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Dann hatten sich die Ereignisse überschlagen. Damián war auf dem Weg in die Berge nach Yat Pacyte gewesen und hatte noch etliche Stunden zu reiten gehabt, als er durch eine Ansiedlung kam, in der zwei betrunkene junge Männer in die Luft schossen. Vor den angstvollen Bauern prahlten sie damit, dass sie gerade einen Lastwagen gekapert und ein paar Touristen aus Bogotá ausgeraubt hätten. Damián stieg ab und beruhigte die Lage. Die jungen Bürschchen zeigten ihm ihre Beute, Geldbörsen, Scheine und eine Uhr. Der Schrecken fuhr Damián in die Glieder, als er die Uhr wiedererkannte, die der Affe seiner Großmutter mir einst geklaut und die er eine Weile bei sich in der Tasche getragen hatte, ehe er sie mir zurückgeben konnte. Er würde sie überall wiedererkennen, diese sonderbare altmodische Uhr aus Gold mit buckligem Glas auf einem vom Alter gegerbten Lederarmband, die eigentlich eher zu einem Mann gepasst hätte als zu einem jungen Mädchen.

»Ein Freund hat sie mir gegeben«, erklärte ich. »Zum Abschied. Es ist ein guter Freund, er heißt Simon. Die Uhr hat seinem Vater gehört. Er hat behauptet, die Uhr brächte Glück, und er hat sie seinem Sohn geschenkt, bevor er zu seiner letzten Reise aufbrach. Er ist beim Bergsteigen im Himalaja verunglückt. Vielleicht hätte er die Uhr mitnehmen sollen, dann wäre er nicht gestorben.«

»Oder umgekehrt«, sagte Damián, »er hat insgeheim gewusst, dass er nicht die Kraft haben würde zurückzukehren, und sie deshalb seinem Sohn geschenkt.«

In seiner friedlichen Art hatte Damián die betrunkenen jungen Guerilleros ausgefragt und erfahren, was geschehen war. Zum Schluss hatte er ihnen für ein paar Pesos meine Uhr abgekauft. Sie hatten die kleine Ansiedlung in Richtung ihrer Heimatdörfer verlassen, und Damián hatte sein Pferd gewendet und war, so schnell er konnte, zurückgeritten. Am Vormittag erreichte er das Gasthaus mit den Pferdekoppeln, wo auch wir, mein Vater, Elena, Leandro und ich, zwei Tage später unsere Pferde bestiegen hatten, um in die Berge zu reiten.

Auf seinem Moped war er nach Popayán gerast. Von den beiden betrunkenen Guerilleros hatte er erfahren, dass Don Antonio die beiden Deutschen und die zwei Reisenden aus Bogotá nach Popayán gebracht hatte. Er vermutete, dass Antonio uns im Gästehaus seines Schwagers am Südostrand der Stadt untergebracht hatte. Aber es hatte keinen Sinn, wenn er alleine dort aufkreuzte. Also fuhr er ins Zentrum von Popayán, stellte sein Moped hinter dem Laden seines Onkels Gustavo ab und lief zum Büro des CRIC.

Sein Plan war, ein paar Leute zusammenzutrommeln. Sie sollten blaue Hemden und keine anderen Waffen als den drei Zoll langen Stab der Nasas tragen und ihn zum Gästehaus von Antonios Schwager begleiten. Er hoffte, mit dem folkloristischen Aufmarsch dem Ganzen den kriegerischen Anstrich zu nehmen und die Sache friedlich lösen zu können.

Aber war es wirklich Zufall, dass Don Antonio ausgerechnet mich und meinen Vater entführt hatte?, fragte er sich. Es wusste eigentlich niemand, was ihn, Damián, mit mir verband. Doch nur er war damit erpressbar, dass mir jemand etwas antat. Dass der Fall, den er so fürchtete, derartig schnell eintreten würde, erschreckte ihn. Und noch mehr erschreckte ihn die Angst, die er um mich hatte. Diese Angst erzeugte neue Ängste. So fürchtete er plötzlich, die Angst um mich könnte seine Urteilskraft trüben und ihm die Besonnenheit rauben und er könnte vor lauter Nervosität einen Fehler machen.

Panik stieg in ihm auf. In diesem, ihm völlig unbekannten Zustand hastete er die Treppen zum Büro des CRIC hinauf.

