Ave Maria
Sonntag, der 4. Juni, Zamora
1. Ruhetag
Herrlich, ich schlafe so lange, wie ich will in meinem bequemen Hotel. Liege bis halb zehn faul in den Federn und genieße das weiche Bett und die herrliche Ruhe. Die Zahnschmerzen sind weg. Es war vielleicht doch nur der kalte Wind, der mich so geplagt hat. Ich frühstücke ruhig und lange auf der menschenleeren Plaza vor der Cafeteria neben meinem Hotel. Heute gibt es einen Orangensaft, Crostadas mit Marmelade und einen großen Kaffee. Lange entbehrte Genüsse. Die Kellnerin serviert schweigend mit bösem Blick. Nicht guten Morgen, nicht bitte, nicht danke, kein Wort. Mögen die Leute hier ihre Gäste nicht?
Heute will ich die Stadt erkunden, das „Museum der Romanik“. Gleich gegenüber meiner Cafeteria steht die romanische Kirche San Juan Bautista de Puertanueva, 12. – 13. und 16. – 18. Jahrhundert. Hier bauten wieder alle Jahrhunderte. Das sieht man gleich draußen an der Fassade, an der in zweidrittel Höhe ein Fries von Sparrenköpfen zu erkennen ist, der zeigt, daß die Kirche wohl später einmal aufgestockt wurde. Innen im halbdunklen mystischen Schiff empfängt mich eine Hallenkirche mit zwei riesigen Bögen, seltsamerweise in Längsrichtung gespannt, eine ungewöhnliche Konstruktion wie eine gewaltige römische Brücke. Darüber ein hölzerner Dachstuhl, die Sparren liegen frei, roh und unverkleidet und unbemalt. Im Chor eine goldene, strenge Renaissanceretabel, rechts und links von verspielten, überladenen Barockaltären gerahmt. Hinter einem Gitter eine schwarze, weinende Madonna. In einer Nische ruht ein schlafender gotischer Ritter mit Helm, diesmal ohne Hund, dafür mit einem Engel zu seinen Füßen. Er war wohl ein frommer Gottesmann.
Die leise Musik eines Ave Maria zittert durch die strenge Halle, so zart und sehnsuchtsvoll, daß mich ein heiliges Gefühl überfällt und mir die Tränen in die Augen fließen. Ich beginne zu weinen und bleibe lange sitzen auf der harten Bank. Ich schließe die Augen und dann fliege ich, fliege in den Himmel, um mich aufzulösen in dem unendlichen Universum, das nicht mehr das unsere ist. Die Flöten pfeifen und die Orgel schrillt und dann faßt mich eine Hand, um mich hinauf zu holen in die unendlichen Sphären, wo der Mensch endet und Gott beginnt.
Auf meinen Pilgerwegen paart sich Neugierde mit Gottessuche. Ich war immer ein Suchender, ein Suchender nach meinem Gott, nach meinem Heiligen, der mich zu ihm führen sollte. Mit vierzig war es Baghwan, mit sechzig Buddha, jetzt ist es Santiago, den ich gefunden habe am Ende meiner Wege. Er hat mich zu meinen Anfängen zurückgebracht, zu meinen Wurzeln, die ich versucht habe, herauszureißen als junger Mann der Achtundsechziger Generation, der frei sein wollte von allen bürgerlichen Zwängen der verhaßten Elterngeneration.
Auf meinen Jakobswegen erkannte ich, daß ich zurückging zu meinen Anfängen. In der Kathedrale von Santiago de Compostela fand ich mein Himmlisches Jerusalem. Als ich damals mit sechzig unter Tränen zum ersten Mal wieder mit all den anderen Pilgern zur Heiligen Kommunion ging unter den Orgelklängen der gewaltigen Kathedrale, da merkte ich, daß ich etwas verloren und nun wiedergefunden hatte: meinen Glauben. Einmal Katholik, immer Katholik. Seinen Glauben kann man nicht ablegen wie ein Hemd. Der ist tief eingeritzt in die Haut und soviel man auch daran reibt, er bleibt in einem drin.
Und dann trat ich an meinem 65. Geburtstag wieder in die Katholische Kirche ein. An dem Altar stand ich vor meiner Gemeinde, die ich nicht mehr kannte. Mit meinem Pilgerstock in der Hand und der Jakobsmuschel um den Hals gelobte ich meine Rückkehr und die Gemeinde nahm mich auf, den Pilger, der Gott wiedergefunden hatte auf seinen staubigen Wegen, seinen feuchten Wäldern, seinen dunklen Bergen. Mein Pfarrer hieß mich niederknien neben dem Altar, reichte mir den Meßwein in dem goldenen Pokal und ließ mich trinken. Und in diesem Moment wurde ich wieder eins mit der Heiligkeit des Himmels. „Alles ist Eins“, wie Rilke sagt in seinem Gedicht „Einmal, am Rande des Hains“:
„Einmal, am Rande des Hains,
stehen wir einsam beisammen
und sind festlich wie Flammen –
fühlen: Alles ist Eins.
