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»Die Ermittlungen haben eine unerwartete Wendung genommen«, eröffnete Sjöberg die Versammlung.
Es war Viertel nach fünf, und mitten auf dem Tisch in dem blauen, ovalen Raum stand ein Tablett mit belegten Brötchen, die Jenny ein paar Minuten zuvor dort abgestellt hatte.
»Ihr könnt übrigens gern zugreifen«, sagte Sjöberg und deutete auf das Tablett.
Er selbst fühlte sich eher am Rande der Übelkeit und begnügte sich mit dem Mineralwasser, das er bereits in der Hand hielt, während seine Kollegen mit großem Appetit zugriffen.
»Zuerst möchte ich hören, ob sonst jemand etwas herausbekommen hat. Petra und Jens?«
»Catherine Larsson hat sich der Raumpflege gewidmet, weiter nichts«, sagte Petra Westman.
»Und darin war sie eine Meisterin, wenn man den Kunden glauben darf, mit denen wir gesprochen haben«, ergänzte Sandén. »Sie nahm neunzig Kronen die Stunde, und es dürften etwa dreißig Stunden in der Woche zusammengekommen sein. Das sind 2700 schwarze Kronen die Woche. Das ist ordentlich, reicht aber nicht für eine Wohnung am Hammarbyhamnen.«
»Nichts Auffälliges bei den Kunden«, fuhr Westman fort. »Sie leben ziemlich verteilt über Stockholm und die Vororte, scheinen ganz normale Leute zu sein und waren ziemlich betroffen, als sie hörten, was passiert ist. Wir werden die Familien im Kriminalregister überprüfen, aber bislang sind wir auf nichts Verdächtiges gestoßen. Niemand wusste irgendetwas Wesentliches über ihr Privatleben zu sagen.«
»Gut, danke«, sagte Sjöberg. »Arbeitet weiter mit den Kunden und gleicht sie mit den Registern ab. Trotz dem, was ich euch jetzt erzählen werde.«
Eine spürbare Spannung erfüllte plötzlich den Raum. Das Kauen wurde eingestellt, und Sandén richtete sich in seinem Stuhl auf. Westman strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr. Hamad legte sein Brötchen auf dem Tisch ab und verschränkte die Arme vor der Brust. Rosén schaute von seinem Collegeblock auf. Alle Blicke waren auf Sjöberg gerichtet.
»Jamal hat noch einmal die Kinder in Larssons Kindergarten besucht«, begann Sjöberg. »Der geheimnisvolle ›Erik‹ ist jetzt identifiziert, und es hat sich erwiesen, dass tatsächlich er derjenige war, der die Kosten für Catherine Larssons Wohnung übernommen hat.«
Sjöberg legte eine Pause ein, bevor er fortfuhr. Im Besprechungsraum war nichts zu hören außer dem schwachen Summen des Lüftungssystems.
»Was ich euch jetzt mitzuteilen habe, sind äußerst sensible Informationen, und ich möchte, dass ihr dementsprechend damit umgeht. Sie sind vertraulich, und ich möchte alle bitte, sie nicht aus diesen Mauern herauszutragen, bis wir mehr wissen. Die Angelegenheit sollte darüber hinaus so unvoreingenommen und professionell wie immer behandelt werden. Ganz unabhängig davon, was man persönlich davon halten mag.«
Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Sjöberg verschränkte die Hände vor sich auf dem Tisch und ließ den Blick über seine Zuhörer wandern, als wollte er ihre unausgesprochenen Schwüre auf Respekt und Professionalität entgegennehmen.
»Catherine Larssons Wohltäter heißt in Wirklichkeit nicht Erik«, sagte Sjöberg. »Er heißt Einar Eriksson.«
Ein paar Sekunden lang fiel kein Wort und niemand rührte sich. Dann ließ Rosén seinen Stift auf die Tischplatte fallen und seinen langen Körper in den Stuhl zurücksinken. Hamad griff nach seinem Käse-Schinken-Brötchen und biss hinein. Westman schüttelte den Kopf und betrachtete Sjöberg mit einem Blick, als wollte sie ihn bitten, das Gesagte wieder zurückzunehmen. Sandén machte sich zum Dolmetscher für sie alle.
»Das kann doch nicht wahr sein«, sagte er nur.
Sjöberg ließ die Informationen eine Weile sacken, bevor er wieder das Wort ergriff.
