Dreizehn
Phillip Anthony, ein englischer Importeur, der sich vor zwanzig Jahren in der Stadt niedergelassen hatte, verkaufte in seiner Galerie in der Zehnten Straße Ost, kurz hinter dem University Place, Drucke und Gemälde. Gegründet hatte er die Galerie mit Claire Talbot, nacheinander seine Geschäftspartnerin, Ehefrau und Exehefrau. Man konnte ihren Namen immer noch ganz schwach auf der Klinkerwand lesen, wo er die Messinglettern hatte entfernen lassen.
Ich hatte zuerst Claire gekannt. Sie hatte für einige Zeit zu unserer Freundesgruppe an der Columbia University gehört. Wir waren ständig in Kontakt geblieben, weil unsere berufliche Tätigkeit uns des Öfteren zusammenführte. Ich hatte es seinerzeit begrüßt, dass sie sich von Phillip trennte. Er war auch über kurze Zeitspannen einfach unerträglich.
Phillip benutzte die Galerie hauptsächlich als Ausstellungsraum. Die meisten Bilder verkaufte er zu enormen Preisen an Privatkunden. Wenn mir das Wissen fehlte, um Hals Rätsel zu lösen, musste ich mir bei Leuten wie ihm Rat holen.
Seine Assistentin informierte uns, dass wir ihn im zweiten Stock antreffen würden. Phillip nutzte diesen Raum normalerweise als Lager und für Restaurierungsarbeiten. Heute jedoch war der Raum völlig leer, so dass er viel größer erschien. Die Wände hatten einen frischen weißen Anstrich und der Fußboden blitzte. Über die Decke war eine Leinwand mit den Michelangelo-Fresken aus der Sixtinischen Kapelle gespannt.
Laurel wusste nicht, was sie davon halten sollte. »Nun«, sagte sie und suchte nach einem halbwegs höflichen Kommentar, »wenn man sich das Echte nicht ansehen kann, dann, so nehme ich an, ist dies allemal besser, als in einem Buch zu blättern. Die Ausführung ist überraschend gut.«
Mein Urteil wäre sicher nicht so schmeichelhaft ausgefallen.
Eine Stimme hinter mir unterbrach meine Gedanken. »Ziemlich gewagt, meinen Sie nicht? Fünfzehn Kunststudenten haben zwei Monate dafür gebraucht.«
Hinter uns stand ein hochgewachsener, schlanker Mann mit schütterem grauem Haar und wässrig blauen Augen, vergrößert durch die dicken Gläser einer Brille, dass sie so groß wirkten wie die eines Babys.
»Phillip.« Ich reichte ihm die Hand. »Das ist Laurel, eine Freundin.«
Er schüttelte mir kurz und kühl die Hand und bedachte Laurel mit einem freundlichen Lächeln.
Ich erklärte, dass sie gerade an ihrer Dissertation in Philosophie arbeitete. Phillip mochte Leute, die eindrucksvolle Titel führten.
»Was führt dich hierher?« Er wandte sich zu mir um. »Gewöhnlich sehen wir dich nur, wenn es etwas zu verdienen gibt. Etwa bei Veranstaltungen, wo du neue Kunden an Land ziehen kannst.«
»Ich brauche Informationen über einen Dürer.« Die Bemerkung, die er gemacht hatte, klang ziemlich bissig. Das überraschte mich, denn soweit ich wusste, standen wir eigentlich auf freundschaftlichem Fuß. Dann klickte es bei mir. Ich war so tief in meiner Trauer über Samuels Tod versunken, dass es mir entgangen war. Der stetige Rückgang von Partyeinladungen und Arbeitsangeboten.
Wie Höflinge in königlichen Palästen konnten die entscheidenden Leute in unserer Welt augenblicklich die Reihen schließen. Ich erhielt Aufträge aufgrund meiner Verbindung mit Samuel, und sie verehrten ihn. Die Leute machten mich für seinen Tod verantwortlich. Man konnte zu den Spitzen meiner Branche gehören, doch wenn man stolperte, stritten sie sich darum, wer den tödlichen Stoß mit dem Messer ausführen durfte. Samuels Tod hatte nicht nur ein quälendes Gefühl tiefer Trauer hinterlassen, das wohl nie ganz verschwinden würde, sondern er konnte auch das Ende meiner Karriere bedeuten.