»Da bist du ja!«, schrie Rocío. »Wir suchen schon wie verrückt nach dir. Iván ist vor einer Stunde losgefahren, um dich zu holen. Warum legst du dir nicht endlich mal ein Handy zu?«

»In den Bergen habe ich eh kein Netz«, antwortete Damián. »Was ist los?«

Rocío berichtete ihm, dass eine Weiße da gewesen sei, die eine wahrhaft abenteuerliche Geschichte erzählt habe und am Uhrenturm auf ihn, Damián, warte.

Er drehte auf dem Absatz um, rannte die Treppen wieder hinunter und hinaus auf die Straße. Doch als er ein paar Minuten später unter dem gedrungenen weißen Turm mit der Uhr stand, war ich nicht dort. Damián umrundete den von Menschen überfüllten Park, lief einmal quer hindurch und fragte schließlich den Fotografen Gilberto, den er kannte, ob er mich gesehen habe.

Gilberto nickte. »Don Antonio hat sie heute Morgen gebracht. Seitdem wartet sie auf jemanden. Don Antonio wartet auch, da hinten in einer Bar. Er hat eine Pistole unter der Jacke, sagen die Leute. Nimm dich in Acht, Damián. Sie ist Antonios Lockvogel. Da kommt sie übrigens.«

Und wieder hatten wir plötzlich voreinander gestanden und wieder traf es ihn wie ein Blitz. Wie hatte er jemals ernsthaft glauben können, er könne mich vergessen! Die blauen Augen, den Goldschimmer in meinem Haar, den weichen und verträumten Zug um meinen Mund, das Herausfordernde in meinem Blick.

Er hatte erst gar nicht kapiert, was ich zu ihm sagte. So sehr war er damit beschäftigt, meinen abgekämpften Zustand zu bedauern. Ich sah müde aus, gehetzt, nervös und zu allem entschlossen. Und keine Spur von Angst. Das hatte auch ihn schlagartig beruhigt. In meinen Augen hatte er sich selbst wiedergefunden.

Nur so viel war ihm klar: Er musste mit mir sofort von dem Platz verschwinden, ehe Don Antonio ihn und mich sah. Falls er uns nicht schon gesehen hatte. Die Kirche schien Damián der geeignete Rückzugsort. Antonio war wie alle in der Gegend als Kind in der Schule katholisch gedrillt worden. Es gab kaum eine katholischere Stadt in Kolumbien als Popayán, und Antonio hatte einst zu den jungen Kerlen gehört, die bei den Prozessionen die tonnenschweren Heiligenbilder durch die Straßen trugen und mit ihren dicken Schultermuskeln prahlten. Auch wenn Antonio inzwischen das Katholische verfluchte, die Gottesfurcht der Kindheit ließ sich nicht so leicht abschütteln. Er würde nicht schießen in einer Kirche.

Zudem würde er, Damián, in der Kirche seinem atemberaubend dringenden Wunsch, mich in die Arme zu ziehen, nicht nachgeben können. Zu meinem doppelten Schutz also schleppte er mich in die Kathedrale unter die Augen der Muttergottes und zahlreicher Heiliger.

Er hatte mehrere vergebliche Anläufe unternommen, einen klaren Gedanken zu fassen. Während ich meine Geschichte vom Überfall und meine Notlüge hervorsprudelte, ich sei mit ihm, Damián, am Uhrenturm verabredet, drängte sich in seinem Kopf immer wieder die eine Frage in den Vordergrund: Warum hast du die Reise unternommen? Meinetwegen? Hast du mich wiedersehen wollen?

Aber er wagte es nicht zu fragen. Als ich meinen Besuch bei seiner Großmutter Juanita erwähnte, über den er bestens unterrichtet war, und ihn dann ausführlich über Claras Krankheit befragte, hatte er für einen irrwitzig beglückenden Moment wirklich geglaubt, ich hätte von Anfang an geplant, nach Popayán zu gelangen, und nicht nur Don Antonio mit einer Notlüge dazu gebracht, uns hierherzutransportieren, sondern auch meinen Vater zu der Reise bewegt mit der Behauptung, er müsse sich unbedingt um Damiáns kranke Schwester kümmern.

