Ärger einhandeln, zumal Menschen wie die Osminkens oder Ljudmilas Eltern ihre Bemühungen für die einfache Stadtbevölkerung nur belächeln würden. Womöglich stempelten sie sie gar als gefährliches Subjekt ab, vorausgesetzt, sie taten das nicht ohnehin längst. »Ist das die Art des Adels, seine Trauer um Jevgenia Ivanowna, ihre Mutter und das Fürstenpaar Chabenski zu zeigen?«, wagte sie aber dennoch zu fragen.

Ljudmila neigte leicht den Kopf und musterte sie intensiv. »Was ist heute nur los mit dir? So provokant und grimmig kenne ich dich gar nicht.«

»Ich musste vorhin mit ansehen, wie ein kleiner Jungen zu Tode getrampelt wurde, weil die Menschen vor Hunger nicht mehr wissen, was sie tun«, sagte Anki mit mühsam beherrschter Stimme.

Ljudmila wandte sich der Frühstückstafel zu, die weiterhin mit Köstlichkeiten überhäuft wurde, obwohl es kaum noch einen Platz für weitere Schalen mit Obst, Schokolade und die zuletzt aufgetragenen warmen Gerichte aus Eiern, Würstchen und Kartoffeln gab.

»Was treibt dich zu dieser Morgenstunde hierher?«, fragte Ljudmila schließlich, ohne Ankis Worte zu kommentieren oder eine Anmerkung über die Festtafel fallen zu lassen.

Anki schrak bei ihrem kühlen Tonfall zurück. Hatte sie die junge Adelige gegen sich aufgebracht? Entschlossen straffte sie die schmalen Schultern. Verstand Ljudmila ihre Aufregung denn wirklich nicht? War ihre Freundin nicht einmal bereit, sie anzuhören, oder verachtete sie sie gar für ihre Worte? Vielleicht war es an der Zeit, auf Abstand zu gehen. Das würde Anki auch vor weiteren Ermittlungen in Sachen Rasputin schützen. Bislang hatte sie diesen Schritt nicht in Erwägung ziehen wollen, da Ljudmila ihr den Eindruck vermittelt hatte, dankbar für ihre Freundschaft zu sein.

Eine Stimme in ihrem Kopf flüsterte Anki zu, dass sie ihre Trennung von Robert vor allem Ljudmila zuzuschreiben hatte und die Komtess ihr dies ebenso wenig gedankt hatte wie die Tatsache, dass sie sich für sie in große Gefahr begeben hatte. Doch sie ignorierte die böswillige Einflüsterung. Halblaut murmelte sie vor sich hin: »Meine Persönlichkeit wird nicht ausschließlich durch die Liebe geformt, die ich empfange, sondern vielmehr durch die, die ich verschenke.«

»Wie bitte?« Ljudmila runzelte die Stirn.

Anki ignorierte die Frage und brachte ihr Anliegen vor: »Leider bin ich bei der Suche nach einer Amme für Prinzessin Jenja noch immer erfolglos geblieben. Was ist denn aus dem schwangeren Dienstmädchen bei euch geworden …?«

Hastig fiel Ljudmila ihr ins Wort, offenbar erleichtert darüber, das Thema wechseln zu können. »Ich spreche mit meiner Mutter über die Sache. Vermutlich wird sie erleichtert sein, wenn sie Valentina in einen anderen Haushalt vermitteln kann, wo sie dringender gebraucht wird als hier. Wir schicken das Mädchen unverzüglich zu den Chabenskis.«

»Danke! Es eilt sehr.« Anki schenkte Ljudmila ein Lächeln und wollte sich abwenden, wurde jedoch durch eine federleichte Berührung am Arm zurückgehalten.

