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Mit einer gewissen Verwunderung ließ Eivor Sjöberg ihren Sohn zu dieser späten Stunde ein.
»Was um alles in der Welt willst du denn hier, Conny? Es ist schon nach zehn Uhr.«
Er umarmte sie und küsste sie hastig auf die Wange.
»Wir müssen reden, Mama. Und ich werde nicht wieder gehen, bevor du mir nicht erzählt hast, was ich hören will.«
»Oje, das klingt ja ernst«, sagte sie mit einem unschuldigen Lächeln, obwohl Sjöberg sicher war, dass sie wusste, worüber er reden wollte. »Möchtest du einen Kaffee?«
Eigentlich hätte er lieber einen Drink gehabt, aber da er noch Auto fahren musste, nahm er das Angebot dankend an. Er setzte sich auf einen Stuhl am Küchentisch und hängte die Jacke über die Lehne. Während sie mit dem Rücken zu ihm den Kaffee kochte, erzählte er von seinem Besuch bei der Großmutter. Als er sie erwähnte, sah er, wie seine Mutter erstarrte.
»Sie war unverhohlen feindselig«, sagte Sjöberg. »Ich bin nur kurz geblieben, es war fast nicht auszuhalten. Jedenfalls ist es mir gelungen, das aus ihr herauszubekommen, was ich wissen wollte. Aber ich glaube, dass wir beide uns besser fühlen würden, wenn du mir deine Version erzählst. Du bist schließlich dabei gewesen.«
Die Mutter klapperte mit dem Porzellan, um ihre Gedanken zu betäuben, sich gegen das Unvermeidliche zur Wehr zu setzen.
»Zuerst, Mama, möchte ich dir sagen, dass du eine fantastische Mutter warst. Und es immer noch bist. Ich bewundere deinen Mut und deine Beharrlichkeit. Du hast mir eine schöne Kindheit beschert und mich zu einem tüchtigen und alltagstauglichen Menschen erzogen. Ich klage dich auch nicht an, darum geht es hier nicht. Und ich verstehe, wie es dir gegangen sein muss. Jetzt verstehe ich es. Ich sage es noch einmal: Ich finde wirklich, dass du ein bewundernswerter Mensch bist. Ich kann auch verstehen, warum du mir nie etwas erzählt hast. Es war deine Art, über alles hinwegzukommen, und du hast das getan, von dem du glaubtest, dass es das Beste für mich war. Aber jetzt muss ich es wissen, Mama. Jetzt musst du es mir erzählen. Die ganze Geschichte über all das Schreckliche, das in jener Nacht passiert ist, und über das, was danach kam.«
Die Mutter hatte in ihren Bewegungen innegehalten, kehrte ihm aber weiterhin den Rücken zu. Er fragte sich, ob sie weinte. Er konnte sich nicht erinnern, sie jemals weinen gesehen zu haben. Die Kaffeemaschine gab ein blubberndes Geräusch von sich, und gemütlicher Kaffeegeruch breitete sich in der Küche aus.
»Jetzt komm und setz dich, Mama«, sagte Sjöberg freundlich.
»Der Kaffee ist fast fertig.«
»Möchtest du ein Glas Likör zum Kaffee?«
»Nein, das ist doch nicht nötig ...«
Näher konnte seine Mutter einem Ja nicht kommen, wenn sie auf diese Art von Fragen antwortete, also stand Sjöberg auf und holte eine Flasche Orangenlikör, die er selbst einmal gekauft hatte, aus dem Fach oberhalb des Kühlschranks. Aus der Vitrine im Wohnzimmer holte er ein Likörglas.
Als er sich wieder an den Tisch gesetzt hatte, schenkte er das Glas fast voll und wartete schweigend darauf, dass der Kaffee endlich fertig wurde. Die Mutter servierte jedem eine Tasse und setzte sich schließlich zu ihm. Er stellte das Glas vor ihr auf den Tisch und schlürfte vorsichtig den heißen Kaffee.
»Möchtest du kein Butterbrot haben?«, fragte sie plötzlich, aber Sjöberg wollte sich nicht länger hinhalten lassen.
