Im schönsten Wiesengrunde
Sonntag, der 18. Juni, von Campobecerros
nach Laza, 15,1 Kilometer,
gesamt 795,0 Kilometer
37. Wandertag
Heute Morgen ist wieder alles im Nebel. Marguerita ist schon lange weg, als ich aufstehe. Ich bin jetzt der einzige „Through hiker“, wie die Amerikaner die nennen, die Tausende von Kilometern trecken in ihrem endlosen Land. Ich bin nun der Einzige, der übrig geblieben ist von den dreißig in Sevilla. Doch der Nebel ist heute warm und mild. Feenhaft zieht er um die Wipfel der Kiefern, durch die meine schmale Landstraße den Berg hinauf spurt. Bald beginnen die Schwaden zu ziehen, giftig gelb färbt das Sonnenlicht die Nebel, sie ziehen hoch, sie ziehen nieder, ein lautloses Gewoge in der schwarzen Waldlandschaft. Auf 1000 Meter Höhe reißen die letzten Fetzen auf, weiße Watte liegt fett und schwer in den weiten Tälern. Hier oben scheint schon die Sonne vom blauen Himmel, unten quälen sich noch die Schwaden durch die schweren, feuchten Täler. Ich möchte jubeln in dieser morgenfrühen Berglandschaft mit ihren Wiesen und Wäldern, als sei es der Schwarzwald daheim.
Der Einzige bin ich heute Morgen wieder:
„Im Frühtau zu Berge wir gehen, fallera,
es glänzen wie Smaragde alle Höhn, fallera.
Wir wandern ohne Sorgen singend in den Morgen,
wenn wir im Frühtau zu Berge ziehn, fallera“,
so singe ich in der Einsamkeit wie früher die Fahrensleute und Wandergesellen. Schön ist es wieder geworden, endlos wellen die grünen Wälder über die Höhen bis zum fernen Horizont, überstrahlt von einem Himmel in endlosem Blau. Tief drunten im Tal zieht die Spielzeugeisenbahn nach Ourense, durch weiße, kleine Örtchen in quellenden Wiesen. Und doch merke ich nun beim Aufstieg, wie erschöpft ich bin. Ich habe kaum noch Kraft in den Beinen und steige nur sehr langsam. Ich nehme nun dreimal am Tag eine Schmerztablette und eine Tablette gegen die Entzündung. Das macht die Schmerzen erträglich, Trotzdem sticht mich bei jedem Schritt ein Messer in den Knöchel und eine Nadel in das Knie. Ich werde versuchen, in Ourense zu einem Orthopäden zu gehen.
Hinter dem Paß komme ich durch ein großes Waldbrandgebiet. Hier sind die ganzen Hänge beiderseits der Täler abgebrannt, nur verkohlte Stangen sprießen aus schwarzbrauner Erde. Es riecht nach kaltem Rauch. Hier ist wohl im letzten Jahr, als hier die große Hitzewelle mit 45 Grad war, der ganze Wald abgebrannt. Ein unachtsamer Pilger, eine weggeworfene Glasscherbe, und der zundertrockene Wald steht in Flammen. Was haben nur die Pilger gemacht, als sie hier durchwollten? Nun wird es Jahrzehnte dauern, bis wieder die grünen, schweigenden Wände stehen. Ich habe Glück gehabt. Auf dem nächsten Sattel unterhalb der verkohlten Wildnis passiere ich das entzückende, winzige Dörfchen Eiras. Auf sonniger Lichtung im saftig grünen Kastanienwald stehen weißgraue Steinhäuschen in blühenden Gärten, Rosen, Lupinen, Lilien, Stockrosen in verschwenderischer Fülle hinter hohen Steinmauern.
Dies war wohl ein aufgegebenes Bauernnest, das nun von Städtern übernommen und zu ihrem Shangri La gemacht wurde. An dem Mühlstein wird zu Mittag gegessen, die Schubkarren füllen weißrote Blumenmeere, die wackligen Bauernbänke sind wieder zusammengeleimt und himmelblau gestrichen, von den Balkonen schaukeln Kupferkannen mit lila und gelben Blüten. Die Wochenendurlauber liegen zufrieden in ihren Liegestühlen auf grünen, kurzgeschorenen Wiesen. Dies ist wieder eine schöne, saubere Welt. Den Pilger freut’s. Sogar einen Pilgerrastplatz mit schattigem Dach und einem kühlen Steinbrünnlein hat man angelegt, den sogar die Pilgermuschel ziert.
