Achtunddreißig

Freitag, 22. August 2003, 24:00 Uhr

Drei Tage später kehrte ich nach New York zurück. In drei weiteren Tagen wäre meine Schonfrist vorbei und der neue Eigentümer würde in die Wohnung einziehen, die Samuel und ich und geteilt hatten.

Amir strahlte, als er mich sah. »Ständig verschwindest du und erscheinst plötzlich wieder. Allmählich glaube ich, du bist ein Geist.«

Ich brachte ein mattes Lächeln zustande. Er hatte keine Ahnung, wie nah er mit seiner Einschätzung der Wahrheit kam.

»Warum hast du deine Bleibe verkauft?« Er wirkte ein wenig beleidigt, als empfände er meinen Auszug als persönlichen Affront. Ich rieb Daumen und Zeigefinger in jener universellen Geste des Geldzählens gegeneinander.

Er schürzte die Lippen. »Ein ganze Reihe Leute waren hier und haben nach dir gefragt. Ich habe sie aufgeschrieben.«

Er suchte irgendetwas unter seinem Pult und brachte einen Notizzettel zum Vorschein. »Da war zuerst ein Polizist, ich schätze Ende fünfzig. Er kam am 4. August, vor mehr als zwei Wochen. Ein Mann mit der Statur eines Berufsringers mit Löchern im Gesicht.« Amir warf einen Blick auf seine Notiz. »Detective Gentle.«

»Gentile«, korrigierte ich.

»Ja, das war der Name. Er schien wütend gewesen zu sein. Und zwar sehr wütend.«

»Wer noch?«

»Am nächsten Tag kam die schwarze Lady noch einmal.«

»Du meinst die Lady in Schwarz.«

Er nickte. »Ja, die meine ich. Eine traurige Person.«

»Das war Evelyn.«

»Und als Letzte kam eine wunderschöne Fremde. Eine Frau wie ein Engel. Haare wie Eis, blaue Augen.«

»Wann war das?«

»Sie kamen alle etwa um die gleiche Zeit.« Er schaute auf seinen Zettel. »Die Frau mit den hellen Haaren kam am 5. August. Seitdem war niemand mehr hier.« Er knüllte den Zettel zusammen. »Du hast geheimnisvolle Freunde.«

Ich erklärte ihm, ich hätte meine Schlüssel verloren, und bekam Duplikate von ihm. Dann klemmte ich mir den Stapel Post aus meinem Kasten unter den Arm. Die Fahrstuhltür hatte sich schon fast hinter mir geschlossen, als er mir noch etwas nachrief.

»Eins habe ich noch vergessen. Letzte Woche waren die Teppichleger hier.«

Teppichleger? Die neuen Eigentümer müssten demnach bereits in der Wohnung gewesen sein. Da sie aus Dubai kamen, war ich mir nicht sicher, ob sie die Wohnung vermieten oder sie gelegentlich selbst benutzen wollten. Was wäre, wenn sie bereits meinen gesamten Besitz ausgeräumt hatten?

Ich hatte Hemmungen, die Tür zu öffnen, da ich damit rechnete, vor einer völlig leeren Wohnung zu stehen. Stattdessen sah es aus wie in einem Hotelzimmer stockbesoffener Footballfans.

Graffiti waren an die Wände gesprüht; ziemlich platte Botschaften wie Leck mich und Deine Mutter ist eine Hure. Die Bande hatte wirklich nichts ausgelassen und sogar die Gemälde besudelt. Der Sofabezug war völlig zerfetzt, ein deutliches Zeichen, dass sie irgendetwas gesucht hatten. Tiefe Schrammen waren in meinen Medienschrank aus Teakholz gekratzt, ein fast schon antikes Stück, das mir ganz besonders ans Herz gewachsen war.

Bleichmittel war auf jeden meiner wertvollen turkmenischen Hirtenteppiche geschüttet worden und hatte stellenweise das Gewebe zerfressen. Der Fußboden vor dem Schrank sah aus, als sei darauf ein Spiegel in winzige Splitter zertrümmert worden. Alle CDs waren aus ihren Hüllen genommen, zerbrochen und auf den Boden geworfen worden.

