Die Stadt der Konquistadoren

Samstag, der 20.Mai, von Valdesalor

nach Cáceres, 11,8 Kilometer,

gesamt 287,2 Kilometer

14. Wandertag

Die Nacht war grauenvoll. Auf der 5 Millimeter dicken Isomatte habe ich kaum geschlafen. Ständig habe ich mich von einer Seite auf die andere gewälzt und doch jeden Knochen gespürt. Alles tut mir heute Morgen entsprechend weh. Das Hühnerauge ist endlich raus, dafür schmerzt mir wieder die rechte Sehne, die verstauchte. Morgens, wenn es noch kalt ist und die Sehnen steif, spüre ich es am meisten. Ich humpele dann richtig, auf meinen Stock gestützt. Ab zehn Uhr, wenn ich warm geworden bin, geht es dann besser. Heute muß ich wieder mit meiner Binde laufen, gestern war ein langer Weg, dafür sind es heute nur kurze 11,8 Kilometer, knappe drei Stunden.

Bis Cáceres ist es eine langweilige und öde Gegend. Auf einem flachen Plateau in der Wildnis muß ich den Flughafen des Aeroclubs von Cáceres überqueren. Weiß gestrichene Blechschuppen schmoren in der Sonne, die Landebahn, die der Jakobsweg rechtwinklig kreuzt ist eine rotbraune Kiespiste, benutzt wird der Flughafen heute nicht. Irgendwelche Sicherheitsvorkehrungen, bis auf ein verbeultes halb verrostetes Warnungsschild, gibt es auch nicht. Zwischen dem Flughafen und der Stadt endlos durch Industrie, Schutt und Vorstädte. Das weiße Cáceres, das ich heute Morgen schon am Vormittag sah, will nicht näher kommen.

Dann endlich die Plaza Mayor mit den vornehmen, weißen Häusern auf beiden Seiten. In einer Arkade kommen mir unerwartet Hans und Annique entgegen. Welch eine Freude! Sie waren mir einen Tag voraus und haben gestern einen Tag Pause gemacht. Ich kann es immer wieder kaum fassen, wie Santiago uns Pilger wieder zusammen führt, als wisse er genau, wen er wann und wo zusammen bringen will.

Nur eine Minute später und wir hätten uns nicht getroffen. Doch er will, daß wir uns treffen, und so führt es uns genau in dieser Sekunde an diesem Ort zusammen. Es tut gut zu wissen, daß man in guten Händen ist. Es macht einen sicher und nimmt einem die Furcht allein in fremdem Land. Als Jakobs Bruder ist man nie allein, immer wieder bringt er seine Kinder zusammen.

Sie zeigen mir gleich eine einfache Pension gegenüber, wo ich für 15 Euro wohne. Die beiden Herbergen sind noch geschlossen. Wir sitzen eine Stunde bei einem Salat zusammen und freuen uns, daß wir uns wiedergefunden haben. Sie laden mich zu sich ein, im nächsten Jahr in Montpellier, wenn ich auf der Via Tolosana vorbeikomme. Sie gehen leider heute noch weiter nach Casar de Cáceres. Ob wir uns auf diesem Weg noch einmal wiedersehen werden, wissen wir nicht. Es sollte aber dennoch am Ende meiner Reise in Santiago de Compostela geschehen, daß sie genau so unvermittelt auf der Plaza vor meinem Restaurante auftauchten, als habe sie Santiago wieder geschickt. Zufall?

Ich schlafe zwei Stunden in meinem kühlen Zimmer, dann erkunde ich die Altstadt. Als die damals noch islamische Stadt 1170 vorübergehend in christliche Hände fiel, wurde hier der Orden der Jakobusritter gegründet, der sich den Schutz der Pilgerwege und die Reconquista, die Eroberung des maurischen Spaniens durch die Christen zum Ziel setzte. Daß dieser Orden an der Via de la Plata und nicht am Camino Francés in Nordspanien entstand, zeigt, daß seine Bedeutung eher politisch-militärische als religiöse Ursachen hatte. Nachdem die Mauren die Stadt zunächst wieder zurückeroberten, wurde sie 1220 endgültig dem christlichen Königreich León einverleibt.