Ich tat so, als bemerkte ich seine Eiseskälte nicht. Phillip war mit mir nie richtig warm geworden, und unsere erste Begegnung war auch nicht allzu erfolgreich verlaufen. Ich war einmal nach einer Auktion mit einigen anderen Händlern durch die Bars gezogen. Einer von ihnen feierte ein besonders lukratives Geschäft, indem er uns mit dreiundzwanzig Jahre altem Evan Williams Bourbon abfüllte. Im Verlauf des Abends schütteten wir uns ziemlich zu. Phillip, der sich mit seinen sexuellen Eskapaden brüstete, erzählte uns, er habe einmal eine Stunde und fünf Minuten lang durchgehalten. Ich fragte ihn daraufhin, ob das in der Nacht während des Wechsels von Winter- auf Sommerzeit gewesen sei. Das kam bei ihm nicht allzu gut an.
Ich suchte nach etwas Positivem, das sich über die Michelangelo-Reproduktion sagen ließ. »Das ist für deine Galerie ein ziemlich ungewöhnliches Ausstellungsstück.«
Er lächelte. »Ein Wohltätigkeitsprojekt. Jedes Feld wird von einer anderen Firma gesponsert. Gestern Abend fand die Veranstaltung statt und es ist eine ganze Menge zusammengekommen.« Er deutete vage in Richtung der Szene, in der Gott die Hand Adams berührt. »IBM hat allein für diesen Teil zehntausend auf den Tisch gelegt. Wir mussten ihnen jedoch ausreden, Adams edlere Körperteile mit dem IBM-Logo zu verschönern.«
Laurel starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Der Schock stand überdeutlich in ihrem Gesicht geschrieben. Er grinste, um ihr zu signalisieren, dass er nur einen kleinen Scherz gemacht hatte. Ich stimmte in sein Lachen ein, dem ich jedoch nicht ganz trauen wollte. »Wie lange soll das noch hängen?«, fragte ich.
»Oh, mindestens bis zum Ende des Sommers.« Er sah mich an. »Eine schlimme Sache, das mit Hal Vanderlin.«
»Es war furchtbar.« Ich warf einen kurzen Blick zu Laurel. Ein leichtes Erröten war der einzige Hinweis darauf, dass sie sich über Phillips Bemerkung ärgerte.
»Ich habe irgendwelche Gerüchte über ein Drogenproblem gehört.« Er zwinkerte vielsagend.
Ich hatte kein Interesse daran, die Gerüchteküche der Kunstwelt über Gebühr anzuheizen und wechselte das Thema. »Erzähl uns von deinem Projekt.«
Anthony streckte seinen dünnen Arm aus und deutete auf die Erschaffung Adams. »Es gibt einige interessante Spekulationen darüber, was Michelangelo mit dieser Szene ausdrücken wollte.«
»Sie meinen die Pop-Analyse«, sagte Laurel. »Dass nicht Gott Adam erschafft, sondern dass es umgekehrt ist. Adam, der die Menschheit symbolisiert, erschafft Gott nach seinem Ebenbild.«
»Ja.« Phillip belohnte sie mit einem Lächeln, das schon fast ein lüsternes Grinsen war. »Aber ich glaube, das ist viel zu simpel. Ein amerikanischer Arzt, Frank Meshberger, sagt, dass Michelangelo durch die Form von Gottes Gestalt und den Faltenwurf seines Gewandes die Windungen des menschlichen Gehirns darstellen wollte. Maler der Renaissance wussten, wie das menschliche Gehirn aussieht. Sie haben Leichen seziert. Der Kopf Gottes wird von der linken Seite im Profil dargestellt, und in der linken Hemisphäre befindet sich das aktive Sprachzentrum. Sein Kopf steht über dem Fasciculus arcuatus, der zentralen Sprachverarbeitung im menschlichen Gehirn.« Er deutete dramatisch zur Decke.
Ich musste mir ein Lachen verbeißen.
