Dienstagnachmittag

Ein paar Stunden später hatten Conny Sjöberg, Jens Sandén, Petra Westman, Jamal Hamad und der groß gewachsene Staatsanwalt Hadar Rosén – wie üblich im grauen Anzug, mit weißem Hemd und Krawatte – sich um den Tisch im blauen, ovalen Besprechungsraum versammelt. Auch der stellvertretende Polizeidirektor Gunnar Malmberg war zu Sjöbergs Überraschung gekommen, denn er wollte sich ein Bild davon machen, wie man an diesen aufsehenerregenden Fall herangehen wollte. Er versuchte, ein Lächeln in sein vom Ernst der Stunde geprägtes Gesicht zu zaubern, während er jeden Einzelnen mit Handschlag begrüßte, und Sjöberg stellte mit Erleichterung fest, dass auch Westman unverkrampft mit der Situation umzugehen schien. Er konnte sich nicht erinnern, sie seit diesem unangenehmen Zwischenfall vor einem halben Jahr gemeinsam in einem Zimmer gesehen zu haben, als Malmberg ihr auf Anweisung von Polizeidirektor Roland Brandt mehr oder weniger befohlen hatte, ihren Abschied zu nehmen. Anlass war eine obszöne E-Mail, die von Westmans Mailkonto an Brandt geschickt worden war und die Sjöberg am liebsten niemals gesehen hätte. Aber das Ganze war mittlerweile von beiden Seiten anscheinend vergeben und vergessen, und das war auch gut so, denn interne Zwistigkeiten konnten sie sich nicht leisten.

»Bella kommt nicht, aus nachvollziehbaren Gründen«, begann Sjöberg, »aber sie hat schon einiges Material geliefert, mit dem wir arbeiten können.«

Er hielt eine durchsichtige Plastiktüte hoch, deren Inhalt offensichtlich aus verschiedenen Papieren, einem Pass und einigen Ansichtskarten bestand.

»Verdammt fix, diese Frau«, stellte Sandén fest.

»Ja, und dafür sollten wir dankbar sein.«

»Und wo steckt der gute Herr Eriksson heute?«, wollte Rosén wissen und ließ seinen Blick mit der Andeutung eines Lächelns durch die Runde schweifen.

»Anscheinend hat er heute frei«, sagte Sjöberg. »Hat ihn niemand gesehen?«

»Glaubst du tatsächlich, dass Einar Urlaub hat?«, grinste Sandén. »Vielleicht eine Woche Skifahren in Italien?«

Hamad konnte ein leises Lachen nicht unterdrücken. Die Vorstellung, dass der unnahbare Einar Eriksson, der nur widerwillig seinen Platz hinter dem Schreibtisch verließ, auf einem Paar Ski unterwegs sein könnte, war wirklich lächerlich. Westberg lächelte Sandén zu, während Sjöberg die Bemerkung ungerührt zur Kenntnis nahm.

»Tja, jedenfalls ist es bedauerlich«, sagte er. »Wir könnten ihn jetzt gut gebrauchen.«

Er stand auf und trat an das Whiteboard, nahm einen Stift aus der Halterung, schrieb »Catherine Larsson« ganz oben an den Rand und unterstrich den Namen.

»Catherine Larsson, geborene Calipayan, 34 Jahre alt, also 1973 geboren. Die Kinder, bei denen es sich wie angenommen um ihre eigenen handelt, heißen Tom und Linn Larsson, vier beziehungsweise zwei Jahre alt.«

Er las von einer handschriftlichen Notiz ab, und während er sprach, schrieb er die Informationen an die Tafel.

»Die Wohnung, in der wir sie gefunden haben, ist ihre eigene. Sie ist philippinischer Herkunft, schwedische Staatsbürgerin seit 2005 und hat seit 2001 in Schweden gelebt. Verheiratet mit einem Christer Larsson, Jahrgang 1949, der auch als Vater der beiden Kinder eingetragen ist. Er ist unter einer anderen Adresse gemeldet, sie scheinen also nicht zusammenzuleben. Sie selbst war bis Juni 2006, als sie in den Trålgränd zog, ebenfalls unter seiner Adresse gemeldet.«

»Wovon lebte sie?«, fragte Rosén.