»Erzähl jetzt, Mama. Ich weiß, wie anstrengend es für dich ist, und für mich ist es auch nicht leicht, aber ich bin ja bei dir.«
Er legte seine Hand auf ihre, und sie machte keine Anstalten, sie zurückzuziehen.
»Erzähl mir von Alice«, sagte er sanft und schaute ihr direkt in die Augen.
Dieses Mal wich sie seinem Blick nicht aus, und er sah, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Er hielt ihre Hand ganz fest.
»Ich kann nicht über Alice sprechen«, sagte sie langsam.
»Du musst, Mama. Ich möchte meine Schwester kennenlernen.«
Die Mutter holte tief Luft, und alle Dämme brachen. Die Tränen rannen ihre faltigen Wangen hinunter, und zum ersten Mal ließ sie los, woran sie sich so viele Jahre festgehalten hatte – das Schweigen. Auch Sjöberg konnte die Tränen während der Erzählung seiner Mutter nicht zurückhalten, die eine vertraute Saite in ihm anschlug.
In den Stunden, die folgten, weinten sie zusammen und trösteten einander, während sie die beschwerliche Reise in die Vergangenheit unternahmen. Sie erzählte von einer Augustnacht 1961, als Eivor Sjöberg mitten in der Nacht von einem starken Brandgeruch und zunehmender Hitze im Schlafzimmer im Obergeschoss geweckt wurde. Neben ihr im Bett lag ihr Mann, Christian, und sie schrie und schüttelte ihn, aber er wollte nicht aufwachen. Sie versuchte ihn aufzurichten, aber er war unwillig und zu schwer.
»Alice«, schrie sie, aber die bald sechsjährige Tochter, die am weitesten von ihr entfernt am Fenster lag, wollte ebenfalls nicht aufwachen.
Sie stürzte zu Alice hinüber und schüttelte sie. Ihr rot gelocktes Haar lag ausgebreitet wie ein Fächer hinter ihrem kleinen, sommersprossigen Gesicht. Das Mädchen schlug langsam die Augen auf.
»Alice«, schrie sie noch einmal. »Es brennt! Du musst in den Hof hinunterlaufen! Ich nehme deinen kleinen Bruder!«
Aus dem Erdgeschoss hörte sie das Geräusch von zerspringenden Fenstern. Sie eilte zum Doppelbett zurück, nahm alle Kräfte zusammen und konnte den schweren Männerkörper schließlich auf den Boden rollen. Da endlich wachte er auf und murmelte ein paar unzusammenhängende Worte, während er sich aufsetzte.
»Es brennt, Christian!«, rief sie, während sie die Decken von dem kleinen Jungen riss, der tief auf einer Matratze auf dem Boden schlief, und nahm ihn auf den Arm. »Nimm Alice und bring sie nach unten auf den Hof!«
Bevor sie das Zimmer verließ, drehte sie sich nach ihrer Tochter um, die die Augen schon wieder geschlossen und sich auf die Seite gerollt hatte. Aber Christian kroch keuchend und fluchend auf allen vieren zu ihr hinüber.
»Alice!«, brüllte sie immer wieder, unfähig zu entscheiden, was sie jetzt tun sollte, aber bevor sie gar nichts tat, lief sie lieber mit ihrem Sohn in den Armen die Treppe hinunter.
Die untersten Stufen der Treppe standen wie das ganze Erdgeschoss bereits in Flammen, die an den trockenen Deckenbalken leckten. Es war eine Frage von Minuten, bis die Flammen auch das Obergeschoss ergriffen hatten. Sie sprang in den Hof hinaus und stellte den Jungen, der mittlerweile von dem Tumult aufgewacht war, in sicherer Entfernung von dem brennenden Gebäude ab. Dann lief sie zum Haus zurück, aber das Feuermeer, das ihr entgegenschlug, war undurchdringlich. Sie wäre selbst innerhalb weniger Sekunden verbrannt, wenn sie versucht hätte, in ihrem Nachthemd und mit offenen Haaren durch das Feuer zu laufen. Durch die Tür sah sie, dass die ganze Treppe bereits in Flammen stand. Damit gab es keine Möglichkeit mehr, nach oben zu laufen und anschließend wieder hinunter. Stattdessen schrie sie immer wieder die Namen ihres Mannes und ihrer Tochter, stürmte wieder in den Hof und stellte sich so hin, dass sie das Schlafzimmerfenster sehen konnte.