Ganz schön mutig, fand er. Und keinen Moment hatte ich, soweit er das beurteilen konnte, den Kopf verloren. Ich hatte mich nicht von Angst überwältigen lassen und, sobald es möglich war, die richtigen Leute um Hilfe gebeten. Dass eine wie ich sich überhaupt gemerkt hatte, was er über den CRIC, den Indianerrat des Cauca, erzählt hatte, das hatte er nicht erwartet, und es erfüllte ihn mit einer gewissen stolzen Befriedigung. Ich hatte schnurstracks seine Freunde aufgesucht. So viel Umsicht und Vertrautheit mit den Gegebenheiten seines Landes hatte er mir nicht zugetraut. Er hatte sich in ein Paar blauer Augen und in ein unschuldiges Gesicht verliebt, aber nun empfand er Hochachtung und Bewunderung. Ich war doch gar nicht so verkehrt, ihm gar nicht so fern. Ich hatte was kapiert von seinem Leben. Zum ersten Mal fühlte er sich mir nahe, ja fast vertraut. Umso mehr quälte es ihn, dass er mir nicht die Wahrheit über sich sagen durfte.

Erst auf der Treppe vor dem Portal der Kathedrale war ihm die Uhr eingefallen, die ihn auf meine Spur geführt hatte und die er immer noch am Handgelenk trug. Fast bedauerte er, sie abnehmen zu müssen, denn sie hatte sich gut angefühlt an seinem Arm, warm, weich und vertraut, ein Stück von mir, das Einzige, was er jemals besitzen würde und nun schon wieder hergeben musste, zum zweiten Mal. Und wieder schaute er mir in die Augen, wie damals in der Grünanlage von El Rubí. Hier, vor der schneeweißen Kathedrale, gab es kein Verbot der Hausverwaltung, weiße Mädchen zu belästigen, hier durfte er einen Augenblick lang Mann sein, mich unterm Kinn fassen und mich zwingen, seinem Blick standzuhalten und einen Moment stillzuhalten, mich ihm zu ergeben.

Immerhin hatte ich gerade eben frech und stolz von ihm verlangt, dass ich ihm das Geld zurückgeben durfte, das er dem Guerillero für meine Uhr bezahlt hatte. Auch jetzt noch spürte er mein zappeliges Aufbegehren und musste innerlich lächeln. So zuckte ein Mädchen zurück, das noch von keinem Mann, der es begehrte, angerührt worden war.

»Keine Angst«, hatte er mich deshalb zu beruhigen versucht und erklärt, dass er noch nie Augen gesehen habe, die so blau waren. Und da war ich weich und nachgiebig in seiner Hand geworden und hatte ihn vertrauensvoll angeschaut.

Danach hatte er sich sofort wieder ins Büro des CRIC begeben und angefangen, unsere Befreiung zu organisieren. Am späten Nachmittag kam Iván zurück, der versucht hatte, ihn, Damián, auf dem Weg in die Berge abzupassen. Iván, der Bärtige mit dem Zopf und den behaarten Armen, war Rocíos Freund. Wovon er lebte, war unklar. Aber er liebte es, seine Fantasien von Freiheit und Abenteuer in Lederjacke auf dem Motorrad auszuleben. Den Regionalrat der Indígenas schien er als seine Gang zu betrachten. Damián mochte ihn nicht besonders. Iván neigte zu Eigenmächtigkeiten. Auf seiner Fahrt in die Berge hatte er denn auch mehr Schaden angerichtet als genützt. Damián war in höchstem Maße alarmiert, als Iván verkündete, er habe einen von Tanos Leuten getroffen und ihn gebeten, nach Yat Pacyte hinaufzureiten und ihn, Damián, zu holen.

Was das bedeutete, war ihm sofort klar gewesen: Tano würde Antonios Aktion als Provokation werten, seine Leute sammeln und zur Gegenaktion schreiten.

In Windeseile organisierte Damián zehn Leute, die uns gegen Mitternacht aus dem Gasthaus von Antonios Schwager befreien sollten, und schwang sich selbst noch vor Sonnenuntergang auf sein Moped, um in die Berge zurückzurasen. Als er sein Pferd die Berge hinaufhetzte, war es bereits stockdunkel. Er war geritten wie der Teufel, aber er kam zu spät.