Die Altstadt liegt oberhalb der Plaza Mayor mit ihren weißen Häusern, umgürtet mit einer meterdicken Mauer maurischen Ursprungs aus braunem Stein. Über eine gewaltige Freitreppe betrete ich durch die Puerta de la Estrella – das Sternentor – die engen, schattigen Gassen. Die Altstadt ist gänzlich in gotischem und Renaissancestil aus dem 15. und 16. Jahrhundert errichtet und von einzigartiger Homogenität. Nichts mehr wurde seitdem geändert, ergänzt oder umgebaut, sie ist wie eingefroren in jene Zeit. Alles ist aus diesem gelbbraunen Sandstein, die Mauern, die Straßen, die Kirchen, die Paläste, nichts ist weiß oder andersfarbig, eigentlich sind es nur dicke Mauern, in die größere Öffnungen für Tore und kleine Öffnungen für Fenster geschnitten sind. Die ganze Stadt ist wie eine Burg im Wechsel von engen, dunklen Gassen und weiten, sonnenüberfluteten Plätzen, ein Museum des Mittelalters. Die Neuzeit findet außerhalb der Mauern statt.

Cáceres ist das Zentrum der Extremadura, des härtesten Teils Spaniens. Von hier stammen die Konquistadoren Cortéz und Pizarro, die mit unvorstellbarer Härte und einer Handvoll Männern und Pferden einen Kontinent für Spanien eroberten. Hier, hinter diesen verschlossenen, fensterlosen Mauern lebten ihre Familien, noch heute gibt es unweit von Cáceres ein Dorf, das Pizarro heißt. Diese harten Adelssöhne waren nach der erfolgreichen Reconquista „arbeitslos“, und da sie nur das Kriegshandwerk gelernt hatten, waren sie hocherfreut, ein neues Betätigungsfeld in Südamerika gefunden zu haben.

Ich erlebe zwei Hochzeiten. Die erste in der Iglesia San Mateo. Braut und Bräutigam posieren für die Fotos vor dem holzgeschnitzten Altarretabel, der Chor ist ein Blütenmeer von weißduftenden Lilien und Iris. Vater und Mutter sind einen Kopf kleiner als das Hochzeitspaar, die Brautjungfern sind in Scharlachrot gekleidet. Nach der Trauung sitzt man in der Seitenstraße neben der Kirche an gedeckten Tischen. Es ist eine Gesellschaft von mindestens 100 Leuten, einfache Menschen, aber alle fein und anständig gekleidet, eine große Familie.

In der Concatredal de Santa María die zweite Hochzeit. Die Frauen tragen schwarze Schleier, weiße Fächer und stolze, schöne Gesichter. Die Madonna ist ebenfalls ganz in schwarz, mit weißer Haube und goldenen Stickereien. Drei silberne Kronleuchter hängen von dem gotischen Netzgewölbe. Durch das Kirchenschiff flutet strahlende Orgelmusik. In einer Nische entdecke ich Santiago als hölzerne Statue, golden bemalt. Ich bin auf seinem Weg.

Ich lasse mich treiben durch die Gassen und Plätze der mittelalterlichen Stadt. Umgeben von seinen gewaltigen Festungsmauern hat sie ihre Faszination aus Gotik und Renaissance bewahrt. Hier hat sich die glorreiche Geschichte einer Weltmacht unverändert von den Veränderungen der Zeiten erhalten. Kirchen und Paläste stehen wie scharf geschnittene Steinblöcke aus honigfarbenem Stein im weißgrellen Licht der sengenden Sonne, fensterlos, abweisend. Gewaltige, schwarzbraune Holztore unter gotischen Spitzbögen oder Renaissancearchitraven mit römischen Säulen verschließen die Eingänge, darüber wachen die verwitterten Wappen der Adelsgeschlechter.

