San Diego
Mittwoch, der 10. Mai, von Monesterio
nach Fuente de Cantos, 21,7 Kilometer
Gesamt 128,9 Kilometer
6. Wandertag
Heute ist der erste schöne Wandertag nur in der Natur. Keine Landstraße, keine Nationalstraße, keine Autobahn. Im kühlen Morgen durch die grünen Wiesen mit den mächtigen Steineichen. Schweine, Kühe und Schafe weiden unter den Bäumen in paradiesischer Unschuld. Die Landschaft ändert sich. Der Weg führt nun wieder bergab in das Becken des Guadiana. Ab dem Mittag weite, endlose Hügel bis zum Horizont mit Wiesen und Kornfeldern. Das Gras wird gelber, die Bäume verschwinden. Die Extremadura beginnt. Extremadura bedeutet: Die extreme Härte, der wohl ausgedörrteste, gnadenloseste Teil Spaniens. Die Sonne knallt mit 35 Grad vom tiefblauen, wolkenlosen Himmel. Der Weg windet sich gelb und staubig durch die Hügel. Die Felder haben die unterschiedlichsten Farben: von lindgrün über saftgrün zu maisgelb, hellgelb und sienabraun, eine Komposition mit fast impressionistischen Pinselstrichen. Auf einigen sprießt zartgrün die frische Saat aus der rostroten Scholle, andere stehen schon weißgelb in voller Frucht, wieder andere liegen trocken und ungepflügt rotbraun in den Mulden. Ein Flickenteppich in den verschiedensten Nuancen wellt sich über die rollenden Hügel, in den Tälern stehen noch die dunklen Tupfer der letzten Bäume. Wuff mit seinem roten Tuch auf dem Kopf überholt mich, wir laufen einige 100 Meter zusammen. Er geht schneller, läßt mich mit seinen strammen Offiziersschritten zurück, wir werden uns ja heute Abend wiedersehen. Die anderen sind schon voraus.
Mir ist so richtig gut ums Herz. Ich spüre keine Schmerzen, keine Sorgen heute, habe meinen Rhythmus gefunden, habe diesen heißen Weg angenommen, nicht mehr Sehnsucht nach dem Camino del Norte, Via de la Plata heißt mein Weg, den will ich gehen. Unter einem alten Olivenbaum mache ich meine Mittagsrast. Der Bach führt kaum noch Wasser, das Schilf steht hoch und grün. Ich tauche, sinke tief in die Ähren unter dem alten Baum mit seinem jahrhunderte alten Stamm. Der Himmel blaut über mir, die Federwolken ziehen lautlos von West nach Ost. Der Wind zittert in den Pappeln, Grillen zirpen in den Gräsern, Käfer krabbeln neben mir in den Stängeln. Fliegen summen, Vögeln zwitschern und klagen irgendwo in den Blättern. Alles bewegt sich, zirpt und rauscht. Die Natur singt ihr endloses, ewiges Lied. Pilger gehen auf dem nahen Weg vorbei. Sie sehen mich nicht, die Natur umhüllt mich in ihrem Frieden. Der Rotwein macht mich leicht, das Mahl war köstlich, die Reste liegen im Gras verstreut. Ich lasse die Spur des zerdrückten Grases zurück. Morgen bin ich nicht mehr hier gewesen.
Dies ist das erste Picknick in der Stille der Natur. Bisher war ich immer von Schnellstraßen und deren infernalischem Lärm umgeben. Ich richte mir immer eine kleine „Bar“ ein. Meine beiden Wanderschuhe stehen neben mir, in die ich rechts den Wein und links das Wasser stelle. So kann mir nichts umfallen oder wegrutschen.
Die anderen, die schnellen, hetzen vorbei, schauen nicht rechts, schauen nicht links, so gehen sie achtlos an den Schönheiten des Weges vorüber, in die ich versinke. Mir ist dies ein heiliger Weg – Jakobs Weg – so wie es all die anderen waren in den vergangenen Jahren, in den französischen Cevennen, den Pyrenäen, der weglosen Meseta Kastiliens und den feuchten Wäldern Galiciens, den schwülen Urwäldern Kantabriens und den rauschenden Stränden Asturiens. Ich tauche ein in diese Wege und ich versinke in ihnen – pilgern auf dem Himmelspfad. Pilgern bedeutet innere Immigration, der Weg wird immer rückwärtsgewandter.
