Itálica
Freitag, der 5. Mai,
von Sevilla nach Guillema, 22,8 km
1.Wandertag
Ich habe die Nacht nicht gut geschlafen, zu aufgeregt war ich vor dem 1. Tag meiner Pilgerreise. Um sechs Uhr stehe ich auf, draußen ist es noch stockfinster, packe meinen Rucksack so, wie ich gestern abend alles zurecht gelegt habe, packe wieder aus, wieder ein, noch fehlt mir die Routine. Endlich ist alles drin, 15 Kilo sind doch ein bißchen schwer mit Wasser, Wein, Schinken, Brot, Käse für das Picknick. Es wird schon gehen. Gezahlt habe ich mein Hotel gestern Abend, die Straßen sind noch leer um diese frühe Zeit. Gegenüber der Kathedrale finde ich eine Bar, die schon geöffnet hat so früh am Morgen, ein Café Solo, ein Croissant, ein Wasser, mehr brauche ich nicht am Morgen, es beginnt zu dämmern, der Tag beginnt spät hier im äußersten Westen Europas.
Ich kreuze den Guadalquivir auf breiter Brücke, von links kommen zwei Pilger, Deutsche mit Rucksäcken und Wanderstöcken. Wir grüßen uns kurz, wir sollten uns nun immer wiedersehen auf der ersten Etappe des Weges. Ein letzter Blick zurück, die Giralda und die Kathedrale mit ihren hunderten von Fialen und Türmchen sticht wie ein schwarzer Scherenschnitt in das zarte Orange des aufdämmernden Morgens. Guadalquivir ist ein arabisches Wort. Es bedeutet „Großer Fluß“ – Guad-al-qibir. Davor hieß der Fluß Betis, nach ihm benannten die Römer die Region Betica mit der Hauptstadt Córdova und mit Sevilla – Hispalis – wie sie es nannten.
An einer Hausecke entdecke ich die erste Wandfliese mit dem Muschelzeichen, gelb auf blauem Grund, ich bin auf dem rechten Weg, der Via de la Plata, der Silberstraße. Auch so ein arabisches Wort, das die Mauren, die die alte Römerstraße nach ihrer Eroberung „Ball’latta“ – breiter, gepflasterter Weg – nannten und das später vulgarisiert zu „Plata“ wurde, was im Spanien Silber heißt. Mit Silber hat diese Straße nämlich nichts zu tun. Die Römer hatten diese wichtige Nord-Süd Verbindung in der Tradition ihrer Militärstraßen, die ganz Europa durchzogen, gebaut, um wertvolle Metalle wie Gold, Kupfer und Zinn, die sie im Norden der Iberischen Halbinsel abbauten, auf diesem Wege in den Süden zu transportieren und von Sevilla nach Rom zu verschiffen. Aber eben kein Silber. Allerdings ist diese Straße noch viel älter, denn die Römer bauten die Wege aus, die schon vor ihnen benutzt wurden. In vorrömischer Zeit waren es zunächst steinzeitliche Jäger der so genannten Keltiberer, die auf diesen Wegen den jahreszeitlichen Wildwechseln folgten, und später die ersten Hirten, die ihre Herden von den Sommerweiden der nordkastilischen Hochebene in die Winterquartiere der tiefergelegenen Extremadura führten und umgekehrt, die so genannte Transhumanz, eine Tradition, die noch heute fortlebt. Ich werde diese Schaftriften – die so genannten Cañadas – später in einigen Wochen in der Extremadura wieder antreffen.
Durch die noch stillen Wohnstraßen gehe ich hinter den beiden deutschen Pilgern her, später durch Blumenwiesen auf einem Uferpfad längs eines trägen Kanals entlang, rechts liegen die seltsamen verlassenen futuristischen Gebäude der Weltausstellung Expo 92. Bald taucht vor Santiponce das Kloster San Isidro del Campo auf, eine mächtige romanische Anlage, das durch seine Wandmalereien in toskanischen Farben entzückt. Im Refektorium sind Wandfriese aus drei Jahrhunderten freigelegt: 16., 17. und 18. Jahrhundert. Die Mönche saßen auf einer Bank längs der Wand an ihren Tischen, um ihre Mahlzeiten einzunehmen. Für jeden wurde eine eigene Nische gemalt mit einer Rocaille und einem Wandspiegel oder ein Bild zwischen den Rahmen eines Gestühls. Jedes Jahrhundert hat entsprechend seinem Stil eine andere Malerei angebracht, das 16. gotisch, das 17. im Renaissancestil und das 18. barock, wobei die eine Zeit immer die andere übermalt hat, ohne sie jedoch – glücklicherweise – zu entfernen. So hat man nun bei der Restaurierung nebeneinander alle drei Stilrichtungen freigelegt, so daß wir nun sehen können, wie die gotischen Mönche, die der Renaissance und die des Barock saßen und aßen.