Mir wurde schlecht, als ich mir ansehen musste, was sie getan hatten. Ich bückte mich und fand Teile meiner Steve-Vai-DVD. Ich sammelte sie auf und wünschte mir, sie würden von selbst wieder zusammenwachsen. Dies war sein Auftritt vor zwei Jahren im Londoner Astoria; in einer einzigen Einstellung, ohne Schnitt. »Whispering a Prayer« war eines der besten Gitarrensoli, die je aufgenommen wurden. Für mich so etwas wie eine persönliche Hymne, eine Erkennungsmelodie.

»Watchtower« vom Ali-Soundtrack, Jimmy Page und John Mayall mit Mick Taylor an der Leadgitarre. Was für eine Schande. Einige dieser Disks waren unersetzlich.

Ich ging von Zimmer zu Zimmer. Die Arbeitsplatten aus schwarzem brasilianischen Schiefer in der Küche und die Edelstahlregale waren kreuz und quer mit grüner Leuchtfarbe besprüht worden.

Mein Schlafzimmer war ein ähnliches Trümmerfeld. Mit einem Magic Marker auf meinen Spiegel gekritzelt waren die Worte Lieber John. Vielen Dank für deine Gastfreundschaft. Entschuldige das Durcheinander … The Rap. Es wäre natürlich unmöglich, ihn wegen dieses Vandalismus zu belangen, saß er doch sicher und unerreichbar im Gefängnis. Diesen Job hatten seine Freunde erledigt.

Es war unmöglich, alles in drei Tagen wieder in Ordnung zu bringen. Unsere Versicherung war mit dem Verkauf erloschen. Ich nahm an, dass die neuen Eigentümer versichert und die Schäden dadurch gedeckt waren. Visionen von Zivilprozessen tanzten vor meinen Augen. Ich befand mich ohnehin auf direktem Weg in den Bankrott – diese Sache würde meinen Abstieg nur beschleunigen. Mein emotionales Reservoir war bereits völlig geleert, aber es schien noch genug übrig zu sein für eine letzte Woge tiefer Verzweiflung.

Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich noch den Mut hatte, die Tür zu Samuels Suite zu öffnen. Ich zog sie einen Spalt breit auf und wagte einen Blick hinein. Weitere Graffiti prangten an den Wänden, doch hier musste ihre Energie erlahmt sein, denn mit Ausnahme von ein paar aus den Regalen geschmissenen Büchern konnte ich keine allzu schlimmen Schäden erkennen.

Ich holte meine Schatzkiste aus dem Wandschrank. Sämtliche Objekte waren noch vorhanden. Samuels Heimlichtuerei um die Schrifttafel und den Verkauf der Wohnung hatte mein Vertrauen tief erschüttert. War die Geschichte über meine Herkunft vielleicht ein wenig zu nett, zu glatt? Es gab nie irgendwelche Fotos, geschweige denn, dass jemals lange verschollen geglaubte Verwandte plötzlich vor unserer Tür gestanden hätten. Hinzu kam, dass Samuel und ich uns in keiner Weise ähnlich waren.

Ich griff nach dem goldenen Schlüssel. Welche Bedeutung hatte er? Welche schöne Frau hatte für das Porträt auf der Brosche Modell gesessen? Da Samuel nicht mehr lebte, fragte ich mich, wer nun darüber Auskunft geben könnte. Ich stellte die Kiste wieder an ihren Platz zurück und überlegte, wie ich jetzt Antworten auf diese Fragen finden sollte.

Ich zog mich aus und stellte mich unter die Dusche in Samuels Badezimmer. Ich drehte das Wasser auf kochend heiß und ließ es so lange auf mich herabrauschen, wie ich es ertragen konnte. Die Zeugnisse meiner Mühsal waren auf meinem ganzen Körper verteilt. Es war eine kartografische Darstellung meines Versagens. Rötliche Striemen markierten meine Rippen, die bei dem Unfall in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Dann waren da die Brandwunde an meinem Arm und gelblich verfärbte Schwellungen an den verschiedenen Stellen, an denen Shim mich bearbeitet hatte. Des Weiteren bläuliche Flecken auf meinen Lippen, Kratzer im Gesicht sowie eine fischgrätenförmige Narbe an meinem Bein, wo der Arzt eine tiefe Wunde zugenäht hatte. Ich schrubbte wie wild an mir herum, um meine Sünden abzuwaschen.