Halten uns fest umfaßt;
Werden im lauschenden Lande
durch die weichen Gewande
wachsen wie Ast an Ast.
Wiegt ein erwachender Hauch
Die Dolden des Oleanders:
Sieh, wir sind nicht mehr anders,
und wir wiegen uns auch.
Und wir sind nicht mehr zag,
unser Weg wird kein Weh sein,
wird eine lange Allee sein
aus dem vergangenen Tag.
Jedesmal erfüllt mich wieder dieser Traum, wenn ich Musik höre, die mir heilig ist, wie dieses „Ave Maria“, sei es „Call of the Unknown“ von Hari Deuter oder das Officium von Jan Garbarek, die Franziskanischen Gesänge aus Korsika oder „Gorets Jauna“, die Lieder der Mönche von Belloc in baskischer Sprache. Die Musik führt mich wieder hoch in mein Himmlisches Jerusalem, wo ich dann von allem befreit bin, das mich belastet auf dieser erdrückenden Welt. Ich bin wirklich in Gottes Haus, geborgen und befreit und aufgenommen von ihm, der uns alle aufnimmt, wenn wir zu ihm kommen. Gestern noch die Hölle auf den verbrannten, glühenden Feldern, heute der himmlische Frieden in dieser kühlen, steinernen Halle.
In San Pedro y San Ildefonso, der Hauptkirche der Stadt, ebenfalls honiggelbe Romanik, bestaune ich ein gewaltiges, quergespanntes Netzgewölbe. Es ist immer wieder überraschend, außen sind diese Kirchen romanisch, schwer und gedrungen und massig mit schmalen Fensterschlitzen und Rundbogen über Rundbogen bis zum Dach.
Tritt man durch das gewaltige Portal, reißt die Kirche innen auf zu diesen leichten, verspielten, flirrenden Netzgewölben, Gurtbogen kreuzt sich mit Gurtbogen in verspielten geometrischen Mustern, eher ein verflochtenes, hölzernes Zweigwerk eines Waldes darstellend als schweres, steinernes Deckengewölbe. Hier trumpft die leichte, schwebende, germanische Gotik über die schwere, lastende Romanik. Das Zelt Gottes. Hinter Gittern blendet eine goldene Retabel mit mozarabischem Hufeisenbogen in einem gemalten Renaissanceportal, verschmelzende Jahrhunderte und Kulturen.
Es ist Messe am Pfingssonntag. Ich gehe zur Kommunion mit den anderen Gläubigen, deren Gast ich ja bin. Nachher reicht man sich gegenseitig die Hände: Dominus vobiscum – Der Herr sei mit euch. Ein schöner Brauch hier in Spanien, wo einen wildfremde Hände begrüßen. Die Gemeinde grüßt den Fremden, nimmt ihn auf für eine Messe nur, an ihrem Tisch teil zu haben, wo es den Leib Christi gibt in der Hostie.
Ich entdecke eine Madonna in weißem Kleid mit rotem Mantel, ihr Jesuskind sieht aus wie eine Prinzessin. „La Virgen del Amor Hermoso“ steht darunter – 1851 – Die Jungfrau der schönen Liebe. In einer Nische darüber gibt es einen Jesusknaben in rosa Kleidchen und einem etwas dümmlichen Gesicht. Eine Seitenkapelle mit Zentralkuppel aus der Renaissance, in einer Nische knien zu beiden Seiten der Marienretabel zwei betende, steinerne Ritter auf steinernen Kissen.
Der Höhepunkt auf dem Hügel am Ende der Stadt hoch über dem blauen Fluß ist die Kathedrale, die Alfons VII. 1135 errichten ließ. Sie liegt auf weitem Platz in der flirrenden Sonne, ein heiliger Bezirk, getrennt von der menschlichen Stadt durch schwarzes, eisernes Gitterwerk. Der mächtige quadratische Turm „El Salvador“ – Der Erlöser – der alles Gebaute im Westen überragt, wurde erst im 13. Jahrhundert angebaut. Von der Plaza schaue ich weit über den träge fließenden Fluß mit seinen grünen Pappelwäldchen auf dem weißen hitzeflirrenden, unendlichen Land. Da kam ich gestern her, quälte mich über die sturmumtosten Kreidefelsen durcht versengte, verdorrte Steppe, Afrika näher als Europa. Vorbei, vorbei. Gestern die Hölle, heute der Himmel.