Als er Antonios Camp erreichte, war das Gemetzel schon vorbei gewesen. Ein großes Siegesfeuer brannte, und fünf Guerilleros lagen tot im Schlamm, unter ihnen der falsche Kellner, den Damián beim Diplomatenball erkannt und verjagt hatte, der Rest war geflohen.

Zur Feier des Siegs hatte Tano seinen Leuten den Lastwagen geschenkt. Doch sie hatten ihn nicht zum Laufen gebracht und waren nun dabei, ihn auszuräumen. Er hatte Drogerieartikel geladen, Shampoos, Seife, Abschminktücher, Nagellack, Rasierwasser, Dinge, die man nicht wirklich dringend brauchte. Und ihm, Damián, überreichte Tano eine Handvoll Kettchen, Uhren und ein Satellitenhandy. »Die gehören sicherlich den Leuten, die der Hurensohn entführt hat. Gib sie ihnen in meinem Namen zurück. Wir rauben die Gäste in unserem Land nicht aus.«

Es war absurd! Aufgebracht und verzweifelt versuchte Damián, Tano und seinen Männern klarzumachen, dass eine solche blutige Gewalttat alles zunichtemachte, wofür der Regionalrat der Indígenas kämpfte. Wie konnten sie Frieden und demokratische Grundrechte einfordern, wenn sie sich gegenseitig abschlachteten?

Tano hatte nur gelacht und ihn fortgeschickt wie einen kleinen Jungen. So verzweifelt und zornig war Damián gewesen, so sehr hatte er sein Pferd gehetzt, dass ein Ast ihn an der Hand verletzte. Dabei wäre er am liebsten überhaupt nicht mehr nach Popayán zurückgekehrt. Mit solch bösen Bildern im Kopf wollte er mir nicht unter die Augen treten.

Allerdings blieb Damián nichts anderes übrig, denn er musste wissen, ob unsere Befreiung gelungen war. Und so kam es, dass er die zweite Nacht hintereinander erst auf dem Pferd und dann auf dem Moped verbrachte. Gegen halb neun traf er im Büro des CRIC ein, Rocío kam ein paar Minuten später und beruhigte ihn. Alles sei glatt gelaufen, wir seien im Hotel La Plazuela untergebracht.

Ein Luxusschuppen! Sagenhaft teuer mit seinen fünfzig Dollar pro Zimmer. In Popayán konnte man schon für vier Dollar gut übernachten. Zu gern wäre Damián sofort zu uns geeilt, zu mir, um sich an meinem Blick zu betrinken und zu beruhigen, sich in meinen unschuldigen Armen zu entspannen und sich von meiner strahlenden sauberen Welt weißer Laken, weicher Kissen und Getränken in der Hausbar einhüllen und trösten zu lassen.

Aber so verdreckt, wie er war, konnte er dort nicht aufkreuzen. Frische Sachen hatte er bei seinem Onkel Gustavo im Laden in der Calle Sexta, wo im Warenlager auch ein Bett für ihn stand. Doch bevor er sich davonmachen konnte, trafen wir ein. Er hörte uns auf der Treppe kommen und zog sich in einen Nebenraum zurück.

Er hörte uns im Büro eintreten, er hörte Leandro und meinen Vater auf Rocío einreden. Er hörte, dass sie sich bedanken wollten. Aber mich hörte er nicht. Das beunruhigte ihn so, dass er sich nicht über den Gang und die Treppe davonschlich, sondern wie gebannt stehen blieb, bis Rocíos Freund Iván herüberkam, um ihn zu holen.

Damián fragte ihn, ob ich dabei sei, ein Mädchen mit blauen Augen und Haar von der Farbe von Maisblüten. »Ich glaube schon«, antwortete Iván. »Auf jeden Fall sind es zwei Mädchen.« Ihm war vor allem Elena aufgefallen.

Ich lachte.

Damián lächelte. »Das hätte mir genügen sollen, aber ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, dich noch einmal zu sehen, Jasmin ...«

Er drückte meine Hand. Ein ungeküsster Kuss schwebte zwischen uns. Ich hielt es schier nicht aus. Aber ich musste. Meine Chance würde noch kommen, dachte ich. Nachher wird es passieren. Es wird geschehen, was geschehen muss!

