Der Unfall

Samstag, der 6. Mai, von Guillena nach Castilblanco

de los Arrogas, 18 Kilometer, gesamt 40,8 Kilometer

2. Wandertag

Ich stehe wieder früh auf. Kurzes Frühstück in der Bar, die schon um sieben Uhr geöffnet hat. Café Solo, Croissant, Wasser, wie gestern, um den trockenen Mund auszuspülen, dann geht es raus in die Morgendämmerung auf die noch leeren halbdunklen Straßen. Man muß früh aufbrechen in diesem heißen Land. Die Morgen sind noch kühl und frisch nach den sternklaren, wolkenlosen Nächten. Erst um elf Uhr wird es merklich wärmer und dann ab zwei Uhr gnadenlos heiß. Die Sonne brennt bereits jetzt im Mai mit 30 – 35 Grad vom wolkenlosen Himmel. Die Pisten sind lang und staubig und trocken, kein Wald, kein Baum spendet Schatten, im Wanderführer steht: „Das Wasser wird knapp. Auf 20 Kilometer ohne Wasser und mit hohen Temperaturen sollten Sie vorbereitet sein. Auf den nächsten 14 Kilometern gibt es keine Möglichkeit, Wasser nachzufüllen!“ Ich komme allerdings mit nur einem Liter pro Tag aus, da ich so wenig wie möglich trinke, nur alle drei Stunden einen Schluck, mittags meinen Wein. Man sollte in den heißen, südlichen Ländern so wenig wie möglich trinken, wer viel trinkt, schwitzt auch viel, der Körper läßt all das überflüssige Wasser wieder heraus. Ich trinke wenig und schwitze deshalb auch wenig.

Schön ist es, in den frischen, noch dunklen Morgen hinauszuwandern. Die Wiesen sind noch feucht vom Tau, die Luft bewegungslos und kristallklar, die letzten Sterne blinzeln noch vom eisblauen Himmel, ein halber Mond hängt schräg über den Hügeln. Zartes Pfirsichrosa schwebt über den nachtschwarzen Feldern, zerfließt in warmem Orange, goldene Blitze schießen hinter dem Horizont in das türkise Blau, bis dann lautlos und ewig gleich die Sonne wie eine Messingscheibe groß und glühend über das schwarze Land gleitet, Zentimeter um Zentimeter sich nach oben stemmt, das Türkis verdrängend und anzündend mit ihrem glühenden Schein. Es ist frisch, ich ziehe den Fleecepulli dicht an meinen Körper, die Stunde des Sonnenaufgangs ist die kälteste der Nacht. Bis dann die ersten Sonnenstrahlen über die gefrorene Landschaft lecken und die Wärme ahnen lassen, die bald kommen wird.

Diese frühen Morgenstunden sind für mich die schönsten des ganzen Tages. Schwerelos gleite ich durch die noch jungfräuliche Natur des Tageserwartens, wo alle Stille den Atem anhält und nichts die Ruhe stört. Einsam und allein mag ich gerne sein in diesen ersten Morgenaugenblicken. Bald hole ich einen jüngeren Mann ein, mit dem ich nun gemeinsam weiter gehe. Wir steigen allmählich auf, der Weg verläßt die Ebene des Guadalquivir auf seinem Aufstieg in die Sierra Morena. Rechts und links bestelltes Land, Olivenbäume auf roter Erde, in endlosen Reihen bis zum Horizont, nicht die kleinen Terrassen und Äckerchen wie bei mir in Italien, hier ist alles groß und weit und gewaltig. Schwarze Schläuche verbinden die Bäume, hier muß den ganzen Sommer gewässert werden, ohne Wasser gedeiht hier nichts, der letzte Regen fällt Anfang Mai, bis Oktober regnet es nicht mehr. Der Weg ist gesäumt mit endlosen Kissen von weißen, gelben, blauen Blumen, eine betörende Natur in prangender Fülle. Hier wird nichts giftig weggesprüht wie bei uns, um eine saubere kontrollierte Natur zu bekommen, hier darf alles wuchern wie es will. So schlendern wir beide durch diese berauschende Natur der Fülle, erzählen von unserem Weg und blicken in das verblassende Tal des großen Flusses, den wir hinter uns zurücklassen.