Der deutsche Pilger, Gebhardt, wie ich nun erfuhr, zieht mich in den Kreuzgang, wo er eine Darstellung von Santiago entdeckt hat, die er mir aufgeregt zeigt. Es ist aber nicht Santiago, wie ich sofort erkenne, sondern der Hl. Rochus. Er hat die beiden genau so verwechselt, wie ich im Anfang auch. Man muß nämlich genau hinschauen, um die beiden auseinanderhalten zu können. Sind sie doch immer gleich gewandet, mit dem Wanderhut und der Jakobsmuschel am Hutrand, dem Wanderstock und dem braunen Umhang, der Pelerine. Rochus aber ist kein Pilgerheiliger, er ist der Heilige der Pestkranken, einer der vierzehn Nothelfer. Er lebte im 14. Jahrhundert, pilgerte 1317 nach Rom, pflegte unterwegs die Pestkranken und erkrankte auf der Rückreise bei Piacenza selbst. Einsam fieberte er in einer Hütte dahin, nur ein Engel gab ihm seelische Kraft und ein Hund versorgte ihn mit Brot. Deshalb wird Rochus immer mit entblößtem Oberschenkel dargestellt, auf der eine Pestbeule zu sehen ist, und zu seinen Füßen blickt ein Hündchen zu ihm auf mit einem Stück Brot im Maul. An diesen beiden Zeichen erkennt man nun den Hl. Rochus und kann ihn, wenn man es weiß, von Santiago unterscheiden. So haben ja alle Heiligen ihre Symbole, die den Menschen des Mittelalters vertraut waren. Da sie nicht lesen konnten, erkannten sie die Symbole und damit auch den Heiligen, zu dem sie beten wollten und der ihnen helfen sollte in ihrer Not. Wir haben diese Symbole vergessen und erkennen so die Heiligen nicht mehr, wenn sie uns nicht durch Tafeln oder Beschriftungen erklärt werden. Gebhardt war mir nicht böse, er hatte etwas gelernt.
Aus dem heißen Dunst der Ebene erhebt sich vor mir Itálica, die alte Römerstadt auf den Hügeln über dem Guadalquivir. General Publius Cornelius Escipion ließ die Stadt 206 v. Chr. für seine Veteranen der Schlacht von Ilipa gegen die Karthager erbauen. Kaiser Trajan wurde hier 53 n. Chr. geboren, der erste römische Kaiser, der aus einer römischen Provinz stammt, sowie 76 n. Chr. Kaiser Hadrian. Die Straße säumen die bekannten Restaurants und Cafés, die die Straßen aller Sehenswürdigkeiten begleiten, vor denen in langen Reihen die bekannten Busse parken, aus denen die Touristengruppen quellen.
Ich werde an der Pforte freundlich empfangen – Pilger sind hier wohl nicht ganz unbekannt – lasse meinen Rucksack im schattigen Häuschen und steige unter gründuftenden Pinien die steinige Straße empor auf den Hügel, auf dem Itálica liegt. Es ist heiß geworden, die Zikaden schrillen, der Himmel liegt stahlblau über den gelben Hügeln. Hinter eingestürzten, halb zerfallenen Bogenumgängen liegt das weite Rund des Amphitheaters unter der stechenden Mittagssonne. Die gut erhaltenen Ränge faßten 20.000 – 25.000 Zuschauer und machten es hiermit zu einem der größten des römischen Reiches. Ich umkreise die Elipse des Theaters auf den umlaufenden Sitzreihen, unten in der Arena umsteht eine Besuchergruppe ihren Führer, im Zentrum ist eine tiefe Grube mit Mauerpfeilern, die wohl, mit Holz abgedeckt, als Bühne benutzt wurde. Neben dem Eingangstor führen dunkle Türöffnungen in tiefe Keller, aus denen die wilden Tiere herausstürzten.
Ich schließe die Augen und versuche mir das heiße, lärmende Leben vor 2000 Jahren vorzustellen mit seinen Gladiatoren, blutigen Schaukämpfen, Wagenrennen, das Johlen und Lärmen der Menge, das Brüllen der Löwen, das Peitschenknallen, die Schreie und das Röcheln der Gequälten. Als ich die Augen wieder öffne, ist die Arena leer, gelb und verbrannt, die Gladiatoren sind abgetreten, die Touristen verschwunden, der Wind treibt kleine Wölkchen über den Sand. Vorbei, vorbei die alte Geschichte, auf deren Wegen ich dennoch in den nächsten Wochen wandere.
