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Als Sjöberg in sein Büro in der Polizeiwache zurückkehrte, stand ein Karton auf seinem Schreibtisch. Bella Hansson hatte, wie erwartet, Wort gehalten und Catherine Larssons Leben in Worten und Bildern zu ihm hinübergeschickt, hübsch verpackt in einer Art Schuhkarton. Die kleine Plastiktüte, die er zuvor schon bekommen hatte, lag daneben. Er zog die Tür hinter sich zu und setzte sich.
Er fing mit den Fotos an und konnte bald feststellen, dass Catherine Larsson offensichtlich keine eigene Kamera besaß. Die Bilder, die vor ihm lagen, stammten entweder von philippinischen Verwandten oder von professionellen schwedischen Fotografen. Eine Weile studierte er eine Reihe von Porträtaufnahmen, die die Kinder in verschiedenem Alter zeigten und vermutlich im Kindergarten gemacht worden waren.
Mit einem Seufzer legte er sie zur Seite und nahm eine Fotografie in die Hand, die die ganze Familie zeigte, außerdem ein paar ebenfalls professionelle Hochzeitsaufnahmen. Eine Weile betrachtete er nachdenklich das verliebte Paar. Christer Larssons noch nicht ganz so ergrautes Haar war sorgfältig gekämmt, er sah sonnengebräunt aus und schaute mit einem unbestimmten Lächeln in die Kamera. Er trug einen dunklen Anzug mit einer roten Rose im Knopfloch. Catherine, in einem einfachen weißen Kleid, sah lächelnd im Halbprofil zu ihrem frisch angetrauten Ehemann auf. Er war mehr als einen Kopf größer als sie, und seine große rechte Hand umschloss ihre ganze bloße Schulter.
War er ein Mörder? Hier noch nicht, aber was war dann passiert, nachdem dieses Bild aufgenommen worden war? Menschen verändern sich, die Umstände ändern sich. Christer Larsson war wieder zu seinem alten Ich geworden, was auch immer das zu bedeuten hatte.
Und was war mit Sjöberg selbst in dieser Zeit passiert? Er hatte seine Zukunft und die seiner Familie aufs Spiel gesetzt. Er hatte die große Liebe seines Lebens, seine beste Freundin, seine Lebensgefährtin, seine geliebte Åsa, wegen einer unbekannten Frau aufs Spiel gesetzt. Einer Frau, die aus dem Nichts gekommen war, die ihm eigentlich gar nichts bedeuten konnte.
Margit Olofsson, die Frau in seinen Träumen, aber nie und nimmer seine Traumfrau. Er gestattete sich nur selten, diesen Gedanken zu Ende zu denken, aber jetzt war er da und er konnte ihn nicht bremsen. Was trieb er da eigentlich? Er bot seine gesamte Energie auf, um sich davon zu überzeugen, dass diese Geschichte ein Ende finden musste. Jetzt. Oder wenn sie sich das nächste Mal sahen. Margit und er trafen sich nicht oft, aber wenn er sich fix und fertig fühlte, suchte er Trost in ihren Armen. Warum, wusste er nicht. Åsa war ihm immer eine gute Trösterin gewesen, aber seit dieser Traum ihn heimzusuchen begonnen hatte, hatte er sich verändert. Er war zu einem anderen Menschen geworden. Ein ängstliches, verzweifeltes, verdammt treuloses kleines Arschloch war er geworden.