Die Anspannung der durchrittenen Nacht begann von Damián abzufallen, als er hinter Iván ins Büro trat. Doch als mein Blick seinen auffing – klar, fragend, mitfühlend und leicht bestürzt –, wusste er, dass die blutigen Ereignisse dieser Nacht ihn meilenweit von mir trennten. Er würde es mir nicht erzählen können, und wenn er es doch eines Tages musste, würde er mir kaum vermitteln können, warum er, Damián, seinen Onkel Tano nicht der Polizei ausliefern konnte.

Da standen mein Vater, Leandro, Elena und ich und blickten ihm vertrauensvoll entgegen. Er sah vier ausgeruhte, heitere und dankbare Menschen, die die Nacht in den Kissen eines Luxushotels verbracht, sich geduscht und gut gefrühstückt hatten und nun ihre Dankbarkeit loswerden wollten. Doch Dankbarkeit war das, was er an diesem unseligen Morgen am wenigsten brauchen konnte. Er hatte auf ganzer Linie versagt, er hatte ein Blutbad nicht verhindern können.

Rocío blinzelte ihm wild zu und deutete mit dem Kinn auf den Scheck, den der große Leandro Perea eben ausgefüllt hatte. Er verscheuchte seine Gefühle und zwang sich zu einem Lächeln. Meinen fragenden Blick vermied er so gut es ging. So besorgt, wie ich ihn anschaute, fühlte er sich durchschaut. Und da ich nun einmal schon ahnte, dass unsere Befreiung nur der harmlose Teil einer sehr viel ernsteren Aktion war, griff er sich in die Taschen seiner schlammverkrusteten Hose und legte den Schmuck und das Handy auf den Tisch, die Tano den Toten abgenommen und ihm übergeben hatte, damit er sie zurückgab.

Leandros Entschlossenheit, ihn nicht ohne Dank davonkommen zu lassen, und unser Drängen, er möge es zulassen, dass mein Vater seine Schwester Clara untersuchte, halfen ihm, Trauer, Scham und Entsetzen zurückzudrängen und in die Welt normaler Gespräche zurückzufinden. Er hatte zwar keine Hoffnung, dass mein Vater etwas anderes diagnostizieren würde als ein halbes Jahr zuvor die Ärzte im Krankenhaus von Popayán, aber er durfte seiner Schwester diese eine, letzte Chance nicht vorenthalten. Nur mussten wir gleich aufbrechen, solange Onkel Tano noch fern von Yat Pacyte damit beschäftigt war, den Sieg über Antonios Truppe zu feiern und den erbeuteten Sattelschlepper von seinen Kämpfern plündern zu lassen.

Damián musste zwar nicht befürchten, dass Tano uns etwas antat, waren wir doch die Geiseln, die er Don Antonios Händen entrissen hatte, aber wenn wir mit Tano zusammengetroffen wären, wäre schnell offenbar geworden, wessen Neffe er, Damián, war. Solange er immer wieder hinaufritt zum Yat Pacyte, dem Haus am Hang, konnte er uns kaum glaubhaft versichern, dass er mit den gewalttätigen und kriminellen Machenschaften seines Onkels nichts zu schaffen hatte. Und er hatte ja durchaus damit zu schaffen. Sehr viel mehr, als er es manchmal wahrhaben wollte.

Deshalb schlug er vor, dass wir sofort aufbrachen. Es gelang ihm, schnell ein Auto zu organisieren. Die Aussicht, zwei oder drei Tage mit mir zu verbringen, erfüllte ihn zunehmend mit Freude und Erregung. Müdigkeit und Erschöpfung verflogen. Jede Faser in seinem Körper, alle Sinne bis in die Fingerspitzen, sein Herz und jede Nervenzelle in seinem Hirn freuten sich unbändig darauf, mir nahe zu sein und mich sehen zu können, wann immer er sich umschaute. Ich saß im Fond des Autos, er begegnete meinem Blick im Rückspiegel. Und wenn ich gerade aus dem Seitenfenster schaute, konnten seine Augen sich an meiner hellen Haut kaum sattsehen. Ich darf sie küssen!, sagte er sich, halb benommen von Freude. Es gefällt ihr. Sie liebt mich ... zumindest ein wenig ... Er war entschlossen zu genießen wie ein unschuldiger Student eine Studienfahrt zusammen mit seiner ersten Liebe. Drei Tage, in denen er ignorieren würde, was unüberbrückbar zwischen uns stand – das musste ihm erlaubt sein, fand er.