Auf der ersten Anhöhe bleiben die Plantagen zurück, Wiesen breiten sich aus auf rollenden Hügeln, grün noch, von Blumenteppichen bedeckt, über denen gründunkle Steineichen in kleinen Grüppchen stehen. Wälder gibt es hier unten nicht mehr. Die Bäume vereinzeln sich, um das wenige Wasser zu sammeln. Der Weg schlängelt sich als staubige, gelbe Piste durch die Wiesen unter den Bäumen hindurch. Die Landschaft erinnert an die Savannen Ostafrikas.

Unterwegs treffen wir zwei Deutsche aus Bayern, die eine kleine Rast am Wegesrand machen. Wie immer bleibt man stehen, redet über sich und den Weg. Ich erzähle über mein Buch, das ich über den Camino del Norte geschreiben habe, der Bayer notiert den Titel und meine Adresse, er will es sich besorgen, wenn es erschienen ist. Wir Jakobspilger sind immer interessiert an den Wegen der anderen. Er fragt mich noch, warum ich mit Stock laufe, hier auf diesen ebenen Wegen. Er benutze Stöcke nur in den Bergen, wo es steil und gefährlich sei. Ich antworte ihm, daß der Stock mein drittes Bein sei und ich nie ohne laufe, als Halt, wenn ich stolpere oder abwärts muss in unebenem Gelände. Ich sollte heute Abend noch an seine Worte denken.

Heute ist eine kurze Etappe, 5 Kilometer vor Castilblanco erreiche ich die Landstraße. Vor dem Ort liegt linkerhand ein Restaurant, in dem um zwei Uhr noch fröhliche Familien speisen. Ich stelle mich auf ein kühles Bier an die Bar und bedaure, daß ich zu spät bin zum Mittagessen, so prächtig sehen die Platten aus, die auf den Tischen verzehrt werden. Doch mittags esse ich nie, nur mein Picknick in der Natur auf der Wiese.

Bald bin ich in Castelblanco, am Ortseingang liegt die Herberge auf einem Hügel über der Tankstelle. Groß, modern, sauber, viele der Mitpilger des Tages sind schon da. Ich verarzte meine Füße nach der erfrischenden Dusche, steche die Blase an der linken Ferse mit meiner Sicherheitsnadel auf, drücke sie behutsam ganz aus, bis kein Wasser mehr kommt und versiegele sie mit Compeed, dem Zweite-Haut Pflaster, das immer wieder so gut hilft. Nach einigen Tagen ist dann die Stelle verhornt und ich habe Ruhe für die ganze Wanderung. Dann schneide ich mit meinem Schweizer Offiziersmesser noch ein Hühnerauge weg, das ich jedesmal immer wieder an der gleichen Stelle am kleinen Zeh bekomme.

Es ist keiner unter uns, der nicht Fußprobleme hat, manche Füße sehen grauenvoll aus, mit vielen Pflastern und Bandagen. Ich bekomme in den ersten Tagen meine bekannten Blasen, immer an den gleichen Stellen, die bald weg sind und ich dann unbeschwert laufen kann. Denke ich wenigstens im Augenblick – doch diesmal sollte es schlimmer kommen. Unter den Füßen habe ich sowieso eine dicke Hornhaut vom vielen Wandern, da habe ich nie Beschwerden wie so viele andere.

Ich lege mich für eine Stunde in meinem Seidenschlafsack in den kühlen, dunklen Schlafraum und schlummere selig ein. Diese kleinen Schläfchen tun immer gut nach dem anstrengenden Tag und geben Kraft für den nächsten Tag. Als ich aufwache, erfahre ich die schreckliche Nachricht: Der dicke Bayer, der so interessiert nach meinem Buch fragte und so entschieden gegen den Gebrauch von Stöcken war, ist kurz nach unserem Gespräch in eine Spalte des Weges gestolpert, gestürzt und hat sich den Fuß so schlimm verdreht, daß er mit dem Krankenwagen nach Sevilla gefahren werden mußte und nun kreidebleich mit eingegipstem Fuß auf seinem Bett liegt. Das ist das Aus für seine Wanderung. Der erste Tag und schon zu Ende. Hochmut kommt vor dem Fall. „Stöcke nur in den Bergen!“ Mit Stock wäre er nicht gestürzt, zumindest hätte er sich abstützen können. Wenn man ohne Stock einmal stolpert, drückt der schwere Rucksack einen zu Boden. Mir tun beide leid – sein Freund sitzt nur neben ihm am Bett und murmelt: „Scheiße, Scheiße, Scheiße!“ Ich schlage vor, er solle doch eine Woche nach Marbella ans Meer fahren, den Fuß auskurieren und dann die Wanderung fortsetzen. Doch nein, er ist am Boden zerstört, alles Aus, Aus und Vorbei, er hat schon seinen Flug umgebucht und will nur noch nach Hause. Armer Kerl!