»Es entspricht ein bisschen unserer Mentalität, die Feste zu feiern, wie sie fallen. Darin sind wir wirklich gut. Wir trauern auf unsere Weise, Anki, und ich dachte, du könntest uns Russen besser einschätzen.«

Anki blinzelte gegen die durch die Bäume fallenden Sonnenstrahlen an. Es freute sie, dass Ljudmila einen versöhnlichen Gesprächsabschluss suchte, dennoch stand ihr das dramatische Geschehen, dessen Zeugin sie hatte werden müssen, noch entsetzlich lebendig vor Augen. »Ich war zu kritisch, Ludatschka, entschuldige bitte.«

Die aussichtslose Lage der Bevölkerung thematisierte Anki nicht mehr, da sie ohnehin kaum auf Verständnis von Ljudmila hoffen konnte. Die russische Aristokratentochter kannte nichts anderes als das bequeme, verwöhnte Leben ihrer Familie und ihres adeligen Umfelds. Wahrscheinlich konnte sie sich die Armut in den Straßen ihrer Heimatstadt nicht einmal vorstellen.

»Geh nach Hause, tapfere Njanja, und hol deinen Schlaf nach. Ich verspreche dir, dass ich mit Mutter spreche, wenngleich sie im Augenblick vermutlich keinen Gedanken an Valentina verschwenden möchte. Ich sorge dafür, dass die junge Mutter zur Mojka kommt.«

»Ich lasse mich von Alex nach Hause fahren und schicke ihn dann hierher zurück, um die Amme abzuholen.«

Ljudmila nickte ihr hoheitsvoll zu. Sie erkannte hinter Ankis Vorschlag sehr wohl die Absicht, dass sie ihrer Mutter den Vorschlag unverzüglich unterbreiten sollte. »Du hast ein großes Herz, Anki. Ein Löwenherz. Bewahre es dir!«, murmelte Ljudmila noch, ehe sie sich abwandte.

Anki glaubte, in ihrer Stimme einen Hauch von Neid zu hören. Aber sie war zu erschöpft, um sich darüber Gedanken zu machen. Mit müden Schritten verließ sie den Garten und ging die Auffahrt entlang, in der mittlerweile noch mehr Fahrzeuge parkten, denen trotz der ungewöhnlich frühen Stunde muntere Gäste entstiegen.

Als das Kindermädchen gerade im Begriff war, das Tor zu passieren, wurde ihr schwindelig. Halt suchend griff sie nach einer der gusseisernen Verstrebungen, hatte jedoch nicht damit gerechnet, dass der Torflügel daraufhin zuschwingen würde. Unsanft landete sie auf den Knien, wobei das Tor, von ihr noch immer fest umklammert, zurückkam und gegen ihre Schläfe prallte.

Anki stöhnte auf und verharrte auf dem Boden, bis starke Hände sie hochhoben und zur Kutsche trugen. Sie wurde auf dem Tritt abgesetzt und Alex’ besorgter Blick begegnete ihrem. »Geht es wieder, Prinzessin?«

»Ja, danke.«

»Ich bringe dich jetzt auf der Stelle zum Chabenski-Palast. Dort wirst du etwas essen, trinken und dich hinlegen. Lass dir ja nicht einfallen, etwas anderes zu erledigen. Ich setze den guten alten Jakow auf dich an. Auch wenn der mich nicht leiden kann – um dich wird er sich Sorgen machen!«

Anki verspürte Erleichterung darüber, dass Alex nun das Heft in die Hand nahm. Die vielen Gespräche hatten sie angestrengt, zumal es ihr ohnehin schwerfiel, auf fremde Personen zuzugehen. Die Anfeindungen wie auch der Aufstand vor dem Laden hatten sie völlig ausgelaugt, und die Aussicht auf ein wenig Ruhe und Zurückgezogenheit empfand sie als herrlich.

»Du bist ein großartiger Mann«, flüsterte Anki schwach und glaubte, über das Schließen des Schlags hinweg zu hören, wie Alex murmelte: »Aber wohl nicht gut genug für dich.«