Ich hatte keine andere Wahl, als meine alten Kleider wieder anzuziehen, weil Samuels Sachen mir zu klein waren. Sämtliche Kleider in meinem Schlafzimmer waren zerfetzt worden. Von meinem Netztelefon rief ich die Polizei an. Die Versicherungsgesellschaft der neuen Eigentümer erwartete von mir, dass ich den Einbruch und die Verwüstung der Wohnung sofort meldete. Der zuständige Beamte, der sich meldete, versprach mir, sofort jemanden zu mir zu schicken, der sich um die Angelegenheit kümmern würde.

Eine halbe Stunde später klopfte es laut an meine Tür. Die Polizei brauchte vom Empfang nicht vorangemeldet zu werden wie wir gewöhnliches Volk. Ich öffnete die Tür und vor mir standen der Detective mit der Berufsringerfigur und den pockennarbigen Wangen sowie Vernon, sein uniformierter Assistent. »Wie ich sehe, sind Sie von Ihren Reisen zurückgekehrt, Madison«, sagte Gentile, während er hereinkam.

Er hob beschwichtigend die Hand. »Keine Panik. Ich bin nicht hergekommen, um Sie zu verhaften.«

Er baute sich mitten in meinem Wohnzimmer auf und drehte sich langsam um die eigene Achse, als befände er sich im Louvre und wollte alle Meisterwerke von einem einzigen Aussichtspunkt betrachten.

»Irgendjemand mag Sie nicht besonders«, stellte er fest. »Warum überrascht mich das nicht?«

»Als ich nach Hause kam, sah es so aus. Ich nehme an, Sie wurden degradiert«, erwiderte ich. »Machen Sie jetzt wieder Jagd auf Einbrecher?«

»Wie immer der kleine Klugscheißer, unser Madison. Ist aber eine gesunde Einstellung, den widrigen Umständen des Lebens mit Humor zu begegnen.«

Ich verschluckte eine scharfe Erwiderung. Es hatte keinen Sinn, meinem Unglück noch ein weiteres Problem hinzuzufügen. »Warum sind Sie hier?«, fragte ich. Ein wenig fürchtete ich mich vor seiner Antwort. Hatte er die Wahrheit gesagt, als er meinte, er wolle mich nicht verhaften? Hatten sich im Zusammenhang mit Laurel noch irgendwelche Fragen ergeben und glaubten sie, ich hätte etwas damit zu tun?

»Ich muss nur noch einige Einzelheiten klären«, sagte er. »Unterhalten wir uns ein wenig.«

Wir begaben uns in Samuels Arbeitszimmer und setzten uns an den großen Tisch, den mein Bruder immer benutzt hatte, wenn er irgendwelche Landkarten oder Illustrationen ausbreiten musste. Gentile wollte noch einmal meine Version über die Ereignisse in der Nacht hören, in der Hal getötet worden war. Ich entschied, ihm die ganze Geschichte der vergangenen beiden Wochen zu erzählen, allerdings mit zwei Ausnahmen. Ich erwähnte Laurel nicht. Falls er etwas dazu wissen wollte, würde ich seine Fragen wahrheitsgemäß beantworten, aber ich hatte keine Lust, mich selbst auf einem Silbertablett zu präsentieren. Außerdem äußerte ich mich nicht zu Tomas’ Entdeckung.

Gelegentlich unterbrach Gentile mich und bat mich, etwas zu wiederholen, doch die meiste Zeit hörte er schweigend zu. Vernon schrieb eifrig in sein Notizbuch. Der Detective schien nur einmal geschockt zu sein, als ich das blutige Gefecht auf dem Friedhof schilderte. Aber er glaubte mir offensichtlich, und das überraschte mich.

»Dann ist Ward also tot«, sagte er.

»Das weiß ich nicht. Sie haben ihn in eine Spezialklinik für Verbrennungen geflogen. Er ist noch in Kuwait.«

»Dieser Reporter namens Ari Zakar ist gestorben. Es wurde überall in den Nachrichten gemeldet. Offensichtlich hat er seinen eigenen Tod gefilmt.«

Seine Worte holten das Bild von Ari zurück, wie er zusammenbrach und die Kamera von seiner Schulter rutschte. Ich presste die Hände in dem vergeblichen Bemühen auf die Augen, diesen Anblick aus meinem Bewusstsein zu löschen.

Gentile holte ein Papiertaschentuch heraus und tupfte seine Stirn ab. Ich hatte schon vorher bemerkt, dass sie von Schweiß glänzte. Er stand auf, ging zum Fenster und schaute hinaus.