Er wählte, als wir auf den Pferden saßen, nicht den bequemeren, sondern den kürzeren Weg hinauf nach Yat Pacyte, obwohl er wusste, dass kurz vor dem Ziel ein Bergrutsch den Weg blockierte. Auch wenn er auf meine Frage hin bestritt, dass Don Antonio uns verfolgen und sich in Tanos Gebiet vorwagen würde, wollte er alle bösen Überraschungen ausschließen. Denn ganz sicher war er sich nicht, ob Antonios Rachedurst diesmal nicht doch groß genug war, um einen Gegenüberfall zu starten. Wer auch immer sich dieser Tage auf den Weg in die Berge um Yat Pacyte herum aufmachte, würde nicht diesen Aufstieg wählen, sondern bei Yat Wala am See in die Berge reiten. Also waren wir einigermaßen sicher.

Leider zwang ihn der schmale und stellenweise kaum sichtbare Pfad, meist voranzureiten. Aber wenn er sich umblickte, sah er mich. Ich saß entspannt auf dem Pferd. Beglückt registrierte er, dass ich den Ritt durch den Urwald genoss. Elena dagegen blickte unzufrieden und ängstlich drein, und Leandro, ganz am Schluss, versuchte immer wieder, mit seinem Satellitenhandy jemanden anzurufen. Irgendwann musste es ihm gelungen sein. Denn plötzlich hatte sich die Lage verändert. Damián erkannte es an den bestürzten Gesichtern, die Leandro, seine Tochter und ich machten. Nun hatten wir doch vom Gemetzel an Antonios Leuten erfahren. Er konnte sich vorstellen, was in unseren Köpfen vor sich ging. Wir fragten uns, ob wir, aus der einen Geiselhaft befreit, einem neuen Geiselnehmer in die Hände gefallen waren. Es schmerzte ihn, zu sehen, dass auch ich an ihm zweifelte. Andererseits musste er sich sagen, dass es vernünftig war, misstrauisch zu sein. Er hatte mir keinen Einblick in sein Leben und die Motive seines Handelns gegeben. Woher sollte ich das blinde Vertrauen in ihn nehmen? Und verdiente er es überhaupt?

Am Geröllhang hatte er uns absichtlich Zeit gegeben, uns darüber klar zu werden, ob wir ihn für einen Kriminellen, einen Mörder oder einen Geiselnehmer hielten und umkehren oder ihm weiter folgen wollten. Er hatte gespürt, dass mein Vater sich von uns vieren am wenigsten von den Nachrichten aus Popayán hatte beeindrucken lassen und am meisten seinem Gefühl vertraute, dass er, Damián, ein anständiger junger Mann sei.

»Aber du wusstest doch auch«, bemerkte ich, »dass wir in der Falle saßen. Wir hätten kaum aus eigener Kraft wieder zurückfinden können, oder?«

»Doch, schon. Leandro hätte es sicher geschafft, zumal mit seinem GPS-Handy. Allerdings wohl nicht in der Nacht.«

»Also konntest du eigentlich in Ruhe abwarten, bis wir uns besonnen hätten.«

»In Ruhe? Ich war nie ruhig auf dieser Reise, Jasmin. Leandro hätte auch eine Pistole dabeihaben können. Die Situation hätte eskalieren können. Männer wie Leandro sind gefährlich. Sie sind es gewohnt, die Kontrolle zu behalten. Da stirbt ganz schnell mal einer. Wer weiß, für wie viele Morde Leandro verantwortlich ist.«

Ich fuhr auf. »Was?«

»So ist das in diesem Land, Jasmin«, sagte er.

»Aber so was muss man auch beweisen!«, protestierte ich.

