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Ohne viele Worte gingen sie Seite an Seite zum Trålgränd zurück, wo sie die Nachbarn befragen sollten. Hamad unternahm ein paar ungeschickte Versuche, eine Konversation in Gang zu bringen, aber Petra war nicht in der Stimmung, Theater zu spielen. So zu tun, als sei nichts gewesen. Er existierte nicht für sie, nicht als Mensch. Als Polizist schon. Sjöberg beharrte ja darauf, sie ständig als Zweierteam auf dieselben Aufträge anzusetzen, und Petra war professionell. Sie würde niemals zulassen, dass ihre Arbeit unter ihren Gefühlen litt. Aber es konnte nie wieder wie früher werden. Es war undenkbar, einfach einen Strich unter all das zu ziehen, was er ihr angetan hatte. Und all den anderen Frauen, die auf den Videoaufnahmen in Peder Fryhks Keller zu sehen waren.
Dass es Hamad war, der die Kamera gehalten hatte, war so gut wie bewiesen. Er hatte sie überredet, ihn in die Hotelbar des Clarion zu begleiten, und sie direkt in die Arme des Vergewaltigers Fryhk getrieben. Hamad hatte ihre Passierkarte genommen und sie ins Pelikan gelockt, wo er ihr jede Menge Bier eingeflößt hatte, denn er wollte sich später damit in die Polizeiwache einlassen, um eine erotische Mail an den Polizeidirektor zu verschicken. Von ihrer Mailadresse und ihrem Computer aus, dessen Passwort nur sie und der Vergewaltiger kennen konnten. Und das Bild, das an Roland Brandt verschickt wurde, hatte sie später auch auf Hamads Computer gefunden.
Und wenn das als Beweis noch nicht reichte, konnte sie es jederzeit schwarz auf weiß bestätigt bekommen, dass ihr Verdacht berechtigt war. Håkan Carlberg vom SKL, dem Schwedischen Kriminaltechnischen Labor in Linköping, besaß sowohl die Fingerabdrücke als auch die DNA des »anderen Mannes«, wie sie ihn genannt hatte, bevor er einen Namen bekam. Der andere Mann, der die Kamera gehalten hatte, während Peder Fryhk betäubte und bewusstlose Frauen vergewaltigte. Der Mann, der ebenfalls vergewaltigte, sich dabei aber niemals filmen ließ und keine Erinnerungen bei den Opfern hinterließ.
Aber sie tat es nicht. Sie hatte Hamads Fingerabdrücke nicht nach Linköping geschickt. Weil es nicht nötig war, sie wusste es ja bereits. Und weil es ihr zu spät schien, jetzt noch damit vor Gericht zu gehen, schließlich hatte sie ein für alle Mal beschlossen, das Verbrechen nicht anzuzeigen. Und vielleicht gab es ihr in der herrschenden Situation auch eine gewisse Sicherheit. Denn wie würde sie reagieren, wenn der endgültige technische Beweis dafür vorlag, dass Hamad dieser andere Mann war? Ihr naher Freund und Vertrauter? Oder noch schlimmer: wenn sich nach so langer Zeit herausstellen sollte, dass er unschuldig war? In jedem Fall würde ihre Existenz – die sie sich nach diesen Vorfällen so hart wieder erarbeitet hatte – zusammenbrechen. Nein, sie hatte nicht die Kraft, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen.
Aber Petra hielt Hamad auf Abstand, versuchte, sich ihm gegenüber neutral und sachlich zu verhalten, und gab ihm keine Chance, ihr zu schaden oder sich über sie zu erheben. Genau darauf war er aus, so hatte es auch Sjöberg gesehen, nachdem sie ihm von den genauen Umständen ihrer Vergewaltigung erzählt hatte. Macht und Rache – das waren die Motive, um die sich die Gedanken des anderen Mannes drehten. Macht, weil es bei einer Vergewaltigung im Grunde nur darum ging, und Rache, weil sie Peder Fryhk hinter Schloss und Riegel gebracht hatte. Das Pornobild an Brandt zu schicken war der nur haarscharf missglückte Versuch, sie aus ihrem Job zu katapultieren. Rache. Macht.