»Alice! Christian!«, brüllte sie aus vollem Hals, bevor sie sich umschaute und nach etwas suchte, das sie durch das Fenster werfen konnte.
Sie fand ein Holzscheit, das sie mit solcher Wucht gegen das Fenster schleuderte, dass es zersplitterte.
»Alice!«, schrie sie erneut. »Du musst durch das Fenster springen! Ich fange dich auf! Alice! Alice!«
Ein paar Schritte hinter ihr stand der Junge und wurde schweigend Zeuge des ohnmächtigen Kampfes seiner Mutter gegen die Zeit und das Feuer. Und plötzlich tauchte sie tatsächlich im Fenster auf. Alice stolperte hinter der zerbrochenen Scheibe umher, und jetzt begegneten sich ihre Blicke. Mit einem fast verwunderten Ausdruck schaute sie zu ihnen hinunter, und der Schrei, der aus der Kehle seiner Mutter drang, ging ihm durch Mark und Bein; ihr Schrei, als sie sah, wie das Haar ihrer Tochter plötzlich in Flammen aufging und sich das Feuer wie ein Kranz um ihr ungläubiges Gesicht legte. Ein Gesicht, dass sich in Qualen verzerrte, bevor sie fiel und aus ihrem Gesichtsfeld verschwand, aus ihrem Leben und aus der Erinnerung ihres kleinen Bruders.
Die Mutter nahm den Jungen auf den Arm und lief. Ihre nächsten Nachbarn wohnten mehrere Hundert Meter entfernt, aber sie lief. Sie lief, wie sie noch nie zuvor gelaufen war, mit dem Kind auf dem Arm und barfuß in der Dunkelheit über die Schotterstraße. Schließlich erreichte sie die Nachbarn, und die Nachricht verbreitete sich von Haus zu Haus, dass der Sjöberghof in Flammen stand, und alle, die dazu in der Lage waren, eilten dorthin, um den Brand zu löschen. Dem Mädchen war nicht mehr zu helfen, aber den Mann, den Vater, fanden sie auf dem Boden liegend, und sie konnten ihn auf den Hof ziehen, bevor es zu spät war.
Nachdem er in das große Krankenhaus in der Hauptstadt gebracht worden war, erlangte er nach einer Weile das Bewusstsein wieder, aber bei den Verbrennungen, die er erlitten hatte, wäre es besser gewesen, wenn er tot gewesen wäre. Eivor Sjöberg ließ ihren Sohn seinen bis zur Unkenntlichkeit entstellten Vater nie mehr sehen, und auch bei der Beerdigung durfte er nicht dabei sein.
Der Verlust der Tochter war zu viel für Eivor, sodass sie in den schweren Monaten nach dem Feuer, als ihr Mann im Krankenhaus lag und ihre Schwiegereltern mit ihr auf dem Kriegsfuß waren, mit niemandem darüber reden konnte. Die Schwiegereltern konnten sich nie mit der Tatsache abfinden, dass sie sich selbst gerettet hatte, aber nicht ihren Mann – ihren Sohn. Und sie konnten niemals begreifen, was sich in ihrem Kopf abgespielt hatte, als sie auf den Hof hinuntereilte, ohne sich vorher zu vergewissern, dass alle Familienmitglieder wach und auf den Beinen waren. Sie ließen sie mit ihrer Trauer erst in Ruhe, als sie aus ihrem Umfeld verschwunden war, aus ihrer Heimat, wo sie aufgewachsen war, und das kleine, demütigende Abbild ihres geliebten Sohnes mit sich genommen hatte.
Sie zog natürlich nach Stockholm, wo Christian behandelt wurde, und dort begann das Leben, an das sich Sjöberg erinnern konnte. Was sie dorthin geführt hatte, wurde totgeschwiegen, und was hätte sie auch groß dazu sagen können?
Viele Tränen, viele Tassen Kaffee und viele Gläser Likör später hatte Sjöberg das Gefühl, dass er und seine Mutter jetzt einer besseren gemeinsamen Zukunft entgegengingen.