»Willst du Leandro in Schutz nehmen? Tatsächlich hat er sich auf unserer Reise als sympathischer, großzügiger und ruhiger Gefährte erwiesen. Er liebt seine Tochter. Er glaubt, er tue was Gutes, wenn er die Bevölkerung am Gewinn seiner Mine beteiligt. Aber es sind schon zwei Politiker des CRIC ermordet worden, die die Zustände im Tal unterhalb der Mine angeprangert und gefordert haben, dass man Leandro die Konzession entzieht und ein anderes System findet, die Smaragdmine auszubeuten.«

»Was für ein System denn?«

»Ohne diese Schlammlawinen, in denen jedes Mal, wenn sie zu Tal rauschen, ein paar Guaqueros sterben. Ohne Zehnstundenschichten sieben Tage die Woche unter Tage. Unter Aufsicht der Gewerkschaften, unter Kontrolle unserer örtlichen Politiker. Leandro hält sich für einen sozial denkenden Menschen, weil er zwanzig Prozent der Ausbeute der Mine im Schlamm den Zehntausenden kleiner Guaqueros überlässt. Aber er schafft damit nur eine fürchterliche Sucht, eine verheerende Abhängigkeit, die ganze Familien ins Unglück stürzt. Deshalb fordern wir, dass er die Mine vollständig selber ausbeutet und die zwanzig Prozent in Gebäude, Schulen, Krankenhäuser, Straßen und ein Gesundheitswesen in der Region investiert.«

»Aber dich hat er noch nicht ermordet«, stellte ich fest.

Damián lachte hart. »Ich bin ihm ja auch noch nicht in die Quere gekommen.« Er blickte mich prüfend an. »Tut mir leid, Jasmin. Ich habe vergessen, dass du aus einen Land kommst, wo es unvorstellbar ist, dass irgendwelche Gruppen das Recht in die eigene Hand nehmen, die Polizei korrupt ist und Politiker das Militär für ihre Ziele missbrauchen. Vielleicht ist Leandro nicht direkt für den Tod unserer beiden Politiker verantwortlich. Es gibt Leute, die für ihn die Drecksarbeit erledigen, oft ohne direkten Auftrag, einfach weil sie denken, dass man einen Gegner kurzerhand ermordet, statt mit ihm zu diskutieren. So behält Leandro immer eine weiße Weste, man kann ihn nicht erpressen, und man wird ihn nie vor Gericht stellen können, wenn wir eines Tages auch bei uns einen Rechtsstaat hinkriegen.«

Zwischen seinen Brauen stand wieder die steile Falte. Unvermittelt ließ er meine Hand los, die er so lange in den seinen gehalten hatte.

»Was ist?«, fragte ich.

Sein Ton war bitter. »Erinnerst du dich, was ich dich am Morgen auf der Weide von Yat Pacyte gefragt habe?«

Ich erinnerte mich gut. »Du hast mich gefragt, ob ich wüsste, wem ich mein Vertrauen schenke.«

»Ich wollte von dir wissen, ob du dich noch nicht gefragt hast, wie viel Blut an meinen Händen klebt.«

Ich erinnerte mich an meinen Schrecken und erschrak erneut. Er hatte mir erklärt, dass es richtig gewesen war, dass wir am Geröllhang plötzlich Angst vor ihm bekommen hatten. Ich müsse Angst vor ihm haben, hatte er mir gesagt. Ich müsse mich fragen, wie oft er getötet habe und noch töten werde in diesen Kämpfen im Namen der Revolution, bei denen es letztlich darum ging, wer in diesem Land sich die Schätze unter den Nagel reißen durfte, und bei denen die Indígenas immer den Kürzeren zogen.

»Wir alle«, sagte Damián leise, »die wir etwas erreichen wollen, was wir für eine Besserung der Verhältnisse halten, greifen immer wieder zu Mitteln, die nichts besser machen. Der Zweck heiligt die Mittel, sagt man. Aber das Einzige, was dabei herauskommt, ist Gewalt und Tod und Leid.« Er schaute mich an. Sein Blick war angespannt. »Und ich frage dich noch mal, Jasmin, was meinst du denn, wie viel ...«

»Die Antwort ist ganz einfach«, unterbrach ich ihn. »Du hast überhaupt kein Blut an deinen Händen, außer deinem eigenen. Sei nicht so dramatisch, bitte. Du wirst nie jemanden ermorden. Dazu bist du nicht fähig, Damián. Das weiß ich.«

Er schlang die Arme um mich. Sein Kuss schmeckte nach Liebe und Trauer, nach Verzweiflung und Entzücken. Viel zu schnell riss er sich los und sprang auf.

Der Ruf des Kolibris
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