Wie raffiniert er gewesen war, dieser Hamad. Früher, als er die Gelegenheit dazu hatte. Er war darauf bedacht, sich immer in ihrer Nähe aufzuhalten. Ein Fels in der Brandung. Er hatte sie gerne berührt, den Arm um sie gelegt, ihr tief in die Augen geschaut, sich interessiert. Aber niemals mehr als das. Keine Annäherungen, keine Grenzüberschreitungen. Und sie wäre nicht abgeneigt gewesen. Er war smart, gut aussehend, warmherzig und charmant, was konnte man mehr verlangen? Außerdem war er frisch geschieden. Aber die ganze Zeit hatte er sich im Grunde nur für eines interessiert: mit ihr tun zu können, was er wollte, gegen ihren Willen. Darum war es also gegangen, sie war nur ein Spielzeug für ihn gewesen, ein feuchter Traum.
Aber es würde ihm nie gelingen, über sie zu triumphieren. Sie hatte sich ihm gegenüber nie schwach gezeigt. Sie hatte sich schnell erholt, war fast unmittelbar wieder auf die Füße gekommen. Ihr Interesse am männlichen Geschlecht war seit der Vergewaltigung vor anderthalb Jahren im Grunde erloschen, aber selbst da war sie mittlerweile wieder in der Spur. Woher auch immer das kommen mochte. Bei dem Gedanken an das Absurde in der Situation musste sie lächeln. Es würde niemals etwas daraus werden, es durfte nichts daraus werden, aber es war angenehm. Gut fürs Selbstbewusstsein. Ein One-Night-Stand mit einem reifen Mann in den besten Jahren. Familienvater. Es war nicht ihre Absicht gewesen, als sie sich vor einer Woche begegnet waren. Sie war mit ein paar Freundinnen unterwegs gewesen und hatte gefeiert. Zuerst war sie ihm mit gebührender Zurückhaltung begegnet, aber er hatte einen gut platzierten Keil in ihre Rüstung getrieben, hatte so interessante Sachen zu erzählen gewusst, dass sie sich am Ende zu einem Glas Tee in ihrer Wohnung überreden ließ. Und dann hatte das eine zum anderen geführt. Aber sie bereute nichts, verlor in der Situation niemals den Kopf und machte sich keine falschen Hoffnungen, im Gegenteil. Und dasselbe schien für ihn zu gelten. Sie hatten sich noch ein paarmal kurz gesprochen, auf eine abgeklärte Art und ohne Heuchelei. Wie richtige Erwachsene.
Als sie den Trålgränd erreicht hatten, suchten Petra und Hamad Bertil Schwartz auf, einen alleinstehenden Mann von etwa sechzig Jahren, der nichts über die tote Frau und ihre Kinder zu erzählen wusste. Sie seien ihm nie aufgefallen, und Hamad und Westman fanden nichts, was ihnen einen Grund gegeben hätte, an seiner Aussage zu zweifeln. Die Liste in der Waschküche hatte ihnen bestätigt, dass Catherine Larsson tatsächlich an diesem Dienstagvormittag eine Zeit reserviert hatte.
Ihre nächsten Nachbarn, mit denen sie das Stockwerk teilte, hatten auch nichts Wesentliches beizutragen. Niemand von ihnen hatte näheren Kontakt zur Familie Larsson gehabt, aber alle im Haus waren sich einig, dass sie kein großes Aufhebens von sich gemacht hätten, dass die Kinder artig gewesen seien und die Mutter immer freundlich grüßte.
Man habe bemerkt, dass ein Mann mit schwedischem Aussehen eine Rolle in ihrem Leben spielte, aber ob es sich dabei um Herrn Larsson oder einen anderen Mann handelte, wusste niemand zu sagen. Auch er sei ein stiller Zeitgenosse gewesen, wenngleich er im Treppenhaus stets grüßte. Möglicherweise habe er auch gelegentlich dort übernachtet; allerdings wusste niemand mit Sicherheit zu sagen, wie es sich damit verhielt. Der große Altersunterschied hätte vielleicht dagegen gesprochen, aber auf der anderen Seite konnte er ja auch nicht ihr Vater sein. Hin und wieder sei dieser Mann dabei beobachtet worden, wie er mit den beiden Kindern aus dem Haus gegangen oder wiedergekommen sei.