»Die Faktenlage ist folgende: Die Morde an Catherine Larsson und ihren Kindern wurden irgendwann in der Nacht von Samstag auf Sonntag begangen. Irgendwann zu dieser Zeit verschwand auch Einar. Er ist seit 1976 mit Solveig Eriksson verheiratet, die sich in Solberga befindet, einem Pflegeheim mit Adresse in Fellingsbro, einer Ortschaft in der Nähe von Arboga. Dort wird sie seit 1977 gepflegt, den Grund dafür kennen wir nicht. Laut Aussage eines Nachbarn von Einar fährt er jeden Samstagmorgen mit seinem Auto los und kommt erst spät am Abend wieder nach Hause. Ich habe mir von dem Pflegeheim bestätigen lassen, dass er den Tag in Solberga verbringt. Jeden Samstag sitzt er dort am Krankenbett seiner Frau. Darüber hinaus verbringt er dort den Heiligen Abend und ihren Geburtstag. Regelmäßig wie eine Uhr. Der Nachbar hat ihn am vergangenen Samstag nicht zurückkehren sehen, aber am frühen Sonntagmorgen stand das Auto wieder an seinem Platz, sodass wir davon ausgehen können, dass er wieder nach Hause gekommen ist. Die Sonntagsausgabe der Dagens Nyheter liegt noch bei ihm im Flur, er hat sie nicht aufgehoben. Das sind unsere Anhaltspunkte.«
Rosén, Westman und Sandén schrieben eifrig mit. Hamad widmete sich seinem belegten Brötchen.
»Was die finanzielle Situation betrifft, so stimmen die monatlichen Eingänge von 5000 Kronen auf Catherine Larsson Konto mit den Abhebungen überein, die Einar von seinem Konto vornimmt. Der eigentliche Wohnungskauf wurde mit dem Geld finanziert, das Einar mit dem Verkauf seines Reihenhauses in Huddinge eingenommen hat, wo er bis April 2006 gewohnt hat, das heißt, kurz bevor Catherine Larssons Wohnung gekauft wurde. Einars Gehalt wurde fast vollständig darauf verwendet, den Lebensunterhalt der Familie Larsson zu decken und das Pflegeheim für seine Frau zu bezahlen. Das bisschen, was noch übrigblieb, musste für seine Miete und sein Essen reichen. So viel wissen wir. Kommentare?«
Drei Stimmen versuchten sich gleichzeitig Gehör zu verschaffen, aber Sandéns war die durchdringendste.
»Wie seid ihr darauf gekommen?«
»Jamal hat den Pullover in der Wohnung wiedererkannt und ihn mit Einar in Verbindung gebracht. Das Kindergartenpersonal hat Einar anhand eines Fotos identifiziert. Das SKL wird mit den Untersuchungen von Haarsträhnen und anderem versuchen, wissenschaftliche Beweise dafür zu erbringen, dass der Pullover Einar gehört.«
»Ist es möglich, dass diese Larsson-Kinder in Wirklichkeit von Einar sind?«, wollte Rosén wissen.
Dieser Gedanke war Sjöberg noch nicht gekommen.
»Die Möglichkeit besteht natürlich«, antwortete er. »Ich werde Bella danach fragen, sobald wir die Ergebnisse von Christer Larssons Vaterschaftstest haben. Wenn er nicht der Vater ist, machen wir mit Einar weiter. Hadar, ich möchte, dass du einen Durchsuchungsbeschluss für Einars Wohnung ausstellst. Jens, du fährst dann zusammen mit Petra dorthin. Vergesst nicht das Auto, es steht auf dem Parkplatz vor dem Haus. Nehmt auch gleich die Gelegenheit wahr, euch mit den Nachbarn zu unterhalten. Es genügen diejenigen, die im selben Haus wohnen. Besonders neugierig sind wir darauf, ob jemand am Samstagabend gesehen hat, wie er nach Hause gekommen ist, oder ob er dabei beobachtet worden ist, wie er sich wieder auf den Weg gemacht hat. Alle Schuhe in der Wohnung werden unmittelbar bei Bella abgeliefert, um mit den Abdrücken am Tatort verglichen zu werden. Außerdem brauchen wir Material, um die Fingerabdrücke vergleichen zu können. Nehmt euch, was euch passend erscheint; das Buch auf seinem Nachttisch, falls es so etwas gibt.«
Sjöberg versuchte sich zu erinnern, ob er selbst eines gesehen hatte, war sich aber sicher, dass er sich in dem Fall daran erinnern würde.