»Sie ist arbeitssuchend gemeldet, und zwar seit August 2006, nachdem beide Kinder in die Kindertagesstätte aufgenommen worden sind. Bevor sie die Kinder bekam, hatte sie eine kurzzeitige Beschäftigung bei einer Gebäudereinigungsfirma, die ihr nach vier Monaten aufgrund von ›Arbeitsmangel‹ gekündigt hat. Ihr erstes Kind, Tom, ist wenige Monate später zur Welt gekommen. Man kann also davon ausgehen, dass auch das eine Rolle dabei gespielt hat.«

»Es ist eine Eigentumswohnung?«

Sjöberg nickte.

»Für eine arbeitslose Filipina scheint mir das eine reichlich kostspielige Unterkunft«, bemerkte Rosén.

»Ja, das werden wir untersuchen müssen, aber sie ist ... sie war ja immer noch verheiratet.«

»Ich schätze, dass sie schwarzgeputzt hat«, warf Sandén ein. »Damit kann man eine ganze Menge Geld verdienen. Außerdem könnte sie schon Geld gehabt haben, bevor sie hierhergekommen ist, denn womit sie da drüben ihr Geld verdient hat, ist wohl nicht allzu schwer zu erraten.«

Sjöberg massierte sich ein Auge mit dem Fingerknöchel und seufzte leise.

»Vielleicht sollten wir ein bisschen wissenschaftlicher zu Werke gehen ...«, versuchte er anzumahnen, aber das amüsierte Glitzern in seinem anderen Auge war Sandén nicht entgangen.

»Irgendjemand muss doch sagen, was alle denken«, antwortete er mit gespielter Empörung. »Aber gut. Lasst uns also dazu übergehen, im Schweiße unseres Angesichts diese längst bekannten Informationen auszugraben.«

Im selben Augenblick bemerkte Sjöberg, wie ein Schatten über Sandéns Gesicht zog und plötzlich alle Farbe daraus wich. Sjöberg hielt inne und versuchte sich hastig ein Urteil über den Gesundheitszustand seines Kollegen zu bilden – ein Reflex, der sich entwickelt hatte, nachdem Sandén ein halbes Jahr zuvor fast von einem Schlaganfall dahingerafft worden war. Ob Sandén bemerkte, dass er sich solche Sorgen machte, war ihm nicht anzusehen, aber wenige Augenblicke später war sein zufriedenes Grinsen wieder zurückgekehrt.

»Du und ich, wir nehmen uns Christer Larsson vor«, sagte Sjöberg, als ob nichts gewesen wäre, und deutete mit ausgestrecktem Arm auf seinen alten Wegbegleiter. »Petra und Jamal gehen Klinken putzen«, fuhr er fort. »Jens kommt später dazu. Ich werde mir den Inhalt dieser Tüte genauer ansehen, und anschließend werde ich wohl den Einar spielen müssen, bis er wieder zurück ist. Irgendwelche Anmerkungen?«

Er ließ seinen Blick über die Runde der Kollegen wandern.

»Ich habe das Gefühl, dass sie mit den Kindern allein dort gelebt hat, ohne irgendeinen Mann«, sagte West m an.

»Ich habe das Gefühl, dass sie einen Kerl hatte«, sagte Hamad.

Westman warf ihm einen säuerlichen Blick zu.

»Verdammt, sie war doch verheiratet«, sagte Sandén.

Sjöberg hob die Hand, in der er den Stift hielt, um sie zu unterbrechen.

»Petra, wie war deine Überlegung?«

»Man kann wohl davon ausgehen, dass die Beziehung zu diesem Christer Larsson vorbei war, nachdem sie bei ihm ausgezogen ist«, begann sie. »Ich habe nichts gesehen, was darauf hindeuten könnte, dass sich ein Mann öfter in dieser Wohnung aufgehalten hat. Keine einschlägige Kleidung und auch im Badezimmer nichts. Und dazu kommt, was ich dir auch schon gesagt habe, Conny: Alles war so unpersönlich, die ganze Einrichtung hatte keine Seele. Aber das ist natürlich nur ein Gefühl.«

»Zwei Punkte dagegen«, sagte Hamad. »Zunächst einmal hatte sie ein Doppelbett.«

»Aber das könnte sie auch wegen der Kinder gehabt haben«, entgegnete Westman scharf. »Vielleicht hatte sie sie gerne bei sich im Bett.«

»Oder die Kinder hatten sie gerne bei sich im Bett«, warf Sjöberg ein und hatte dabei sich selbst und Åsa vor Augen, wie sie gemeinsam mit den fünf Kindern in ihrem Doppelbett lagen.

