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Wie sehnte ich den Montag herbei! Ich konnte kaum schlafen vor Ungeduld, dass endlich der Wecker klingelte und ich in die Schule durfte. Allein der Gedanke, dass eine ganze lange Nacht vergehen musste, dass ich erst einmal einschlafen, dann schlafen, dann aufstehen, frühstücken und in die Schule fahren musste, bevor ich Damián wiedersah, machte mich so zappelig, dass ich stundenlang wach lag.
Die Schule würde fortan der einzige Ort sein, wo ich frei war, dachte ich. Und zum Glück arbeitete Damián dort. Ich würde alle Missverständnisse mit ihm klären und wir könnten uns jeden Tag sehen und uns besser kennenlernen.
Aber ich hatte nicht mit der Macht der Erwachsenen gerechnet. Es war ganz einfach: Damián hatte Leandro Perea geärgert, und der ließ sich nicht ärgern. Seine Tochter hatte überdies in ihrer unendlichen Angst vor ihren eigenen Landsleuten laut genug behauptet, er sei ein Dieb und habe mich in der Anlage beklaut. Meine Mutter hatte am Sonntag mit Elenas Mutter telefoniert, voller Sorge, ich könnte das Abitur schmeißen und mit einem indigenen Revolutionär in den Dschungel flüchten. Daraufhin hatte Elenas Mutter mit der Schuldirektorin telefoniert und Damiáns Schicksal war besiegelt. Vielleicht hatte er es genau so gewollt, vielleicht hatte er es sogar herausgefordert, als er sich auf dem Diplomatenball mit einem der reichsten Männer des Landes anlegte ...
Jedenfalls, als ich in der großen Pause ins Hausmeisterbüro lief, um mich nach Damián zu erkundigen, erfuhr ich, dass er montags nie komme, und am Dienstag sagte mir der Hausmeister in knappen Worten: »Der kommt überhaupt nicht mehr.«
»Warum?«, fragte ich.
»Keine Ahnung.«
»Und woher wissen Sie das?«
»Von der Verwaltung.«
»Haben sie ihn rausgeschmissen?«
»Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, er kommt nicht mehr.«
Ich rannte zum Klo und heulte. Es war so unfair! Es war gemein und unfair. Es war ungeheuerlich!
Elena merkte, dass ich total durch den Wind war, denn in der Mittagspause konnte ich nichts essen. Sie schleppte mich hinaus in den Park und löcherte mich mit Fragen. Ich erzählte, dass ich Streit mit meinen Eltern gehabt hatte. »Die glauben, sie müssten mich vor Damián schützen! Sie haben Angst, ich könnte mich, nun ja, in Damián verguckt haben.« Es war zwar nicht ganz die Wahrheit, aber Elena musste ja nicht unbedingt wissen, dass ich mich in Damián verliebt hatte, jedenfalls jetzt noch nicht.
Sie schwor Stein und Bein, dass sie nichts davon wusste, ob ihre Eltern an der Schule Stimmung gegen Damián gemacht hatten. An das, was beim Ball oben im Panoramastockwerk geschehen war und was sie gesagt hatte, erinnerte sie sich nur nebelhaft. Es tat ihr furchtbar leid, dass sie mit ihrem betrunkenen Gerede über den Affen und die geklaute Uhr Damián in die Scheiße geritten hatte, falls es wirklich ihr Gerede gewesen war, was dazu geführt hatte, dass er nicht mehr kam. Sie versprach, sie werde ihre Eltern fragen, ob sie dafür gesorgt hatten, dass Damián seine Praktikumsstelle im Colegio Bogotano verloren hatte.