In seinem Traum stand er stets auf einem taunassen Rasen und starrte auf seine nackten Füße hinunter. Er wagte nicht, nach oben zu schauen. Obwohl er wusste, dass er es tun sollte. Sein Kopf fühlte sich so schwer an, dass er ihn kaum heben konnte. Er nahm all seinen Mut und all seine Kraft zusammen, um sein Gesicht nach oben zu wenden, und da sah er sie. Die schöne Frau mit dem leuchtend roten Haar, das ihren Kopf wie eine Sonne umstrahlte. Sie tanzte ein paar Schritte, und sie begegnete seinem Blick mit einem verwunderten Ausdruck. Er streckte ihr die Arme entgegen, verlor aber das Gleichgewicht und fiel haltlos nach hinten. Die Frau war Margit; sie war zu Margit geworden, nachdem er ihr das erste Mal begegnet war, während der Fahndung nach einem Serienmörder vor gut einem Jahr. Sein Verstand sagte ihm unmissverständlich, dass er einen Schlussstrich ziehen musste, aber sie bedeutete ihm so ungeheuer viel. Sie weckte etwas in ihm, das er selbst nicht benennen konnte. Etwas Neues? Etwas Altes?
Mit einem Schaudern schüttelte er die unbehaglichen Gedanken von sich ab und blätterte weiter in den Fotografien. Er räusperte sich; räusperte das Gefühl der Scham angesichts seines Verhaltens fort. Das Räuspern machte ihn in gewisser Weise wieder zu einem erwachsenen Menschen, und er streckte seinen Rücken, als wollte er damit seine Souveränität noch bekräftigen.
Ein Streifen aus einem Fotoautomaten weckte seine Aufmerksamkeit. Es zeigte Catherine und eine andere asiatische Frau auf einer Reihe von vier Farbaufnahmen. Auf den ersten beiden Bildern sahen sie ganz allgemein gut gelaunt und fröhlich aus, auf dem dritten machten sie lustige Gesichter, und auf dem vierten saßen sie schon nicht mehr, sondern schienen mit den Armen in der Luft und Grimassen schneidend in der Kabine herumzutanzen. Das ist also Vida, dachte Conny Sjöberg. Wir müssen sie unbedingt finden.
Die übrigen Fotografien zeigten anscheinend Freunde und Verwandte aus Catherine Larssons Heimat. Sie selbst war auf den Aufnahmen nicht zu sehen, vermutlich hatte sie sie mit der Post bekommen, seit sie nach Schweden gezogen war. Von ihrem Leben mit Christer Larsson existierten keine Bilder. Die Briefe und Postkarten, die sie besaß, stammten alle von den Philippinen und waren in einer für ihn unbekannten Sprache verfasst. Er würde sie übersetzen lassen.
Sjöberg sah hastig den Inhalt des Schuhkartons durch und legte alles, was mit Catherine Larssons wirtschaftlicher Situation zusammenhing, auf einen besonderen Stapel: Quittungen, Rechnungen, Kontoauszüge und Steuerbescheide. Als er sich ihnen zu widmen begann, fehlte ihm immer noch ein Anhaltspunkt, in welche Richtung er weiterermitteln sollte.
Er musste sich die Beine vertreten, stand auf und ging in den Flur hinaus. Er warf einen Blick in Einar Erikssons Büro. Immer noch leer. Sjöberg fluchte bei dem Gedanken, dass er jetzt selbst die Art von Nachforschungen anstellen musste, die normalerweise Erikssons Job waren: Telefonanrufe bei Behörden, die Suche in Datenbanken und andere Dinge, in denen er keine Routine hatte.
Widerwillig machte er sich an die Arbeit und hatte nach ein paar Stunden immerhin eine gewisse Struktur in Catherine Larssons wirtschaftlichen Aktivitäten entdeckt: Die Wohnung war von ihr selbst bezahlt worden, am ersten Juni 2006, als eine Summe von 2 115 000 Kronen von ihrem Konto bei der SEB auf das des Verkäufers überwiesen worden war. Ein paar Wochen zuvor hatte eine Anzahlung von 235 000 Kronen auf die gleiche Weise den Besitzer gewechselt. Das Geld war in bar auf ihr Konto eingezahlt worden, und zwar in Posten von 20 000 Kronen über ein halbes Jahr verteilt, von ihr persönlich in verschiedenen Stockholmer Filialen der Bank. Seit sie in die Wohnung eingezogen war, wurden darüber hinaus jeden Monat 5000 Kronen auf ihr Konto eingezahlt. Während er mit den verschiedenen Bankfilialen telefonierte, konnte Sjöberg ein paar Personen ausfindig machen, die glaubten, sich an einige dieser Transaktionen erinnern zu können, und alle stimmten darin überein, dass tatsächlich sie selbst diese Einzahlungen vorgenommen hatte. Die Frage war nur, woher dieses Geld eigentlich gekommen war.