»Daraus ergibt sich für mich folgende Theorie«, fuhr er fort. »Während Michelangelo scheinbar das aus dem Alten Testament bekannte Märchen von der Schöpfung illustriert, wollte er mit seinem aufwieglerischen Pinsel tatsächlich Folgendes ausdrücken. Die Fähigkeit des Menschen, zu sprechen, zu denken, sich in Symbolen und abstrakten Denkmodellen auszudrücken, beweist seinen Aufstieg aus der Welt des Profanen, aus der Tierwelt. Daher liegt das Göttliche im Menschen und nicht außerhalb seiner. Adam streckt die Hand nach der Macht des Wortes und nicht nach einem mythischen Gott aus.«
Als er eine kurze Atempause machte, ergriff Laurel schnell das Wort. »Hätte ein Bildhauer des sechzehnten Jahrhunderts so etwas wissen können – zum Beispiel, wo sich beim Menschen das Sprachzentrum befindet?«
»Vielleicht trauen wir dem Künstler einfach zu wenig zu.« Phillip massierte geistesabwesend sein Kinn und fand zunehmend Gefallen an dem Thema. »Einen fröhlichen alten Revoluzzer, so würde ich Michelangelo nennen.«
»Das ist ziemlich weit hergeholt, Phillip«, sagte ich. »Du brauchst dir doch nur das Bild genau anzusehen. Adams Gestalt ist schlaff, träge, als erwache er gerade zum Leben. Sämtliche Energie und Kraft sind in der Darstellung Gottes konzentriert. Michaelangelo hatte seine Differenzen mit der religiösen Hierarchie, aber er war immer noch gläubig.«
»Dann sieh dir doch die restliche Decke an«, beharrte Phillip. »Was haben heidnische Wahrsager in einem Bild zu suchen, das unwidersprochen als bedeutendstes christliches Kunstwerk angesehen wird? Die Orakel. Wirklich erstaunlich. Eine libysche Seherin befindet sich direkt neben der Schöpfungsszene. Er hat damit heidnische Priesterinnen mit Propheten des Alten Testaments auf eine Stufe gestellt.«
»Wollen Sie behaupten, dass Michelangelo sich für den Paganismus starkgemacht hat?«, fragte Laurel.
»Genau. Die Kirche hat Heiden unbarmherzig verfolgt, aber ironischerweise tummeln sie sich dank Michelangelo und seinem künstlerischen Genie im Zentrum der Kirche.«
Ich hatte genug von seinem belehrenden Tonfall. »Hör mal, Phillip, Laurel und ich haben uns mit Dürers Holzschnitt Melencolia 1 beschäftigt. Kannst du uns etwas darüber erzählen? Du bist schließlich der Experte auf diesem Gebiet.«
Ich hatte genau die richtige Ader getroffen. Er spreizte sich wie ein balzender Pfau. »Ah, Melencolia 1, einer der drei Meisterstiche – seine schönsten Zeichnungen. Ich war immer der Meinung, dass Dürer gleichrangig neben Leonardo da Vinci steht. Er war auch ein bemerkenswerter Maler und Mathematiker. Er schrieb zwei Bücher über Geometrie. Um seine Arbeit richtig zu würdigen, musst du den Mann in seinem kulturellen Kontext betrachten.«
Und schon ging es wieder los. Konnte er nicht einfach auf den Punkt kommen?
»Dürer wurde von seinem Vater unterrichtet, einem angesehenen Goldschmied, und entwickelte sich zum wichtigsten Künstler auf dem Gebiet des Holzschnitts und des Kupferstichs. Auch nach sechshundert Jahren hat ihn noch niemand überflügelt. Sein Vater zog im Jahr 1455 nach Nürnberg.« Er hob eine Augenbraue. »Sag’s mir, wenn du das alles schon weißt. Ich neige dazu, immer etwas weiter auszuholen.«
Ich bedeutete ihm mit einer Handbewegung, fortzufahren.
»Ich sagte, wir müssen uns den Kontext vergegenwärtigen. Man kann die Kunst der Renaissance nicht verstehen, ohne gründlich über die Hermetik, eine griechische und ägyptische Philosophie, die während des ersten Jahrhunderts in Alexandria gelehrt wurde, Bescheid zu wissen.«
Sag bloß nicht, dass wir uns jetzt zweitausend Jahre Geschichte anhören müssen, um ein paar Antworten zu erhalten.