Die Gassen sind hoch, dunkel und kühl geschnitten zwischen den fensterlosen Mauern, ein Spalt nur zwischen dunklen Schatten öffnet sich auf weite, sonnenüberflutete Plätze vor den gewaltigen Kirchen. Ein stilles Museum, nicht Läden, Boutiquen, Bars und Restaurants wie in Sevilla, keine weißgedeckten Tische unter schattigen Sonnenschirmen, hier wohnt niemand, hier ißt niemand, hier lebt niemand mehr, Stunden nur öffnet sich ein Palazzo, Einblick und Zugang gewährend in die hohen, strengen Räume der Edlen einer vergangenen Zeit, ihre Gemälde, hölzernen Möbel, Teppiche auf weißen Wänden.

Hinter den Mauern sind die Jahrhunderte eingeschlossen, bewahrt für einen kurzen Einblick in eine längst verloschene und gestorbene Zeit. Cáceres – im Italienischen heißen Carceri die Kerker – der kühle Moder läßt mich schaudern. Menschen gibt es wenige, einige Reisegruppen mit Führern, keine Pilger.

Ich schließe die Augen, denke mir die Touristen weg, und höre Männer mit harten Gesichtern in stahlglänzenden Rüstungen auf schweren, braunen Pferden durch die hallenden Gassen kommen. Tore öffnen sich in den verschlossenen Mauern und fallen laut hallend hinter den Einreitenden zu, sie für immer verschließend in den stillen, ungesehenen Höfen. Die große, alte, spanische Geschichte, Extremadura, das Lied der Conqistadores, die auszogen aus den verschlossenen, schweigenden Palästen, für Spanien ein Weltreich zu erobern. Dahin, dahin ist die große, ruhmreiche Geschichte, vanitatem vanitas, nur noch neugierige Touristen durchstreifen die menschenleeren Straßen. Nur die Namen sind geblieben vom dem, was einst große Welt war: Trujillo, Badajoz, Ciudad Rodrigo.

Mittags esse ich schlecht: Trutta a la Extremadura – eine trockene, geschmorte Forelle in einer ungenießbaren, braunen Soße – mit matschigen Pommes Frites, aber mit einer ganzen Flasche Rotwein. Danach den unvermeidlichen Flan, dieses gelbe, glitschige Kunstprodukt, das die Spanier so lieben.

Auf der Plaza beim Abendessen bin ich jetzt ganz allein. Beim Carlos Tercero und meiner Zigarre bin ich ganz entspannt, ich muß morgen nicht mehr weiter. Auf jedem Turm sitzen Störche in riesigen, wagenradgroßen Nestern, und darüber toben die Mauersegler im türkisorangenen Abendhimmel. Ich beobachte Menschen: Vater, Mutter und Sohn, ganz in weiß am Nachbartisch.

Der Sohn hat eine schwarze Krawatte umgebunden, der Vater einen Riß im weißen Hemd über der Hose, sie hat blonde Haare, das goldene Kreuz steckt zwischen ihren Brüsten. Eine nicht mehr ganz junge Frau, ganz in enges glitzerndes Silber gekleidet, alles quillt, der BH aus dem Oberteil, der Slip aus der Hose, ihre Fülle ist mit einer Schnur um die Taille zusammen gehalten. Sie sind alle etwas fett, diese Spanierinnen und tragen doch die Mode der Dünnen. Das Diktat der Mode.

Die jungen Mädels ziehen eine Schau für Unterwäsche ab, die überall hervorschaut, wobei nichts zueinander paßt. Da wird lila unter gelb getragen, türkis unter rot, schwarz unter weiß. Hauptsache grell und auffällig. Die Jungen tragen Hemden und Hosen, die alle einige Nummern zu groß sind. Sie wirken wie lustige, verschlafene Tölpel, die Mädels wie verunglückte Models.

Auf der Silberstrasse 800 Kilometer zu Fuss durch die endlosen Weiten Spaniens
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