Ich bin schon um zwölf im Tal, wo ich am Bach ein lauschiges Plätzchen entdecke. Ein glasklarer Bach hat sich aufgestaut zwischen Felsblöcken, umstanden und überdacht vom Halbdunkel mächtiger Bäume. Ich schlüpfe durch das Buschwerk, lehne den Rucksack an einen Baumstamm und mich dagegen. Von allen Seiten plätschern kristallklare, kleine Wasserfälle in das Becken. Ich pladdere zufrieden mit meinen nackten Füßen im eiskalten Wasser. Dies ist nun mein Shangri La, wie mundet mir die Tomate und der würzige Schinken, das trockene Brot und der harzige Käse. Dazu der heute noch kühle Rotwein, Welt, wie kannst du schöner nicht sein.Niemand sieht mich hier in meiner Waldhöhle, keiner kommt vorbei, die anderen sind schon längst in der Herberge. Ich krame meine Mundorgel heraus und singe:
Im schönsten Wiesengrunde
Ist meiner Heimat Haus;
Da zog ich manche Stunde ins Tal hinaus:
Dich, mein stilles Tal, grüß ich tausendmal!
Da zog ich manche Stunde ins Tal hinaus.
Muß aus dem Tal ich scheiden,
wo aller Lust und Klang;
das ist mein herbstes Leiden,
mein letzter Gang.
Dich mein stilles Tal, grüß ich tausendmal!
Da zog ich manche Stunde ins Tal hinaus.
Sterb‘ ich, in Tales Grunde, will ich begraben sein;
Singt mir zur letzten Stunde beim Abendschein:
Dir, o stilles Tal, Gruß zum letzten Mal!
Singt mir zur letzten Stunde beim Abendschein:
Dich, mein stilles Tal, grüß ich tausendmal.
Und weil ich nun so traurig werde, auch noch mein schönstes Sehnsuchtslied von damals, als ich noch verliebt war:
Stehn zwei Stern am hohen Himmel,
leuchten heller als der Mond,
leuchten so hell, leuchten so hell,
leuchten heller als der Mond.
Ach was wird mein Schätzlein denken,
weil ich bin so weit von ihr.
Weil ich bin, weil ich bin,
weil ich bin so weit von ihr.
Gerne wollt ich zu ihr gehen,
wenn der Weg so weit nicht wär.
Wenn der Weg, wenn der Weg,
wenn der Weg so weit nicht wär.
Gold und Silber, Edelsteine,
schönster Schatz, gelt du bist mein.
Du bist mein, ich bin dein,
ach, was kann denn schöner sein.
Am liebsten möchte ich meinen Schlafsack herauskramen und hier den Abend und die Nacht bleiben, doch ich fürchte mich in der kalten Einsamkeit. Also rein in den nahen, warmen Ort, zur Polizei, wo ich den Stempel bekomme, Marguerita kommt mir entgegen und weist mir den Weg. Ich wasche mal wieder meine wenigen Socken, die Herberge ist modern und sauber, ein Ostberliner begrüßt mich freudig, wir gehen ins Restaurant zum Essen.
Da sind schon zwei Engländer, erst sagt die Wirtin, es gäbe nichts mehr um drei Uhr, dann kommt sie doch mit einem großen Teller voll dampfendem Fleisch und Pommes Frites. Unser Comedor ist dreißig Meter lang, hier werden wohl die Dorffeste gefeiert, unsere Eßecke hat man durch hölzerne Faltwände abgetrennt. Es tut gut, wieder unter Menschen zu sein. Marguerita sehe ich nicht, die hat sich wohl wieder zurückgezogen und meidet die Geselligkeit.
Die Häßlichkeit dieser galicischen Orte ist wirklich nicht zu überbieten. Alles ist kreuz und quer durcheinander gebaut, es gibt keinen Marktplatz, die Kirche steht irgendwo, das Rathaus woanders, die Bar ist in irgendeiner Seitengasse, das Restaurant am Stadtrand an der Landstraße, die den Ort im weitem Bogen umfährt. Die Häuser sind klein oder groß, weiß oder grau, mit Flachdach oder ohne, schräg oder gerade, mit süßen, gepflegten Gärtchen oder mit Höfen voller Gerümpel, an der Wetterseite hat man verrostetes Wellblech an die Wand genagelt. Der Architekt leidet und sehnt sich nach den weißen Städtchen Andalusiens.
Ich überlege mir zwei Varianten ab Ourense: wenn es mir weiter so schlecht geht, mit Bus oder Zug nach Santiago und nach zwei Ruhetagen mit dem Bus nach Fisterra oder Muxía ans Meer. Geht es mir doch wieder besser, wandere ich noch zwei Tage von Ourense nach Castro.
Ich möchte nämlich unbedingt das Zisterzienserkloster Oseira sehen, wo ich eventuell auch übernachten kann. Das wäre dann ein besonderes Erlebnis, da ich doch die Klöster so sehr liebe. Ich werde sehen, wie sich meine Sache entwickelt. Vielleicht hilft mir Santiago ja, wenn ich ihn bitte! Ich habe jetzt noch drei Tage bis Ourense.