Die verlorenen Dörfer

Samstag, der 17. Juni, von A Gudina

nach Campobecerros, 20,7 Kilometer

Gesamt 779,9 Kilometer

36. Wandertag

Es regnet die ganze Nacht. Die Ersten stehen schon um halb sieben auf und rascheln laut und umständlich mit ihren Sachen. Um halb acht sind fast alle schon weg, draußen in den kalten weißen Nebel, der uns alle verschluckt. Um acht Uhr hat noch keine der Bars an der Carretera geöffnet. Es ist überhaupt alles geschlossen und mit dicken Rolläden verrammelt. Grau und trostlos starren die dunklen Häuser auf die nasse, breite Straße, über die die Trucks nach Portugal zischen, weiße Wasserfahnen hinter sich herziehend. Ich bin wieder mal der letzte und tappe auf endloser, schmaler Landstraße, die irgendwie zwischen triefendem Heidekraut und tropfendem Ginster sich auf eine Anhöhe zuwindet, gesichtslos durch den dichten Nebel. Links scheint ein fernes, unsichtbares Tal zu sein, rechts verliert sich der Hang im Nebel. Irgendwie merke ich, daß die Straße wieder abwärts geht, das war der Alto de Espino, 1088 Meter hoch.

Ich frühstücke auf einer Bank vor dem Municipio, dem Rathaus, in dem ersten winzigen Ort Venda do Espino, der aus kaum mehr als zehn Häusern besteht. Auf der Bank steht „Deputación Ourense“. Es ist ein karges Pilgerfrühstück in fröstelnder Nässe: Wasser, trockenes Brot, eine Orange.

Eine Bar gibt es in diesem Ort nicht. Die wenigen Passanten, ein Bauer und eine Frau mit Kopftuch und langem Rock grüßen mich verwundert. Ab elf Uhr beginnt der Nebel sich langsam aufzulösen und enthüllt eine einsame, menschenleere Gegend mit steilen, grünen Tälern und graubraunen Höhenzügen. Die grauen Wolken hängen tief und quellen von den Höhen in die Täler. Die einsame Straße, auf der nie ein Auto fährt, windet sich immer auf dem Kamm der Hügel durch eine trostlose Gegend, die Täler in weiten Schwüngen umgehend. Ich komme durch fünf verlorene, verkommene Dörfer, deren Namen nicht einmal auf der Landkarte stehen. Ein paar alte Leute grüßen mich, einige geprügelte, räudige Hunde schleichen in den Straßengraben.

Hier wächst nichts, eine endlose, braune Hochheide. Die Häuser sind eingeschossig, mit schwarzen Steinplatten gedeckt, wo ein Loch ist, hat man eine Plastikplane übergezogen, eingestürzte Mauern mit rostigem Blech geflickt, eingeschlagene Fenster mit Pappkarton vernagelt. Dies ist das Armenhaus Galiciens, nur die Alten sind zurückgeblieben, danach zerfallen die Häuser.

Im Tal tief unten verläuft die Eisenbahn, ein winziges verrostetes Gleis von Tunnel zu Tunnel. Ob auf den Bahnhöfen mit den klingenden Namen „Estación de Vilarino de Conso“ oder „Estación de Castrelo“ überhaupt noch Züge verkehren oder halten, weiß ich nicht zu erkennen, verrostete Wagen mit zersplitterten Aufbauten stehen auf dem Abstellgleis. Dies ist keine Gegend zur Freude der Menschen.

Die schwarze Bewölkung lockert auf, durch die dunklen Wolken zittern erste Sonnenstrahlen, unter mir rollt sich das fjordartige Band des Embalse de las Portas auf, wie graues geschmolzenes Blei zwischen den grünbraunen Hügeln. Hier wurde der Río Camba aufgestaut, im Osten ballen sich dunkel die Wolken an den Höhen der Cordillera. Ich sitze auf meinem luftigen Aussichtspunkt, verdrücke mein karges Mittagsmahl und lasse meine Gedanken mit den Wolken fliegen über die weiten Wasser bis zu den wolkenverhangenen Bergen über die schöne, dramatische Landschaft.

Dies ist nun der erste dunkle Regentag nach sechs Wochen, ich genieße auch dies, hatte ich mich doch in der endlosen Sonnenweite der Meseta und der brüllenden Sonne und dem gleißenden Licht nach den kühlen, feuchten Bergen des Nordens gesehnt. Wandern ist auch dies: der heulende Wind, die ziehenden Wolken, die erdfeuchte Luft, dieses Szenario einer ungezähmten Natur. Ich mag beides. Wo ich bin, da bin ich, die glühende Sonne, der ziehende Regen sind meine Freunde überall.

