Kapitel
18

Killebrew lenkte den Rollstuhl zu dem LED-Monitor, der die Bilder des Elektronenmikroskops zeigte. In Schutzkleidung zu arbeiten, machte jede Bewegung umständlich, aber langsam gewöhnte er sich daran. Und wenn er sich jetzt noch nicht so recht darauf eingestellt hatte, bald mußte er sich eingewöhnt haben: Seine momentane Aufgabe würde sich voraussichtlich über mehrere Monate erstrecken, vielleicht bis zu einem Jahr dauern.

Die Arbeit mit einem Biotyp-4-Agens über eine längere Zeitspanne hinweg erforderte tatsächlich eine besondere Sorte Mensch. Klaustrophobie galt als einer von mehreren Faktoren, die selbst die ehrgeizigsten biologisch-technischen Assistenten davon abhielten, sich öfters damit zu befassen. Der Hauptnachteil für viele jedoch war der Umstand, daß man sich kaum bewegen konnte. Stundenlang hintereinander, ohne Pause, an seinem Platz sitzen zu können, war unbedingt erforderlich, denn jedesmal, wenn man die Arbeit unterbrach, mußte man die Dekontaminationsprozedur wiederholen.

Da er ohnehin an den Rollstuhl gefesselt war, hatte Killebrew nie Probleme mit dem Sitzen gehabt. Wenn überhaupt, dann war das das einzig Positive seiner Behinderung, an der er litt, seit er im Kindesalter an multipler Sklerose erkrankt war. Er drang in die Welt der Viren und Bakterien ein, sah sie auf den Objektträgern umherwimmeln und erkundete ihr wildes Getümmel – eine Bewegungsart, die ihm für immer unmöglich blieb. Wegen der potentiellen Gefahr, durch eine neue MS-Attacke auch den Rest seiner motorischen Fähigkeiten zu verlieren, schätzte er seine Tätigkeit um so mehr; er verrichtete ohne weiteres gerne die Routineaufgaben, die andere Mitarbeiter anödeten, und scheute nicht die Risiken gefahrvoller Herausforderungen, vor denen alle anderen Bammel hatten.

Den Killerorganismus aus der Citypassage von Cambridge zu finden, fiel eindeutig in die letztere Kategorie. Sämtliche Opfer waren ins hochmoderne SKZ-Quarantänezentrum im Innern des in den Ozark-Bergen gelegenen Mount Jackson gebracht worden. So viele Leichen sprengten fast die Kapazitäten der Einrichtung, zumal bei Berücksichtigung des Umstands, daß sie alle tiefgefroren aufbewahrt werden mußten. Gegenwärtig lagen sie in speziell konstruierten Fertigcontainern im sporthallengroßen Hauptlagerraum des Quarantänezentrums.

Killebrew stand vor der Aufgabe, jede Facette der metastasischen Ausbreitung des Organismus vollkommen zu analysieren. Weil das Institut jetzt zum erstenmal Erfahrungen mit einer gentechnisch erzeugten, programmierten, organischen Struktur sammeln konnte, konnten daraus grenzenlose Aussichten resultieren. Erstens war es denkbar, daß Killebrews Untersuchungen zu einem Durchbruch im Bereich der Krebsvorbeugung und -heilung führten. Zweitens gewann er vielleicht darüber Erkenntnisse, wie man gegen einen solchen Organismus angehen konnte, sollte die Menschheit je wieder von ihm bedroht werden.

Er begann seine Arbeiten an drei Leichen, deren Identität man unzweifelhaft geklärt hatte. Er arbeitete abwechselnd an den drei Toten, untersuchte Gewebeproben aus gleichen Körperteilen, um aufzudecken, wie der Organismus sich in einem Wirt fortpflanzte und verbreitete. Die nächste Aufgabe betraf die Feststellung von Randfaktoren, damit man wußte, wie der Organismus auf gewisse Stimuli reagierte. Wie, zum Beispiel, beeinflußten Nebenfaktoren wie Alter, Geschlecht, Größe, Blutzusammensetzung und diverse sonstige Variablen die Erkrankung, sobald sie den Körper befallen hatte?

