Freitagnachmittag
Und dann wurde ihm ein zweites Mal der Boden unter den Füßen weggezogen. Wieder einmal war sein Leben ein Scherbenhaufen, und dieses Mal hatte es jemand absichtlich getan. Er war noch nicht ganz aus dem Auto gestiegen, da war der Mann aus der Dunkelheit getreten und hatte einen Lappen in sein Gesicht gedrückt. Was danach passierte – zwischen dem Überfall auf dem Parkplatz vor seinem Haus und dem Augenblick, als er im Geräteschuppen wieder aufwachte –, daran konnte er sich nicht erinnern. Das Aufwachen an sich war vor allem mit einem Gefühl der Verwunderung verbunden. Mit den Schmerzen konnte er noch umgehen, und die Kälte war noch auszuhalten. Er war einsam in der Finsternis und wusste nicht, wo er sich befand und warum. Er erinnerte sich, dass er im Auto auf dem Heimweg von Solberga gegähnt hatte, dass er an einem Rastplatz angehalten und eine Tasse lauwarmen Kaffee aus der Thermoskanne getrunken hatte, um nicht am Steuer einzuschlafen. Aber er war doch nicht vom Weg abgekommen? Das hier war keine Waldlichtung am Rande der Straße und noch weniger ein Krankenhaus. Fest um Mund und Kopf war ein Stück Tuch gebunden, offensichtlich, um die Geräusche aus seiner Kehle zu dämpfen. Er war an Händen und Füßen gefesselt und befand sich in einem Gebäude, einem Schuppen vielleicht, denn die Temperatur war fast die gleiche wie draußen, und unter sich konnte er mit den Händen einen harten, splitternden Holzboden ertasten.
Er lag eine Weile da und überlegte, versuchte zu verstehen, was passiert war. Ihm fehlten ein paar Zähne im Mund, der Körper schmerzte. Wer wollte ihm schaden? Hatte er Widerstand geleistet? Wenn es sich um eine regelrechte Entführung handelte, dann hatten sie die falsche Person erwischt. Er hatte kein Geld und kannte niemanden, der ihn auslösen konnte oder wollte. Es musste sich um ein Missverständnis handeln. Er bewegte sich; die Körperhaltung begann unbequem zu werden. Er rollte sich auf die andere Seite hinüber und bemerkte, dass die Schlüssel nicht mehr da waren. Er hatte sowohl den Autoschlüssel als auch den Wohnungsschlüssel in der Hosentasche gehabt, aber jetzt war sie leer. Aus unerfindlichen Gründen hatte er auch keine Schuhe an den Füßen, die Jacke hatte er dagegen anbehalten dürfen.
Dann kehrten die Erinnerungen an den Überfall zurück. Er hatte das Gesicht des Angreifers nicht gesehen, bevor er das Bewusstsein verlor. Aus den Bewegungsmustern und den Kleidern konnte er schließen, dass es sich um einen Mann gehandelt hatte, aber das Alter konnte er nicht einschätzen und auch nicht, ob es sich um einen Schweden oder einen Ausländer gehandelt hatte. Er brauchte allerdings nicht lange in Unwissenheit zu schweben. Er hörte, wie draußen ein Schlüssel in ein Schloss gesteckt wurde, und bald bekam er Gesellschaft in dem kleinen Schuppen. Aber nicht so, wie er vielleicht gehofft hatte. Er hörte, wie die Tür geschlossen wurde, und plötzlich war der Raum hell erleuchtet. Zuerst sah er nur die nackte Glühbirne unter der Decke, aber dann trat eine Furcht einflößende Gestalt von oben in sein Gesichtsfeld. Der Mann schaute ein paar Sekunden auf ihn herab, ohne ein Wort zu sagen. Dann verzog er den Mund zu einem Lächeln, das nicht die geringste Spur von Freude enthielt. Ohne ein Wort begann er auf ihn einzutreten. In den Bauch, gegen den Brustkorb, ins Gesicht. Er hatte keine Chance, sich zu verteidigen. Mit gefesselten Händen und Füßen konnte er sich nicht einmal so weit zusammenkrümmen, dass sein Kopf geschützt war. Alles, was er konnte, war schreien, und das tat er, bis ihm die Stimme versagte. Aber der vom Knebel gedämpfte Laut kam nicht weit, und der fremde Mann, der ihn in rasender Wut und mit nicht versiegen wollenden Kräften misshandelte, ließ sich davon nicht beeindrucken. Es dauerte viel zu lange, bis er das Bewusstsein verlor. Und er war sich nicht sicher, ob die brutale Misshandlung nicht danach noch weiterging.
