Über die Römerbrücke
Montag, der 15. Mai, von Torremagía
nach Mérida, 15,6 Kilometer, gesamt 211,7 Kilometer
10. Wandertag
Auch heute Morgen ist die Hose nicht zu finden. Werde mir wohl in Mérida eine neue kaufen müssen. Wuffs Hose ist wieder aufgetaucht. Sie lag drinnen in der Halle. Ich laufe erst einmal in meiner anderen Hose, von der ich die unteren Hosenbeine mit einem Reißverschluß ablösen kann. Erst geht es wieder einige Kilometer auf der Carretera, dann durch hübsche Hügellandschaft mit gelb verbrannten Feldern im Tal des Guadiana auf Mérida zu, das weiß und verheißungsvoll am anderen Flußufer liegt. Auf der Piste holen mich Wuff, Anja und Martin ein und erzählen mir fröhlich, daß Rolonso meine Hose in der Nacht beim Einsammeln mit seinem Hemd verwechselt hat. Also ist sie wieder da. Rolonso überreicht sie mir freudestrahlend auf offener Straße. Ich hätte ihn umarmen können. Auf so einem Pilgerweg bekommen belanglose Kleinigkeiten eine große Bedeutung. Nicht mehr die großen Ereignisse bedrücken einen, es sind die kleinen Nebensächlichkeiten, die auf einmal so wichtig werden. Glücklich danke ich Santiago, der alles wieder bestens organisiert hat.
Ich betrete Mérida auf der 792 Meter langen Römerbrücke, die sich mit 60 Bögen über den breiten Fluß spannt. Schon wieder römische Vergangenheit. Erbaut wurde sie 25 v. Chr. Mérida war die Hauptstadt der römischen Provinz Lusitania, gegründet von Kaiser Augustus als Veteranenkolonie Emerita Augusta. Es ist schon erhebend, über 2000 Jahre alte Pflastersteine und Bögen zu gehen, über die einst die Kohorten des Augustus, dann die arabischen Krieger und später die christlichen Heere der Spanier marschierten. Hinter der Brücke türmen sich sieben Meter hohe Mauern aus festgefügten, gewaltigen, gelbbraunen Quadern auf, die ich erst für eine mittelalterliche Festung halte. Später erfahre ich, daß dies der arabische Alcázar Abd-Al-Rahmans II. ist. Nie zuvor dachte ich, daß auch die Araber solche gewaltigen Mauern bauen konnten. Ich werde sie später besichtigen, jetzt erst mal gehe ich zur Plaza España, dem Hauptplatz im Zentrum, wo ich – na, wen wohl – wieder meine vier Freunde treffe, die mich sogleich mit Hallo begrüßen.
Wir essen erst mal zu Mittag, dann suchen Wuff und ich die Pilgerherberge, die wir nach einigem Fragen in einer alten Mühle romantisch am Fluß finden. Unter ihren Gewölben fließt ein Seitenarm des Guadiana durch, der früher wohl ein Mühlrad antrieb. Wuff hat den Tipp von einem anderen Pilger erhalten, sonst wären wir nämlich die 2,6 Kilometer aus der Stadt zu der Herberge gelaufen, die mein Führer angibt. Ich belege fünf Betten, aber dann schlafen nur er und Rolonso hier, Anja und Martin haben ein Hotel genommen.
Am Nachmittag gehe ich dann zur Alcazaba und bin beeindruckt von diesem Über- und Nebeneinander von römischer, maurischer und christlicher Architektur.
Hier treffen die drei Kulturen des Abendlandes aufeinander, in Zeitschichten übereinander liegend und doch sich durchdringend und beeinflussend. Ich finde eine römische gewölbte Straße aus den mächtigen Quadersteinen, die ich schon in Itálica sah, daneben die Grundmauern der römischen Villen, geborstene Säulentrommeln, Kapitelle im Sand liegend. Ich besichtige die Aljibe, ein merkwürdiges Bauwerk, in dem zwei steile Treppen nach unten unter das Niveau des Flusses führen, dessen dunkle Wasser in einem bemoosten Becken dümpeln, früher gedacht als natürliches Wasserreservoir während einer Belagerung.
Über all den Trümmern steht triumphierend das Conventual Santiaguista – das Santiagokloster – das 1229 nach der Reconquista, der Vertreibung der Mauren aus den Mauern der Stadt, vom Orden des Santiago als Zeichen des christlichen Sieges über die Ungläubigen errichtet wurde.
Überall in dieser Stadt, an jeder Ecke durchdringen und überlagern sich die drei großen Kulturen Spaniens, die römische, die arabische und die christliche. Und darüber, alles überbauend, lagert die moderne Stadt des 20. Jahrhunderts. Ähnliches sah ich nie auf meinen Reisen, vielleicht in Rom, wobei dort die arabische Komponente fehlt.