»Aber ich glaube nicht, dass es deswegen ist«, sagte sie. »Mein Vater hat es nicht nötig, so was zu tun. Warum sollte er sich an Damián rächen? So einer ist mein Vater nicht. Und du hast dich doch nicht wirklich in ihn verknallt, oder?«
»Darum geht es nicht«, behauptete ich. »Es ist einfach unfair! Es ist ungerecht. Auf den bloßen Verdacht hin, dass er ein Dieb sein soll, bloß weil das jemand sagt, kann man ihn doch nicht rauswerfen. Man muss ihn doch wenigstens anhören. Er muss sich doch verteidigen können.«
Elena zuckte mit den Schultern. »Vielleicht hat er von selbst gekündigt. Das wissen wir doch nicht.«
»Dann müssen wir es herausfinden.«
»Und wie?«
»Ich frage die Rektorin.«
»Das kannst du nicht bringen!«, rief Elena. »Da würden die doch nur Verdacht schöpfen.«
»Was für einen Verdacht denn?«
»Die Rektorin würde deine Eltern anrufen, wenn du im Rektorat einen Aufstand machst. Und alle würden denken, dass da was läuft.«
»Erstens, wer sagt, dass ich einen Aufstand mache. Und zweitens, man wird sich doch noch für Benachteiligte einsetzen dürfen. Man muss es sogar.«
»Hm.« Ich sah es Elena an, dass mein Sozialfimmel sie nicht beeindruckte. »Er sieht ja schon voll süß aus«, überlegte sie. »Aber ein Indígena, das ist nicht so einfach. Ich meine, wir sind keine Rassisten, wir leben im 21. Jahrhundert, aber die Mentalität ist doch eine ganz andere.« Sie kicherte. »Andererseits ... ich würde ihn auch nicht von der Bettkante stoßen.«
Wir kicherten uns ein. Dabei war ich total sicher, dass sie noch keinen Jungen über ihre Bettkante gelassen hatte.
»Du musst mir helfen, Elena«, sagte ich. »Ich brauche zwei Stunden.«
»Wozu?«
»Ich habe eine Idee, wie ich ...« Ich zögerte zwar, aber dann sagte ich es doch. »Wie ich Kontakt mit ihm aufnehmen könnte, um zu erfahren, was wirklich passiert ist. Ehe ich im Rektorat einen Aufstand mache.«
»Wie?«
»Über ...« Ich entschied mich, auch hier nicht die ganze Wahrheit zu sagen. »Über die Universität. Ich fahr heute nach der Schule oder morgen hin und frage nach ihm. Vielleicht habe ich Glück. Nur meine Eltern dürfen nichts davon mitkriegen. Sie würden sich viel zu sehr aufregen.«
Elene grinste. »Und was soll ich tun?«
»Wir gehen reiten, heute nach der Schule, wie immer. Aber nur du, ich nicht. Und damit meine Mutter keinen Verdacht schöpft, rufen wir sie an.«
»Warum sollte sie Verdacht schöpfen?«
»Man weiß nie. Sie haben mir verboten ...« Jetzt war es halb raus, also musste ich den Rest auch noch sagen. »Sie haben mir schon mal vorsorglich verboten, mich ohne ihr Wissen mit Damián zu treffen. Total blödsinnig, aber so sind sie eben.«
Elena feixte.
»Deshalb machen wir Folgendes: Ich mache mit meinem Handy eine Schaltkonferenz. Zuerst rufe ich dich an, und du sagst dann aber kein Wort, du sorgst nur dafür, dass man die Hintergrundgeräusche vom Stall hört, die Boxentüren, Pferdehufe und so. Ich rufe währenddessen meine Mutter an. Dann hört sie die Stallgeräusche und meine Stimme und denkt, auch ich sei im Stall.«
»Hm. Meinst du, das funktioniert?«
»Wäre doch eine interessante Frage, oder nicht?«
Wir probierten es gleich aus. Ich wählte Elenas Handy an, tippte auf Zweitanruf und rief Marco an, einen Jungen aus unserer Klasse. Er bestätigte, dass er Elena und mich hören konnte. Es ging also im Prinzip. Wenn wir bei mir zu Hause dann auf dem Festnetz anriefen, würde meine Mutter auch nicht an den Nummern sehen können, dass es zwei Handys waren, falls man das sah.