Natürlich hatte Killebrews erster Schritt darin bestanden, den Organismus selbst zu isolieren und zu identifizieren. Damit hatte er den ganzen ersten Tag im Mount Jackson zugebracht; auf dem Monitor gab es momentan eine einzelne Zelle zu sehen, vom Elektronenmikroskop in voller Pracht entlarvt.

»Das vom Organismus isolierte Partikel«, sagte Killebrew in das in seinem Schutzhelm integrierte Mikrofon, »scheint neun verschiedene Proteine zu besitzen, neun verschiedene Moleküle, die ich nicht identifizieren kann. Es hat die genetische Struktur eines Bakteriums, ähnelt in Form und Verhalten der Milzbrandbakterie. Dadurch wird die ursprüngliche Hypothese hinfällig, die davon ausging, der Organismus sei ein ansteckendes Virus, das ein ähnliches, allerdings stärkeres Ausbluten der Erkrankten wie das Ebola-Virus verursacht …«

Er verstummte und ordnete seine Gedanken.

»Dagegen bestätigt der genetische Aufbau die gegenwärtige These, daß es sich um keinen neuentdeckten, sondern einen künstlich erschaffenen Organismus handelt. Weil der Organismus aber nicht in lebendem, organischem Zustand vorliegt, lassen sich keine konkreten Aussagen darüber machen, welche Eiweißketten in Interaktion treten, um bei Einflußnahme gewisser Stimuli eine Metastasierung im Wirt hervorzurufen …«

Wieder schweiften Killebrews Gedanken zu den Wirten, siebzehnhundert an der Zahl, alle binnen einer Minute in der Citypassage von Cambridge dahingerafft. Im Anschluß daran hatte keine weitere Verwesung eingesetzt. Susan Lyle hatte sie in genau der Verfassung vorgefunden, die sie während der Stunden vor ihrer Ankunft gehabt hatten.

»Die Geschwindigkeit, mit der die in den Stickstoff-Sauerstoff-Verbindungen befindlichen Blutenzyme verzehrt wurden, steht zu allem im Widerspruch, was man in dieser Hinsicht bisher als möglich erachtet hat. Der Organismus war dazu in der Lage, in den Opfern sämtliche entsprechenden Stellen gleichzeitig zu attackieren, wie auch aus dem Fehlen erkennbarer Indizien für Verkrampfungen oder Spasmen in den Überresten des Muskelgewebes hervorgeht. Dies widerlegt Dr. Lyles vorläufig postulierte Meinung, der Organismus habe die Lungen der Opfer als Vehikel benutzt. Als logischer muß nach dem jetzigen Stand der Untersuchungen ein transdermaler Eintritt angenommen werden, da die Petrifikation der Extremitäten, also der Hände und Füße, die als letztes vom Blut erreicht werden, ohne signifikante Verzögerung erfolgte. Um diese Einschätzung zu untermauern …«

An dieser Stelle steuerte Killebrew den Rollstuhl weg vom Monitor und zu der Leiche, die man ihm auf einen niedrigen Labortisch gelegt hatte.

»… entnehme ich Gewebeproben aus den Extremitäten eines als fünfundsiebzigjähriger Weißer identifizierten Opfers, das nachweislich zu Lebzeiten an Arteriosklerose gelitten hat. Falls diese Proben vergleichbare Konzentrationen des eingedrungenen Organismus enthalten wie die in anderen Körperbereichen gewonnenen Proben, wäre damit die These von der transdermalen Penetration bestätigt.«

Die Tiefkühlaufbewahrung hatte die Verdorrtheit der Leichen noch wesentlich verstärkt; daher waren sie jetzt in dermaßen sprödem und brüchigem Zustand, daß das Entnehmen von Gewebeproben Schwierigkeiten bereitete. Darum benutzte Killebrew statt eines Skalpells ein Elektromesser, das Ähnlichkeit mit einem Lötkolben hatte. Mit diesem ›erhitzbaren Skalpell‹ entnahm er vier Gewebeproben aus Händen und Füßen des toten Fünfundsiebzigjährigen. Er legte sie in seine Laborschale, trennte mit einem normalen Skalpell winzige Stücke ab, brachte sie auf vier Objektträger und rollte wieder in Richtung des Elektronenmikroskops.