Er zuckte zusammen, als er das mittlerweile nur allzu bekannte Geräusch hörte, mit dem der Schlüssel sich im Vorhängeschloss drehte. Jetzt erwartete ihn ein neuer Durchgang an Schlägen und Tritten, Hohn und Erniedrigung. Er machte keine Anstalten, seine Stellung zu ändern, als die Silhouette des groß gewachsenen Mannes in der Türöffnung auftauchte. Nichts konnte an dem etwas ändern, was jetzt auf ihn zukam, und er gedachte seine Strafe mit Würde zu tragen, ohne sich zu wehren. Aber beim Anblick seines Entführers begann er reflexhaft an den Fesseln hinter seinem Rücken zu zerren. Mit ganz kleinen Bewegungen versuchte er, die unnachgiebigen Seile ein wenig zu dehnen, wie er es schon unzählige Male zuvor getan hatte.
»Jetzt werden wir uns einen Film anschauen«, sagte der Mann mit weicher, aber bedrohlicher Stimme. »Und dann dachte ich, dass wir selber ein bisschen filmen könnten. Du siehst langsam ein bisschen schwach aus, Einar. Wir müssen dich unbedingt noch filmen, bevor es zu spät ist.«
Mit seinem funktionierenden Auge begegnete Einar seinem Blick, ohne auszuweichen. Er hatte keine Angst mehr vor ihm, hatte nichts mehr zu fürchten. Der Mann kam zu ihm und steckte ihm die Hände unter die Arme. Anschließend schleppte er ihn an das andere Ende des Schuppens und lehnte ihn mit dem Rücken an die Wand, sodass er saß. Danach setzte er sich daneben und holte eine kleine Videokamera aus der Jackentasche. Mit einer Bewegung klappte er den Bildschirm auf und schaltete den Strom ein.
»Ein bisschen Abwechslung macht doch immer Spaß, nicht?«, sagte der Mann sanft. »Ich dachte, dass du mir vielleicht nicht glauben würdest, also habe ich Videobeweise mitgebracht. Schau jetzt genau hin, mal sehen, ob du dich wiedererkennst.«
Einar spürte, wie ihm das Atmen schwerer fiel. Er ahnte das Schlimmste; er war bereits genauestens darüber informiert worden, was sich in der Wohnung im Trålgränd abgespielt hatte, aber er hatte sich geweigert zu glauben, dass es stimmte. Trotz der Kälte trat ihm der Schweiß auf die Stirn. Er schloss die Augen und holte einpaar mal tief Luft; er wollte jetzt nicht ohnmächtig werden, musste sich zwingen, die Verheerung anzuschauen, die er verursacht hatte.
Der Film begann. Mit seinem sehenden Auge sah er Kate, schön wie ein Gedicht, neben ihren Kindern auf dem Bett liegen. Die kleine Linn lag zwischen ihrer Mutter und ihrem Bruder, scheinbar schlafend mit dem Daumen im Mund, Tom trug seinen Spiderman-Schlafanzug, auch er schlummerte friedlich. Dann bemerkte Einar das Blut, die riesigen Blutlachen um sie herum. Die Kamera kam langsam näher, zoomte effektvoll ihre Oberkörper heran, bis schließlich das ganze Bild von Kates leblosem Gesicht und ihrem durchgeschnittenen Hals eingenommen wurde. Einar schluckte und schluckte, er wollte sich übergeben, ohnmächtig werden, sich auflösen, aber er zwang sich, weiter zuzuschauen. Die Kamera wanderte weiter zu der kleinen Linn. Aus der klaffenden Wunde in ihrem Hals rann immer noch Blut, in kleinen, dünnen Rinnsalen. Dann Tom. Der Kopf kaum noch am Rest des Körpers hängend.