Auch in jeder anderen Hinsicht hatte sie sich selbst um ihre finanziellen Belange gekümmert. Über die 5000 Kronen hinaus wurde auch das Kindergeld jeden Monat auf ihr Konto überwiesen. Abgesehen davon hatte sie keine staatlichen Leistungen erhalten. Ihre Rechnungen wurden pünktlich bezahlt, einmal im Monat und von ihr selbst. Das Geld auf dem Konto deckte ziemlich genau die festen Ausgaben, die sie hatte. Die laufenden Ausgaben schien sie mit laufenden Einnahmen beglichen zu haben.
Mithilfe eines Kollegen von der Finanzpolizei konnte sich Sjöberg auch ein Bild von Christer Larssons wirtschaftlicher Situation machen, und es gab nicht den geringsten Hinweis darauf, dass Catherine Larssons Geld von ihm gekommen sein könnte. Auch er hatte ein Konto bei der SEB, sodass er, wenn er es wollte, Geld von seinem eigenen auf ihr Konto hätte bewegen können, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Was er aber offensichtlich nicht getan hatte, denn von irgendwelchen Unterhaltszahlungen gab es keine Spur.
Hatte es in Catherine Larssons Leben einen mysteriösen Wohltäter gegeben? Und wenn ja, wer hätte das sein können? Jemand, der sie liebte? Jemand, der sie auf irgendeine Art ausnutzte, aber trotzdem dafür bezahlte? Jemand, der ihr etwas schuldete? Oder war es tatsächlich ihr eigenes Geld – das zweifellos auf nicht ganz saubere Weise verdient worden, aber immerhin ihr eigenes war?
Sjöberg nahm das Telefon und rief absurderweise die Auskunft an, um sich mit der Telia verbinden zu lassen. Nach ein paar Versuchen landete er an der richtigen Stelle, und nach vielem Hin und Her gelang es ihm, eine Liste der ein- und ausgehenden Gespräche auf Catherine Larssons Anschluss für die vergangenen sechs Monate anzufordern. Er sollte sie innerhalb von zwanzig Minuten zugefaxt bekommen.
Dann schnitt er die oberste Aufnahme aus dem Fotoautomaten ab, klebte sie auf ein weißes Papier und malte mit dem Kugelschreiber einen Kreis um die fremde Frau. Sauber und gut leserlich schrieb er darunter: »Wer kennt diese Frau? Die Polizei in Hammarby muss im Rahmen einer Mordermittlung möglichst schnell Kontakt zu ihr finden. Rufen Sie uns bitte unter folgender Telefonnummer an ...« Schließlich zog er sich die Jacke über und lief mit dem flatternden Papier durch den Flur und die Treppen hinunter.
Eine Viertelstunde später befand er sich in der spanischsprachigen katholischen Gemeinde in der Skånegatan und pinnte seinen selbst gemachten Fahndungsaufruf an das Schwarze Brett. Ein klein gewachsener, südamerikanisch aussehender Mann mittleren Alters tauchte neben ihm auf.
»Hallo, ich heiße Conny Sjöberg und bin von der Hammarbypolizei«, sagte Sjöberg und streckte die Hand aus.
»Hallo. Joseph«, erwiderte der Mann mit einem Lächeln.
Sjöberg fuhr sich mit der Hand durch das Haar, um eine regennasse Strähne wieder an ihrem gewohnten Ort zu platzieren.