»Ich habe mich mal etwas eingehender mit dieser Frau – Eris Haines oder Hansen – beschäftigt. Sie hat eine ziemlich bewegte Vergangenheit. Für sie gab es einen Haftbefehl wegen einer anderen Sache. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie für Ihren Autounfall verantwortlich war.«

Hätte man mich vorher gefragt, ob mich noch irgendetwas schocken könnte, hätte ich mit einem spöttischen Lachen geantwortet. Aber diese Neuigkeit schockte mich wirklich. Ich schob meinen Stuhl zurück und eilte zum Fenster, so dass ich ihm in die Augen sehen konnte. »Wie haben Sie denn das herausgefunden?«

»Unsere Leute vom Dezernat für Autodiebstahl sind darauf gestoßen. Sie haben einen Pick-up während einer Razzia in einer Werkstatt für Karosseriebau beschlagnahmt. Sie überprüften die Farbe und die Kollisionsspuren auf unsere Bitte hin. Ihr Wagen wurde offensichtlich mit Absicht von der Straße gedrängt. Der Pick-up ließ sich zu ihr zurückverfolgen.« Er hielt für einen Moment inne. »Allerdings war Ihre Geschwindigkeit eindeutig zu hoch. Ob dies die Unfallwirkung noch verstärkt hat, wissen wir nicht und werden wir wohl nie erfahren.«

Ich war nicht schuld an Samuels Tod. Mir entfuhr ein tiefer Seufzer der Erleichterung, als hätte ein Exorzist soeben einen Dämon vertrieben. »Vielen Dank für diese Information«, sagte ich.

»Wir werden das noch schriftlich festhalten. Kommen Sie morgen aufs Revier, um den Bericht zu unterschreiben.«

»Das gefällt mir«, sagte ich. »Ich tue alles, was Sie wollen. Was ist mit Hals Ermordung?«

»Die wird wahrscheinlich in der Abteilung für ungelöste Fälle enden. Zurzeit habe ich nicht mehr als den ein oder anderen Verdacht und Ihre Geschichte.«

Während ich ihn zur Wohnungstür begleitete, deutete Gentile auf das Chaos. »Vernon bleibt hier und nimmt den ganzen Schaden auf. Sie können der Versicherung meinen Namen nennen. Ich würde die Vandalen nicht schonen, wenn ich Sie wäre.«

Die folgenden Wochen waren ein wenig hektisch. Eine telegrafische Banküberweisung über siebzigtausend Dollar traf ein. Ari hatte sie noch vor seinem Tod veranlasst, nachdem er Tomas überredet hatte, sich wenigstens von einem Teil des Profits aus dem Wohnungsverkauf zu trennen. Es war natürlich nur ein Bruchteil des wahren Werts unserer Wohnung. Ich hatte nicht mehr erwartet, jemals wieder von Tomas zu hören, aber ich stellte mir vor, dass er nie über Aris Verlust hinwegkommen würde.

Der größte Teil des Geldes war für Evelyns Betreuung während des nächsten Jahres bestimmt. Sobald ich in meinem Leben wieder ein wenig Ordnung geschaffen hatte, ging ich sie besuchen. Sie bewohnte ein Apartment in einem unauffälligen, aus Klinker erbauten Wohnkomplex in der Innenstadt. Nachdem ich an ihre Tür geklopft hatte, hörte ich das Knarren ihres Rollstuhls, dann wurde die Tür geöffnet, und ehe ich einen Schritt vorwärts machen konnte, beugte sie sich schon vor. Ich hatte kaum Zeit, neben ihr in die Hocke zu gehen, als sie mich bereits umarmte. Eher sollte ich wohl sagen, dass sie sich regelrecht an mich klammerte, denn es schien Minuten zu dauern, ehe sie bereit war, mich aus Ihrer Umarmung zu entlassen.