Am Nachmittag gibt es noch einen unnötigen Aufstieg auf einen Bergrücken hoch über Campobecerros, das in weitem Tal unter mir liegt. Nun sieht die Gegend wie im Schwarzwald aus, Fichten- und Kiefernwald in dunkelgrünen Rechtecken, hellgrüne Matten, nur die schiefergedeckten weißen Häuschen erinnern an Spanien. Langsam und vorsichtig schlittere ich eine schlüpfrige Schieferpiste hinab, erreiche die Straße, die mich elegant um diesen unangenehmen Berg herumgeführt hätte, die grünen Sommerwiesen am jungen Río Camba leuchten freundlich im aufziehenden Sommerlicht.

Marguerita hatte hier das einzige Hotel für uns bestellt, eine Herberge gibt es nicht. Ich ziehe mich auf die Terrasse in die warme Nachmittagssonne zurück, lese, schreibe, die Unwirtlichkeit des Vormittags ist vergessen. Dies ist Urlauberland, die Kneipe ist dekoriert wie im Schwarzwald mit handgeschlagenen, kantigen Holzmöbeln aus Kiefernholz, an den vertäfelten Wänden hängen Geweihe und Wildschweinköpfe. Eine Gruppe von jungen spanischen Wanderern ist im Gastraum, mit Wanderstiefeln und Socken, die wohl morgen am Sonntag in die Wälder wollen.

Passend zu dem rustikalen Ambiente essen Marguerita und ich ganz allein in einem Seitenraum Schweinebraten mit einer köstlichen Kruste. Etwas, was ich bislang noch nie in Spanien bekam. Marguerita geht früh zu Bett, dafür steht sie dann morgens auch immer als erste auf und läuft dann ohne Rast und Pause, um nachmittags die erste in der Herberge zu sein. Sie ist schon eine etwas sonderbare Person, eigentlich immer mit sich allein, auch wenn sie sich an andere dranhängt. Ich glaube, sie ist nicht in der Lage, eine Zeit lang bestehende Kontakte zu knüpfen und auch zu halten. So setze ich mich nach dem Essen allein auf die Terrasse, der Abend ist überraschend warm geworden, zum ersten Mal seit Tábara kann ich abends wieder in der lauen Nacht draußen sitzen.

Ich denke über die nächsten Tage nach. Zu meinen ständigen Schmerzen im Fußgelenk sind nun auch noch starke Schmerzen im linken Knie gekommen. Ich ahne, was sich da anbahnt: eine Schleimbeutelentzündung, eine äußerst schmerzhafte Sache, die einen bald am Weitergehen hindert, jeden Schritt zur Qual macht und, wenn man nicht energisch eine Woche Pause macht und eine Kortisonspritze bekommt, das Aus für die Wanderung bedeutet. Ich überlege deshalb, meinen Plan zu kürzen und nur noch vier Tage nach Ourense zu gehen. Mit Schmerztabletten könnte ich das bestimmt noch durchstehen und würde dann von dort mit dem Bus nach Santiago fahren. Ich werde sehen, wie sich die nächsten Tage entwickeln werden. Ich entscheide sowieso lieber von heute auf morgen. Abbrechen kann ich immer noch und Busse gibt es hier überall.

Ich komme mit einem Spanier vom Nachbartisch ins Gespräch, der längere Zeit in Deutschland gearbeitet hat und ziemlich gut Deutsch spricht. Ich frage ihn, woher es käme, daß dieser Ort einen so gepflegten und wohlhabenden Eindruck mache und erzähle ihm von den verkommenen Orten der letzten Tage. Er erklärt mir, daß die Bauern viel Geld von der Regierung bekommen hätten als Entschädigung für ihr Land, das sie im Tal des Río Camba hergeben mußten für den Bau des Stausees de las Portas. Und das hätten sie eben in alle diese schönen, neuen Häuser mit den goldeloxierten Aluminiumfenstern und den schmiedeeisernen Gittern an den Eingangstüren gesteckt.

Um elf Uhr geht ein schweres Gewitter nieder, unablässig schlägt der Donner und prasselt der Regen. Deshalb war es so schwülwarm geworden.

Auf der Silberstrasse 800 Kilometer zu Fuss durch die endlosen Weiten Spaniens
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