Es ging nicht mehr, sein ganzer Körper rebellierte. Er erbrach sich in heftigen Krämpfen, schwitzte und fror zugleich. Dann wurde alles schwarz.
Ohne zu wissen, ob er Stunden oder nur Sekunden bewusstlos gewesen war, wurde er von Schlägen und Tritten geweckt.
»Du darfst jetzt nicht schlafen, du Scheißkerl. Du hast noch genug Zeit, um dich auszuruhen.«
Als er die Augen aufschlug, stand der Mann mit gespreizten Beinen über ihm und hielt die Videokamera in der Hand. Er trat ihm in den Bauch und gegen den Brustkorb. Bei jedem Tritt schlug sein Kopf gegen die Wand. Das summende Geräusch der Kamera verriet, dass er in seinem Elend auch noch gefilmt wurde.
»Erzähl jetzt, wie du meinen Brüdern das Leben genommen hast.«
Einar stöhnte matt.
»Ich weiß, dass du dir die Stimme kaputtgeschrien hast, aber du kannst gerne auch flüstern. Schau in die Kamera.«
Der Mann ging in die Hocke und hielt ihm die Kamera vors Gesicht. Einar holte tief Luft, und mit seinem funktionierenden Auge sah er direkt in die Linse. Zum ersten Mal in seinem Leben erzählte er dann die ganze Geschichte, wie er an einem schönen Maitag vor langer Zeit mit seiner geliebten Frau Blumen auf dem Balkon pflanzte, wie es an der Wohnungstür klingelte und alles, was danach passierte. Er sprach direkt aus seinem Herzen, ohne Umschweife und Beschönigungen, ließ kein Detail dieser verhängnisvollen Ereignisse aus. Ohne sich um den höhnischen Mann hinter der Kamera zu kümmern, schlug er die Tür zu seinem Inneren weit auf und erzählte nur für sich von dem, was niemals ausgesprochen worden war. Heiser flüsternd gab er Düfte und Gefühle wieder, Lächeln und Liebkosungen. Mit brüchiger Stimme beschrieb er alle Worte, Schreie und die große Schuld; die Schuld, die zwischen den Menschen hin und her sprang und sich gleichzeitig wie ein großer Richtblock über sie alle gelegt hatte.
Dann erzählte Einar Eriksson von dem Tag, an dem ein Engel zu ihm gekommen war; ein Engel in Gestalt einer einsamen Filipina mit zwei kleinen Kindern, die dankbar seine Hilfe und seine Fürsorge angenommen und damit seine schwere Bürde ein wenig erleichtert hatten. Er ersparte sich auch nicht die neue Schuld, die auf seine Schultern gelegt worden war, die Eigensucht, die ihn in das Leben dieser armen Menschen getrieben hatte und die Konsequenz seiner Handlungen: die Strafe, die er jetzt verbüßte.
Solange er seine Geschichte erzählte, saß der Mann vor ihm und dokumentierte sein Schicksal mit der leise summenden Kamera. Als er aufstand und ihm wortlos einen letzten Tritt in das zerstörte Gesicht verpasste, nahm Einar Eriksson ihn mit einer Freude und einem Gefühl der Befreiung entgegen, das er seit der Zeit vor dem schrecklichen Unfall nicht mehr empfunden hatte.
Als ihn der Mann mit einem zornigen Türknallen ein weiteres Mal blutend auf dem Holzboden des Schuppens zurückließ, schaute er ihm mit einem Lächeln hinterher.