Torre de Bujaco

Sonntag, der 21. Mai, Cáceres

Ruhetag

Heute gönne ich mir einen langen Schlaf und stehe erst um neun Uhr auf. Ich telefoniere mit meiner Frau zu Hause in Frankfurt, mit den Kindern in München und Berlin und frühstücke auf der Plaza vor meiner Pension unter den Arkaden. Danach besichtige ich den arabischen Turm Torre de Bujaco und bewundere wieder einmal die maurische Tradition, die alles hier durchdringt. Das Spanische auf das Arabische auf das Römische. Dreiklang der Kulturen, Dreiklang der Geschichte. Eins steht auf dem anderen, kommt aus ihm und baut sich auf ihm auf.

Es ist Sonntag. Mich zieht es in die Kathedrale, in die die Menschen zum Gottesdienst strömen. Hinter geschlossenen Mauern öffnet sich eine schöne, weite, gotische Hallenkirche, die Altarretabel ist aus dunkelbraunem Eichenholz geschnitzt. Der Priester ist ein winziges altes Männchen in Weiß, der große Worte spricht, die ich nicht verstehe. Der kleine, weiße Mann in einem Meer von weißen Lilien vor der schwarzen Altarwand. Ich bete unter Tränen vor der schwarzen Madonna de la Misericordia, gehe mit den anderen in der großen, schweigenden Menge zur Kommunion und dann nachher noch einmal zu dem vergoldeten Santiago, den ich gestern hier fand. Gewaltig braust die Orgel, auf dem Boden liegen die alten, zertretenen Steinplatten mit den Wappen der Begrabenen.

In der Santiagokirche gibt es eine Kindtaufe. In der einschiffigen Hallenkirche steht ein schwarzes Chorgitter vor buntbemalter Retabel. Hier ist die Madonna blau mit rotem Brokatmantel und goldenem Heiligenschein. Auch sie weint mit lebensechten Tränen auf weißem Gesicht. Gestern im Museum sah ich 20 verschiedene Mäntel für die Virgen la Nuestra Señora de la Montana, deren Kirche hoch über Cáceres auf einem Hügel steht.

Es gibt auch eine lebensgroße Gruppe mit dem letzten Abendmahl. Es ist immer wieder von neuem überwältigend, wie die Frömmigkeit dieses Landes es versteht, die Figuren und Erlebnisse der Heilsgeschichte wie lebensecht darzustellen, so als seien wir selber Zeugen eines gerade ablaufenden Ereignisses. Santiago entdecke ich draußen noch einmal über dem Eingangsportal als kleines verwittertertes Männchen im Wappen mit Muschel, Pilgerhut, Kalebasse und Stab, 900 Jahre alt.

Mittags esse ich im Restaurant „Torre de Bujaco“ unter dem maurischen Turm auf bequemen Korbstühlen und Tischen mit roten Decken. Es gibt einen schönen Salat aus ganz kleinen, grünen Köpfen – Zorrangallo extremeno – er beginnt weiß und gelb und endet in grünen Spitzen. Zum Nachtisch „Tocinillo de cielo de los monjes con salsa de frambuescos“ – Gelée aus dem Himmel der Mönche mit einer Soße aus Himbeeren – eine süße klebrige Masse mit Honig darüber. Das Erbe Arabiens. Heute am Sonntag kommen die Spanier in großen Gruppen zum Mittagessen. Familien mit 20 bis 25 Personen aus vier Generationen – die um die Tische wieselnden Kleinkinder und die würdigen Großeltern, alle gemeinsam an einem langen Tisch, alle fröhlich und laut. Glückliches Spanien.

Abends sitze ich wieder auf der kleinen Terrasse wie gestern Nachmittag, ein goldfarbener Himmel, unter dem die Mauersegler kreischen, die Wolken glühen am vergehenden Abendhimmel, ein Kaffee, ein Brandy, eine Zigarre, wie schön ist die Welt. Die Vögel sind wie schwarze Perlenschnüre, die sich um die goldenen Wolken schlingen: „Canta libre, canta mi corazón“ singt Neil Diamond in Hot August Night. Am Nachbartisch hat ein Mädel drei Oberteile an, keines ist länger als 40 Zentimeter. Ihr Begleiter fotografiert um zehn Uhr nachts die Plaza mit Blitzlicht. Sie versucht, die drei Teile immer wieder herunter zu ziehen und die ebenso kurze Hose nach oben, da sie im kühlen Abendwind friert, was ihr aber nicht gelingt.

Auf der Silberstrasse 800 Kilometer zu Fuss durch die endlosen Weiten Spaniens
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