»Oder ein abgegriffenes Kochbuch«, fügte er sicherheitshalber hinzu. »Jamal, du durchsuchst Einars Computer. Ich selbst werde morgen nach Arboga fahren, um Einars Frau Solveig und Christer Larssons Exfrau Ingegärd Rydin zu befragen. Wir werden die anderen Fäden nicht fallen lassen, aber das Wichtigste ist jetzt, Einars Aufenthaltsort festzustellen. Sein Verschwinden dürfte ja eine wichtige Rolle für diesen Fall spielen.«
»Entweder ist er der Mörder oder selbst ermordet«, verdeutlichte Sandén. »Wenn er der Mörder ist, liegt er in diesem Augenblick in Uruguay am Strand. Wenn er ermordet wurde, liegt er am Grund des Hammarbykanals. So oder so wird es verdammt schwierig werden, ihn zu finden. Wird nach ihm gefahndet?«
»Seit ungefähr einer Stunde. Soweit wir wissen, verfügt er nicht über die Mittel, um eine längere Zeit im Ausland verbringen zu können, aber man weiß ja nie. Jamal, du untersuchst bitte auch, ob er mit dem Flugzeug, der Eisenbahn, dem Schiff oder auf sonst irgendeine Weise das Land verlassen hat, die Spuren hinterlässt. Und dann möchte ich noch, dass du sein Bankkonto überwachst.«
»Was könnte der Grund dafür gewesen sein, dass er sich gegenüber Catherine Larsson als Erik bezeichnet hat?«, fragte Westman.
»Tja, darüber können wir nur spekulieren«, antwortete Sjöberg. »Aus irgendeinem Grund wollte er seine Identität geheim halten. Vor ihr oder vor der Umgebung oder vor beidem. Wahrscheinlich wegen seiner Frau.«
»Alles, was diese Beziehung betrifft, ist geheim«, stellte Sandén fest. »Einar und Catherine Larsson haben niemals miteinander telefoniert. Und schaut euch die Methode an, mit der das Geld von seinem auf ihr Konto übertragen wurde. Absolut spurlos. Und trotzdem wagt er es, sich regelmäßig im Kindergarten zu zeigen.«
»Sollten wir nicht die Presse darüber informieren?«, fragte der Staatsanwalt.
»Damit möchte ich so lange wie möglich warten. Aus Rücksicht auf Einar.«
»Und wenn er der Mörder ist?«, sagte Westman.
»Ich ziehe es vor, ihn als Opfer zu betrachten, bis das Gegenteil bewiesen ist. Er ist Polizist. Er ist nicht vorbestraft. Wie würdest du in einer solchen Situation behandelt werden wollen?«
Westman nickte nachdenklich, und auch sonst hatte niemand etwas dagegen einzuwenden.
»Hat er keine Freunde?«, wagte Sandén zu fragen.
Sjöberg zuckte mit den Schultern.
»Ich kenne Einar nicht privat. Wenn jemand etwas über Einar sagen kann, was für diese Ermittlungen von Belang sein könnte, dann ist er herzlich willkommen, es mir zu erzählen. Unter vier Augen natürlich«, fügte er hinzu, um die Bedeutung der Loyalität gegenüber einem Kollegen noch einmal zu unterstreichen. »Wir werden sehen, was bei der Hausdurchsuchung herauskommt. Adressen, Telefonnummern, Briefwechsel.«
»Sollten wir nicht Catherine Larssons Nachbarn und Vida Johansson ein weiteres Mal befragen?«, schlug Hamad vor. »In Hinsicht auf Einar, meine ich.«
»Absolut. Vor allem werden wir Christer Larsson erneut befragen müssen, aber damit möchte ich warten, bis ich mit Ingegärd Rydin gesprochen habe. Kannst du diese Befragungen auch noch übernehmen?«
»Klar. Wie lange wirst du weg sein, Conny?«
»Ich komme so schnell wie möglich zurück. Wenn ich alles erledigt habe. Spätestens am Freitagnachmittag. Wir telefonieren regelmäßig.«
Sjöberg stand auf, und die anderen folgten seinem Beispiel. Petra Westman wirkte immer noch beunruhigt, als sie ihren Notizblock zuschlug.
»Einar wird doch nicht tot sein?«, fragte sie leise und begegnete Sjöbergs Blick mit einer Sorgenfalte auf der Stirn.
Alle hielten in ihren Bewegungen inne, und weitere drei Augenpaare richteten sich auf Sjöberg. Er stand auf und schob den Stuhl mit einer solchen Entschlossenheit unter den Tisch, dass er lautstark gegen die Platte knallte.
»Er lebt«, antwortete er mit fester Stimme. »Und er verlässt sich darauf, dass wir ihm helfen.«