Ich bin gesund. Ich bummele erfrischt und ausgeruht durch das schöne weiße Städtchen. An der Kirche auf der Plaza setze ich mich unter die Sonnenschirme auf die Straße und trinke ein eiskaltes Bier. Auf dem Kirchturm sind vier Storchennester. Die Jungen recken piepsend ihre Hälse, bis die Alten mit gefüllten roten Schnäbeln herbeigleiten und die gierige Brut füttern. Elegant kreisen die schönen, schwarzweißen Vögel um die Kirchtürme. Wenn sie auf ihren Nestern sitzen, klappern sie mit den Schnäbeln, als wollten sie ihren Jungen etwas erzählen von nassen Wiesen, Fröschen und Jagdglück. Nie wußte ich, warum sie Klapperstörche genannt werden. Bei uns in den großen Städten kennt man sie ja auch nicht mehr. Gebhard und Cäcilie kommen vorbei. Sie bleiben nicht, wir verabreden uns für heute abend zum Abendessen.

Diese andalusischen Städtchen sind ein Traum. Nähert man sich ihnen, schwimmen sie erst wie ein weißer Klecks in der grünen Landschaft. Stunden schon sieht man sie in dem klaren, gleißenden Licht des Südens.

Beim Näherkommen zerfließen sie in ein Gewebe von weißen Kästchen und Kuben, aus denen nur der schneeweiße Pfeil des Kirchturms in den wabernden, heißen Himmel sticht. Bald tauchen die roten Dächlein auf, ein Straßenloch öffnet sich in der weißen Stadtmauer, man schlüpft hinein in die stille Kühle der engen Gassen. Menschenleer sind sie den ganzen Tag, nur abends kurz vor Sonnenuntergang, wenn die erbarmungslose Hitze des Tages der erfrischenden Sanftheit des Abends weicht, beleben sich die Straßen mit lärmenden Kindern, schwatzenden schwarzen Weiblein auf Stühlen vor den Hauseingängen und schweigenden alten Männern auf den Bänken der Plaza.

Die Häuser sind hoch und streng, die Fenster meist mit Läden geschlossen, im Erdgeschoß mit schwarzen daumendicken Eisengittern geschützt. Eine schöne, ruhige, vornehme Stille liegt über diesen Städtchen, die in den Jahrhunderten ihrer Tradition dahinschlummern.

Abends sitze ich noch mit Hans und Annique in der Bar Isidro und esse mit ihnen dieses schöne, zarte Fleisch der Ibéricos, wie man sie hier nennt, das sind diese halbwilden, grauen Schweine, die ihr Leben lang unter den Steineichen leben und deren Eicheln fressen, wodurch sie dieses köstliche, magere Fleisch bekommen, das die Spanier und wir so schätzen, nach schwarzer Erde und den moorigen Früchten der Bäume schmeckend, so ganz anders als das fette, wäßrige Fleisch unserer rosa Hausschweine, die in ihren dunklen, luftlosen Ställen mit Kraftfutter aufgefüttert werden.

Auf der Silberstrasse 800 Kilometer zu Fuss durch die endlosen Weiten Spaniens
titlepage.xhtml
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_0.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_1.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_2.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_3.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_4.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_5.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_6.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_7.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_8.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_9.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_10.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_11.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_12.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_13.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_14.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_15.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_16.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_17.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_18.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_19.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_20.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_21.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_22.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_23.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_24.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_25.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_26.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_27.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_28.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_29.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_30.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_31.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_32.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_33.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_34.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_35.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_36.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_37.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_38.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_39.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_40.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_41.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_42.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_43.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_44.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_45.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_46.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_47.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_48.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_49.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_50.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_51.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_52.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_53.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_54.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_55.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_56.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_57.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_58.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_59.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_60.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_61.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_62.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_63.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_64.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_65.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_66.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_67.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_68.html