Don Blas
Sonntag, der 28. Mai, von Calzada de Béjar
nach Fuenterroble de Salvatierra,
20,9 Kilometer, gesamt 447,6 Kilometer
21. Wandertag
Allein laufe ich wieder in den kühlen, taufrischen Morgen. Feuchtnasse Wiesen mit Steineichen und Mäuerchen. Es ist alles wieder grün geworden auf dieser Nordseite des Gebirges, grün und Blumen überall. Es geht sachte bergab, die Berge treten allmählich zurück, lange sehe ich noch die Schneeflecken unter den hohen Gipfeln, über denen sich bald im Süden dicke Wolkentürme zusammenballen.
In Valdelacasa komme ich kurz vor Mittag an einer überraschend modernen Bar vorbei. Es ist Zeit für ein Bier und eine Cola, die beiden Holländer und Marguerita sind schon da. Morgens bin ich immer mit meinen Schmerzen allein, die anderen brechen früh auf, dafür gehe ich auch abends später zu Bett. Vier Pilger – drei Charaktere: zwei essen in der Bar zu Mittag – die Holländer – eine läuft ohne Pause weiter – Marguerita, die harte – einer legt sich unter den Baum in die blühende Wiese.
Ich beobachte eine Ameise. Ameisen sind Mörder. Sie betäubt mit dem Biß ihrer kräftigen Zangen einen dreimal so großen Käfer und schleppt und zerrt ihn durch das hohe Gras. Die Grashalme sind für sie so hoch wie Bäume und stehen so dicht beieinander, daß oft kein Durchkommen ist für sie mit ihrem dicken schwarzen Käfer. Irgendwie schafft sie es immer wieder, einen Durchschlupf zu finden.
Den Käfer läßt sie nie los, zerrt ihn mal in die eine, mal in die andere Richtung. Wie sie wohl ihren Bau findet in diesem Gräserurwald? Man wird so klein, liegend im Gras, das einen überragt, so wie die Ameise auch. Mutter Erde nimmt einen wieder zurück in ihren Schoß. Die anderen tauchen nicht ein in diesen Traum. Sie gehen nur lachend vorbei, grüßen und fotografieren den Träumer in seiner Gräserwelt.
Der Ort Fuenterroble empfängt mich, wie mich nun alle Orte in Kastilien empfangen werden. Am Ende der verbrannten Steppe öffnet sich zwischen geschmacklosen, billigen Neubauten eine schnurgerade Straße, der Belag wechselt von braunem Kies zu braunem Teer, die Häuser sind ebenfalls braun, mit rotem Wellasbest gedeckt, kleine Aluminiumfenster in abweisenden Wänden, die Türen vom Baumarkt. Vorbei sind die schneeweißen, sauberen Städtchen Andalusiens und Extremaduras, hier wohnt die Armut.
Doch am Ende der langen Straße, kurz bevor sie aus dem Ort hinausführt, wie sie hineingeführt hat und sich wieder in der Steppe verliert, liegt eine weiße Herberge unter rotem Ziegeldach – das Pfarrhaus des Don Blas. Ein deutscher Hospitalero empfängt mich. Ich schlafe unter dem weit ausladenden Dach mit mächtigen Holzbalken. Man muß aufpassen, daß man sich den Kopf nicht stößt an den niedrigen Hölzern, so flach ist der Dachstuhl. Don Blas begrüßt uns – ein junger Mann in Polohemd und brauner Hose. Ich bin überrascht – ich hatte mir einen ehrwürdigen, älteren Herrn in schwarzer Soutane vorgestellt. Don Blas ist weit über die Grenzen bekannt, ein äußerst engagierter Mensch, der sich rührend um den Weg und die Pilger kümmert.
Er zeigt uns die schöne Santiagokirche aus dem 15. Jahrhundert, die allein am Ortsende steht. Eine Hallenkirche aus weißgrauem Granit mit mächtigem, hölzernem Dachstuhl als Decke. Der Chor hat ein gotisches Gewölbe. Versammelt um den Altar sind die Heiligen, lebensgroß in Holz: Maria Magdalena, Mathäus, Petrus und auch Santiago als Peregrino. Christus hängt darüber am Kreuz, ebenfalls aus Holz. Der Fußboden ist aus schwarzen Schieferplatten, die Gräber des Dorfes. Don Blas zeigt uns unter der Orgelempore zwei Räume mit alten Holzaltären und Bildern mit verdunkelten Farben, die restauriert werden sollen. Im Hof der Herberge stehen alle Arten von zweirädrigen Pferdekarren aus verschiedenen Zeitaltern, aus Holz, aus Eisen, bemalt, vergoldet, mit und ohne Räder, die Don Blas sammelt und restauriert. Wieder so ein Ort, wo ich gerne bleiben möchte für einen oder zwei Tage. Ein Bayer, der angeblich krank ist, ist schon eine Woche hier.
Zum Abendessen gehe ich ins einzige Gasthaus des Ortes. Die dunkle Bar sieht aus wie in alten Westernfilmen. Sonntagabend, alle Männer des Dorfes hocken an der Bar, ich zähle zwanzig, die alten mit Schlägermützen, alle mit gewienerten Schuhen. Im Fernsehen läuft das Autorennen von Monaco, eine perverse, widerliche Show mit wahnsinnigen Männern in wahnsinnigen Maschinen, die mit ohrenbetäubendem Geheul die engen Kurven zwischen den Hochhäusern durchjagen. Ein kranker Sport in einer kranken Stadt. Die Bäuerchen hingegen finden diese große, laute Welt phantastisch und kleben mit ihren Augen an den schleudernden Boliden. Wie edel ist dagegen ein Stierkampf. Welche Kultur! Hier die Alte, dort die Neue Welt. Den Bauern ist es wohl egal. Sie schauen beides.
Wir essen wieder alle gemeinsam im Comedor, den Wein gibt es in quadratischen, braunen Flaschen. Die Holländer gehen wie immer früh, ich sitze noch lange mit Marguerita vor der Bar auf wackligen, roten Plastikstühlchen. Sie erzählt mir von ihrem Haus in der Toskana und bald sind wir beide in Italien bei unseren Erinnerungen. Wo ihr Haus aber liegt, will sie mir nicht verraten, sie möchte dort keinen Besuch bekommen. Ich habe da kein Problem bei mir in Ligurien.
Um zehn Uhr setzt der Bauer sich auf seinen Traktor, der so hoch ist wie die Häuser und donnert qualmend und stinkend davon. Der junge Mann am Nachbartisch kam in einem schwarzen BMW 350 ti und lümmelt sich in T-Shirt und Jeans vor seinen Mädels.