Ein trauriges Wiedersehen
Freitag, der 23. Juni, von Ourense
nach Santiago de Compostela
42. Reisetag
Ich habe den Kampf verloren. Diesmal war das Böse stärker, auch Santiago konnte mich nicht retten. Die Schmerzen haben mich besiegt. Ich sagte mir heute Morgen, als ich die Herberge verließ: „Wenn du den Weg über die Straße nach drüben auf die andere Seite zur Cafeteria ohne Schmerzen am Stock schaffst, dann kannst du auch die 15 Kilometer bis Cea laufen.“
Aber ich konnte es nicht. Es war ein Dornenlauf. Ich kam kaum über die Straße, bevor die Autos bei Grün wieder losfuhren. Aus und vorbei. Die Schmerzen haben mich besiegt. Ich werde also doch mit dem Bus nach Santiago fahren. Adiós, mein Kloster, es sollte nicht sein. Ich habe fast alles erreicht. Ich bin 800 Kilometer zu Fuß gelaufen bis kurz vor das Ziel. 100 Kilometer fehlen noch. 100 lächerliche Kilometer. Ich bin natürlich enttäuscht, ich wollte fröhlich und triumphierend in fünf Tagen in Santiago einwandern, wie letztes Jahr, wie 2000. Viene cantando l’alegría. Müde zwar, ausgepowert, aber doch stolz auf mich, stolz, mein Gelübde erfüllt zu haben, den Weg bezwungen zu haben, mein Ziel, das ferne, nun doch erreicht zu haben.
Nun bin ich enttäuscht. Enttäuscht, daß ich nicht das erreicht habe, was ich mir vorgenommen hatte, an diesem Tag vor zwei Monaten, in der Kathedrale von Sevilla, wo die Priester in ihrem roten Ornat mit ihren Morgengebeten mich entließen auf den langen Weg zu meinem Heiligen.
Nun habe ich meinen Teil des Vertrages nicht erfüllt, den ich schloß mit Jakob, zu pilgern an sein Grab, damit er meiner Tochter helfe, wie schon einmal im letzten Jahr. Diesmal war das Böse stärker und ließ mich nicht. Aber auch Santiago hat unseren Vertrag nicht gehalten, ich gelobte, daß ich zu seinem Grab komme, und er, daß er mich schütze auf meinem langen Weg zu ihm. Auch er hat den Kampf verloren, er kann nicht immer Matamoros sein. Er wird mich auch so in seine Arme nehmen. Ich habe es zumindest versucht.
Ich werde mir noch einige schöne Tage am Meer machen, in Fisterra oder Muxía. Oder ich fliege einfach zwei Tage früher zurück. Das muß ich jetzt erst einmal sich entwickeln lassen. Erst muß ich meine Enttäuschung überwinden und meine Schmerzen loswerden. Was lerne ich daraus? Ich muß mein Gepäck radikal reduzieren. So wie Marguerita mit ihrem kleinen Rucksäckchen. Ich habe immer zuviel Zeug dabei. 13 Kilo sind einfach zuviel mit meinen 65 Jahren und für 1000 Kilometer. Ich muß wirklich nur das Mindeste dabeihaben. Keinen Schlafsack, keine Isomatte, kein Nachtzeug, nur zwei Hosen, nicht soviel Kleinkram. Keine 30 Filme, 30 Zigarren, eine Flasche Rotwein. Und auch 1000 Kilometer an einem Stück werde ich wohl nicht mehr machen können. Da mache ich einfach 500 Kilometer und im nächsten Jahr die restlichen 500. So müßte es gehen. Dann werde ich wieder mit Freuden wandern können. Also werde ich im nächsten Jahr die Via Tolosana nicht in einem Rutsch von Arles bis Puente la Reina machen, sondern erst den französischen Teil bis Pau und dann im übernächsten Jahr die zweite Etappe über die Pyrenäen durch Aragón und Navarra. Aufgeben werde ich nicht, nur klüger werden und reduzieren.
Ich verkrieche mich in dem Bus, fast schäme ich mich, so durch das grüne Land zu fahren, das ich so gern noch durchwandert hätte, die duftenden Eukalyptuswälder, die verträumten Dörfchen, die stillen Herbergen. An den getönten Scheiben läuft ein Film vorbei, er dringt nicht in mich ein, ab und an sehe ich einige gelbe Pfeile an den Hausecken, das ist jetzt nicht mehr mein Weg. Über die Schnellstraße fahre ich in die große Stadt ein. Nun bin ich zum dritten Mal in Santiago. Diesmal komme ich als Geschlagener, als Schmerzensmann. Zwei Mal kam ich als Triumphierender.