»In Alexandria pulsierte das Leben. Es war auf beherrschende Weise das Herz der wissenschaftlichen Welt. Strömungen zahlreicher Philosophien, Religionen und Glaubensformen durchsetzten die Stadt.«
Er rieb sich die Hände, während er uns seinen kleinen Vortrag hielt. »Ägyptische Wahrsager, jüdische Mystiker und griechische Platoniker kamen dort zusammen. Die Priester Kybeles, die sich zu Ehren ihrer Göttin selbst zu kastrieren pflegten, zogen in ihren hellorangefarbenen Gewändern, mit schulterlangem Haar und mit Schmuck behängt durch die Straßen und schlugen ihre Becken und Trommeln. Die Hermetik entwickelte sich zuerst in dieser Stadt zu voller Blüte.«
»Hermetik. Die ist doch verwandt mit der Alchemie und der Transmutation, nicht wahr?« Ich hoffte, ihm damit einen kleinen Anstoß zu geben, endlich zu dem Thema zu kommen, über das wir mehr erfahren wollten.
Der Mann musterte mich herablassend, während seine Brille bis auf die Nasenspitze hinunterrutschte. »John, woher kommt dieser Hang, alles auf das kleinste gemeinsame Vielfache zu reduzieren? Alchemie ist so etwas wie eine praktische Wissenschaft und nur ein Aspekt der Hermetik. Und sicher nicht der wichtigste.«
Er schob die Brille wieder nach oben, schenkte Laurel ein weiteres nachsichtiges Lächeln und fuhr fort. »Ein Satz hat grundlegende Bedeutung für die Hermetik: ›Das, was unten ist, ist wie das, was oben ist, und das, was oben ist, ist wie das, was unten ist, ein ewig dauerndes Wunder des Einen.‹ Das ist die Übersetzung einer Zeile einer Schrifttafel, der Tabula Smaragdina, auf die sich alle späteren hermetischen Schriften beziehen. Die Tafel wurde dem ägyptischen Weisen Hermes Trismegistus zugeschrieben, doch mittlerweile ist man der Auffassung, dass die Verfasserschaft nicht eindeutig zu bestimmen ist. Ebenso wie die Bibel hatte sie mehrere Autoren, deren Namen fiktiv sein könnten. Oben wie unten, wie es sich in Kurzform einbürgerte, bedeutet, dass alle Elemente miteinander verwandt sind und in Harmonie zusammenwirken. Das Materielle und das Spirituelle sind eins. Muster und Konstellationen, die es auf der Erde gibt, sind auch am Himmel zu finden. Die moderne Physik unterstützt diese Sichtweise, indem sie uns zeigt, dass das Sonnensystem ähnlich aufgebaut ist wie das kleinste Atom. Du kennst den fünfzackigen Stern, das Hexenzeichen?«
»Klar.«
»In der aufrechten Position bezeichnet es das Gute, aber wenn es umgedreht wird, so dass zwei Zacken nach oben zeigen, gilt das Pentagramm als Zeichen des Teufels. Aber nimm den mesopotamischen achtstrahligen Stern oder das sechszackige Siegel Salomons. Beide sehen immer gleich aus, egal wie sie gedreht werden. Sie symbolisieren den Satz, den ich soeben zitiert habe, und stehen für die Harmonie aller Dinge.«
Ich hatte keine Ahnung gehabt, dass Phillip so gut über dieses Thema Bescheid wusste. Wir waren weit von Albrecht Dürer abgeschweift, aber seine Ansichten über die Verbindung zwischen Mesopotamien und der Alchemie weckten mein Interesse. Mir kam der Gedanke, dass er vielleicht der skrupellose amerikanische Händler war, den Samuel im Verdacht hatte, aber das erschien doch weit hergeholt.
Laurel, die meine Ungeduld spürte, schaltete sich wieder ein. »Das Christentum teilte die materielle Welt, das dunkle und sündige Fleisch, vom spirituellen Reich.«
Phillip tätschelte ihre Schulter. »Ja, sie wollten die Natur nicht begreifen, sondern sich über sie erheben. Um für die christliche Kirche Platz zu schaffen, musste der Paganismus entweder zurückgedrängt oder ausgemerzt werden. Im gleichen Maß, wie die Kirche an Bedeutung und Einfluss gewann, versank Alexandria, das Zentrum des frühzeitlichen Paganismus, in Bedeutungslosigkeit.«
Er brach ziemlich abrupt ab und wandte sich wieder Laurel zu. »An dieser Stelle kommen die Mesopotamier ins Spiel.«
»Sie meinen Harran.«
»Genau den.« Er strahlte Laurel an, als wäre sie seine beste Studentin. »Die Menschen und Ideen konzentrierten sich dort. Als Harran an Bedeutung verlor, zogen die Gelehrten nach Bagdad, dem Zentrum der Gelehrsamkeit im achten Jahrhundert nach Christus. Dort mehrten vor allem die Sufi-Schulen das hermetische Wissen. Ein Mann im Besonderen, Dschabir ibn Hayyan, erwarb sich den Titel ›Vater der Chemie‹, weil seine Leistungen einfach brillant waren. Er perfektionierte die Destillation, erfand den Destillierkolben und entwickelte die Verfahren, mittels derer man Salzsäure und Salpetersäure herstellen kann.«
Phillip richtete seinen wässrigen Blick auf mich. »Und hier kommen wir zu deiner Alchemie, zumindest soweit es den Blödsinn betrifft, unedle Metalle in Gold zu verwandeln. Ein bedeutender Sufi-Mystiker in Bagdad stellte in jener Zeit die Behauptung auf: ›Wir sind es, die durch unseren Blick den Staub unter unseren Füßen in Gold verwandeln.‹«
Allmählich reichte es mir mit den ständigen Beleidigungen.