Sie war bereits in Morgenmantel und Pyjama und ich wäre fast zu spät gekommen. So gut sie es mit ihrer Arthritis vermochte, faltete sie die knochigen Hände und schlug sie vors Gesicht. Tränen traten in ihre Augen und die Worte sprudelten über ihre Lippen. »Ich hatte schon Angst, ich würde dich nie wieder sehen. Ich habe es immer wieder versucht. Im Krankenhaus wollte man mich nicht zu dir lassen. Nur nahe Angehörige, sagten sie. Ich habe so oft angerufen. Schrieb sogar einen Brief. Hast du ihn gefunden?« Sie brach mitten im Satz ab und musterte mich eindringlich. »Was ist mit dir passiert? Was ist mit deinem Gesicht? Diese Kratzer? Diese Flecken?«

»Es ist nichts, Evie. Mach dir deswegen keine Sorgen. Ich bin hier. Alles ist in Ordnung.« Ich schob sie zur Couch hinüber und setzte mich neben sie. Zu meiner Schande muss ich bekennen, dass es das erste Mal war, dass ich sie zu Hause besuchte. Samuel hatte sich um sie gekümmert, und wenn wir uns trafen, dann stets nur bei Ausflügen, die er arrangiert hatte, oder zu Abendessen oder an Wochenenden in unserer Wohnung. Und wenn er außer Landes war, hatte er immer jemanden engagiert, der sie versorgte.

Das Apartment war klein, aber peinlich sauber und aufgeräumt. Wie sie das bei ihrer eingeschränkten Bewegungsfähigkeit schaffte, konnte ich mir nicht vorstellen. Auf dem Tisch neben der Couch lag eine Tablettenbox mit Fächern für jeden Wochentag. Daneben standen ein halbvolles Glas Wasser und ein Karton mit Papiertüchern. Sie besaß einen kleinen Fernseher, ein Radio, Bücher und einige persönliche Dinge, die sie in einem Wandregal aufbewahrte; eine einfache Kochnische und ein Bad; und eine Nische für ihr Bett. Ein hübsches Möbelstück stand in der Wohnung, eine Anrichte, die einmal Samuel gehört hatte. Darauf standen mehrere gerahmte Fotos, eins von ihr und Samuel, alle anderen von mir – wir beide während eines Spaziergangs im Central Park, ich mit einem tropfenden Eishörnchen, Bilder aus der Grundschule und von der Universität. Das überraschte mich ein wenig.

Ich hatte mir vorgenommen, nichts über Hal und sein Rätselspiel und über meine Zeit im Irak zu erzählen. Es hätte sie nur unnötig aufgeregt. »Evie, es tut mir wirklich leid, dass es so lange gedauert hat, bis ich dich endlich besuche. Über den Unfall hinwegzukommen und mich damit abzufinden, dass ich jetzt ganz alleine bin, war nicht leicht und hat mich einige Mühe gekostet. Ich musste das auf meine eigene Art und Weise verarbeiten.«

»Du weißt, dass er eure Wohnung verkauft hat, nicht wahr? Ich wollte dich noch warnen. Samuel wollte es dir nach seiner Rückkehr sagen, aber dazu hatte er natürlich keine Gelegenheit mehr. Ich habe ihn angebettelt, es nicht zu tun. Es war dein Zuhause, doch er wollte nicht hören.«

Ich fragte mich, wie viel sie über die ganze Affäre wusste. »Hat er verlauten lassen, warum er die Wohnung verkaufen wollte?«

»Um dem Museum zu helfen. Um seine Schätze zu beschützen. Er war ein guter Mensch, aber er ging einfach zu weit. Er hat veräußert, was von Rechts wegen dir gehört hat. Und das war nicht fair.«

Ich lächelte und erwiderte: »Das ist jetzt erledigt und ich komme ganz gut zurecht.« Samuel und Evelyn verband eine tiefe Freundschaft und ich wusste, dass sie einander alles anvertrauten. »Apropos Schätze, du erinnerst dich doch an den kleinen Kasten, den Samuel mir einmal zum Geburtstag geschenkt hat.«

»Natürlich. Du hast so oft damit gespielt.«

»Samuel sagte einmal, er sei Teil meines Erbes. Aber ich habe nachgedacht. Gibt es noch etwas anderes? Hat er mit dir über meine Eltern gesprochen? Gibt es irgendwelche Fotos, die ich noch nicht kenne? Briefe? Irgendwelche Aufzeichnungen? Dokumente?«

»Da ist nichts mehr.«

»Es ist nur so, dass ich Fragen habe … dass ich mehr über meine Vergangenheit in der Türkei wissen will.«

In einer scheinbar unbewussten Geste legte sie eine Hand auf ihr Herz. »Als ich in dieses Land kam, sagte ich mir: ›Dies ist deine neue Chance. Wenn du dich ständig an schlechte Dinge aus deiner Vergangenheit erinnerst, werden sie zu Dämonen, die dich quälen. Vergiss sie!‹ Und das habe ich getan. Mach dich nicht unglücklich, indem du solche Fragen stellst, John. Das hilft dir nicht weiter.« Sie hatte mir bei diesen Worten nicht in die Augen geschaut, was überhaupt nicht zu ihr passte. Vielleicht ergab sich ja später eine Gelegenheit, bei der sie mir gegenüber ein wenig offener, mitteilungsfreudiger wäre.