»Es könnte auch praktische Gründe gehabt haben«, fuhr Westman fort. »Vielleicht hat sie es beim Umzug mitgenommen. Das Doppelbett hat nichts zu bedeuten.«

»Zum anderen«, fuhr Hamad ungerührt fort, »hing ein grüner Herrenpullover an der Garderobe im Flur.«

Sjöberg zog eine Augenbraue hoch.

»Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer«, sagte Westman. »Natürlich bekommen sie manchmal Besuch von Christer Larsson.«

»Die Vorgehensweise«, sagte Sjöberg. »Was sagt uns die? Brutal, blutig, bestialisch. Hass? Rache? Leidenschaft?«

»Er hatte es ganz offensichtlich auf die Kinder abgesehen«, meinte Hamad. »Warum sonst hätte er sie töten sollen? Sie scheinen ja geschlafen zu haben.«

»Wir wissen nicht, ob es tatsächlich so war«, sagte Sjöberg. »Da müssen wir auf Zetterströms Bericht warten, aber ich glaube ebenfalls, dass einiges dafür spricht. Es ist doch sehr unwahrscheinlich, dass die Kinder artig im Bett liegen und warten, während die Mutter im Badezimmer ermordet wird.«

»Sie könnten auch zuerst umgebracht worden sein«, fuhr Hamad fort. »Aber es ist unwahrscheinlich, dass er in dieser Reihenfolge vorgegangen ist. Sie war im Badezimmer ... Sie könnten einander gekannt haben. Wie auch immer, ich bin überzeugt, dass er es auf die Kinder abgesehen hatte.«

»Ist es ein ›er‹?«, fragte Sjöberg.

Alle am Tisch nickten.

»Wir sprechen hier auch nicht von irgendeinem kleinen Taschenmesser«, bemerkte Sandén. »Es muss schon eine massive Klinge gewesen sein. Und das Blutbad im Badezimmer kann nur ein Mann angerichtet haben. Catherine Larsson wird wohl ziemlichen Widerstand geleistet haben, obwohl sie nicht besonders groß war. Eine Frau hätte zugestochen, denke ich mir. Das hier ist das Werk eines Mannes. Stark. Entschlossen. Eiskalt.«

»Das sehe ich auch so«, sagte Sjöberg. »Aber warum bringt man zwei kleine Kinder um? Willst du vielleicht ein paar Vorurteilen Luft machen, Jens, damit ich es nicht tun muss.«

»Weil man der Vater der Kinder ist und von dem ganzen Mist die Schnauze voll hat«, antwortete Sandén bereitwillig. »Oder weil man gerne der Vater der Kinder gewesen wäre und von dem ganzen Mist die Schnauze voll hat.«

»Wer hat die Polizei alarmiert?«

Sjöberg schielte auf den Zettel, den er in der Hand hielt.

»Ein Nachbar namens Bertil Schwartz. Catherine Larsson hatte für heute Morgen eine Zeit in der Waschküche reserviert, ist aber nicht aufgetaucht. Schwartz hat bei ihr geklingelt, um zu fragen, ob er ihre Zeit übernehmen kann, aber niemand hat ihm geöffnet. Er schrieb ihr eine Mitteilung, und als er den Briefschlitz öffnete, um den Zettel einzuwerfen, nahm er einen unangenehmen Geruch wahr, weshalb er durch den Schlitz schaute und auf dem Fußboden Blut zu erkennen glaubte. Daraufhin hat er die Polizei gerufen. Ihr müsst kontrollieren, ob das mit der Waschküche stimmt.«

Die Aufforderung hatte er an Hamad und Westman gerichtet. An Sandén gewandt sagte er: »Du übernimmst auch den Kindergarten. Aber als Erstes müssen wir zu Christer Larsson. Dann legen wir los. Morgen zur selben Zeit treffen wir uns wieder hier.«