Auf dem Hügel über dem Stadion liegt die alte ausgegrabene Stadt, die weiß gepflasterten Straßen von schwarzgrünen Zypressen streng gesäumt, hinter den niederen Mauern der ehemaligen Häuser träumen entzückende kleine Höfchen mit weißen Marmorsäulen, Becken, in denen früher das Wasser sprudelte, Mosaiken, die Vögel, Delphine, Poseidon und Neptun darstellen. Dies hier sind die Vorläufer der weißen schattigen Innenhöfe, die ich gestern in Sevilla sah, die erste der drei großen Kulturen, durch die ich auf meinem Pilgerweg wandere. Die ersten Touristinnen, zwei Kanadierinnen, bewundern den „Jakobspilger“ mit Strohhut, Muschel und Rucksack.
Nun wird es aber wirklich heiß, es ist schon über 30 Grad, ich muß jetzt irgendwo im Schatten rasten. Nur hier im Park mag ich nicht, da sind mir zuviel Neugierige und lärmende Gruppen. Also hinaus auf die schattenlose Straße, der Asphalt klebt an den Schuhen, ich quäle mich über endlose Autobahnabfahrten und knirschenden Kies. Hinter der letzten Unterführung und dem letzten Kreisel bin ich durch, auf einem Hügel am Fluß erspähe ich einige Eukalyptusbäume. Zwar liegen hier Plastikmüll und verrostete Konservendosen, schon andere scheinen diesen Platz benutzt zu haben, aber ich kann jetzt nicht mehr weiter, außerdem sind es die letzten Bäume vor der langen, endlosen Ebene, wie ich von meinem Ausguck bemerke. Mein erstes Picknick von den vielen, die noch folgen werden. Den schweren Rucksack an den Baum gestellt, die Isomatte ausgerollt, die heißen, staubigen Schuhe von den müden Füßen, die Wasser- und die Weinflasche in die Schuhe gestellt, daß sie nicht umfallen, die Tomate in Stücke geschnitten, Salz aus dem Streuer darauf, das Weißbrot gebrochen, und da sitze ich nun an meinem ersten Tag und blicke auf den langen, langen Weg hinunter, der endlos durch die grünen Felder nach Norden führt. Den würzigen Serranoschinken mit dem nicht mehr kühlen Rotwein heruntergespült, den harten schon fettigen Queso mit dem Messer in mundgerechte Stücke geschnitten, danach den saftigen, tropfenden Pfirsich als Nachtisch – mein erstes einfaches Pilgermahl, wie ich es nun jeden Mittag genießen sollte - zum Schluß noch ein Zigarillo in den blauen Himmel gepafft, dann die Augen zu einer kurzen Siesta geschlossen. Schöneres vermag ich mir nicht vorzustellen.
Unten auf dem Weg sehe ich schon die Kameraden vorbei ziehen, zu zweit, allein, eine Gruppe zu viert, die einen langsam schreitend, die anderen schneller, folgen sie dem schnurgeraden Band des Weges, bis sie der Horizont als verschwindende winzige Pünktchen irgendwo in der Ferne verschluckt. Sie erkennen mich nicht, ich beobachte sie, heute Abend werde ich sie alle wiedertreffen in Guillena. Um zwei Uhr steige ich von meinem Hügel hinab und marschiere auf dem Betonband der Piste. Das ist der erste dieser endlosen, monotonen, schnurgeraden Wege, die wie mit dem Lineal durchgezogen dieses flache Land zerteilen und denen ich in den nächsten Wochen immer wieder folgen sollte bis zur Erbarmungslosigkeit.
Weit vor mir läuft ein Pilger, der plötzlich vom Weg abweicht und links in einem Wäldchen verschwindet. Ich wundere mich, warum er den breiten, geraden Weg verläßt und über den Acker läuft. Bald erkenne ich, warum: läuft die Betonpiste doch durch eine Senke, die von einem Bach überflutet ist. Teufel auch, jetzt verstehe ich, warum der Pilger die Straße verlassen hat. Hier ist kein Durchkommen ohne nasse Füße – dies ist eine Furt, eine Brücke gibt es nicht. Also folge auch ich dem Trampelpfad über den Acker in das Wäldchen. Hier liegt über dem Bach ein Baumstamm, schmal, ohne Geländer. Wie soll ich da freihändig balancierend mit dem schweren Rucksack herüber kommen? Ich greife in die Zweige der Büsche rechts und links und schaffe bis zur Mitte. Doch der Zweig ist zu schwach, er biegt sich immer mehr nach unten, gleich wird er brechen, jetzt muß ich springen oder falle der Länge nach ins Wasser. Also springe ich in die schlammige Flut, es ist nicht tief, das Wasser geht nur bis zum Knöchel. Einige Schritte durch den saugenden Schlamm und ich bin drüben am Ufer, Schuhe und Strümpfe sind zwar naß, aber das trocknet schon wieder.