Wir unterhielten uns noch für eine Weile, aber ich merkte, wie sie zusehends müde wurde. Ich half ihr, sich für die Nacht fertig zu machen, und sah voller Kummer, welche Anstrengung und Schmerzen es sie kostete, ihren Rollstuhl zu verlassen und zu Bett zu gehen. Ich küsste sie auf die Stirn und wünschte ihr eine gute Nacht.

Ein paar Tage später besuchten wir gemeinsam Samuels Grab. Es hatte sich einiges verändert. Ich sah in ihm nicht mehr den Bösen, aber auch die Aura eines Heiligen hatte angesichts der schmerzhaften Folgen des Desasters, das er in Gang gesetzt hatte, Risse bekommen. Ich war dankbar für diese Art innerer Wiedervereinigung und dafür, dass ich wieder voller Wärme und ohne irgendwelche Ressentiments an ihn denken konnte.

Ich mietete ein kleines Apartment im Astoria und versuchte, meine Geschäfte wiederaufzunehmen. Ich hatte nur bescheidenen Erfolg, da der Unfall immer noch wie ein böser Makel an mir haftete. Wenn üble Nachrede erst einmal ungehindert die Runde gemacht hat, lassen nicht einmal bewiesene Tatsachen sie so leicht verstummen. Erste Provisionen tröpfelten, aber nicht schnell genug. Vieles in diesem Geschäft beruht auf sozialen Kontakten. Dazu gehören das Veranstalten von Cocktailpartys in privatem Rahmen, Verabredungen zum Lunch in guten Restaurants und ein angemessenes persönliches Auftreten. Es sah so aus, als sei meine Karriere bereits beendet, ohne richtig in Gang gekommen zu sein, wenn es mir nicht bald gelang, ausreichend Bargeld heranzuschaffen.

Eine unerwartete Nachricht sorgte immerhin für einen kurzzeitigen Hoffnungsschimmer. In dem Stapel Post, der sich während meiner Abwesenheit angesammelt hatte, befand sich ein Brief von einem Londoner Rechtsanwalt mit repräsentativer Adresse in Lincoln’s Inn Fields. Er steckte in einem schlichten Manilaumschlag. Neugierig riss ich ihn auf. Zum Vorschein kam der Katalog eines Auktionshauses und ein an mich adressierter Brief auf schneeweißem Büttenpapier des Anwalts – einem gewissen Arthur S. Newhouse. Er schreibe mir im Auftrag seines Klienten, welcher den Wunsch geäußert habe, dass ich ihn am 13. Oktober während einer Veranstaltung des Auktionshause Sherrod vertreten und für ein Manuskript aus dem siebzehnten Jahrhundert bieten solle. Als ich die Provision sah – 25 Prozent eines Kaufpreises, der nach realistischer Schätzung mindestens einhundertfünfzigtausend Pfund betragen würde – fiel mir die Kinnlade herunter.

Aber es gab einen Haken. Es schien, als gebe es den bei allen guten Dingen, die mir winkten. Wenn ich das Manuskript erfolgreich ersteigert hätte, dürfte ich nicht den geringsten Versuch unternehmen, es zu lesen. »Offensichtlich hat dieses Manuskript eine fragwürdige Vergangenheit oder einen abstoßenden Inhalt«, schrieb Newhouse. »Diese Forderung dient einzig und allein Ihrem persönlichen Schutz.«

Die Provision würde dafür sorgen, dass ich wieder auf die Beine kam, keine Frage, aber ich hatte im Laufe der Zeit gelernt, keinem Angebot mehr zu trauen, ehe ich nicht bares Geld zu sehen bekam. Ich wollte gerade nach dem Telefonhörer greifen, um das Büro in London zu kontaktieren, als ein einkommender Anruf angezeigt wurde. Corinne war am anderen Ende. Und was sie mir zu erzählen hatte, vertrieb sämtliche Gedanken an ein Manuskript aus dem siebzehnten Jahrhundert aus meinem Bewusstsein.

Babylon
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