Die vier Reiter
Sonntag, der 7. Mai, von Castilblanco de los Arroyos
nach Almadén de la Plata, 30 Kilometer
Gesamt 70,8 Kilometer
3. Wandertag
Heute ist eine lange Etappe, 30 Kilometer, da heißt es früh aufstehen. Die meisten sind schon weg, als ich um halb acht in der Bar gegenüber der Tankstelle, die schon geöffnet hat an diesem Sonntagmorgen, ein schnelles Frühstück zu mir nehme, Tostados, Weißbrot mit Olivenöl in der Pfanne gebraten mit süßer Marmelade, dazu den üblichen Café Solo, einen frisch gepreßten Orangensaft und ein eiskaltes sprudelndes Wasser – Agua con gas. Heute habe ich eine unangenehme Strecke vor mir, 16 Kilometer auf der Landstraße, das sind vier Stunden Gehen auf hartem Asphalt, die längste Straßenstrecke, die ich jemals gewandert bin. Es ist kaum Verkehr an diesem Sonntagmorgen, das schwarze Band windet sich kurvig auf und ab durch die weite Wiesenlandschaft. Vor mir erkenne ich die bunten Punkte meiner Mitpilger, die vor mir aufgebrochen sind. Ab und an überholen mich grellbunte Rudel eifriger Radfahrer, die an diesem Sonntagmorgen auf ihren gestylten Rennmaschinen dem spanischen Nationalsport frönen. Wie elegant flitzen sie dahin, während ich am Teer der Straße zu kleben scheine. Ich zähle die weißen Kilometerpfosten, die alle hundert Meter am Straßenrand stehen – 10 von ihnen machen 1 Kilometer, dann springt die Zahl von 1 auf 2. Geduldig stapfe ich noch frisch an diesem kühlen Morgen durch das immer schöner werdende Land.
Die Monotonie der Straße wird ausgelöscht durch ein Blumenwunder, wie ich es noch nie erlebte. Zu beiden Seiten der Straße wellen sich endlose Blumenteppiche aus weißen, gelben und blauvioletten Blüten, Millionen von flirrenden Lichtpunkten in dem wogenden Grasmeer. Darüber kreisen mit schwarzen Schatten die Stein- und Korkeichen, die wie grünschwellende Schiffe auf diesem Meer dahingleiten. Es sieht aus wie ein großer Park, ein Landschaftsgarten, wie komponiert von einem Gartenplaner wechseln sich gelbe Teppiche mit weißen und lilablauen. Nie sah ich Großartigeres in wilder Natur. Dies ist der andalusische Bergfrühling, ein kurzer Rausch Anfang Mai nach den ergiebigen Regenfällen des Aprils, die dieses Paradies explodieren lassen für zwei bis drei Wochen, bis es dann nach Versiegen des Regens in wenigen Tagen zu einer gelben Wildnis verdorrt. Berauscht tanze ich auf meiner Pilgerstraße durch dieses himmlische Geschenk.
Ab und an komme ich jetzt an den Eingangstoren der großen Fincas vorbei, die sich in dieser weiten Landschaft in unglaublichen Dimensionen erstrecken, Weideland für die saftigen Rinder- und Schafherden. Eine grellweiße circa 50 Meter lange Arkadenwand erstreckt sich längs der Straße, ein Tor in der Mitte, überhöht von einem Giebel. „El Tinajar“ lese ich in schwarzen schmiedeeisernen Lettern über dem Gittertor, das fest verschlossen ist. Dahinter verliert sich eine endlose, schnurgerade Kiesallee im Nichts der Hügel. Die Finca selbst ist nicht auszumachen, sie liegt mindestens noch fünf Kilometer hinter den Hügeln, diese Besitztümer sind so groß wie bei uns eine ganze Stadt. Der weiße Brunnen vor dem Tor ist wohl nur zur Zierde da, Wasser führt er schon lange nicht mehr.
Ein älteres spanisches Ehepaar bittet mich am Straßenrand, ein Foto von ihnen zu machen. Sie posieren sich vor dem rostigen Zaun, der die blumigen Wiesen von dem gelben Gestrüpp längs der Straße trennt. Entzückt zeigt der Mann mir danach das Display, wo die beiden, selig lächelnd, vor dem rostigen Eisengitter stehen, das die Blumen verschluckt. Als sie mich dann auch noch fotografieren wollen, lehne ich dankend ab, ich mache meine Fotos durch die Löcher des Zauns, damit man diesen nicht sieht.
Ich treffe Hans und die deutschen Pilger, die an der Straße im Gestrüpp picknicken, zwischen Zaun und Straße. Sie winken mir zu, doch ich will nicht, ich suche die unberührte Natur abseits der Straße. Endlich nach vier langen Stunden, es ist schon Mittag, erreiche ich den Abzweig in den Naturpark „El Berrocal“. Früher befand sich hier das Landgut gleichen Namens, das aber von der Provinzregierung gekauft und dem südlicher gelegenen Naturpark „Sierra Norte de Sevilla“ angeschlossen wurde. Da der Teil von „El Berrocal“ jedoch etwas abseits liegt, wird er kaum von Ausflüglern besucht und eigentlich nur von Pilgern der Via de la Plata betreten.