Die Kathedrale ist wegen Bauarbeiten geschlossen, im Dommuseum sehe ich einen schönen Santiago mit Leidensmiene und traumhafte flämische Tapisserien mit Geschichten über Hannibal und den Krieg von Troja in atemberaubenden, leuchtenden Farben. Alles ist ohne Perspektive auf einem Bild zusammen aufgebaut, die Pferde weiß, die Reiter rot. Dazwischen ein wenig Landschaft. Ergreifend in seiner plakativen Wirkung, symbolhaft, zeichenhaft, ein naives Schlachtenmärchen, fern aller Realität. Erschöpft von all der Hitze und der großen Kultur flüchte ich wieder auf meinen Lieblingsplatz von gestern im Schatten der kühlen Platanen und den stillen, feinen Leuten. Es gibt doch noch ein ruhiges, vornehmes Spanien.
Und keine Marguerita taucht auf. Gegenüber liegt der vornehme Palazzo „Conde de Alba de Aliste“ voller Ritterrüstungen und schwarzbrauner Eichenholzschränke, vor dem ständig Luxusautos mit dunklen Gläsern und feinen Leuten vorfahren, trotz der Hitze in Anzug und Krawatte, eng taillierten Kostümen und weiten Hüten. Später taucht noch ein Rudel kanarienbunter Italiener auf ebenso kanarienbunten Motorrädern auf, fröhlich und lustig und durcheinanderlachend. Welch ein Unterschied zu diesen ernsten, verschlossenen, vornehmen Kastilianern. Selbst die Kinder sind schon vornehme Erwachsen, kleine Prinzessinen und kleine Granden.
Ich telefoniere mit meinen Pilgerfreunden in Delft und erfahre, daß sie erst am Mittwoch, dem 7. Juni kommen. Nun muß ich noch einen weiteren Tag hier in Zamorra bleiben, wenn ich sie treffen will. Macht nichts, morgen ist sowieso Pfingsmontag, da fahre ich einfach einen Tag mit dem Bus nach Toro, der Weinhauptstadt der Tierra del Vino, ein kleines Zamorra mit ebenso vielen Kirchen und Palästen, dessen Besuch mir sehr empfohlen wurde.
Ich lasse den Tag ruhig ausklingen, zu viel habe ich heute besichtigt und gesehen. Ich kehre wieder zur Plaza Mayor zurück, wo ich vor der Cafeteria neben meinem Hotel sitze und bei einem frischen Rozado Valdeoliva das lebhafte, sonntägliche Treiben beobachte. Ich genieße die schöne, ruhige Stimmung dieser feinen Stadt. Es ist auch merklich wärmer geworden, der eklige, kalte Wind der letzten Tage, der es fast unmöglich machte, nach Sonnenuntergang noch draußen zu sitzen, ist endlich eingeschlafen. Der 40. Mai ist wohl vorüber und man kann den Mantel ausziehen. Die Atmosphäre ist ein bißchen wie in Zafra, wo ich auch so gern abends mit den Einheimischen auf der Plaza saß. Hier sind keine Touristen, die immerzu lärmen und fotografieren müssen, und wenn, dann nur solche von der ruhigen, kultivierten Sorte, die nicht immer auffallen müssen.
Ich bestelle Gambas a la Plancha mit dieser fetten, gelben spanischen Mayonnaise, die ich so gerne esse. Danach kann man sich herrlich die fettigen, verschmierten Finger ablutschen, denn die Gambas ißt man selbstverständlich hier mit den Fingern. Der Wein ist köstlich, mein feiner, sensibler Freund Detlev würde ihn wieder einmal als korkig bezeichnen, ich simpler Pilgersmann, der schon anderes trinken mußte, finde ihn erfrischend erdig. Das Escalope ist schön trocken, man serviert es mit einer ganzen Schale grüner Limonen, die man darüber träufelt.
Nach dem schmackhaften Essen träume ich so ein wenig vor mich hin, ich bin ja unter all den fröhlichen, tafelnden Menschen wieder allein. Gegenüber ruht das kleine romanische Kirchlein San Juan Bautista, wo heute morgen so tiefergreifend das Ave Maria mich zum Weinen brachte. Jetzt steht es still und ruhig, von orangegelbem Licht gegen den tiefschwarzen Nachthimmel gehoben, erhaben über der modernen Plaza und träumt von den Zeiten, wo Ritter und Bischöfe ihr Tor durchschritten. Als ich genauer hinschaue, entdecke ich am Portal eine verdrehte Stütze, deren zwei Säulen sich korkenzieherartig umeinander winden. Ich bin überrascht, sah ich doch ähnliche Säulen in Estrella und Los Silos am Jakobsweg weit im Norden. Es ist also doch keine Laune eines Bildhauers, der sich einen Spaß machen wollte oder seinen Plan falsch gelesen hat. Dann ist es doch ein verbreitetes Architekturelement der Romanik. Oder es hat den wandernden Steinmetzen so gefallen, daß sie diesen Spaß übernahmen und in den Süden brachten. 800 Jahre steht diese Kirche jetzt und hat alle Zeiten überdauert. Die Mauren und die Ritterheere, die Franzosen und die Faschisten.