Auch das zweite Problem konnte ich mithilfe von Elena lösen. Ich brauchte Geld, das nicht nur für den Bus des TransMilenio reichte, sondern zur Not auch für ein Taxi. Ich hatte Geld für die Getränkeautomaten und die Cafeteria dabei. Es gab keinen Grund, meinen Eltern gegenüber zu behaupten, ich brauchte mehr.
Dienstags hatten wir schon um halb vier Schulschluss. Ich rief meine Mutter im Labor an und fragte verabredungsgemäß um Erlaubnis, ob ich wie üblich mit Elena in den Reitstall gehen durfte. Ich durfte. »Aber um sechs bist du daheim!«
In diesen Breiten ging die Sonne schließlich unerbittlich um sechs Uhr abends unter. Nach Einbruch der Dunkelheit war kein Mädchen mehr allein unterwegs. Das fand zumindest meine Mutter und war sich da einig mit Elena.
»Soll ich dich vom Stall aus noch mal anrufen?«, erkundigte ich mich bei meiner Mutter. Dabei bemühte ich mich, dass es weder ironisch noch bockig klang, sondern nett, kindlich und unbefangen.
»Warum?«, fragte sie verwundert.
»Na ja«, antwortete ich. »Ich dachte nur, du wolltest doch immer genau wissen, wo ich bin, und ...«
Es war ihr jetzt selbst ein bisschen peinlich, glaube ich. »Nein, ich vertraue dir.«
In meinem Magen gab es einen kleinen Stich. Da hatte ich mir nun ausgedacht, wie Elena und ich meine Mutter täuschen konnten, und wenn wir es gemusst hätten, hätte es mir weniger ausgemacht, sie zu hintergehen und zu betrügen, als jetzt, wo sie mir sagte, dass sie mir vertraute. Ich hasste die Dramatik, die das alles bekommen hatte. Warum reagierten Eltern oft so panisch, sobald ein Junge am Horizont auftauchte?
Na gut, ich hatte gesagt, ich wolle Damián heiraten. Aber meine Eltern waren dreißig Jahre älter als ich. Sie mussten wissen, dass ein Mädchen den ersten Jungen, in den es sich verliebte, meistens nicht heiratete. Genauso hatte es mein Vater mir doch erklärt. »Das geht vorbei.« Warum regten sie sich also so auf? Ich dagegen war sechzehn, ich machte meine ersten Erfahrungen, ich durfte radikal sein! Aber sie nicht. Wozu waren sie Erwachsene? Wozu hatten sie Lebenserfahrung? Sie waren doch sonst auch immer ganz abgeklärt. »Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird«, pflegte Papa zu sagen, wenn ich wieder mal beschlossen hatte, die Schule zu wechseln, weil ein Lehrer mich ungerecht behandelt oder Vanessas Clique mich geschnitten hatte. »Morgen sieht die Welt ganz anders aus.« Und so weiter. Da sollten er und Mama sich jetzt mal dran halten, dachte ich. Ich war ja kein kleines Kind mehr, auf das man ständig aufpassen musste, ich wusste durchaus, was ich tat und wann es gefährlich wurde. Und wenn ich jetzt nicht Damián suchen ging, dann würde ich es für den Rest meines Lebens bereuen. Das war klar. Und wenn meine Eltern das nicht verstehen konnten, dann musste ich sie eben austricksen, so leid es mir tat.
Der Reitstall lag an der großen Ausfallstraße gen Norden, der Autopista a Tunja, an der auch das Colegio lag. Mit dem Bus war es eine Haltestelle. Elena stieg aus, ich fuhr weiter bis zur Bushaltestelle Pepe Sierra, an der ich immer ausstieg, wenn ich nach Hause musste, nur dass ich diesmal an San Patricio vorbei die ganze lange Avenida Pepe Sierra entlang bis hinüber nach Santa Ana laufen musste, wo in der Calle 110 die geheimnisvolle Medizinfrau mit dem Äffchen im Waldhaus wohnte.