So bleibt mir dieses Wunder unberührter Natur erhalten und ich tauche auf der Kiespiste tief ein in diesen Traum. Jetzt endlich kann ich mich niederwerfen in dieses duftende Blütenmeer, hier, in den Schatten eines Korkeichenbaumes. Ich liege in einem Teppich weißer Margeriten, die, höher als ich, meinen Kopf überragen. Zum ersten Mal sehe ich geschälte Korkeichen, die Stämme nackt und schwarz aus den Wiesen ragen. Das Glück, in den Blumen zu liegen unter diesem blauen, samtenen Himmel, das Brummen der Insekten in den Gräsern und das Lärmen der Vögel über mir. Der warme Wind singt in den Halmen, der dunkle Schatten des Baumes kühlt meinen heißen Kopf. Die lange Straße ist vergessen. Gottfried von Eichendorff kommt mir in den Sinn:
Es war als hätt der Himmel die Erde still geküßt,
daß sie im Blütenschimmer von ihm nun träumen müßt
Vier Reiter kommen auf der Piste vorbei auf schönen edlen Pferden, die Hufe knirschen auf dem Kies, die Männer tragen schwarze, breite andalusische Hüte auf dem Kopf, sie sehen mich nicht in meinem Wiesengeheimnis, ich folge ihnen, bis sie hinter der Biegung des Weges verschwunden sind. Dann taucht auch Max auf, heute in orangegelben, flatternden Hosen, er lacht mir zu: „Buenos Días“, dann legt er sich wie ich in die blühende Wiese und hält seine Siesta. Ich möchte nicht weg aus dieser Umarmung.
Nie mehr möchte ich aufstehen aus diesem Blütentraum, doch die Zeit zieht mich, weiter muß ich, es ist schon zwei Uhr, noch 14 Kilometer liegen vor mir. Ich folge der bequemen Piste, die in ein Tal mäandert, alle anderen Pilger sind schon vorbei. Der Aufstieg ist mörderisch. Es ist sengend heiß, den lieblichen Park habe ich verlassen, durch eine jetzt im Mai schon verbrannte gelbschwarze Landschaft mit schwarzen Kiefernstämmen quäle ich mich aufwärts. Endlos ist der Weg, schattenlos, verdorrt und staubig trocken schwingt er durch eine trostlose steinige Landschaft. Zum Schluß noch ein letzter, entsetzlich steiler Aufstieg auf einen Berg, der sinnigerweise „Kalvarienberg“ heißt. Auch ich fühle mich nun wie Christus, am Ende meiner Kräfte, so wie er sein Kreuz, schleppe ich meinen bleischweren Rucksack, meine Beine tun mir entsetzlich weh, mühsam setze ich Fuß vor Fuß und muß aufpassen, daß ich nicht stürze. Ich habe noch nicht meine Form gefunden, diese 30 Kilometer sind fast zuviel für mich, auch an die Gluthitze des Nachmittags bin ich noch nicht gewöhnt. Nach den Wundern des Vormittags läßt Santiago mich jetzt leiden. Ich überhole zwei Mitpilger, die erschöpft am Wegesrand sitzen und denen es ebenso schwer fällt wie mir. Na, jedenfalls bin ich nicht mehr allein mit meinen Schmerzen.
Endlich bin ich oben, ein Felsen mit einem Steinkreuz, unter mir im Tal liegt weiß mit roten Dächern Almadén de la Plata. Ich habe nur noch wenige Wassertropfen in meiner Flasche, die zudem, 30 Grad warm, den Durst nicht mehr löschen. Ich befeuchte die rauhen Lippen, den ausgetrockneten Hals, zu mehr reicht es nicht. Zehn Minuten Pause, ich habe mein Ziel ja bald erreicht, nur noch den steilen Abweg muß ich hinab, vorsichtig, Schritt für Schritt, daß ich nicht stolpere. Gleich am Eingang gibt es eine Bar. Die Männer schauen verwundert auf, als ich hineinstolpere und meinen Rucksack in die Ecke schmeiße. Das Bier ist immer eiskalt hier in Spanien. Das erste stürze ich in einem Schluck hinunter. Mein Körper ist wie ein Schwamm, nie hätte ich geglaubt, daß ich ein Glas Bier in einem Schluck herunter kippen könnte.
„Una mas, por favor!“
Das zweite folgt nun etwas langsamer und genußvoller.
Vor der nächsten Bar an der Plaza sind an hölzernen Pfosten, so wie in den Westernfilmen vier Pferde angebunden, die Reiter mit ihren schwarzen Sombreros stehen daneben und trinken ihren Sherry. Es sind die vier Reiter, die heute mittag im Nationalpark an mir vorbei ritten.
Müde taumele ich zu der Herberge, die anderen sind schon lange da und bereits wieder zum Essen ausgegangen. Erstmal schlafe ich eine Stunde in meinem Etagenbett, dann finde ich die Gefährten in der Bar, wo vorhin die Pferde standen, zum Abendessen. Wir sind jetzt bereits eine Gruppe von 10 – 12 Pilgern, die sich jeden Abend wieder treffen.