In Guillena nehme ich mir im Hostal Francés für 18 Euro ein Zimmer, ich will nicht wie die anderen in der Turnhalle auf dem Boden schlafen, da es in dem Ort keine Herberge gibt. Wir treffen uns sowieso alle auf der Terrasse vor meinem Hostal, da dies der einzige Platz ist, wo man in diesem kleinen Ort etwas zu essen bekommt. Da sitzen wir nun alle an dem langen Tisch, Gebhard und Cäcilie, Hans und Annique Lillelund, zwei Franzosen aus Montpellier, und Max, der Italiener aus den Marken. Gemeinsam essen wir das einfache Abendessen zu 8 Euro – inclusive einer Flasche Rotwein: zwei Scheiben Pollo, zwei Spiegeleier, Patatas und Pimentos, alles schwimmend in fettigem Öl. So oder ähnlich sollten die meisten Pilgermenüs der nächsten Wochen aussehen. Der Wein kommt in Flaschen ohne Etikett auf den Tisch. Es ist der Wein aus der Gegend, man fragt nicht danach, er schmeckt immer zu diesem einfachen Essen und es macht uns Spaß und Freude zu erzählen.
Gebhard und Cäcilie sind bescheidene Leute, sie reden nicht viel, sie wollen wie ich den ganzen Weg nach Santiago machen. Hans Lillelund aus Montpellier ist kein Franzose, sondern, wie sein Name schon vermuten läßt, Däne. Er lebt aber schon seit langem mit seiner französischen Frau in Montpellier. Auch sie wollen den Weg nach Santiago gehen. Max ist ein Original, ein Verrückter, eine Figur wie aus einem Film von Fellini. Mit seinem schwarzen Vollbart und seinem eingefallenen, asketischen Gesicht sieht er aus wie Bin Laden. Er redet pausenlos mit Händen und Füßen, so wie ein echter Südländer, allerdings nur Italienisch. Ich habe als einziger in der Runde die Aufgabe, seine Worte ins Französische und Deutsche zu übersetzen, was oft nicht so einfach ist, da ich in einem spanischen Land, dessen Sprache ich ja auch spreche, vom Italienischen über das Deutsche ins Französische übersetzen muß, wobei mir wegen der Ähnlichkeit der beiden Sprachen manchmal die spanischen Worte dazwischen rutschen. Egal, ob Spanisch, Französisch, Italienisch oder Deutsch, am Ende verstehen wir uns ganz prima und werden Freunde für die Zeit unseres gemeinsamen Weges.
Das ist die Faszination dieser Jakobswege, wo Menschen aus ganz Europa zusammen kommen, zusammen laufen, zusammen reden und auch zusammen glauben – dieser heilige Weg, der schon immer, seit Jahrhunderten, von diesen vielen Nationen begangen wurde mit dem einzigen Ziel, das Grab des Heiligen in Santiago zu besuchen und einer von ihnen zu sein, den Jakobspilgern.
Max ist angezogen wie ein Clown, in wallenden, knallbunten Hosen, die um seine mageren Beine schlottern, ebenso farbenprächtigem T-Shirt, ein italienischer Don Quichotte. Er lebt auf einem verlassenen Hof, 160 Kilometer von Assisi entfernt, irgendwo in den Marken, dem Land südlich der Toskana und Umbriens, wandert nach Assisi, Perugia und in die Abruzzen, hat ein Zelt dabei, in dem er übernachtet. Doch vorher ißt und trinkt er mit uns, erfreut uns mit seinen Scherzen, seinem Lachen und seinen Geschichten. Dann packt er seine Sachen und verschwindet in der Nacht, um dann irgendwann am nächsten Tag wieder aufzutauchen.
Schon beginnt das Pilgerabenteuer – drei Nationalitäten – drei Sprachen – drei Geschichten: die einen haben Schuhe und Strümpfe ausgezogen und sind barfuß durch die schlammige Flut gewatet, die anderen hatten Glück, daß ein Traktor vorbei kam, auf dessen Anhänger sie hinüber fahren durften. Ich erzähle meine Version von dem Baumstamm und dem Sturz in den Bach. Ich hörte von Pilgern im April, die tagelang nicht weiter konnten, weil der Weg durch überflutete Flüsse unpassierbar war. Deshalb sollte man ihn auch nicht vor Anfang Mai gehen.