»Die Fachleute konzentrieren sich ausschließlich auf ägyptische Quellen, aber man kann genauso gut Mesopotamien als Geburtsstätte der Alchemie ansehen. Das in Harran und Bagdad gesammelte Wissen gelangte unter maurischer Herrschaft nach Cordoba. Als die Europäer sich während der Kreuzzüge bei ihren Plünderungen und Massakern eine Pause gönnten, brachten sie zahlreiche Texte und hermetische Lehrbücher an sich und schleppten sie mit nach Hause. Zur allgemeinen Belustigung muss erwähnt werden, dass unser eigener König Johann von England, auch Johann Ohneland genannt, von diesen Ideen derart begeistert war, dass er heimlich darum bat, ein Muslim zu werden, mit der Absicht, den Islam in seinem Königreich zur vorherrschenden Religion zu machen. Und ihr werdet es kaum glauben, diese Ehre hat man ihm versagt!«
»Faszinierend, Phillip. Aber ich wollte einiges über Albrecht Dürers Melencolia 1 erfahren.«
Seine Stimme plätscherte weiter, als hätte ich gar nichts gesagt. »Hermetische Denkweisen und Praktiken tauchten während der Herrschaft der Medici in den großen Akademien und Geheimgesellschaften von Florenz wieder auf. Als das Reich der Medici zerfiel, fasste die Hermetik in Venedig Fuß. Dort stellte ein Gentleman namens Manutius, einer der ersten Buchverleger, hermetische Texte her. Im Jahr 1503 durfte er einen berühmten Gast begrüßen – Albrecht Dürer.«
»Dürer hat die Stadt mehrmals besucht«, korrigierte ich ihn. Das hatte ich in Erfahrung gebracht, als ich Recherchen über einige Stücke in Peter Vanderlins Sammlung angestellt hatte. »Seine Augen wurden in Venedig geöffnet. Er liebte die Arbeiten Bellinis.«
Phillip bedachte Laurel mit einem weiteren glückstrahlenden Lächeln, als wäre sie es gewesen, die auf diesen Punkt hingewiesen hatte. »Das tat er. Der Kontakt mit der italienischen Renaissancekultur veränderte seine künstlerische Sicht grundlegend. Die gotische Steifheit seiner frühen Werke machte natürlicheren Formen Platz. Hermetisches Gedankengut wurde von den bedeutenden kulturellen und wissenschaftlichen Geistern der Renaissance aufgenommen.« Abermals deutete Phillips Arm zur Decke. »Meine eigenen Künstler, Michelangelo, Raphael, Botticelli und Tintoretto, gehörten auch dazu. Genau wie sie war Dürer von der hermetischen Philosophie gefesselt.«
Wie nett. Phillip betrachtete die wichtigsten Künstler der Renaissance als sein Eigentum.