»Wir ermitteln in einem Mordfall«, erklärte er. »Oder besser gesagt, wegen dreifachen Mordes. Diese Frau und ihre zwei Kinder sind heute Vormittag ermordet in ihrer Wohnung aufgefunden worden.«
Er deutete auf Catherine Larssons fröhliches Gesicht und fuhr fort:
»Sie schien nicht viel Umgang gehabt zu haben, aber das hier könnte ihre beste Freundin gewesen sein. Beide stammen ursprünglich von den Philippinen. Haben Sie viele Besucher von dort?«
»Ja, natürlich«, antwortete Joseph mit deutlichem Akzent, während er Sjöbergs Aushang studierte. »Viele Filipinos kommen zu uns, obwohl die meisten von ihnen kein einziges Wort Spanisch verstehen. Die Philippinen sind ja eine alte spanische Kolonie.«
»Erkennen Sie eine der beiden Frauen wieder?«, versuchte Sjöberg sein Glück.
»Nein, nicht auf den ersten Blick. Eine ganze Familie ermordet? Was für eine schreckliche Geschichte. Wie alt waren die Kinder?«
»Zwei und vier Jahre.«
»Wer wird für die Beerdigung sorgen?«
»Das weiß ich ehrlich gesagt nicht«, antwortete Sjöberg. »Wir werden mit den Angehörigen der Frau darüber reden müssen.«
»Ja, wenn Sie unsere Dienste benötigen, sind Sie natürlich jederzeit willkommen. Ich werde mich umhören, ob einer unserer Besucher diese Frauen wiedererkennt.«
»Dafür wäre ich Ihnen sehr dankbar«, sagte Sjöberg. »Es ist äußerst wichtig, dass wir mit ihrer Freundin in Kontakt kommen.«
Er deutete auf das eingerahmte, lächelnde Gesicht auf der Fotografie.
»Sie heißt wahrscheinlich Vida«, fügte er hinzu.
»Vida«, sagte der kleine Mann geheimnisvoll. »Dann werden wir sie bestimmt finden.«
Eine Dreiviertelstunde nach dem Gespräch mit der Telia saß Sjöberg wieder an seinem Schreibtisch, und das Fax war immer noch nicht gekommen. Per Telefon arbeitete er sich erneut bis zu dem Mann vor, mit dem er zuvor schon gesprochen hatte, und zehn Minuten später hielt er die Liste in der Hand. Er fragte sich, wie lange es wohl gedauert hätte, wenn er nicht noch einmal angerufen und Druck gemacht hätte. So musste es Einar tagein, tagaus gehen, dachte er. Die Telia war schuld daran, dass er ständig so mies gelaunt war.
Er setzte sich an den Schreibtisch und betrachtete die Liste mit den Telefongesprächen. Sie war nicht lang. Er versuchte sich vorzustellen, wie eine solche Liste bei der Familie Sjöberg aussehen würde; zwei Erwachsene und fünf Kinder, die ständig in dieses Gerät hineinquatschten. Na ja, die beiden dreijährigen Zwillinge Christoffer und Jonathan konnte man für vieles verantwortlich machen, aber wohl kaum für die hohen Telefonkosten.
Von dem Angestellten der Telia hatte er erfahren, dass Catherine Larsson keinen Handyvertrag bei seiner Firma hatte. In der Wohnung hatten sie kein Handy gefunden, aber Sjöberg machte sich eine Notiz, dass er sich auch bei den anderen Anbietern erkundigen müsste. Er brauchte eine Stunde, um eine Liste sämtlicher Teilnehmer zu erstellen, die Catherine Larsson angerufen hatten oder von ihr angerufen worden waren. Keiner von ihnen hieß Vida. Er druckte die Liste auf dem Laserdrucker aus, befestigte einen gelben Post-it-Zettel mit dem Text »In welcher Beziehung stehen diese Personen zu Catherine Larsson?« daran und legte ihn auf Einar Erikssons Schreibtisch.