Heute Abend übernachte ich im ehrwürdigen Convento San Diego in Fuente de Cantos. Es wurde sehr geschmackvoll in eine moderne Herberge umgewandelt. Man ißt in dem alten Refektorium unter weiß gekalkten Gewölben, an langen Holztischen. Am Kopfende eine Bar, deren Abdeckung eine alte Granitplatte aus einer Küche ist. Dahinter führt eine weiße Treppe ohne Geländer nach oben. Der ganze Saal ist liebevoll mit religiösen Versatzstücken dekoriert, vom Taufbecken aus rosa Marmor über die schmiedeeisernen Leuchter mit armdicken Altarkerzen bis zum Kardinalsstuhl in rotem Samt. Auch ein Betstuhl ist zu sehen, dessen Sitz man hochklappen kann, um davor auf einem kleinen mit Samt belegten Bänkchen zu knien und zu beten.
Wir schlafen in zwei Dormitorien über dem Refektorium, wo die Stockbetten längs der Wand stehen, wie wohl früher die Betten der Mönche. Vor die alten Klostermauern hat man einen verglasten zweigeschossigen Gang mit Holzfußboden auf einem Stahlgerüst gestellt, die Glasscheiben gegen die Sonne mit Holzlamellen geschützt. Die spanische Moderne der Einfachheit. Welch ein Gegensatz: gestern noch die lärmende Primitivität unserer modernen Welt, heute der romantische Frieden der klösterlichen Geborgenheit.
Um acht Uhr essen wir alle gemeinsam an dem langen Tisch in der kühlen, weißen Halle. Dicke Kerzen flackern auf schwarzen Kandelabern. Wir sind heute eine Gruppe von Neun: die vier Deutschen Anja, Martin, Wuff und Rolonso, Hans und Marie, Max, der Italiener, eine Französin aus den Cevennen bei Le Puy und zwei Spanierinnen – eine ist aus Teneriffa, die im Sommer auf Ibiza arbeitet. Max redet wieder mit Händen und Füßen auf Italienisch auf die Spanierinnen ein, die reden in Spanisch, verstehen aber Maxens Italienisch und amüsieren sich köstlich über seine Späße, sie verstehen sich ohne Probleme. Nur die einfachen Deutschen verstehen wie immer kein Wort Spanisch oder Französisch. Da muß ich mal wieder aushelfen.
Max ist heute Morgen um sieben Uhr von der Guardia Civil auf Motorrädern aus seinem Zelt geholt worden, das er wie gewöhnlich am Wegesrand aufgestellt hat, seine Papiere wurden per Funk mit der Zentrale kontrolliert. Wenn er auch mit seinem Rauschebart höchstverdächtig wie ein Terrorist aussieht, so ist er doch ein herzensguter, einfacher Mensch voller Gefühle und italienischer Lebendigkeit. Heute gibt es ein feines Essen: frischer Ziegenkäse mit Quittengelee, eine Lauchsuppe mit gelben Karotten, Fleischbällchen mit Salat aus roten Möhren, Rotkohl und Weißkohl, eine Stange Spargel und eine Kugel Reis. Zum Dessert Flam mit Zimt in einer braunen Steingutschale. Dazu perlt leise andalusische Zigeunermusik durch den Raum. Das Mysterium des Weges beginnt.
Mit einem großen Glas Carlos Tercero und einem Café setzen wir uns um neun Uhr auf die noch warme Terrasse. Die Sonne geht glutrot hinter den grünen Hügeln unter. Die Mauersegler lärmen über unseren Köpfen. Wir reden wieder in vier Sprachen. Rolonso mit seinem langen, gewellten Haar ist so ein Linksintellektueller, der ständig mit einem gefüllten Brandyglas herumläuft, kaputte Füße hat und alles negativ kritisiert.
Die bekannten Sozisprüche: Alle Menschen sind gleich und frei und es darf keine Armut geben und die Reichen sollen alles hergeben und wir alle armen und verfolgten Menschen der Welt bei uns in Deutschland aufnehmen. Die Menschenrechte, die Würde des Menschen usw. Aber er ist nicht unangenehm. Er ist so ein Zyniker, der ständig neben sich steht. Einer, der ohne Ziel durchs Leben geht, ohne Beruf, ohne Arbeit, der ewige Student.
Es wird spät an diesem Abend, langsam verabschieden wir uns, morgen gehen alle weiter. Nur die vier Deutschen und ich bleiben, wir wollen einen Ruhetag einlegen an diesem schönen, sympatischen Ort. Ob wir die anderen wiedersehen werden?