Ich wollte etwas einwerfen, um zu unserer ursprünglichen Frage zurückzukehren. Phillip, der genau wusste, was jetzt kommen würde, gebot mir mit einer Geste Einhalt. »Ja, das Bild.« Er ging zu einem Mylar-Schrank, suchte ein Buch heraus und schlug es auf. Es war ein Catalogue Raisonné. Er hielt ihn hoch und deutete auf die obere rechte Ecke eines Bildes. »Die Symbole in Melencolia 1 sind hermetischen Ursprungs. Die Glocke, zum Beispiel, symbolisiert die Verbindung zwischen allen Dingen. Der Klang der Glocke, der sich in alle Richtungen ausbreitet, kann auch etwas Greifbares sein und eine Form haben. Dürer dürfte nicht bewusst gewesen sein, wie tiefsinnig sein Bild wirklich war. Unser Planet funktioniert wie eine Glocke. Die Erde singt regelrecht. Die Reibung zwischen den Schollen der Erdkruste erzeugt einem Glockenton ähnliche Schallwellen. Man kann sogar den Ton identifizieren – B-Dur.«
Phillip zeigte dann auf die linke obere Ecke des Holzschnitts. »Der Regenbogen stellt das gleiche Prinzip dar: die Farbe – genauso genommen Nichtfarbe – Weiß, die sich in die Spektralfarben aufspaltet. Habt ihr schon mal etwas von einer Eigenschaft namens Synästhesie gehört?«
»Wenn Leute Musik als Farben sehen?«, fragte Laurel.
»Das ist eine Möglichkeit. Im Grunde ist es die Verbindung von zwei verschiedenen Bereichen der Wahrnehmung und ein perfektes Beispiel für Austauschbarkeit. In Dürers Bild symbolisiert die Leiter die Verbindung zwischen Himmel und Erde. In der Renaissance wurden künstlerische Meisterwerke nicht nur als Bilder betrachtet, sondern als Talismane mit magischen Kräften.«
Phillip entblößte wieder seine strahlenden Beißerchen, indem er Laurel anlächelte. »Es gibt eine lange Liste von Notablen – Dante, Mirandello, Dürer, Goethe und mein eigener englischer Edmund Spenser –, die die Idee des ›Einen‹ weiterführten. Der große Isaac Newton war der Letzte, ehe Descartes, dieser Häretiker, alles hinter dem dunklen Vorhang des Rationalismus verschwinden ließ.«
»Können Sie auch noch einige andere Symbole erklären?«, fragte Laurel.
»Es wäre sinnvoller, jemanden zu konsultieren, der sich auf diesem Gebiet besser auskennt. Ich weiß jedoch, dass Dürer sich mit seinem Publikum einige Tricks erlaubt hat.«
»Tricks?« Laurel runzelte die Stirn.
»Es war während der Renaissance keinesfalls allgemein üblich, dass Künstler ihre Werke signierten. Tatsächlich war es vielen sogar verboten, daher waren sie zu einer List gezwungen. In der Schule von Athen versteckte Raffael seine Initialen im Kragen einer der Gestalten im Bild. Dürer benutzte bei seinen Werken oft ein Monogramm, doch in Melencolia 1 versteckte er seinen Namen.«
Er streckte seine langen, knochigen Finger aus, um Laurel freundlich gegen die Wange zu tippen. »Sie haben bis heute Abend Zeit, herauszufinden, wie er das Werk signiert hat. Wenn es Ihnen gelingt, dann geht das Essen auf mich.«
»Das weiß doch jeder Kunststudent im ersten Semester«, sagte ich. »Du meinst sein magisches Quadrat. Alle Reihen und Spalten ergeben in der Addition vierunddreißig. Die unterste Reihe enthält die Zahlen vier, fünfzehn, vierzehn und eins. Die Eins und die Vier stehen für A und D oder alternativ für A.D. 1514, das Datum, an dem er das Werk vollendete. Picasso war davon derart beeindruckt, dass er das Datum des Unbekannten Meisterwerks, 1934, in seinem eigenen Bild versteckte.«
Das reichte nicht aus, um den überheblichen Gesichtsausdruck Phillips wegzuwischen. »Deine Herkunft ist dubios und deine Manieren zeigen das. Das ist nur die erste Methode. Es gibt insgesamt achtundsechzig verschiedene Signaturen, mit denen Dürer sich auf seinen Werken verewigt hat, aber ich befürchte, dass du die raffinierteren gar nicht finden würdest. Du brauchst Hilfe. Claire war anlässlich unserer Spendenparty hier. Warum fragst du sie nicht? Sie sucht es für dich heraus.«
Laurel fand das gar nicht spaßig. »Wenn es Ihnen sowieso egal ist, würden wir es gerne jetzt wissen.«
Diesmal drohte Phillip ihr scherzhaft mit dem Finger. »Warum so eilig? Ich garantiere Ihnen, ich kenne einige der besten Restaurants der Stadt.«