Plötzlich klemmte das rechte Rad des Rollstuhls, und die frischen Gewebeproben rutschten von Killebrews Schoß auf den Fußboden.

»Verdammt noch mal«, schimpfte er, kehrte an den Labortisch zurück, um von den Proben neue Stücke abzuschneiden.

Aus der Laborschale stieg Dampf auf, und Killebrew sah, daß er vergessen hatte, den erhitzbaren Elektroschneider abzuschalten. Schnell schaltete er das Gerät aus und stellte dann erfreut fest, daß das Fleisch von der heißen Schneide nur erwärmt worden war, aber nicht verschmort. Er trennte vier weitere Gewebestücke ab, rollte damit zum Elektronenmikroskop und schob die Objektträger in die dafür bestimmten Schlitze. Anschließend plazierte er sich wieder vor dem Monitor und gab den Aktivierungsbefehl ein.

Auf dem Bildschirm erschienen vergrößert die Moleküle des in das Opfer eingedrungenen Organismus.

»Die aus den Extremitäten entnommenen Moleküle scheinen in jeder Beziehung identisch zu sein mit denen, die in größerer Nähe zu Herz und Lungen gewonnen wurden. Um diese Tatsache zu illustrieren, werde ich die Moleküle aus den Extremitäten deckungsgleich auf die Moleküle aus den anderen Körperteilen desselben Opfers projizieren.«

Killebrew gab die entsprechenden Befehle ein. Der Bildschirm teilte sich. In jeder Hälfte erschien ein Molekül. Der Computer rückte beide aufeinander zu, bis er das eine Molekül über das andere verlagert hatte.

»Abgesehen von minimalen Abweichungen an den Rändern, die durch herkömmlichen Gewebeverfall erklärbar sein dürften, scheinen die Moleküle in jeder Beziehung gänzlich gleichartig beschaffen …«

Killebrew unterbrach sich mitten im Satz. Irgend etwas auf dem Bildschirm störte ihn bei seinen Überlegungen. War es ein Computerfehler, oder trogen ihn seine ermüdeten Augen?

Er rieb sich die Augen, bemühte sich um eine entspannte Haltung und schaute noch einmal hin.

Da war es wieder. Oder vielmehr, da war es noch immer.

»Das kann doch nicht sein«, murmelte er. »Das ist doch nicht …«

Schnell rollte er zurück zum Labortisch, blickte in die Laborschale, in der er unbeabsichtigt das heiße Schneidegerät hatte liegen lassen.

»O mein Gott …«

Seine Hände in den Kevlarhandschuhen zitterten jetzt. Er lenkte den Rollstuhl zur Hauptarbeitsfläche und hob den Hörer des Telefons ab, das ihn direkt mit der SKZ-Direktion in Atlanta verband. Er legte den Hörer in die Mulde eines Übertragungsmoduls, das es ihm digital ermöglichte, Telefonate per Helmfunk zu führen.

»Geben Sie mir sofort Dr. Lyle.«

Während die Sekunden verstrichen, blieb Killebrews Blick auf den Monitor geheftet, der unverändert die beiden aufeinanderprojizierten Moleküle zeigte.

»Was soll das heißen, Sie können sie nicht erreichen? Sie müssen doch dazu in der Lage sein, mich mit ihr zu verbinden. Sie ist was … Was meinen Sie damit, versetzt worden? Wo zum Teufel ist sie? Ach was, ich will's gar nicht wissen, Hauptsache ist, Sie verbinden mich mit ihr, und zwar schleunigst … Ein Notfall?« Ehe er weitersprach, fiel Killebrews Blick erneut auf die Mattscheibe. »Das kann man wohl sagen.«