Catherine Larsson habe darüber hinaus auch regelmäßig Besuch von einer Frau in ihrem Alter bekommen, die ebenfalls asiatisch ausgesehen habe. Keiner der Nachbarn war jemals Zeuge von Krach oder lautem Geschrei in der Wohnung der Familie Larsson geworden. Zum Zeitpunkt des Mordes, der von der Rechtsmedizin mittlerweile auf die Zeit zwischen Samstagabend und Sonntagmorgen eingegrenzt worden war, hatte niemand im Haus etwas Ungewöhnliches wahrgenommen oder bemerkt, dass Catherine Larsson Besuch bekommen hätte.
In dem Nachbarhaus, in dem auch Bertil Schwartz wohnte, befragten die beiden Polizisten eine junge Frau von etwa fünfundzwanzig Jahren, Elin Lange. Sie war ziemlich klein, hatte blondes, kurz geschnittenes Haar und machte in ihren engen Jeans und einem T-Shirt in den Farben Brasiliens einen frischen und sportlichen Eindruck. Es stellte sich heraus, dass Elin Lange Catherine Larsson tatsächlich einmal begegnet war – und das ausgerechnet in der Waschküche. Weil sie unlängst eine Reise durch Asien unternommen hatte, hatte sie Catherine aus reiner Neugierde nach ihrer Herkunft gefragt und erfahren, dass sie von einer philippinischen Insel stammte, die sie auf ihrer Reise ebenfalls besucht hatte, nämlich Negros. Negros war laut Elin Lange ein sehr armer Teil der Philippinen, sodass sie es nicht weiter bemerkenswert fand, dass sich Catherine auf einer anderen Insel namens Mindoro einen Job in der Tourismusbranche gesucht hatte. Dort hatte sie irgendwann einen schwedischen Mann kennengelernt, in den sie sich verliebt hatte und dem sie nach Schweden gefolgt war, wo sie geheiratet und Kinder bekommen hatten. Catherine hatte Elin anvertraut, dass sie mittlerweile getrennt lebten, aber die Kinder in Schweden verwurzelt seien und auch sie selbst sich hier unter den freundlichen Schweden wohlfühlte. Aber wenn sie ganz tief in sich hineinhorchte, wäre sie am liebsten wieder nach Hause gegangen – wenn die Kinder nicht gewesen wären.
»Tourismusbranche ...?«, fragte Westman.
Elin Lange musterte sie misstrauisch, bevor sie ihren Überlegungen zögerlich Ausdruck verlieh.
»Ja, also ... Wir sind ja nicht in die Details gegangen, es war einfach nur nett, sich mit ihr zu unterhalten. Die Filipinos sind ein unheimlich freundlicher Menschenschlag, und man muss sie einfach mögen. Aber, na ja ... wenn man die Tourismuszentren auf Mindoro besucht hat, dann ist ja nicht gerade der erste Gedanke, dass sie vielleicht Hotelrezeptionistin war ... aber es sind ja nicht alle ... und man soll ja keine Vorurteile haben ... also, ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung.«
Westman nickte nachdenklich.
»Fällt Ihnen sonst noch etwas ein? Sie sind nämlich bisher die Einzige, mit der wir gesprochen haben, die mit Catherine Larsson mehr Worte gewechselt hat als nur Begrüßungsfloskeln.«
»Sie war ein sehr angenehmer Mensch«, antwortete Elin Lange. »So sind sie immer. Aber sie hat Heimweh gehabt, was ich gut verstehen kann. Kalt und armselig und isoliert ... Wohlfahrt ist das Einzige, was dieses Land zu bieten hat, wenn die Liebe vorbei ist.«
Nach ein paar Sekunden fügte sie hinzu:
»Wie kann man zwei kleine Kinder umbringen ...?«
»Wenn Ihnen noch etwas einfällt, dann rufen Sie uns doch bitte an«, sagte Hamad und reichte ihr seine Karte.
»Natürlich, das mache ich«, sagte sie, überflog die Karte und steckte sie in die Gesäßtasche ihrer Jeans.
»Vergessen Sie sie nicht, wenn Sie das nächste Mal im Waschkeller sind«, bemerkte Hamad mit einem Augenzwinkern, und sie lachte auf, als wäre sie ihm dankbar, dass er die gedrückte Stimmung ein wenig aufgelockert hatte.
Westman lächelte gemessen.