Aus der südlichen Welt der Sonne, der Wärme, der Heiterkeit, wo ich heute morgen noch war, in die kühle, wolkenverhangene, graue Welt des Nordens. Zwei Stunden nur und nun kann ich nicht mehr zurück. Jetzt liegt alles hinter mir und ich bin leer und ausgebrannt. Meine geliebte Plaza Quintana, wo im letzten Jahr die fröhlichen Schülergruppen um ihre Rucksäcke saßen, die Stöcke und Wimpel im Kreis, wo der Gaitaspieler traurig spielte und die Flöte lustig klang, ist leer und verlassen, nur grölende Proleten mit ihren Hunden lungern auf der Treppe neben der Heiligen Pforte herum. Das Gewürm kriecht überall aus seinen Löchern, auch am heiligsten Ort des Weges. Pilgertouristen lesen die Bildzeitung und unterhalten sich auf Kölsch über „die Sauberkeit des Weges und die Qualität in den Gaststätten und Cafés“ (Originalton). All der Zauber der vergangenen Jahre ist verflogen, die Schönheit ist weg. Meine erste deutsche Zeitung nach acht Wochen lese ich kaum, es ist alles so weit weg von mir. Ich bin in meinen Wäldern versackt, in den Bächen ertrunken, den Steppen ausgetrocknet. Heute Morgen habe ich noch einmal daran gedacht, die drei verlorenen Etappen nachzuholen, falls es mir wieder besser gehen sollte. Ich habe gemerkt, jetzt ist die Tür zugeschlagen, zurück kann ich nicht mehr. Ich kann mich jetzt nur noch ausruhen und vorwärts blicken. Und das kann nur das Meer sein. Zwei Tage kann ich es hier aushalten, mehr nicht. Irgendetwas hat sich verändert in dieser Stadt.
Es ist kühl, windig und ungemütlich. Ich kann vor Schmerzen kaum laufen. Die Erinnerungen an den schönen warmen Juli im letzten Jahr. Und die fröhlichen, heiteren spanischen Pilger, die zu Tausenden in die Stadt strömten, jubelnd und lachend und voller Freude. Jetzt sitze ich erst einmal in meinem Lieblingslokal Casa Camila an dem Traverso de Franco. Außer mir ist noch niemand da. Es ist wohl noch zu früh. Wahrscheinlich muß ich zum Essen sowieso reingehen. Es ist heute Abend zu kühl, um draußen zu sitzen. Welch ein Gegensatz: Gestern noch zwischen lustigen, lauten Spaniern im sommerlichen Park, heute nur noch Touristen in einer kühlen, grauen Stadt. Da, wo letztes Jahr immer der Geiger die „Quatri staggioni“ gespielt hat, unter den Arkaden, schieben sich jetzt die Pilgertouristen entlang.
Ich muß jetzt weg. Ich halte das so nicht aus. Die traurigen Erinnerungen: „We’re yesterday’s people with yesterday’s dreams.“ Ich suche mir ein feines Restaurant aus, wo aber im Comedor hoch oben noch niemand ist außer mir und einer einsamen Dame am Nachbartisch. Ich esse schlecht: eine miese trockene Vieira – Jakobsmuschel – der Fisch, Merlusa al Gallego, ist gut, aber so, wie ich ihn nicht mag, gekocht, mit Salzkartoffeln, in einer roten, öligen Soße.
Danach ein klebriger, geschmolzener Käse mit rotem Gelee. Ich komme mit meiner Nachbarin ins Gespräch, erst über zwei Tische, dann lädt sie mich zu sich an ihren Tisch. Patricia aus Bordeaux, angekommen vom Jakobsweg, auch kaputte Füße. Wir trösten uns, heitern uns auf, sie ist süß, lieb, eine Französin. Ich bin so müde, daß ich unsere Sprachen nicht mehr auseinander halten kann. Sie will Montag nach Fisterra fahren, ich auch. So werden wir uns vielleicht wiedersehen. Ob ich möchte? Ja, ich möchte! Der Heimweg ist grauenvoll unter Schmerzen.